XVIII

[139] Nicht ohne einen leisen Schauer von Wonne betrat Alexander die Schwelle, die zu der Wohnung der Geliebten führte.

Zwar konnte er sich denken, daß das Allerheiligste derselben, ihr Zimmer, ihm verschlossen bleiben werde; aber es waren doch dieselben Wände, die sie täglich umgaben, die er sehen, es war ihr häusliches Leben, das er beobachten sollte, und um keinen Preis der Welt hätte er das Recht vertauscht, sich nun mit eigenen Augen überzeugen zu dürfen, wie sie im engeren Kreise des heimathlichen Thuns und Wirkens sich bewege.

Ohne Pracht, aber in einem edlen, gefälligen Styl war die Wohnung des Gesandten eingerichtet, und man athmete bald unwillkührlich einen[139] Theil des Friedens und der ruhigen Heiterkeit ein, welche nicht allein innerhalb der einfach geschmückten Räume, sondern auch in den Gemüthern ihrer Bewohner herrschte.

Ein freundlicher Salon versammelte sie um den flammenden Camin. Erna hatte sich einen Moment entfernt, um ihren Pelz abzustreifen, und erschien nun in einer zierlichen Hauskleidung, sich, – als sei hier ihre eigentliche Sphäre, – mit Eifer und Lebendigkeit all der kleinen Geschäfte annehmend, die sonst der Wirthin obliegen.

Als der Thee gebracht wurde, trat auch Linovsky herein, und mit ihm eine alte Bekanntschaft Alexanders, Auguste nämlich, vor deren strengem, kalt ihn messenden Blick sein der unbefangenen Freude geöffnetes Herz, gleichsam krampfhaft erstarrend, sich wieder zusammen zog.

Sie schien nicht überrascht, ihn hier zu finden. – Dies war ihm ein Zeichen, daß Erna sie auf seinen Anblick vorbereitet hatte, da sie voraus wußte, er werde an der Gesellschaft Theil nehmen. Ohne Befremden, wohl aber mit einer gewissen frostigen Geringschätzung und mit jener Art von Scheu, mit welcher der Gesunde sich von dem Pestkranken abwenden würde, setzte sie sich neben ihn, und wurde ihm durch die Steifheit ihres ihm so offenbar abgeneigten Wesens[140] zu einer höchst drückenden, widerlichen Erscheinung.

Ganz sicher hätte sein beleidigter Stolz nicht so geduldig die schweigenden aber unverkennbaren Merkmale ihrer feindseligen Gesinnung hingenommen, wenn seiner Politik nicht die Nothwendigkeit eingeleuchtet wäre, sie als Erna's Freundin, die von je her einen fast mütterlichen Einfluß auf sie hatte, schonen zu müssen.

Er stellte sich also, als übersähe er ihr unverbindliches Betragen, und – ohne die allgemeine Höflichkeit zu vernachläßigen, setzte er sich wohlweislich durch keine Annäherung der Gefahr aus, ihre Stimmung gegen ihn noch deutlicher als durch diese stummen Kennzeichen von ihr ausgesprochen zu sehen.

Eine Beobachtung, die er im Stillen machte, gab ihm indessen von der einen Seite das Wohlbehagen wieder, das von der andern ihm geraubt worden war.

Denn er glaubte nämlich zu bemerken, daß zwischen Linovsky und Augusten ein Verhältnis existire, dessen Eigenthümlichkeit ihnen wenig Rücksicht auf Erna zu nehmen gestattete.

Es herrschte zwischen ihnen ein so achtungsvoller, inniger und zutraulicher Ton, daß man sie leicht hätte für ein Paar Verlobte halten können, die – nicht aus Leidenschaft, sondern aus[141] Vernunft, ruhiger Ueberlegung und ächtem Wohlwollen sich gegenseitig fürs ganze Leben erkoren haben.

Er begegnete ihr mit der zartesten Aufmerksamkeit, faßte jede ihrer Aeußerungen auch in der leisesten Beziehung auf, richtete hauptsächlich an sie alles, was er sprach, und schien, sie nie aus den Augen verlierend, ihrem Urtheil stets das seinige zu unterwerfen.

