XI

[252] Es wurde ihm an diesem Tage keine einsame Minute der Unterhaltung mehr mit Erna. An den Spieltisch gepflanzt, mußte er sich zwingen, seine Aufmerksamkeit für die geringfügigsten Dinge und für die unbedeutendsten Menschen, die an seiner Parthie Theil nahmen, wach zu erhalten, und nur selten durfte ein durstiger Blick zu ihr hinüberstreifen, die ruhig und in der ganzen Würde und Hoheit ihres Charakters, mit alle der milden Güte, die ihr eigen war, die Pflichten der Wirthin im Allgemeinen ausübte, ohne sich scheinbar um Einzelne ihrer Gäste auszeichnend zu bekümmern.

Als nun die späten Abendstunden zur Trennung auffoderten, und Alexander zwischen Erna und einigen anderen Damen die Verabredung treffen hörte, morgen gemeinschaftlich die Oper besuchen zu wollen, wagte er mit dem leisen Wort des Abschiedes, das er ihr zuflüsterte, die Frage zu verbinden, ob er sich dann an sie anschließen dürfe, um – sei es auch im störendsten Gewühl – sie wieder zu sehen?

Erna besann sich einen Augenblick in scheinbarer Unentschlossenheit, die eine liebliche Röthe auf ihre bleichen Wangen trieb. Dann aber faßte sie sich, gleichsam in ihrem Innern die Kraft[252] zu einem freien, nicht durch Convenienz bedungenen Entschluß auffindend, und indem sie freundlich sein Lebewohl erwiederte, setzte sie mit Würde hinzu, daß sie sich freuen werde, ihm dort zu begegnen.

In tiefes Nachdenken versunken, kehrte Alexander nach der Stadt zurück, und lange noch hielten ihn die ungebändigten Wünsche, Hoffnungen, Zweifel und Besorgnisse wach, die von Erna's Bild ausströmten, das seine Seele so lebhaft im innersten Heiligthum derselben trug.

Nein! so benimmt sich die Gleichgültigkeit nicht, rief er endlich aus, nachdem er unter unsäglichen Quaalen ihr ganzes Betragen gegen ihn durchgegangen war, und jedes ihrer Worte prüfend auf die bebende Wagschaale der Furcht und des Unglaubens erwogen hatte. Jener Funke, der am frühen Morgen ihrer Jugend in ihr Herz fiel, und später mir durch beleidigten Stolz und gekränkte Empfindlichkeit wiederum verlöscht schien – er glimmt noch fort, von meiner Treue genährt, von meiner Ausdauer flammender als je ins Leben zurückgerufen. Und gewiß, mir sagen es die seligen Ahnungen, die meinen Busen schwellen, sie wird mich einst noch lieben, wie ich sie liebe – ja sie liebt mich schon, und die Stunde ist nicht mehr fern, in der sie es mir bekennen wird.[253]

Unglücklicher! fuhr er fort, als während einer langen Pause trübes Nachdenken wiederum die Blüthen seiner Hoffnung zu knicken drohte – wie darfst du zu erlangen träumen, was so hoch und unerreichbar über dir steht, daß selbst dein mächtigstes Streben sich nicht zu ihm emporschwingen kann? Vergebens sehnst du dich, den Tempel deines Glücks zu betreten, dessen Himmelsglanz dir trunken winkt – ach – Schreckenbilder bewachen seine Schwelle, und wehren dir den Eingang! Ihre Tugenden sind es, ihre Pflichten, denen sie ja das ganze blühende Daseyn geopfert hat – ihnen wird sie auch Dich zum Opfer bringen und selbst als Opfer fallen!

Dumpfer Schmerz, wie er ihn niemals nagender empfunden, raubte ihm bei dieser Vorstellung fast die Besinnung, und um seine Marter noch zu erhöhen, trat wie der sichtbare Kakodämon seines Schicksals Linovsky's verhaßte Gestalt vor sein inneres Auge, ihn, gleichsam mit dem Hohngelächter der Hölle auf den übermüthigen Lippen, daran zu mahnen, daß er, er es sei, der die Herrliche besitze, und daß – wenn sie auch mit dem Gefühl des verlorenen, seiner Blüthen beraubten Lebens neben ihm wandele – sie doch eben so unbedingt sein Eigenthum sei, wie nur immer eine Sklavin ihrem Tyrannen gehört.

