Vierter Aufzug.

[80] Alter Garten neben dem Prosorowschen Hause. Eine lange Tannenallee, an deren Ende der Fluß sichtbar ist. Jenseits des Flusses Wald. Rechts die Terrasse des Hauses. Zwölf Uhr mittags. Von der Straße nach dem Flusse gehen ab und zu Passanten durch den Garten. – Tschebutykin, in gemütlicher Stimmung, die ihn den ganzen Akt hindurch nicht verläßt; sitzt mit Mütze und Stock in einem Sessel im Garten, als ob er wartete, bis man ihn ruft. Irina, Kulygin, ohne Schnurrbart, mit einem Orden um den Hals und Tusenbach stehen auf der Terrasse und geben Fedotik und Rode das Geleit; diese, in Felduniform, gehen langsam die Terrasse hinunter. Später im Hintergrunde Mascha.


TUSENBACH küßt Fedotik. Sie sind ein trefflicher Mensch, wir haben uns so gut vertragen. Küßt auch Rode. Noch einmal ... Leben Sie wohl, mein Teurer ...

IRINA. Auf Wiedersehen.

FEDOTIK. Nicht auf Wiedersehen, sondern: Lebewohl für immer! Wir werden uns nie mehr sehen.

KULYGIN. Wer weiß! Wischt sich die Augen und lächelt. Auch ich fang' an zu weinen.

IRINA. Irgendeinmal werden wir uns schon begegnen.

FEDOTIK. In zehn, fünfzehn Jahren vielleicht. Aber dann werden wir einander kaum wiedererkennen, uns höchstens kalt grüßen ... Photographiert sie. Bleiben Sie stehen ... zum allerletzten mal!

RODE umarmt Tusenbach. Wir werden uns nie wiedersehen ... Küßt Irinas Hand. Meinen Dank für alles, für alles![81]

FEDOTIK ärgerlich. So wart' doch!

TUSENBACH. Vielleicht führt uns Gott doch wieder zusammen. Schreiben Sie an uns – schreiben Sie ganz bestimmt!

RODE läßt seinen Blick über den Garten schweifen. Lebt wohl, ihr Bäume! Schreit. Hopp hopp! Pause. Leb' auch du wohl, liebes Echo!

KULYGIN. Vielleicht verheiraten Sie sich dort in Polen ... mit einer Polin! Ihre Gattin wird Sie zärtlich umarmen und Sie »Kochany« nennen. Er lacht.

FEDOTIK sieht auf die Uhr. Wir haben kaum noch eine Stunde Zeit. Von unsrer Batterie fährt nur Ssoljony auf der Barke mit, wir andern marschieren mit dem Gros. Heute rücken drei Batterien aus, die halbe Division, und morgen wieder drei – dann wird es hier still und einsam werden.

TUSENBACH. Und schrecklich langweilig.

RODE. Wo ist denn Maria Ssergejewna?

KULYGIN. Mascha ist im Garten.

FEDOTIK. Ich möchte mich von ihr verabschieden.

RODE. Lebt wohl, wir müssen gehen, sonst fang' ich noch an zu plärren. Umarmt rasch Tusenbach und Kulygin, küßt Irina die Hand. Ein famoses Leben haben wir hier geführt ...

FEDOTIK zu Kulygin. Hier ein kleines Andenken für Sie: ein Notizbuch mit Bleistift ... Wir gehen hier hinunter, nach dem Flusse zu ... Sie entfernen sich und sehen sich dabei um.

RODE schreit. Hopp hopp!

KULYGIN schreit. Lebt wohl! Im Hintergrunde treffen Fedotik und Rode mit Mascha zusammen und verabschieden sich von ihr; sie geht hinter ihnen her.[82]

IRINA. Nun sind sie fort ... Setzt sich auf die unterste Stufe der Terrasse.

TSCHEBUTYKIN. Und von mir haben sie keinen Abschied genommen!

IRINA. Warum haben Sie sich nicht gemeldet?

TSCHEBUTYKIN. Hab's ganz vergessen. Übrigens seh' ich sie ja bald wieder, morgen marschier' ich ab. Ja ... Noch ein Tag bleibt mir. Übers Jahr bekomm' ich den Abschied, dann zieh' ich wieder hierher und bringe den Rest meiner Tage hier bei Ihnen zu ... Nur ein Jahr fehlt mir noch, dann werde ich pensioniert ... Steckt die Zeitung in die Tasche und zieht eine andere heraus. Und wenn ich dann hier bei Ihnen bin, ändere ich meine Lebensweise radikal ... So still, so fromm, so ehrbar will ich werden ...

IRINA. 's wär' auch Zeit, liebes Doktorchen, daß Sie Ihre Lebensweise ändern!

TSCHEBUTYKIN. Ja. Ich fühl' es selbst. Singt leise vor sich hin. Tarara-bumbia ... sei nur kein Lump ja ...

KULYGIN. Unser Doktor ist unverbesserlich, unverbesserlich.

TSCHEBUTYKIN. Ich müßte noch mal zu Ihnen in die Schule gehen. Vielleicht bessere ich mich dann.

IRINA. Fjodor hat sich den Bart abnehmen lassen. Ich kann ihn nicht ansehen.

KULYGIN. Warum denn?

TSCHEBUTYKIN. Ich könnte Ihnen schon sagen, womit Ihre Physiognomie jetzt Ähnlichkeit hat, aber ich wage es nicht.

