I

[184] Obgleich die mit einer ewigen Abwechselung verbundenen Zerstreuungen auch auf Alexanders Gemüth ihre erheiternde Wirkung, wenigstens momentan, nicht verfehlten, so fühlte er doch sehr bestimmt, daß das Schicksal des unheilbaren Kranken, der unter südlicheren Zonen und an fremden Heilquellen Linderung sucht und hofft, und allenthalben nur sein Elend findet, auch das seinige sei.

Eine fremde, dunkle Macht war, seit die Hoffnung es verlassen hatte, schauerlich in sein Leben getreten, und statt, wie sonst, mit offener, leicht empfänglicher Seele sich den vor ihm aufblitzenden Freuden der Welt hinzugeben, drängte ein düsterer, verschlossener Ernst, ihm die Nichtigkeit aller irrdischen Genüsse zeigend, ihn[184] tief in sich selbst zurück, und machte, daß er sich mitten unter den Herrlichkeiten der Natur und Kunst, die ihn umgaben, wie ein Gespenst unter den Ruinen des Tempels erschien, der einst von ihm dem Glücke geweiht, und nun – von der Hand des Schicksals auf ewig zertrümmert war.

Denn der tief in ihm noch brennende Schmerz der Vergangenheit machte ihn gleichgültig gegen die Reize der Gegenwart, und sein Gemüth hatte unwillkührlich eine Asthenie ergriffen, die es zum todten Meere umschuf, das keine Ausflüsse hat, sondern nur über fließt, wenn ungewöhnliche Ereignisse es in Bewegung setzen oder Orcane es aufwühlen. Das Ungewöhnliche aber vermied ihn, weil seine die Flügel senkende Phantasie es nicht suchte, und die Melancholie, deren finsterer Schatten wie eine schwarze Wolke über sein Leben zog, ihm jedes fröhliche Ergreifen des Zufalls verleidete.

Indessen bewährte die Zeit auch an ihm ihre lindernde, wenn gleich nicht heilende Kraft. Anfangs hatten ihn die herrlichsten Gegenden und die erhabensten Naturschönheiten eben so kalt gelassen, als führe sein Weg ihn durch die Lüneburger Haide oder über die eintönigen Sandstrecken der Mark; aber nach und nach erwärmte sich sein starrer Blick, und ruhte mit Wohlgefallen auf[185] den Wundern reich ausgestatteter Gefilde, in deren Reizen er sich für Augenblicke losgebunden von allem fühlte, was ihn sonst so schmerzlich an die niedere Dornenbahn seines dürftigen Lebens fesselte. Er wußte sich wieder in stiller Einsamkeit die geheimen Hierogliphen der Natur zu deuten – das flammende Abendroth redete ihn wieder an wie sonst, nur in einer anderen, ernsteren Sprache – die murmelnden Bäche flüsterten ihm wieder dämmernde Träume zu – die Wasserfälle sangen Wiegenlieder seinem Schmerz, und die rauschenden Haine wehten Kühlung in die Tiefe seines verwundeten Busens. Nur mit der Erinnerung war er dem Schein nach für immer zerfallen. Denn wenn sie zuweilen, wie sie zu thun pflegt, ihn leise beschlich in den Stunden des Alleinseyns, lächelnd den Spiegel ihm vorhaltend, aus dem das Bild der Vergangenheit ihn begrüßte – dann war es um den schwer errungenen Gleichmuth geschehen – grau und verwischt lag das Daseyn vor ihm, dessen innerste Wurzel zerstört war – stechende Eisschauer zitterten wieder durch die schnell auflodernde Fiebergluth seines Innern – des Lebens unendliches Weh legte sich von Neuem, gleich einer erdrückenden Last, auf seine schwer geängstete Brust, und der leise Trost der sanft beschwichtigenden[186] Natur war dann auf lange für ihn verloren.

Deshalb hüthete er sich auch sorgfältig vor allen Nachrichten aus der Heimath, da sie ihn nicht erheitern, sondern nur aufs Neue verletzen konnten. Er schrieb und empfing keine Briefe, als solche, die zur Fortdauer seiner physischen Existenz in ökonomischer Rücksicht nöthig waren, und Zahlen statt der Gefühle machten den Inhalt derselben aus.

Die Wintermonate brachte er stets in irgend einer bedeutenden Stadt zu, schloß sich auch wohl an deren gesellige Kreise an, doch nur wie einer, der von der Bühne abgetreten ist, und mit den Maschinerieen bekannt, und nicht mehr geblendet von dem auf Effect berechneten Schein, zwischen den Coulissen hindurch einen frostigen Blick auf das bunte Treiben wirft, in dessen Mitte er einst eine so lebendige Rolle spielte. So waren vorzüglich, seit jenem Wendepunkt seines Lebens, der ihn von allem Frohsinn geschieden hatte, die Damen, denen er sonst so gern im Allgemeinen wie im Einzelnen huldigte, Gegenstände der höchsten Gleichgültigkeit für ihn, und so manches Netz auch, von zarter Hand gewebt, strebte, den schönen Fremdling zu fangen, so war doch jene Höflichkeit, die die feine Sitte fodert, der einzige[187] Tribut, den er selbst den verführerischten Reizen brachte.

