Zwölftes Kapitel

[126] Endlich erschien der Augenblick, wo er dem Landleben und seiner Frau Lebewohl sagte; er that es mit heiterm Sinn, und auch Josephine sah ihn ohne Kummer abreisen. Seine Gegenwart legte ihrer Schwermuth Fesseln an, denn sie hielt es für ihre Pflicht, ihm zu verbergen, daß ein andres Bild als das seinige mit Flammenzügen in ihre Seele gegraben war. Nie soll er fühlen, gelobte sie sich in der Stunde der Vermählung, daß ich einen Andern liebe. Alle Folgen dieser unglücklichen Leidenschaft sollen mich allein treffen, und verschwiegen und ohne Klagen will ich leiden, bis mein Herz bricht oder ihn vergißt!

Der Graf kam glücklich in der Stadt an, und all' sein Blut gerieth in Wallung, als sein[126] Wagen an Mariens Hause dahin rollte. Vergebens sah er an alle Fenster: – ohne sie zu erblicken, fuhr er vorüber. Die trauliche Dämmerung empfing ihn, als er in seine Wohnung trat, und begünstigte die Erinnerung der Vergangenheit. Er fand Mariens Briefe, die er zurückgelassen hatte, weil es einst sein ernstliches Bemühen war, sie zu vergessen. Wie lebhaft trat nicht, als er sie jetzt wieder las, das Andenken jener glühenden Stunden vor seine feurige Einbildungskraft, und mahnte ihn an die unbeschreibliche Seligkeit, die er in ihren Armen genossen. Es war ihm unmöglich, seinen ersten Versuch, sie zu sehn, bis auf den morgenden Tag aufzuschieben. Er hüllte sich in einen Mantel, und trat nicht ohne heftige Bewegung den Gang zu ihrem Hause an.

Es war verschlossen, er zog die Klingel, man öffnete. Eine unbekannte Person kam ihm mit einem Lichte entgegen und frug nach seinem Begehren. Er erkundigte sich nach dem alten Müller. Mein Gott, wissen Sie denn nicht, daß er nun schon beinah vier Monate todt ist? – Wodmar trat erstaunt zurück. Und seine Tochter? – Hat dies Haus verkauft, und wohnt bei einer[127] Muhme in der andern Vorstadt. – Bestürzt verließ er die geliebte Schwelle und ging zurück.

Am andern Tage fand er ohne Mühe Mariens neue Wohnung. Ungestüm pochte sein Herz, als er sich ihr näherte. Mariens Muhme war eine Stickerin; dies gab ihm den Muth, geradezu zu gehn, denn Mariens edles Zürnen versprach ihm fürs erste nicht den besten Empfang. Er fragte nach Frau Köhler, und man machte ihm die Thür eines kleinen aber reinlichen Zimmers auf, in welchem Tante und Nichte arbeiteten. Mit einem unbeschreiblichen Aufruhr aller seiner Empfindungen trat er hinein. Die tiefe Trauer, nicht allein in Mariens Kleidung, sondern auch in ihrem Wesen, lieh ihrer Schönheit einen neuen, doppelten Reiz, und gab ihr etwas unendlich Rührendes. Den Glanz, den ihre schönen Augen durch Thränen verloren hatten, ersetzte eine sanfte Melancholie, die ihre ernsten Blicke bewohnte. – Als sie aufsah und ihn erkannte, ward sie bleich, dann wieder glühend roth, und die Nadel fiel aus ihrer zitternden Hand. Wodmar näherte sich schüchtern, grüßte beide mit einem Anstrich von Scham, Verwirrung und Reue, der ihn, wie er wohl wußte,[128] nicht verstellte, und bat die Alte, ihm die Muster ihrer Stickereyen zu zeigen, weil er einige Bestellungen machen wollte. Sie ging und Wodmar und Marie blieben allein.