KULYGIN. Es ist mal bei uns so Usus. Der Direktor trägt keinen Schnurrbart – also hab' auch ich meinen Schnurrbart wegrasieren lassen, als ich Inspektor[83] wurde. Alle Welt findet es abscheulich, aber ich mache mir nichts draus. Ich bin zufrieden. Ob ich einen Schnurrbart trage oder nicht – ich bin stets zufrieden ... Setzt sich.


Im Hintergrunde der Bühne schiebt Andrej einen Wagen mit einem schlafenden Kinde.


IRINA. Iwan Romanowitsch, mein Liebster, Bester – ich bin in solcher Unruhe! Sie waren gestern auf der Promenade – sagen Sie, was ist da vorgefallen?

TSCHEBUTYKIN. Was vorgefallen ist? Nichts. Dummes Geschwätz. Liest die Zeitung.

KULYGIN. Man erzählt sich, daß Ssoljony und der Baron gestern auf der Promenade, in der Nähe des Theaters, ein Rencontre hatten ...

TUSENBACH. Hören Sie auf! Gar nichts ist vorgefallen ... Winkt mit der Hand ab und geht ins Haus.

KULYGIN. In der Nähe des Theaters ... Ssoljony benahm sich zudringlich gegen den Baron, und der konnte nicht an sich halten und sagte ihm irgend etwas Beleidigendes ...

TSCHEBUTYKIN. Ich weiß nichts. Alles dummes Geschwätz.

KULYGIN. Es heißt, daß Ssoljony in Irina verliebt ist und den Baron haßt ... Daß Irina auf ihn Eindruck gemacht hat, kann ich schon begreifen – sie ist ein sehr schönes Mädchen. Sie ist sogar Mascha ähnlich, ebenso ernst veranlagt ist sie. Nur ist dein Charakter sanfter, Irina. Übrigens hat auch Mascha einen sehr guten Charakter. Ich liebe sie, meine Mascha ...


Im Hintergrunde des Gartens, hinter der Szene, ertönen Rufe: A-uh! Hopp hopp!
[84]

IRINA fährt zusammen. Ich weiß nicht, mich erschreckt heute alles. Pause. Ich habe schon alles vorbereitet, nach dem Mittagessen schicke ich meine Sachen fort. Morgen lasse ich mich mit dem Baron trauen, dann fahren wir gleich nach der Ziegelei, und übermorgen bin ich schon in meiner Schule – ein neues Leben beginnt. Gott wird mir schon weiterhelfen! Wie ich mein Lehrerinnen-Examen ablegte, weinte ich vor Freude und Rührung ... Pause. Gleich muß der Fuhrmann nach meinen Sachen kommen.

KULYGIN. So, so – das ist alles sehr schön, nur ist's wohl nicht ernst zu nehmen. Nichts weiter als Ideen und wenig Ernst dahinter. Im übrigen wünsch' ich dir von Herzen Glück.

TSCHEBUTYKIN zärtlich. Mein liebes, herziges Kind ... meine Goldene! Ihr seid recht weit vorgeschritten ... Man kann euch wirklich nicht einholen! ... Bin hinter euch zurückgeblieben, wie ein Kranich, der alt geworden ist und nicht mehr fliegen kann ... Fliegt, meine Lieben, fliegt mit Gott! Pause. Schade, Fjodor Iljitsch, daß Sie sich den Schnurrbart haben abrasieren lassen.

KULYGIN. Hören Sie endlich auf!

TSCHEBUTYKIN. Jetzt wird Ihre Frau vor Ihnen Angst haben.

KULYGIN. Durchaus nicht. Heute marschieren sie ab, und alles wird wieder sein wie früher. Was man auch reden mag, Mascha ist eine brave, gute Frau. Ich liebe sie sehr und preise mein Geschick ... Das Schicksal der Menschen ist so verschieden ... Hier dient bei der Accise ein gewisser Kosyrew, der hat mit mir zusammen die Schule besucht, mußte aber schon aus der fünften Klasse des Gymnasiums abgehen, weil[85] er das ut consecutivum durchaus nicht begreifen konnte. Es geht ihm recht kläglich. Er ist krank, und wenn ich ihn treffe, begrüße ich ihn jedesmal: »Guten Tag, ut consecutivum!« »Ja,« meint er, »gerade das consecutivum« – und er hustet dabei! ... Und mir ist's mein ganzes Leben lang gut gegangen, ich bin glücklich, habe sogar den Stanislausorden zweiter Klasse und bringe jetzt andern das ut consecutivum bei. Ich bin allerdings ein verständiger Mensch – verständiger als sehr viele andere, aber schließlich beruht auch darin nicht das Glück ... Pause. 's ist eben alles unbegreiflich ... hier auf dieser Welt ...


Im Hause wird auf dem Klavier das »Gebet der Jungfrau« gespielt.


IRINA. Morgen abend werde ich nicht mehr dieses »Gebet der Jungfrau« hören, nicht mehr Herrn Protopopow hier im Hause begegnen ... Pause. Er sitzt wieder drinnen im Wohnzimmer. Auch heute ist er gekommen.

KULYGIN. Ist die Vorsteherin nicht da?