Weit mehr als sie und ihre anmuthigen Bestrebungen, ihn zu fesseln, zog ihn die Kunst mit ihrem stillen wundervollen Wirken an. Ihm lag freilich die Ahnung fern, die manchem Menschen in ihr sein höchstes Princip erblicken läßt. Er betrachtete sie nur als Mittel, den Schmerz der unendlichen Sehnsucht zu mildern, der Wermuth in jeden Tropfen Lust, Seufzer in jeden freudigen Laut ihm mischte. Vermittelst seines regen Anschauungs- und Auffassungsvermögens führte sie seiner Seele Gedanken und Bilder zu, welche die Nachtgestalten wenigstens auf kurze Zeit verdrängten, die mit eiserner Beharrlichkeit sonst ihren Platz dort genommen hatten, und auf den lichten Schwingen der Harmonie erhub er sich zuweilen über das grauenvolle Dunkel um ihn her, in das ferne Geisterreich der Töne – oder er fühlte sich durch die Meisterwerke der plastischen Kunst und der Malerei für Momente ihm entrückt.

Nur der Poesie wollte es nicht glücken, den Einfluß auf seinen umhüllten Sinn zu erlangen, den mancher Leidende, durch sie getröstet und gestärkt, ihr über sich einräumt. Denn sie berührte mit ihrem magischen Stabe seine Wunden nicht lindernd, sondern sie von Neuem zum Bluten[188] reizend, und rief eine Menge Erscheinungen, die traumähnlich in ihm dämmerten, zu einem krampfhaften Leben in ihm auf.

Er scheute daher die Möglichkeit, daß ihr geheimer Zauber den Ton in der Tiefe seines Gemüthes treffen könne, der als bang erschütternde Dissonanz leichter zu erregen, wie alsdann zu vertilgen war, und da sie nur Reflexe seiner untergesunkenen Hoffnungen, seiner schmerzlich begrabenen Wünsche in die camera obscura seiner Brust zu werfen vermochte, so wählte er als das sicherste Mittel, sich vor jeder unsanften Berührung dieser Art zu schützen, daß er gar nichts, als höchstens – die Zeitungen las.

In einer derselben, die der Zufall ihm in die Hand führte, fand er die Anzeige, daß der *sche Gesandte seinen bisherigen Aufenthalt verlassen, und einen andern diplomatischen Posten an einem nordischen Hofe erhalten habe.

Diese Nachricht machte einen seltsamen Eindruck auf ihn. Ob er sich es gleich nicht eingestehen mochte, so hatte es ihm doch in seinen stillen Träumen ein wehmüthig süßes Gefühl gewährt, sich Erna zuweilen in alle den ihm bekannten Beziehungen und Umgebungen zu denken. Nun war sie fort – denn er durfte nicht bezweifeln, daß sie ihrer Freundin nicht auch nach ihrer neuen Bestimmung gefolgt sei, und ihm ermangelte[189] der feste Punkt, an den er sich halten durfte, um ihre reizende Erscheinung sich zu vergegenwärtigen. Denn wenn auch seitdem sein Blick und seine Phantasie sich oft nach Norden richtete, so war es ihm doch, als tappe er in einem wüsten Labyrinth, wo der leitende Faden ihm fehlte, um mit seinen Gedanken bis zu ihr hin zu dringen.

Freilich – ihm selbst öffnete ihre Entfernung den Weg wieder zu der nun schon seit länger als vier Jahren verlassenen Heimath, denn nie, das hatte er sich vorgesetzt, wollte er sie betreten, so lange er fürchten mußte, ihr je wieder zu begegnen.

Vielleicht aber würde er, an das zerstreute Umhertreiben auf den Heerstraßen nun gewöhnt, noch lange nicht daran gedacht haben, zurückzukehren, wenn nicht dumpfe Gerüchte von den kriegerischen Zurüstungen seines Vaterlandes sein Ohr erreicht, und die politischen Verhältnisse den Ausbruch baldiger Feindseligkeiten ihm als wahrscheinlich dargestellt hätten.

Da schien es ihm doch, als sei es besser, die im unnützen Wanderleben sich zersplitternden Kräfte dem Dienste seines Königs zu weihen, und seiner plötzlich aus ihrer Lethargie erwachten Einbildungskraft dünkte das Wirbeln der Trommeln, das Wiehern der Rosse, die energische Sprache[190] der Kanonen, und das zu blutiger Arbeit sich ermunternde Leben ein seinen innersten Bedürfnissen recht angemessenes Spiel.

Er beschloß also, zurückzureisen, und sich um eine neue militairische Anstellung zu bewerben. Mancher Beneidenswerthe, sprach er leise zu sich selbst, kann den Wahnsinn in verfehlter Liebe finden – mancher den heilenden Tod – – – mir wird das Schlachtfeld ihn gewähren.

Quelle:
Charlotte von Ahlefeld: Erna. Altona 1820, S. 184-191.
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