Haß, Neid und Ingrimm in der kochenden[254] Brust, fand er, es sei in Zukunft eine Aufgabe über seine Kräfte, den Gegenstand seiner Liebe neben dem seines bittersten Hasses, und diesem letzteren unterwürfig zu sehen. Hätte es ihm nur möglich geschienen, auf den Zauber ihrer süßen Nähe Verzicht zu leisten, er würde im Gefühle tobender, knirschender Eifersucht auf der Stelle das Gelübde ausgesprochen haben, des verhaßten Nebenbuhlers Haus nie wieder zu betreten.

Gleichwohl zählte er, unfähig sich die herbe Prüfung einer strengen Entsagung aufzulegen, jede einzelne Stunde, die noch trennend zwischen dem nächsten ihm beschiedenen Wiedersehen stand, und als das Opernhaus geöffnet wurde, war er einer der Ersten, der in einer Loge, welche das Ganze zu übersehen gestattete, Platz nahm, um weder ihr Kommen, noch das Glück, sich ihr nähern zu dürfen, zu verfehlen.

Endlich, die Symphonie rauschte bereits, erschien sie mit mehreren Begleiterinnen, und nahm in einer Loge ihm gegenüber Platz.

Ehrerbietig grüßte er sie aus der Ferne, und als der erste Act vorüber war, wagte er es, sich den Damen zu nähern, und ganz zuletzt auch an sie, die seine zarte Scheu zu verstehen schien, einige Worte der innigsten Theilnahme, mit denen er nach ihrem Befinden fragte, zu richten.

Mit der freundlichen Erwiederung, daß ihr[255] wohl sei, zog Erna einen Brief hervor, den sie ihm ohne alle geheimnisvolle Umhüllung mit der Bitte übergab, ihn gelegentlich an seine Adresse zu besorgen.

Sie wandte sich hierauf von ihm ab, und in ein eifriges Gespräch mit einer ihrer Nachbarinnen gerathend, schien es, als habe sie von jetzt an keinen Blick mehr für ihn. Gepeinigt durch diese Wahrnehmung zog er sich daher, aus Furcht, ihr durch sein Bleiben zu misfallen, in seine Loge zurück. Doch ehe er sie noch erreicht hatte, konnte er nicht umhin, an dem flackernden Schein eines Wandleuchters auf der übrigens dunkeln, unbemerkten Gallerie die Aufschrift zu lesen, und als er sie an sich gerichtet fand, erbrach er das Siegel mit fröhlicher Hast, und folgende Worte begegneten seinen sehnsuchtsvoll spähenden Blicken:

Daß ich Sie angehört habe, und daß ich Ihnen antworte, ist der erste Schritt, der mich von dem streng mir vorgezeichneten Wege meiner Pflicht verlockt. Ich beschwöre Sie, lassen Sie es zugleich den letzten seyn, und stören Sie den stillen Wandel nicht, der mich zur Ruhe – dem einzigen Ziele, nach dem ich streben darf – hinleitet.

Gewiß, auch ohne das erschütternde Geständnis, das Sie fodern, würden Sie nicht daran[256] zweifeln können, daß ich Ihnen längst vergeben habe. Mein Betragen hat es Ihnen gesagt, wenn ich den stummen und mild gewordenen Empfindungen meiner Brust auch keine Worte verlieh. Daher ehren Sie die vertrauenvolle Offenheit, mit der ich es jetzt auch ausspreche, und betrachten Sie die Versicherung, daß ich Sie achte, als einen Zuruf, der aus Gräbern kommt, frommen Frieden in Ihr Gemüth zu flüstern – nicht als einen irrdischen Laut, der noch zu irgend einer Hoffnung berechtigen könnte.

Wenige sind der Erfahrungen, die ich auf meinem Wege sammelte, aber in diesen wenigen reichte mir meine ernste Bestimmung den Kern des Lebens, und wenn ich ihn gleich bitter fand, so erwuchs mir doch daraus der Vortheil, alles übrige nur als dämmernden Schein, als traumähnliche Entwürfe betrachten zu lernen, mit denen der Mensch wie mit Seifenblasen spielt.