IRINA. Nein, aber man hat nach ihr geschickt. Wenn ihr doch wüßtet, wie schwer es mir wird, hier so ganz allein, ohne Olga, zu leben! Sie wohnt jetzt im Gymnasium, ist Vorsteherin, hat den ganzen Tag zu tun – und ich bin hier ganz verlassen, langweile mich, habe keine Beschäftigung und hasse das Zimmer, in dem ich wohne ... Ich bin nun schon entschlossen: wenn's einmal nichts sein soll mit Moskau – gut, dann ergebe ich mich drein. Dann ist's eben mein Schicksal, gegen das ist nicht anzukämpfen ... Alles liegt in Gottes Hand. Nikolaj Lwowitsch hat mir einen Antrag gemacht ... Ich überlegte es mir – und schlug ein ... Er ist ein braver Mensch, ganz ungewöhnlich[86] brav ist er ... Und mit einemmal ist mir, als ob meiner Seele Flügel gewachsen wären. Ich bin heiterer geworden, so leicht wurde mir ums Herz, und ich verspürte wieder Lust zur Arbeit ... Gestern aber ist irgend etwas passiert, irgendein Geheimnis schwebt drohend über mir ...

TSCHEBUTYKIN. Dummes Geschwätz!

NATASCHA ruft zum Fenster hinaus. Die Vorsteherin!

KULYGIN. Ah, die Vorsteherin ist gekommen! Wir wollen hineingehen. Ab mit Irina ins Haus.

TSCHEBUTYKIN sieht in die Zeitung, für sich. Ja, was du auch einwenden magst, Iwan Romanowitsch – 's ist längst Zeit, daß du deine Lebensweise änderst ... Tarara-bumbia ... sei nur kein Lump ja!


Natascha kommt auf ihn zu, aus dem Hintergrunde. Andrej schiebt einen Kinderwagen heran.


MASCHA. Da sitzt er nun und sitzt ...

TSCHEBUTYKIN. Und was weiter?

MASCHA. Nichts ... Pause. Sie haben meine Mutter geliebt?

TSCHEBUTYKIN. Sehr.

MASCHA. Hat sie Sie auch geliebt?

TSCHEBUTYKIN nach einer Pause. Das weiß ich nicht mehr.

MASCHA. Ist der Meinige hier? So nannte unsere frühere Köchin Marfa ihren Polizeiwachtmann: »der Meinige«. Also, ist der Meinige da?

TSCHEBUTYKIN. Noch nicht.

MASCHA. Wenn man das Glück nur so brockenweise genießt wie ich und es dann verliert, kann man wirklich so grob und boshaft werden wie eine Köchin ... Zeigt auf ihre Brust. Hier drinnen kocht es ... Wen ich mal gehörig durchprügeln möchte, das ist unser Brüderchen[87] Andrjuschka. Diese Vogelscheuche! Alle Hoffnungen hat er uns vernichtet. Wie eine Glocke kommt er mir vor, die wer weiß wie viel Mühe und Geld kostet und plötzlich, während tausend andächtige Menschen sie hochheben, herunterstürzt und in Stücke geht. Ganz plötzlich, mir nichts, dir nichts!


Andrej kommt mit seinem Kinderwagen an.


ANDREJ. Wann wird's denn endlich im Hause ruhig werden? Dieser Lärm!

TSCHEBUTYKIN. Bald wird's ganz ruhig werden. Sieht auf die Uhr. Eine spaßige Uhr hab' ich, mit einem Schlagwerk ... Läßt die Uhr schlagen. Die erste, zweite und fünfte Batterie marschieren in einer Stunde. Pause. Und ich ziehe morgen ab.

ANDREJ. Für immer?

TSCHEBUTYKIN. Ich weiß nicht, vielleicht komm' ich in einem Jahre wieder.


Man hört irgendwo in der Ferne Harfen- und Geigenspiel.


ANDREJ. Es wird still werden in der Stadt, als wenn ihr jemand eine Schlafmütze aufgesetzt hätte. Pause. Gestern soll irgendwas passiert sein, in der Nähe des Theaters ... Alle reden davon, nur ich weiß von gar nichts.

TSCHEBUTYKIN. 's ist nichts weiter, Dummheiten sind's. Ssoljony benahm sich zudringlich gegen den Baron, und dieser wurde hitzig und beleidigte ihn. Schließlich kam es so weit, daß Ssoljony ihn forderte. Sieht nach der Uhr. Ich dachte, es wäre schon Zeit ... Um halb eins geht's los, dort drüben im Wäldchen, jenseits des Flusses ... Piff – paff! Lacht. Ssoljony bildet sich ein, daß er Lermontow sei und sogar Verse schreibe. Aber Spaß beiseite – 's ist schon sein drittes Duell![88]

MASCHA. Von wem reden Sie?

TSCHEBUTYKIN. Von Ssoljony.

MASCHA. Und der Baron?

TSCHEBUTYKIN. Was, der Baron? Pause.

MASCHA. Mir ist ganz wirr im Kopfe ... Man sollte es doch zu verhindern suchen! Wie leicht kann er den Baron verwunden oder gar töten!

TSCHEBUTYKIN. Der Baron ist ein prächtiger Junge, aber ein Baron mehr oder weniger – was kommt's darauf an? Lassen wir sie.


Vom Flußufer wird gerufen: »A-uh! Hopp hopp!«


TSCHEBUTYKIN. Kannst warten. Das ist Skworzow, der Sekundant. Er sitzt schon im Boote. Gähnt.

ANDREJ. Nach meiner Ansicht ist es einfach unsittlich, an einem Duell teilzunehmen, sei es auch nur als Arzt.