Sie hingegen nahm, als gebühre es ihr so, seine freundliche Beflissenheit um sie wie ein Recht auf, an das ein engeres Verhältnis ihr Ansprüche gegeben. Sie hörte ihm am liebsten zu, wenn er redete, und mußte sie bon gré mal gré jemand Anderm ihr Ohr leihen, so lauschte sie doch wenigstens auf seinen Ton, und strebte, an dem, was er unterdessen sagte, Theil zu nehmen, so wie sie in allen streitigen Punkten der Unterhaltung ihn gleichsam als die höchste Instanz zu betrachten und zu ehren schien. Widersprach sie auch zuweilen einmal seiner Meinung, so geschah es auf eine Art, welche deutlich bewies, daß nur das Verlangen, den Faden des Gesprächs mit ihm weiter fortzuspinnen, aber keine der seinigen entgegengesetzte Ueberzeugung sie dazu vermochte.

Alle diese kleinen, oft so charakteristischen Züge, die auf Liebe hinzudeuten pflegen, gossen in[142] Alexanders, durch Eifersucht leicht aufgeregtes, stürmisches Gefühl, eine linde Beruhigung über diesen Punkt, und er gönnte der blassen, verbleichten Auguste, so zuwider sie ihm auch war, den offenbar für sie zu schönen und jugendlichen Verehrer, da ihm dadurch die Sorge, er möchte sich um Erna bewerben, vom Herzen fiel.

Die Gräfin, deren lebendig regsamer, Sinn stets, auch bei der angenehmsten Unterhaltung, nach Abwechselung verlangte, foderte Erna auf, Musik zu machen. Ohne sich lange zu weigern, setzte sie sich zum Fortepiano, und bat Linovsky um seine Begleitung mit der Violine.

Welch ein neues Talent entfaltete jetzt die Hochbegabte, sie, die mit der herrlichsten Blüthe aller Eigenschaften, welche das Vollkommene bezeichnen, eine Anspruchslosigkeit verband, die durch den Zauber der Bescheidenheit den Zauber ihrer Kunst noch erhöhte.

Ihre zarten Finger schienen, leicht wie ein Gedanke, über die Tasten hinschwebend, beseelte Sprachwerkzeuge zu seyn. Sie weckte die schlummernden Töne mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, mit der nur die tiefe Bedeutung verglichen werden konnte, die den herzgewinnendsten Ausdruck in jede Note zu legen wußte.

Als sie nun die volle, silberhelle Stimme erhob, sie mit ihrem trefflichen Spiel zu verschmelzen,[143] da enthüllte sich der Umfang ihrer Kunst ganz in der Entwirrung der schwierigsten Passagen, in den überraschendsten Läufern, in den meisterhaftesten Intervallen, so wie die Tiefe ihres Gefühls, der Melodie erst durch die reinste Intonation eine Seele verleihend, im erschütternden Ausdruck gewaltsam hervorbrechender Leidenschaft, mild besänftigt durch den schmelzenden Erguß sanfter Empfindung, und dann wieder im erhabenen Schwunge ernsten Gesanges wie ein frommer Gedanke sich aufwärts zu den Sternen erhebend, sich aussprach.

Süß berauscht hatte Alexander den erquicklichen Strom dieser gleichsam einer höheren Sphäre entquollenen Töne in sich gesogen, und – so seelenvoll auch Linovsky's Spiel auf der Violine war – doch nur Erna's Laut vernommen, nur ihr auf den Schwingen ihres göttlichen Gesanges in den dritten Himmel folgend, aus welchem das prosaische Applaudissement der Gräfin ihn jetzt rauschend und störend herab zog.