Nur selten gestattete ich mir einen Rückblick auf die weit zurückgewichene Küste der Vergangenheit, deren Nebel mein frühestes Morgenroth verschlangen, aber mit Andacht trug ich, was ich einst gewünscht, geglaubt hatte, in meinem Herzen, und meiner Kraft und meinem festen Willen vertrauend, durfte ich es wagen, einen Bund zu schließen, dessen Heiligkeit mich tief durchschauerte, wenn ich den ganzen Umfang[257] seiner Ansprüche an mich auch noch nicht kannte.

Durch schwere Kämpfe bin ich gegangen, habe mich oft erschlafft in allen Triebfedern meines Seyns gefühlt – habe nur durch bang bestandene Prüfungen mir die Ergebung errungen, die nach vielem Schmerzesaufruhr erst die Seele läutert, und todeswund und todesmatt erschein' ich mir am Ziele – nicht durch Sieg gekrönt, aber doch durch das Bewußtseyn gehoben, daß ich immer that, was ich für recht hielt.

Auch ferner wird es noch mein ernstes Bestreben seyn, es zu thun. Ich ehre Linovsky als meinen Gemahl, dem ich mit Zutrauen die Leitung meines Schicksals übergeben habe – ich liebe ihn, als den Vater meiner Kinder, und dieses aus dem Anerkennen seines Werths und meiner vollsten Achtung hervorgehende Gefühl ist wenigstens dauerhafter, als der flüchtige Rausch, mit denen die erste Jugend so oft sich und Andere täuscht. Daher spreche ich zu Ihnen als seine Gattin, die – so weit es sich mit ihren Pflichten vereinigen läßt – Ihre Freundin seyn will. Doch niemals mehr sei zwischen uns die Rede von Empfindungen, denen wir uns sonst hätten überlassen dürfen, die aber jetzt der ernste Spruch der Verhältnisse uns auf ewig verbietet. Lassen Sie uns das Vergangene vergessen,[258] oder – denn Unmögliches darf ich nicht fodern – wenigstens nie wieder erwähnen. Kommen Sie zuweilen zu uns, doch mit der Vorsicht und Schonung, die das reizbare Gefühl meines Mannes verlangt, der sich so leicht in einer auch nur geahneten Beeinträchtigung seiner Rechte an mein ausschließliches Wohlwollen verletzt sieht. Enge nur und häuslich, Wenigen geöffnet, ist unser Kreis, aber überwinden Sie, um völlig einheimisch in ihm zu werden, die Abneigung gegen Augusten, die – wenn sie auch einst in ihrer Strenge zu weit ging – doch nur die beste Absicht hatte, die ja so oft menschlichen Irrthümern zum Grunde liegt. Dann werden wir Alle Ihr Hinzutreten zu uns als einen Gewinn betrachten, der aus Ihrer Bekanntschaft sich entwickelte, und ohne Blick und Urtheil von außen, ohne den Vorwurf des inneren Richters zu scheuen, der auch das Verborgene prüft, dürfen wir Theil an einander nehmen, und uns freuen, daß wir einander fanden, um uns nie wieder zu verlieren.

Und sollte der schöne Beruf, dem Sie Sich widmen, die Unabhängigkeit des Vaterlandes vertheidigen zu wollen, Sie früher als sich dieser freundlich von mir entworfene Plan realisiren läßt, auf die Bahn kriegerischer Thätigkeit rufen – sollte – denn dunkel ist die Zukunft – der[259] blutige Lorbeer, den Sie zu brechen Sich sehnen, nur fallend Ihnen werden, mit Ihrem Tode erkauft – dann – o Alexander! das Leben ist vergänglich, aber ewig bleibend das Höhere in der menschlichen Brust – dann wird Ihre Freundin, Ihre Schwester Ihnen für den Rest der eigenen Tage, und noch weiter hinaus, ein treues und inniges Andenken bewahren.

Quelle:
Charlotte von Ahlefeld: Erna. Altona 1820, S. 252-260.
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