TSCHEBUTYKIN. Das scheint nur so ... Wir existieren ja gar nicht, es existiert überhaupt nichts in der Welt ... Es scheint nur so, daß wir da sind.

MASCHA. Hier in dem Neste kennt man nichts weiter als Klatschen und Klatschen ... Das abscheuliche Klima, und dieses Geklätsch dazu ... es kann einem wirklich das Leben verleiden. Bleibt stehen. Ich geh' nicht ins Haus ... Ich kann nicht dahin gehen ... Wenn Werschinin kommt, sagen Sie es mir ... Geht die Allee hinunter. Die Zugvögel sind schon unterwegs ... Schaut nach oben. Wilde Schwäne oder Gänse ... Fliegt, meine Lieben, meine Glücklichen ... Ab.

ANDREJ. Das Haus wird bald ganz leer werden. Die Offiziere sind fort, Sie, Doktor, verlassen uns, die Schwester heiratet – und ich bleibe ganz allein in dem Hause.[89]

TSCHEBUTYKIN. Und deine Frau?


Ferapont kommt mit Aktenstücken.


ANDREJ. Meine Frau ... ist meine Frau, sie ist brav und ordentlich – na, und auch gut. Aber bei alledem ist etwas so Kleinliches, Ruppiges, Boshaftes in ihr, das sie zum Tier erniedrigt. Vom besseren Menschen hat sie nur wenig an sich. Vielleicht bin ich ungerecht – meinetwegen! Ich spreche zu Ihnen wie zu einem Freunde – Sie sind der einzige Mensch, dem ich anvertrauen kann, was in meiner Seele vorgeht. Ich liebe Natascha, gewiß – aber manchmal scheint sie mir so überaus gemein, und dann bin ich ganz fassungslos und kann nicht begreifen, warum ich sie nur liebe – oder wenigstens geliebt habe ...

TSCHEBUTYKIN erhebt sich. Ich breche morgen auf, meine Lieben. Vielleicht sehen wir uns nie mehr wieder. Höre also meinen Rat: setz' deinen Hut auf, nimm den Stock in die Hand und mach' dich aus dem Staube! Mach' dich aus dem Staube und geh, geh, ohne zurückzuschauen – und je weiter du weggehst, desto besser ...


Ssoljony geht im Hintergrunde der Szene mit zwei Offizieren vorüber; sobald er Tschebutykin erblickt, kommt er auf ihn zu; die Offiziere gehen weiter.


SSOLJONY. Doktor, es ist Zeit! Es ist schon halb eins. Begrüßt Andrej, der den Kinderwagen vor sich herschiebt.

TSCHEBUTYKIN. Sofort. Ich hab' euch alle im Magen. Zu Andrej. Wenn jemand nach mir fragt, Andrjuscha, dann sag', ich würde gleich wieder da sein. Seufzt. Oho – ho – ho!

SSOLJONY. »Kaum hatte er noch ach! gesagt, als ihn der Bär am Halse packt.« Geht mit Tschebutykin. Was ächzen Sie denn so, Alter?[90]

TSCHEBUTYKIN. Ach, laßt mich!

SSOLJONY. Sind wohl nicht recht auf dem Posten?

TSCHEBUTYKIN ärgerlich. Still – sonst gibt's was heraus!

SSOLJONY. Seht doch, wie der Alte sich aufregt! Ich tu' ihm ja weiter nichts, nur etwas anschießen werde ich ihn, wie 'ne Waldschnepfe. Zieht ein Parfümfläschchen heraus und besprengt damit seine Hände. Ein ganzes Flakon hab' ich schon verbraucht, und sie riechen noch immer. Nach Leichen riechen sie. Pause. Erinnern Sie sich der Verse: »Er aber sucht die wilden Stürme, als ob im Sturm der Friede wohnt«?

TSCHEBUTYKIN. Ja. »Kaum hatte er noch ach! gesagt, als ihn der Bär am Halse packt.« Ab mit Ssoljony.


Man hört rufen: »Hopp hopp! A-uh!« Andrej kommt in den Vordergrund der Bühne, mit ihm Ferapont.


FERAPONT. Hier sind Papiere zu unterschreiben ...

ANDREJ nervös. Laß mich in Ruhe! Laß mich! Ich bitte dich! Ab mit dem Kinderwagen.

FERAPONT. Dazu sind doch die Papiere da, daß sie unterschrieben werden! Ab in den Hintergrund der Bühne.


Irina kommt, mit ihr Tusenbach im Strohhut und Kulygin, der über die Bühne schreitet und ruft: »A-uh! Mascha, a-uh!«


TUSENBACH hinter dem forteilenden Kulygin her. Ich glaube, das ist der einzige Mensch in der Stadt, der sich über den Abmarsch der Garnison freut.

IRINA. Das läßt sich begreifen. Pause. Unsere Stadt wird jetzt ganz veröden.

TUSENBACH. Ich muß nun einen Augenblick fort, meine Liebe – bin aber bald wieder zurück.[91]

IRINA. Wohin willst du?

TUSENBACH. Ich muß in die Stadt ... muß den Kameraden das Geleit geben.

IRINA. Es ist nicht wahr ... Warum bist du heute so zerstreut, Nikolaj? Pause. Was ist gestern vor dem Theater passiert?