Er vermochte es nicht über sich, Erna auch nur mit einem einzigen Worte zu bezeugen, wie sehr sie ihn gerührt, entzückt und erschüttert habe. Worte dünkten ihn in diesem Augenblick der herrlichsten Ergreifung die Herrlichkeit der Gefühle zu entweihen, die noch im leise verhallenden Nachklang so tief und innig ihn durchbebten.[144]

Aber als sie nun aufstand, und – wenn ihn nicht alles täuschte – ihr Blick, gleichsam verschämt und schüchtern ihn, ihn vor Allen, zu suchen schien – als ihr der seinige begegnete, der flammend nur an ihr hing – da – er las es in ihrer lieblichen Verwirrung – da – das wußte er gewiß – konnte kein Zweifel an dem unauslöschlichen Eindruck, den sie auf ihn gemacht hatte, Raum in ihrer Seele finden.

Sie setzte sich wieder zu ihrer Arbeit nieder, und das tief gesenkte Auge fest auf die Stickerei heftend, mit der sie eben beschäftigt war, gewann sie bald ihre gewöhnliche Unbefangenheit wieder. Die Gesandtin, welche unterdessen von ihren Lieblingsgesängen, den eigentlichen Volksliedern, gesprochen hatte, die oft, nicht nur das innerste Gepräge des Nationalcharakters ausdrückend, sondern auch die ehrwürdigen Sagen grauer Vorzeit in frommer Einfalt festhaltend, kunstlos und rührend zum Herzen dringen, weil sie vom Herzen abstammen, bat Erna, einige derselben, die sie auf ihren gemeinschaftlichen Reisen gelernt habe, zu singen, und sie that es ohne alle musikalische Begleitung, nur durch ihre graziöse Mimik unterstützt, welche sie so ganz der kindlichen Eigenthümlichkeit der Gesänge, die sie vortrug, anzupassen wußte.

Zuletzt erinnerte sie die Gesandtin noch an ein[145] kleines Lied, das sie einst in Frankreich von einer Prozession junger Mädchen gehört hatten, die, ein Christuskindlein in einer kleinen Kapelle am Wege bekränzend, es sangen, und das sowohl dem Inhalt als der Melodie nach sich ihnen damals tief eingeprägt hatte. Es bestand blos in diesen vier Zeilen:


Doux enfant Jesus!

Donne moi le Saint Esprit,

Et toutes les vertus

De ta mère Marie, Marie, Marie.


Alle hörten bewegt diese Worte an, die durch Erna's reine, jetzt sanft gedämpfte Stimme und eine ganz eigene kunstlose, aber die innersten Saiten des Gefühls berührende Melodie sich unaufhaltsam durch das Ohr ins Herz stahlen.

Die Gesandtin erzählte, daß die Sängerinnen meist nur erst zwölfjährige Kinder gewesen wären, welche mit ihren leichten, fast ätherischen Gestalten, in ihrer südlichen Blässe, mit dem dunklen Haar und Augen, in denen eine schwärmerische Andacht sich mit dem Ausdruck der Unschuld ihres zarten Alters gepaart habe, ihr wie eine Schaar Verklärter erschienen wären. Sie habe sich der Thränen nicht enthalten können, und wisse noch selbst nicht, ob der Anblick der weißgekleideten, geisterhaft an ihr vorüberschwebenden Kinder, oder die rührende Weise ihres Liedes am meisten auf sie gewirkt habe.[146]

Alexander achtete wenig auf das, was sie sagte. Nur mit einem Gegenstand beschäftigt, konnte er sein Auge von Erna nicht losreißen, die mit einer so milden, lieblichen Frömmigkeit in ihren Zügen dies kleine Lied gesungen hatte, daß unwillkührlich alle seine Gefühle in ihm riefen: Himmlische! das Gebet, das eben von deinen Engelslippen erklang, ist schon erhört. Alle Tugenden, die die Mutter Gottes zieren – Demuth, Würde und Reinheit – alles, alles ist bereits dein herrliches Eigenthum. Flehe nicht um mehr! – – wie dürften sterbliche Wesen es dann jemals wagen, sich dir hoffend und liebend gegenüber zu stellen? –

Quelle:
Charlotte von Ahlefeld: Erna. Altona 1820, S. 139-147.
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