Sie fühlte tief die Gefahr dieses Augenblicks, stand auf und wollte sich entfernen. In ihrer Haltung lag ein Adel, eine Würde, die den Grafen noch mehr entflammte, dessen Innres alle Begierden mit dreifacher Macht durchschauerten, die das reizende Mädchen jemals in ihm erweckt hatte. Er hielt sie auf. Marie! rief er mit einer Stimme, deren liebe-athmender Ton zart, aber innig die leise-tönendsten Saiten ihrer Empfindung berührte, Marie! willst Du kein Wort zu meiner Vertheidigung hören? – kein Wort von Versöhnung? – Sie wandte sich weg und verhüllte ihr weinendes Angesicht. – O, Marie! fuhr er fort, indem er vor ihr niederkniete, und sie ohngeachtet ihres Widerstrebens umfaßte, kannst Du dem Mann verzeihen, der Deine engelreine Tugend so bitter beleidigte? – Kannst Du ihm vergeben, wenn er reuig zu Dir zurückkehrt, und wieder gut machen will, was sein Leichtsinn verdarb? – Sieh', ich wollte Deinem Bilde entfliehn, aber es folgte mir, wie das Andenken[129] Deiner ehemaligen Liebe! Umsonst sucht' ich Dich zu vergessen, – alle wonnevollen Stunden vorüber geflohner Zeiten, alle Freuden, die ich an Deinem Busen genossen, alle noch schönern Träume der Zukunft, deren Erfüllung ich hoffte, vereinigten sich, mir mein Leben ohne Dich zur Qual zu machen. Und Du solltest mich verstoßen, Marie! da nur Deine Hand mich wieder auf die rechte Bahn zu leiten vermag? Du solltest Dein Herz, das mich ehedem so zärtlich liebte, jetzt auf ewig für mich verschlossen haben, jetzt, da ich es erst verdiene? –

Marie richtete sich auf und sah ihm mit einem Blick ins Auge, in dem ein Himmel voll Selbstgefühl lag. Warum, sagte sie ernst und ruhig, warum erinnern Sie mich an Zeiten, deren ich nur noch wie eines Traumes gedenke? Warum unterbrechen Sie durch Ihren Anblick den Frieden meiner Einsamkeit aufs neue? – –

Um, rief der Graf vor Freude zitternd, als er die Milde sah, mit der sie zu ihm sprach, um Dir, Geliebte meines Herzens, die größte Probe von der Wahrheit meiner Reue und meiner Liebe zu geben, indem ich Dich durch eine rechtmäßige[130] Verbindung zu der meinigen mache. Starr blickte Marie in die zärtlichen Augen des Geliebten: – O wenn dies nur eine Bethörung meiner Sinne ist, seufzte ihr Herz, so möge sie nie der Wirklichkeit weichen. Laß mich niemals erwachen, gütiger Gott, wenn ich jetzt träume!

Frau Köhler kam jetzt wieder und war äußerst erstaunt, den schönen Fremden vor ihrer Nichte auf den Knieen, und diese in Thränen zu finden. Es waren die süßen Thränen der Vergebung, in denen sie die letzten Funken ihres Unmuths erstickte, und die die düstern Spuren einer bittern Vergangenheit in ihrer Seele verlöschten. Wodmar sprang auf, gab sich der Alten zu erkennen, und entdeckte ihr den Vorsatz, ihre Nichte zu heirathen. Er war unwiderstehlich, wenn er bat, und war es doppelt, wenn er die Befriedigung seiner Leidenschaften hoffte.

Frau Köhler merkte wohl, daß sich die Liebenden länger kannten, als heute, es wurde ihr nicht schwer zu sehen, daß Marie den schönen Grafen liebte, – und wie wär' es anders möglich gewesen? Ihr sorgenloses Herz ohne allen Argwohn, von dieser glühenden Liebe gefesselt,[131] die die erste ihres Lebens war, sah in ihm nur das, was er scheinen wollte, den Bereuenden, Zurückkehrenden, der ihr und seiner Zärtlichkeit alle Vortheile seines Standes zum Opfer bringen, und die Tage ihrer Trauer um ihn ihr nun vergolden wollte. Zwar regten sich noch Zweifel in ihr, aber sie betrafen mehr sie selbst, als die Redlichkeit des Geliebten. Werd' ich Dir auch, rief sie zaghaft aus, durch alles, was ich bin und habe, die Opfer belohnen können, die Du mir bringst? Ach, bedenke wohl, was Du thun willst! Du mußt dann jeder Verbindung entsagen, die Deinem Stand und Deinem Reichthum angemeßner wäre, und für ein armes Bürgermädchen leben, das nie aus dem engen Kreise ihrer Häuslichkeit kam, und nichts weiß, als Dich zu lieben. Wird Dirs dann niemals gereuen, wenn Du die vornehmen Fräulein und Gräfinnen siehst, die Deine arme Marie in allem so weit übertreffen, daß Du mich gewählt hast zur Gefährtin Deines glänzenden Lebens? O, geliebter Karl, meine ganze Seele hängt an Dir, aber mit frohem Muth will ich Dir entsagen, wenn Du glaubest, durch mich nicht so glücklich zu werden, wie ich durch Dich![132]

Höre mich, Marie! sprach der Graf. Ich liebe Dich mit unendlicher Leidenschaft, und kann nur mit Dir glücklich seyn, und sonst mit Keiner. Gern sagt' ich zu Dir: theile den Glanz meiner äußern Lage mit mir, aber ich habe einen sehr ehrgeizigen Vater, und kenne ihn zu gut, als daß ich mir schmeicheln könnte, er würde jemals in unser Glück willigen. Die Vorurtheile der Konvenienz sind ihm heiliger, als die Gesetze der Natur, und Fluch und Enterbung würde mein Loos seyn, wenn ich es wagen wollte, ihm meine Liebe zu Dir zu entdecken. Aber wenn Du in mir nicht den Grafen, sondern nur den Menschen, nicht den glänzenden Schimmer, sondern nur meine feste Anhänglichkeit liebst, wenn Dir mein stiller Besitz genügt, so willige in eine heimliche Heirath, bis der Tod meines Vaters einst die Freiheit in meine Hände giebt, laut die schönen Fesseln zu bekennen und zu zeigen, die uns vereinigt haben. Ich habe ein einsames, abgelegenes Gut, welches Dich und unsre Freuden dem Blick der Welt verbergen kann, bis ich unsre Verbindung gestehn darf. Meine Liebe soll Dir die Einsamkeit versüßen, meine Treue, mein Dank Dir lohnen für Deine Einwilligung![133]

Marie, erröthend, halb in Scham, halb in Freude verloren, schloß ihn in ihre Arme und sagte mit rührender Zärtlichkeit: O Karl, wenn ich wirklich hoffen kann, Dich glücklich zu machen, so werde auch ich es seyn, und wäre eine Wüste mein Aufenthalt. Aber – eine Thräne trat in ihr glänzendes Auge, – wie könnt' ich jemals mich selbst ertragen, wenn nur die leiseste Reue über Deine Wahl Dich anwandelte!

Wie leicht ist ein liebendes Herz überredet. Marie glaubte gern und froh den Schwüren ihres Wodmars, und Frau Köhler fand sich zu sehr geschmeichelt von der vornehmen Verwandtschaft, die ihr bevorstand, als daß sie hätte an der Wahrheit seiner Betheuerungen zweifeln können. Der Graf bat sie um Verschwiegenheit und um ihre Begleitung für Marien. – So schwer ihr auch das erste vorkam, denn sie hätte gern der ganzen Stadt das Glück ihrer Nichte erzählt, so fühlte sie sich doch durch sein zweites Anerbieten viel zu geehrt, als daß sie ihm nicht unbedingt hätte Gehorsam versprechen sollen. Jetzt schied Wodmar und ließ beide in den süßesten Träumen von Ehre und Liebe zurück. – Als er nach Hause kam und nun ganz allein mit seinen Gedanken[134] war, regte sich sein Gewissen mit schmerzlichen Stichen, und der Betrug, den er sich erlauben wollte, stand mit seiner ganzen Abscheulichkeit vor seiner Seele. Aber er wußte bald seine Absichten, so schwarz sie auch waren, zu entschuldigen.

Sind wir nicht am glücklichsten, sprach er zu sich selber, wenn ein freundlicher Wahn uns täuscht, und eine holde Bethörung, ein Traum, uns giebt, was uns ewig die Wirklichkeit versagt? – Es ist wahr, ich hintergehe Marien, aber nur um sie glücklich zu machen. Dieses zärtliche Herz, das mich nie vergessen konnte, ungeachtet ich sie so sehr beleidigt hatte, würde im einsamen Kummer gebrochen, und ihre Reize verwelkt seyn, wenn ich nicht käme, sie ins Leben zurück zu rufen. Und kann ich ihr nicht diese Täuschung, in der sie die Erfüllung ihrer Wünsche findet, verlängern, so lange ich will? – Sichere ich ihr nicht, im Fall sie auch den Betrug entdeckt, der sie zu der meinigen macht, ein hinlängliches Auskommen für sie und ihre Kinder? – Und steht es nicht bey mir, ihr, so lange sie lebt, meine wahren Verhältnisse zu verbergen? Wer wird es wagen, ihr zu entdecken, daß ich verheirathet bin, wenn ich es verbiete? – Nein,[135] fuhr er beruhigt fort, sie müßte mir es eigentlich selbst Dank wissen, daß ich mich zur List herabgelassen habe, ihre Bedenklichkeiten zu überwinden, ohne ihre Tugend, die ihr so heilig ist, scheinbar zu verwunden. Ich mache mir keine Vorwürfe mehr! Sie wird ihr Glück in dem meinigen finden. –[136]

Quelle:
Charlotte von Ahlefeld: Marie Müller. Schleswig 21814, S. 126-137.
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