TUSENBACH mit einer ungeduldigen Bewegung. In einer Stunde bin ich wieder bei dir. Er küßt ihr die Hand. Du meine Schöne ... nicht sattschauen kann ich mich an dir! Sieht ihr ins Gesicht. Mehr als fünf Jahre schon liebe ich dich, und noch immer ist es mir so ungewohnt, und immer schöner erscheinst du mir. Was für ein herrliches, wundervolles Haar! Was für Augen! Ich bringe dich morgen fort von hier, wir werden arbeiten, werden so reich sein, meine Träume werden sich verwirklichen. Du wirst glücklich sein. Nur das eine, das eine: du liebst mich nicht ...

IRINA. Das liegt nicht in meiner Macht. Ich werde deine Frau sein, werde dir treu und gehorsam sein – aber Liebe ist nicht da, was soll ich dagegen tun? Sie weint. Ich habe nie in meinem Leben geliebt. O, ich habe geträumt von Liebe, schon lange, lange, Tag und Nacht, aber meine Seele ist wie ein teures Piano, das verschlossen ist, und dessen Schlüssel man verloren hat. Pause. Du blickst so ruhelos ...

TUSENBACH. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Es gibt in meinem Leben nichts, das mich beunruhigt – nur dieser verlorene Schlüssel peinigt meine Seele und raubt mir den Schlaf ... Sag' mir doch irgend etwas ... Pause. Sag' mir irgendwas ...

IRINA. Was? Was soll ich dir sagen? Was?

TUSENBACH. Irgendwas.[92]

IRINA. Laß gut sein! Laß gut sein! Pause.

TUSENBACH. Wie doch oft eine Lappalie, eine alberne Kleinigkeit plötzlich mir nichts, dir nichts, im Leben Bedeutung gewinnen kann! Sie erscheint dir immer noch als Lappalie, immer noch lachst du über sie, und doch fühlst du deutlich, daß du ihr gegenüber machtlos bist. Aber nicht davon wollen wir jetzt reden. Mir ist so froh ums Herz. Ich sehe gleichsam zum erstenmal im Leben diese Tannen, diese Birken und Ahorne, und alles schaut mich so neugierig, so erwartungsvoll an. Was für prächtige Bäume, wie schön muß das Leben hier in ihrer Nähe sein! Ein Ruf ertönt: »A-uh! Hopp hopp!« Man ruft – ich muß gehen. Es ist Zeit ... Dort der Baum ist vertrocknet – aber er schwankt immer noch im Winde, gemeinsam mit den andern. So werde auch ich, wenn ich sterbe, auf die eine oder andere Weise am Leben teilnehmen. Lebe wohl, meine Liebe ... Küßt ihr die Hände. Deine Papiere, die du mir übergeben hast, liegen bei mir auf dem Tische, unter dem Kalender.

IRINA. Ich will mit dir gehen.

TUSENBACH erregt. Nein, nein! Geht rasch davon, bleibt in der Allee stehen. Irina!

IRINA. Was?

TUSENBACH weiß nicht, was er sagen soll. Ich habe noch keinen Kaffee getrunken. Laß mir doch welchen kochen ... Rasch ab; Irina steht nachdenklich da, dann ab.


Andrej kommt mit dem Wagen, darauf erscheint Ferapont.


FERAPONT. Andrej Ssergeïtsch, die Papiere gehören doch nicht mir, sondern dem Amt! Ich hab' sie doch nicht erfunden!

ANDREJ. O, wo ist sie, wohin ist sie entflohen, meine[93] Vergangenheit – da ich noch jung, fröhlich und verständig war, da ich so herrlich träumte und schwärmte, da meine Gegenwart und meine Zukunft noch vom Rosenschimmer der Hoffnung verklärt war? Warum werden wir, wenn wir kaum zu leben anfangen, gleich so langweilig, so prosaisch grau, so uninteressant, träg, gleichgültig, unnütz und unglücklich? ... Unsere Stadt steht schon zweihundert Jahre, sie hat hunderttausend Einwohner, und nicht ein Mensch existiert darin, der dem andern nicht aufs Haar ähnlich sähe, nicht einen wagemutigen Helden hat sie hervorgebracht, weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart, nicht einen namhaften Gelehrten oder Künstler, nicht eine bemerkenswerte Persönlichkeit, die bei den andern den Trieb zur Nacheiferung oder wenigstens den Neid weckte ... Nichts weiter kennen sie hier als essen, trinken, schlafen und schließlich sterben ... und nach ihnen werden wieder andre geboren, die auch nur essen, trinken und schlafen. Und um nicht ganz zu verkommen vor Langerweile, schaffen sie sich Abwechslung durch gemeinen Klatsch, durch Branntweintrinken und Kartenspiel, durch allerhand Ränke und Intrigen, die Weiber betrügen ihre Männer, die Männer aber tun, als ob sie nichts sähen und hörten, und diesem verhängnisvollen, durch und durch gemeinen Einfluß verfallen auch wieder die Kinder, in denen der göttliche Funke ausgelöscht wird, die ebenso jämmerliche, einander aufs Haar ähnliche Wichte, ebensolche wandelnde Leichname werden wie ihre Väter und Mütter ... Zu Ferapont, ärgerlich. Was willst du?

FERAPONT. Wie? Die Papiere sollen Sie unterschreiben.[94]

ANDREJ. Du langweilst mich wirklich.

FERAPONT reicht ihm die Papiere hin. Hat mir da neulich der Portier vom Kameralhof erzählt, daß in Petersburg im Winter zweihundert Grad Kälte waren.

ANDREJ. Die Gegenwart ist so widerwärtig – aber wenn ich an die Zukunft denke, wird mir plötzlich so leicht, so frei ums Herz; ich sehe in der Ferne ein Licht schimmern, ich sehe die Freiheit, ich sehe, wie ich samt meinen Kindern erlöst werde von der Faulheit und dem Sauerbier, vom Gänsebraten mit Kohl, vom Nahmittagsschläfchen und überhaupt von diesem nichtswürdigen Müßiggang.

FERAPONT. Zweitausend Menschen sollen erfroren sein. Das Volk war ganz entsetzt, sagt er. Ich weiß nicht genau, ob's in Petersburg war oder in Moskau ...

ANDREJ in einer Anwandlung von Zärtlichkeit. Meine lieben Schwestern, meine trefflichen Schwestern! Unter Tränen. Mascha, meine Schwester ...

NATASCHA vom Fenster aus. Wer spricht denn da so laut? Bist du es, Andrjuschka? Du wirst Ssofotschka aufwecken! Il ne faut pas faire de bruit, la Sophie est dormée déjà. Vous êtes un ours. Gerät in Hitze. Wenn du dich unterhalten willst, dann laß jemand anders den Wagen schieben. Ferapont, nimm dem Herrn den Wagen ab!

FERAPONT. Sehr wohl. Faßt den Wagen an.

ANDREJ verlegen. Ich sprach doch ganz leise.

NATASCHA aus dem Zimmer, ihr Söhnchen liebkosend. Bobik! Ausgelaßner Bobik! Böser Bobik!

ANDREJ sieht die Papiere durch. Schön, ich will's durchsehen, will unterschreiben, was nötig ist, und du[95] kannst dann die Sachen wieder mit aufs Amt nehmen ... Geht, in den Papieren lesend, ins Haus; Ferapont schiebt den Wagen in den Hintergrund des Gartens.

NATASCHA im Zimmer. Bobik, wie heißt deine Mama? Mein Lieber, Süßer! und wer ist das? Das ist Tante Olja. Sag' mal zur Tante: »Guten Tag, Olja!«


Wandernde Musikanten, ein Mann und ein Mädchen, spielen Geige und Harfe; aus dem Hause kommen Werschinin, Olga und Anfissa, sie hören einen Augenblick schweigend zu; Irina kommt vom Garten her auf sie zu.


OLGA. Unser Garten ist ein richtiger Durchgangshof, alles läuft und fährt hier durch. Altchen, gib doch den Musikanten eine Kleinigkeit ...

ANFISSA reicht den Musikanten ein Geldstück. Geht mit Gott, meine Lieben. Die Musikanten verbeugen sich und gehen. Elendes Volk! Wer satt ist, geht nicht spielen. Zu Irina. Gott grüße dich, Arischa! Küßt sie. Ei, ei, Kindchen, ich habe dir jetzt ein Leben! Im Gymnasium bin ich, in einer Amtswohnung, mit Oljuschka zusammen – der Herr war mir gnädig auf meine alten Tage. Nie im Leben hab' ich Sünderin ein solches Leben geführt ... Eine prächtige Wohnung auf Staatskosten, und ich habe mein eigenes Zimmerchen drin und ein Bettchen. Alles auf Staatskosten. Wenn ich so aufwache in der Nacht – Herrgott im Himmel, heilige Mutter Gottes, keinen glücklicheren Menschen kann's geben, als ich bin.

WERSCHININ sieht nach der Uhr. Wir marschieren gleich ab, Olga Ssergejewna. 's ist höchste Zeit für mich. Pause. Ich wünsche Ihnen alles, alles Gute ... Wo ist Maria Ssergejewna?

IRINA. Sie ist irgendwo im Garten ... Ich gehe sie suchen.[96]

WERSCHININ. Haben Sie die Güte. Ich hab's eilig.

ANFISSA. Auch ich will suchen. Sie schreit. Maschenka, a-uh! Entfernt sich mit Irina nach dem Hintergrunde des Gartens, ruft hinter der Szene: »A-uh! A-uh!«

WERSCHININ. Alles hat sein Ende. Auch wir müssen uns nun trennen. Sieht nach der Uhr. Die Stadt hat uns eine Art Abschiedsfrühstück gegeben, es wurde Champagner getrunken, das Stadtoberhaupt hat eine Rede gehalten, ich habe gegessen und zugehört, mein Herz aber war hier, bei Ihnen ... Läßt seinen Blick über den Garten schweifen. Ich habe mich hier recht eingewöhnt.

OLGA. Werden wir uns noch einmal wiedersehen?

WERSCHININ. Ich glaube kaum. Pause. Meine Frau und meine beiden Mädchen bleiben noch zwei Monate hier; haben Sie die Güte, wenn etwas passiert, wenn etwas nötig sein sollte ...

OLGA. Ja, ja, natürlich. Sie können ganz beruhigt sein. Pause. Von morgen an ist nicht ein Soldat mehr in der Stadt, alles lebt nur noch als Erinnerung in uns fort. Für uns beginnt nun ein neues Leben ... Pause. Alles kommt schließlich anders, als wir es uns vorstellen. Ich wollte nicht Vorsteherin werden und bin's doch geworden. Mit Moskau wird's wohl kaum etwas werden ...

WERSCHININ. Hm ... Herzlichen Dank für alles. Verzeihen Sie mir, wenn nicht alles so war ... Gar zu viel hab' ich schon geredet – auch das verzeihen Sie ...

OLGA trocknet ihre Augen. Warum nur Mascha nicht kommt ...

WERSCHININ. Was soll ich Ihnen noch sagen zum Abschied? Wovon wollen wir philosophieren? ...[97] Lacht. Das Leben ist schwer. Es erscheint vielen von uns öde und hoffnungsleer, aber man muß doch zugeben, daß es immer klarer, immer leichter wird. Und es scheint, als ob bald die Zeit anbrechen würde, da es vollends hell sein wird. Er sieht auf die Uhr. Es ist Zeit für mich, es ist Zeit! ... Früher war die Menschheit beständig in blutige Kämpfe verwickelt, ihr Hauptinteresse drehte sich um kriegerische Unternehmungen, Überfälle, Siege – jetzt hat sich das alles überlebt, und nichts als eine ungeheure, gähnende Leere ist davon geblieben, die vorläufig noch mit nichts ausgefüllt ist; aber die Menschheit sucht eifrig nach etwas, das diese Leere ausfüllen könnte, und sie wird sicher etwas finden. Ach, wenn's doch nur recht bald wäre! Pause. Wenn man so, wissen Sie, zum Arbeitsdrange die Bildung und zur Bildung den Arbeitsdrang gesellen könnte ... Sieht nach der Uhr. Jetzt ist's aber höchste Zeit ...

OLGA. Da kommt sie! Mascha kommt vom Garten her.

WERSCHININ. Ich kam, um Abschied zu nehmen ... Olga geht auf die Seite, um die Abschiedsszene nicht zu stören.

MASCHA sieht ihm ins Gesicht. Leb' wohl ... Ein langer Kuß.

OLGA. Genug, genug!


Mascha schluchzt heftig.


WERSCHININ. Schreib mir! ... Vergiß mich nicht! Laß mich jetzt gehen ... es ist Zeit ... Olga Ssergejewna, nehmen Sie sich ihrer an ... ich muß fort ... hab' mich verspätet ... Gerührt, küßt Olgas Hände, dann umarmt er Mascha noch einmal und eilt rasch davon.

OLGA. Genug, Mascha! Hör' auf, meine Liebe ...


Kulygin kommt auf sie zu.
[98]

KULYGIN in verhaltener Erregung. Nicht doch, laß sie, laß sie ruhig weinen ... Meine schöne Mascha, meine gute Mascha ... Du bist meine Gattin, und ich bin glücklich, was auch geschehen sein mag ... Ich klage dich nicht an, mache dir keine Vorwürfe – Olga ist Zeugin ... Wir wollen jetzt wieder leben wie früher, und nicht ein Wort, nicht eine Anspielung sollst du von mir hören.

MASCHA mit verhaltenem Schluchzen. »Ein Eichbaum steht am Meeresstrande, ein goldnes Kettlein hängt daran« ... Ich werde verrückt ... am Meeresstrande ... ein goldnes Kettlein ...

OLGA. Beruhige dich, Mascha ... Beruhige dich ... Gib ihr Wasser.

MASCHA. Ich weine nicht mehr ...

KULYGIN. Sie weint nicht mehr ... sie ist gut ... Man hört in der Ferne einen Schuß fallen.

MASCHA. »Ein Eichbaum steht am Meeresstrande, ein goldnes Kettlein hängt daran« ... Goldnes Kätzlein ... goldnes Kettlein ... ich bin ganz wirr ... Trinkt Wasser. Ein verfehltes Leben ... Jetzt hab' ich keine Wünsche mehr ... Gleich bin ich ganz beruhigt ... 's ist alles egal ... Am Meeresstrande ... warum geht mir das Wort nicht aus dem Kopfe? Meine Gedanken laufen durcheinander.


Irina kommt.


OLGA. Beruhige dich, Mascha. Sei hübsch vernünftig ... Komm, wir gehen ins Zimmer.

MASCHA entrüstet. Ich geh' nicht da hinein! Laß mich! Schluchzt auf, hält jedoch gleich wieder an sich. Nie mehr betrete ich dieses Haus, niemals!

IRINA. Laßt uns noch ein Weilchen zusammensitzen,[99] wenn auch schweigend. Morgen muß ich ja fort ... Pause.

KULYGIN. Gestern hab' ich einem Jungen in der dritten Klasse diesen Bart weggenommen ... Setzt sich einen künstlichen Schnurr- und Backenbart auf. Ganz unserem deutschen Sprachlehrer ähnlich – nicht wahr? Lacht. Spaßige Einfälle haben diese Jungen.

MASCHA. Wirklich – ganz wie unser Deutscher!

OLGA lacht. Ja!


Mascha weint.


IRINA. Hör' schon auf, Mascha!

KULYGIN. Sehr ähnlich.


Natascha kommt heraus, hinter ihr das Stubenmädchen.


NATASCHA zum Stubenmädchen. Was? Bei Ssofotschka wird Protopopow bleiben, und mit Bobik kann Andrej Ssergeïtsch spielen, er kann ihn ein bißchen herumfahren. Was man für Sorgen hat mit den Kindern! ... Zu Irina. Irina, du fährst morgen weg – wie schade! Bleib doch noch wenigstens eine Woche! Sieht Kulygin, kreischt auf; Kulygin lacht und nimmt den Bart ab. Nein, über Sie! Wie konnten Sie mich so erschrecken! Zu Irina. Ich habe mich an dich gewöhnt – denkst wohl, es wird mir leicht, mich von dir zu trennen? In deinem Zimmer bring' ich jetzt Andrej mit seiner Geige unter – dort kann er sägen, soviel er will. Und sein Zimmer richten wir für Ssofotschka ein. Ein wundervolles Kind! Ein Prachtmädelchen! Heute sah sie mich mit solchen Augen an und sagte: »Mama!«

KULYGIN. Ein hübsches Kind, ganz gewiß.

NATASCHA. Morgen bin ich also schon ganz allein hier ... Seufzt. Ich lasse vor allem die Tannenallee abhauen, dann den Ahorn da ... des Abends sieht er[100] so häßlich aus ... Zu Irina. Meine Liebe, dieser Gürtel steht dir gar nicht ... so geschmacklos! Du mußt etwas Helleres tragen. Und hier laß ich überall Blumen pflanzen – Blumen, es muß hier duften ... Streng. Warum liegt die Gabel dort auf der Bank herum? Während sie ins Haus geht, zum Stubenmädchen. Warum liegt die Gabel da auf der Bank, frag' ich? Schreit. Maul gehalten!

KULYGIN. Nun ist sie aus dem Häuschen.


Hinter der Szene spielt eine Militärkapelle einen Marsch; alle hören zu.


OLGA. Sie ziehen ab.

MASCHA. Unsere Leute ziehen ab. Na, meinetwegen ... Glückliche Reise! Zu ihrem Gatten. Wir wollen nach Hause ... Wo ist mein Hut und mein Umhang?

KULYGIN. Ich habe sie hineingetragen ... Ich will sie gleich holen ... Ab ins Haus.

OLGA. Ja, jetzt können wir alle nach Hause gehen. Es ist höchste Zeit.


Tschebutykin kommt.


TSCHEBUTYKIN. Olga Ssergejewna!

OLGA. Was gibt's?

TSCHEBUTYKIN. Nichts ... ich weiß nicht, wie ich's Ihnen sagen soll ... Flüstert ihr etwas ins Ohr.

OLGA erschrocken. Nicht möglich!

TSCHEBUTYKIN. Ja ... eine dumme Geschichte ... Ich bin so angegriffen, so erschöpft ... Möcht' nicht weiter davon reden ...

MASCHA. Was ist geschehen?

OLGA umarmt Irina. Das ist heute ein schrecklicher Tag ... ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, meine Teure ...[101]

IRINA. Was? Sagt es rasch – was ist geschehen? Um Gotteswillen! Weint.

TSCHEBUTYKIN. Der Baron ist im Duell getötet worden.

IRINA weint leise. Ich wußte es, ich wußte es!

TSCHEBUTYKIN setzt sich auf eine Bank im Hintergrunde. Ich bin ganz erschöpft ... Nimmt eine Zeitung aus der Tasche. Mögen sie sich ausweinen ... Singt leise: Tarara-bumbia ... sei nur kein Lump ja ...


Die drei Schwestern stehen da, eng aneinander geschmiegt.


MASCHA. Hört, die Musik! Sie verlassen uns ... Der eine hat uns für immer verlassen – für immer, auf Nimmerwiedersehen ... Wir sind allein zurückgeblieben ... Wir müssen leben, leben ...

IRINA legt ihren Kopf an Olgas Brust. Es wird eine Zeit kommen, da alle klar sehen werden, da es keine Geheimnisse mehr geben wird. Vorläufig aber heißt es arbeiten, nur arbeiten! Morgen fahr' ich von hier weg – allein, nach meiner Dorfschule. Mein ganzes Leben werde ich denen weihen, die seiner bedürfen. Jetzt ist Herbst, bald wird der Winter kommen, wird alles mit Schnee bedecken – und ich werde arbeiten, arbeiten ...

OLGA legt ihre Arme um beide Schwestern. Die Musik spielt so lustig und vergnügt, man spürt förmlich die Lust zu leben! O mein Gott! Eine kurze Spanne Zeit wird vergehen, und wir werden für immer davongehen, man wird uns vergessen, wird unsre Gesichter, unsre Stimmen vergessen, wie viel unser waren – aber unsere Leiden werden sich in Freude wandeln für jene, die nach uns leben werden. Glück und Friede wird auf Erden sein, und man wird derer, die jetzt leben, in[102] Dankbarkeit gedenken und sie segnen. O, meine lieben Schwestern, unser Leben ist noch nicht zu Ende! Wir werden leben! Die Musik spielt so lustig, so freudig, und es ist, als ob es nur kurze Zeit noch dauern könnte, bis wir erfahren, warum wir leben, warum wir leiden ... Wenn wir es doch wüßten, wenn wir es doch wüßten!

Vorhang.
[103]

Quelle:
Tschechow, Anton: Drei Schwestern. Berlin [o.J.], S. 80-104.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schlegel, Dorothea

Florentin

Florentin

Der junge Vagabund Florin kann dem Grafen Schwarzenberg während einer Jagd das Leben retten und begleitet ihn als Gast auf sein Schloß. Dort lernt er Juliane, die Tochter des Grafen, kennen, die aber ist mit Eduard von Usingen verlobt. Ob das gut geht?

134 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon