Siebentes Kapitel.

Ein böser Rath.

»Ein Stündlein noch, Gestrenge, dann wacht er auf,« sprach der Knecht Casper, der an seines Herrn Thür Wache hielt und wenig Umstände machte vor der Edelfrau, welche,[66] schien es, ohne den Wächter wohl Lust gehabt hätte, ein wenig aufzuklinken und hineinzuschauen. Er aber saß auf einer Bank, die er vor die Thür geschoben, den Rücken gegen diese gelehnt, eine Stellung, in der er auch dann und wann die Augen zugedrückt haben mochte. Ein treuer Knecht dient seinem Herrn auch wenn er für ihn schläft. Jetzt aber schnitt er Scheiben umschichtig von einer großen Rübe, einem Käse und einem Haferbrod zum Abendimbiß.

»Casper, ich höre ihn schnarchen.«

»Thut nichts. Vorhin grunzte er, drei Mal stöhnte er und dann hat er geflucht. Das geht immer voraus.«

»Aber er hat sich gewiß auf die andere Seite gelegt. Dann schläft er nur immer fester ein.«

»Wenn er erst zum lauten Fluchen kam, dann flucht's in ihm fort, und dann wacht er auf.«

»Das ist ein Mal –«

»Allemal, Gestrenge, wie die alte Wanduhr. Erst knickt sie, brummt, schnarrt, dann nach einer Weile schlägt sie.«

»Es ist ein vornehmer Herr, Casper!«

»Weck meinen darum nicht auf.«

»Des Markgrafen Freund!«

»Und wenn alle Markgrafen in eigener Person kämen.«

»Casper, Du bist ein guter und treuer Knecht, aber Du weißt nicht, was es gilt. Ich muß dabei sein, wenn er aufwacht.«

»Kann mir wohl denken warum. Ich habe nichts mit der Wäsche zu thun.«

»Casper, ich bin Deine Frau, wollte sagen Deines Herrn Frau. Du wirst doch nicht –«

»Plaudern werd' ich nicht, was mich nichts angeht, und wenn er's merkt, nun da mag jeder sorgen, den's trifft, aber –«

»Meinst Du, ob er poltern wird, oder –«

»I nu, Gestrenge, das kommt darauf an. Trank er zuletzt süßen, dann geht's; aber Landwein, dann ist's schlimmer, besonders von dem dicken aus Stettin. Wenn das Gewürz im Blut zurückschlägt! Recken und strecken muß er sich allemal ein Bischen, und da muß ihm Keiner in den Wurf kommen, der es nicht versteht. Ich fühl's immer gleich am ersten Schlag, ob er nur verdrießlich ist oder ein Gewitter losgeht. Das ist nun meine Sache allein, gestrenge Frau und dabei thun Weiber niemals gut.«

Unten schien es zu gewittern, ein Schlag oder Klang war's, der die Aufmerksamkeit der Hausfrau in Anspruch nahm. Während[67] Casper wieder unbekümmert an seinen Käse und Rettig ging, hatte sie sich über das Treppengeländer gelehnt.

Der Dechant kam herauf, etwas geröthet im Gesichte, schneller als seine Art war. Das Zusammentreffen mit der Edelfrau schien ihm nicht ganz angenehm; die eine Hand fuhr schnell unter sein Habit.

»Ihr habt wieder gespielt!«

Der Geistliche zuckte die Achseln.

»Und gewonnen?«

»Kann ich dafür!«

»Die toben nun.«

»Laßt die Heiden toben, ich that's ja nur aus Gefälligkeit.«

»Das ist 'ne Aufführung, das ist 'ne Wirtschaft! Und ein Geistlicher dazu! Was soll das Gesinde dazu sagen! Im Freien, nun ja zum Zeitvertreib, im Lager, da hab' ich ein Auge zugedrückt. Aber Ihr wißt, daß ich im Schlosse ein für alle Mal –«

»In Ihrem Schlosse sollen doch meiner gütigen Wirthin edle Gäste nicht über Langeweile klagen. Die Frau war fort, der Herr kam nicht, verwundert sich da meine Frau von Bredow, daß der Gast sich selbst nach einer Unterhaltung umsah. Billigen, was er that, ei behüte, daß mir das in den Sinn käme, aber er ist den Leidenschaften unterworfen, gleich uns allen. Ich für meine Person hätte auf einen Dank gerechnet, nicht auf einen zornigen Blick, noch weniger –«

»Ich darauf, daß mein Beichtvater meine Gäste ausziehen sollte.«

»Ausziehen! Ei, was ein harter Ausdruck aus so freundlichem Munde! Ist der ein Räuber, der wider Willen annimmt, was man ihm aufdringt? Ich sehe auch darin –«

»Nur nicht wieder einen Fingerzeig. Den lieben Gott laßt mir beim Spiele aus dem Spiel. Das sage ich Euch. Gebt dem Teufel, was des Teufels; Ihr werdet Euch schon mit ihm vertragen. Aber macht 'nen Knoten in Eure glatte Zunge, wenn Ihr krumm gerade reden wollt. Denen ist's schon recht, i ja, auch dem Herrn von Lindenberg, Satan steckt auch in ihm, wenn er sein glatt Kleid verrückt; wär's nur nicht bei uns geschehen. Aber –«

Dem Dechanten war es gelungen, seine Hand frei zu machen; vermutlich war der Beutel, der dem Herrn von Lindenberg vorhin gehört, in seine Tasche sacht geglitten. Er hob seinen Arm.[68]

»Frau von Bredow spricht nur meine Gedanken aus. Es nimmt's, ich sage nicht der Herr, aber das launische Glück denen oft, was sie nicht zu nutzen verstehen, um es denen zu geben, die einen besseren Gebrauch davon zu machen wissen. Als ich so wider meinen Willen an das böse Brett gerissen ward, dacht ich im Stillen, wie das Altartuch in unserem Chor wohl eine neue Verbrämung verdient. Wenn nun von dem sündigen Golde durch den Zufall, sei es mir erlaubt, so zu sprechen, in dDeine Hände fiele, ei Du könntest schöne Goldfranzen dafür in Magdeburg einlösen, das dachte ich. Ich sage nicht, daß das eine Eingebung war, behüte mich vor jeder Lästerung, aber es ist doch sonderbar, daß immer, wenn ich an die Franzen dachte, der Wurf mir gelang.«

»Glückliche Reise, ehrwürdiger Herr. Seht Euch nur in Magdeburg vor, das die Franzen echt sind. Kaufleute und Goldsticker betrügen gern.«

»Ich habe seitdem anders gedacht. Das Jungfrauenkloster unserer lieben Frauen bei Spandow ist schlecht ausgestattet. Wenn wir unser liebes Fräulein Agnes dahin brächten, und zu Ehren der heiligen Agnes einen Altar stifteten, würde das ein gefälliger Dienst sein, sowohl für die Heilige, da wir eine gnädige Fürsprecherin im Himmel gewönnen, als auch für die Familie. Die Arnims, die Bardeleben, die Jagows, auch die Kerkows haben da großen Einfluß, die Bredows zur Zeit nur geringen. Und Eure Vettern in Friesack rühren sich für uns, wie Ihr am besten wißt, nicht viel. Ein kleiner, mäßiger Altar nur; ich habe es so überschlagen, Silberstickerei, ein Crucifix von Messing, die heilige Agnes kann ein Maler conterfein, der bei uns im Schuldthurm sitzt; der arme Schlucker ist mit wenigem zufrieden. Es sind ja überall schlimme Zeiten. Aber meine gnädige Frau giebt mir zu, wenn wir unsere Agnes mal als Aebtissin sehen wollen, müssen wir etwas thun.«

Die Hausfrau hob die Hände und zeigte ihre zehn Fingern dem Dechanten:

»Nun ist's genug. Ich soll theilen das sündige Spielgeld, damit ich schweige! Mein Kind soll ich ausstatten damit! Die heilige Agnes mag nehmen, was sie verantworten kann, denn sie ist eine Heilige und weiß es besser als ich; aber meine Agnes soll Aebtissin werden durch Deinen Würfelraub! Und wenn sie dienende Magd ihr Lebtag bliebe, sie soll lieber Pförtnerin, Küchenschwester, Scheuermagd bleiben, als durch das Teufelsgeld Aebtissin. Herr Dechant, wenn Ihr nicht mein Beichtvater[69] wäret und wir alte Freunde! So spricht die Schlange. Mir das! Seht Euch ja nicht um, mäuschenstill; er steht hinter Euch der Verführer, riesengroß. Der Menschenfeind spricht aus Euren Lippen und Ihr wißt es vielleicht selber nicht. 'S ist doch ein Jammer, daß der Verderber selbst Macht hat über die Geweihten des Herrn. Wo soll denn ein sündiges Menschenkind sich Trostes holen.«

»Bleibt still stehen,« rief sie ihm nach, als er ihr folgen wollte. »Für die Nacht graut mich vor Euch. Morgen früh – nun morgen früh ist ein anderer Tag; wir haben's vielleicht beide vergessen und halten's für einen Traum. Das wäre das Beste.«

Zur ebenen Erde sah es derweil wüst aus. Der Becher, den der Gast dem Dechanten nach dem letzten Wurfe an den Kopf geworfen, rollte noch auf der Diele. Die Würfel lagen zerstreut, und Keiner schien Lust zu haben, sie aufzulangen. Der Herr von Lindenberg aber ging, wie sehr erhitzt, im Zimmer auf und ab, bis er sich auf den Lehnstuhl des alten Götze warf. Den gespornten Fuß legte er auf die Bank und stützte den Kopf auf den Ellenbogen. Peter Melchior saß am Tisch in ähnlicher Stellung; die beiden Junker, Hans Jürgen und Hans Jochem standen an der Wand.

»Ich hab's gesagt, hütet Euch vor dem Pfaffen«, sprach Peter Melchior. »Was in des Pfaffen Sack kommt, ist verloren. Jeden anderen kann man kitzeln, aber die todte Hand giebt nichts wieder raus.«

»Eine verfluchte Geschichte!« brummte der Gast. »Wieder haben muß ich's. Seine kurfürstlichen Gnaden gab mir auf der Jagd ihren Beutel, um bei der Rückkehr die Almosen auszuwerfen.«

»Die Glatzen sind auch arme Leute!« sagte höhnisch der Andere.

»Daß der alte Götz grad' heut schlafen muß.«

Peter Melchior lachte: »Sein Korn ist noch nicht verkauft.«

»Mein's schon auf dem Halm, und das Geld zum Schornstein hinaus«, fiel der Gast ein. »Ist hier Keiner in der Nähe? Der Stechow hat nichts, der Holzendorf auch nicht; der Arnim giebt nichts raus. Ist kein Jude herum? Nur bis Morgen, bis Uebermorgen soll's, der Kurfürst ist darin ängstlich wie eine alte Jungfer um ihren Ruf.«

Es fand sich kein Jude, kein reicher Mann.

»Blitz!« rief der Junker Peter Melchior. »Der Krämer Hedderich! Hätten wir den nicht gehen lassen. Der könnte die Ehre[70] haben für einen Edelmann ein Paar Tropfen zu lassen. Und der Mann ist's werth. Als ich so ein bischen in die Kisten und Kasten hineinfühlte, klimperte eine sehr verdächtig.«

Der Herr von Lindenberg spitzte die Ohren und fragte weiter, etwa wie ein Mauthbeamter, welcher einem Schleichhändler auf der Spur ist, der ihm zum Schabernack die Grenze passirt hat. Auch die beiden Junker wurden in's Gespräch gezogen und wie Zeugen vernommen.

»Hedderich!« Der Gast strich sich über die Stirn. »Den Henker auch, wer kann alle Namen behalten. Wo zog er des Weges.«

»Sprach, daß er wollte nach Kölln an der Spree.«

»Was wollte er in Kölln?«

»Däucht mich,« sagte Hans Jochem, »wenn ich recht gehört, eine Restzahlung im Schlosse eincassiren.«

»Waren Grauschimmel vor seinem Karren?«

Die andern bejahten es.

»'S ist richtig!« sprach der Herr von Lindenberg, sich auf die Lenden schlagend. »Dacht ich mir's doch gleich. So pfiffig sind die Spitzbuben. Wißt, der Kerl, der zerloddert aussieht, wie ein Lazarus aus dem Pracherland, unter seinen Lumpen und Bändern für Bauerndirnen und Stallmägde, führt Wollenzeuge, wie man sie zu Land nicht sieht. Aus Böhmen und Wien her kriegt er sie von den Türken, gewebte, bunte Tücher aus Indien und Schmarkand. Die führt er an den Höfen umher; Fürsten nur können so was kaufen. In Saarmund am Zoll trafen wir auf ihn. Hatte da auspacken müssen, Seine Gnaden sah es, und kaufte ein gut Stück von den Decken und Tüchern für seine Verlobung, und, wie er ist, zahlt er sogleich den halben Kaufschilling; o es waren an die zwanzig Mark, die der Kerl einsteckte. Den Rest sollte er sich im Schloß zu Kölln holen. Ewald Köckeritz und die drei Lüderitze fragten ihn, wann er nach Berlin käme sich das Geld zu holen! Solches Volk riecht aber gleich Lunte, und er band ihnen ein Mährlein auf, daß er über Ziesar nach Magdeburg wolle unterm Geleit des Erzbischofs. Dann glaube ich über Havelberg nach Stettin und auf dem Rückwege erst nach Kölln. Trau Du dem Pack! Das ist uns nun verloren.«

»Die Lüderitz und der Ewald treibens auch zu dreist,« fiel Peter Melchior ein. »Ihr wißt ja wie die Krämer beten:


Behüte uns, lieber Herre Gott,

Vor Köckeritze, Lüderitze,

Vor Krachte und vor Itzenblitze!«[71]


Der Gast warf ihm einen Blick zu: »Zügle Deine Zunge, auch die Wände haben Ohren.«

Aber Peter Melchior sah die Jungen an: »Duldet Ihr das! Ihr seid adlig Blut.«

»Wer zweifelt daran!« sprach der Fremde, und reichte Hans Jürgen die Hand, »aber man kann nicht vorsichtig genug sein.«

»Er ist ja nicht sein Vater, Hans Cicero, der die Weisheit mit Löffeln fraß, und uns den Schmachtriemen um den Bauch schnallte.«

»Wißt Ihr's, was er wird!« sprach ernst der Gast und winkte ihnen, sich ihm näher zu setzen. Das Gespräch ward leiser fortgeführt.

»Ihr seid junge Leute,« sprach er zu Hans Jürgen und Jochem, »aber vor Euch steht ein schlimmes, trübes Leben, wenn – wenn es nicht besser wird.«

»Ein klein Vergnügen fällt doch wohl ab, dann und wann«, lächelte Peter Melchior.

»Nicht, wenn Ihr's so anfangt wie jetzt, nicht wenn Ihr nicht klüger werdet. Ich sag's Euch, die Mark wird werden ein Hundestall nicht für den Adel, die Edelleute sind die Hunde d'rin. Die Fürsten, die Pfaffen, die Gelehrten, Himmel und Hölle, ich glaube gar das Bürgerpack wird das Regiment führen und die Peitsche.«

»'S klingt sonderbar, wenn der Herr von Lindenberg so spricht, unseres Kurfürsten Liebling und Rath.«

»Ich bin ein Edelmann, ein Ritter, meine Freiheit ist mir lieber als Alles« – er schlug sich an die Brust – »weiß Gott, dafür wach' ich, denk' ich, träum' ich, aber mit Holzblöcken verkehren müssen! Diese Köckeritze, Itzenblitze, Krachte, statt zu helfen verderben sie's. So richtet man's nicht aus, so arbeitet man nicht für die Zukunft. Es ist so viel verdorben, seit der Segen aus Nürnberg in's Land geschneit kam, hundert Jahre haben sie an unseren Rechten gefeilt und gebohrt, unsere Vesten sind gefallen, der Block und die Verließe haben unsere Wackersten hingerafft, und nun meinen die Dummköpfe, weil er ein Knabe ist, könnten sie ihm auf der Nase herumspielen. Mit solchen einfältigen Neckereien, solchen Strauchdiebereien ist's nicht gethan. Mit 'nem Laternenpfahl gebt Ihr ihm einen Wink, und glaubt mir nur, er ist nicht auf den Kopf gefallen; er versteht ihn.«

Aber der Junker Peter Melchior schien den Redner nicht[72] zu verstehen. »Sie werden ihn schon allgemach lehren, daß die Straßen von Alters unser sind.«

»Auf die Art gewiß nicht. Ihrer Zeit thaten die Putlitz, die Quitzow, die Bredow, meinethalben Alle, thaten was sie konnten, und es mag nicht ihre Schuld sein, daß wir keinen zweiten Kremmer Damm hatten. Wir aber zerfielen in uns, wir hielten nicht zu einander. Seht in Schwaben, in Franken, am Rhein, dort waren sie klüger, sie thaten sich zusammen in Bündnisse, in Orden. Es ist eine Masse von Männern, Rittern, Burgen, an denen die Fürsten ihre Zähne probiren können, und mancher brach schon dabei.«

»Wir haben keine Berge und Felsen, unsere Burgen stehen in Sand und Sumpf.«

»Darum hätten wir – Doch das Gethane läßt sich nicht ändern. Jener erste stolze Friedrich, jener andere mit den eisernen Zähnen, auch Albrecht, der nur als Landvoigt zu uns kam, uns seine Achillesfersen fühlen zu lassen, haben es nicht gethan. Die betrachteten uns noch als ein fremdes Land, das sie zügelten und preßten. Wenn ihnen nicht mehr heimisch drin war, zogen sie in ihre fränkischen Berge; dann athmeten unsere Väter wieder auf, sie blieben frei. Aber der bleiche, Johannes, den die Gelehrten Cicero schalten, hat uns die Daumschrauben angelegt. Er blieb kein Franke, er ward ein Märker, er lernte unsere Schwächen kennen und das machte ihn fest.«

»Die fünfzehn Schlösser, die er schon als Kurprinz brach! Es war eine schlimme Zeit, Herr von Lindenberg.«

»Und sie wird noch schlimmer werden unter seinem Sohne. Ihr denkt, er ist ein Knabe, aber ich sage Euch, in einem Jahre kann er ein Mann sein. Ihr denkt, er spielt mit Büchern, aber seine Gedanken fliegen weit bis in's Blaue. Wenn wir nicht zusammen stehen, wenn wir nicht die Klugheit aus den Grüften beschwören, wenn wir nicht schlau sind wie die Schlangen, so ist's um uns geschehen. Seine Vorfahren ließen Ritter und Familien kommen aus Franken und dem Reiche. Unsere Väter zwickten sie wieder fort, oder sie wurden durch Heirathen eines Blutes mit uns. Er aber citirt nicht Menschen von Fleisch und Blut, er citirt Geister, Gespenster. Wer jagt die aus dem Lande. Einbürgern möchte er die ganze lateinische Weisheit von tausend Jahren, Gelehrte, Pfaffen, die Kirche, eine Universität gar! Es ist gar nichts, was gewesen ist und anderswo ist, was er nicht aufstellen möchte und probiren. Gesetzbücher sollen gemacht werden, deutsch und lateinisch, Collegien eingerichtet,[73] zum Regieren, zum Besteuern, zur Oberaufsicht, unsere Sitten sollen verfeinert werden. Ein Spinngewebe von feinen Drahtfäden möchte er übers Land, ziehen, daß kein Huhn weiter aufflattern kann, als er will.«

»Herr von Lindenberg,« sagte Peter Melchior, »ich glaube, Ihr selbst seht Gespenster. Wie alt ist er denn?«

»Ihr mögt recht haben. Aber der Kopf wird mir bisweilen warm, wenn ich ihn so schwatzen höre, und der Dunst aus dem Griechischen und Lateinischen mir wie ein Alp auf die Brust fällt. Da sehe ich denn nur trüb vor mir. Denn dies Nürnberger Burggrafenblut, das alles besser wissen will, alles besser einrichten, klüger sein, frommer, es sprudelt und spukt in einem wie in dem andern.«

»Auf den Landtagen muß er's doch manchmal hören!«

»Hört er darauf? Das ist eitel Geschwätz. Wenn wir uns helfen wollen, müssen wir's anders anfangen.«

»Daß das Land uns gehört, beweis es ihm Einer.«

»Wer zu viel auf ein Mal will, erreicht nichts. Ich tadle nicht die Köckeritze, die Lüderitze, keinen von ihnen allen, aber sie schlagen zu plump und grob darauf. Warum auf der Straße liegen und den ersten besten werfen? Das giebt immer Geschrei und böses Blut. Preßt doch ein wenig Euer Hirn, schlagt Eure alten Pergamente nach, Verträge, Urkunden, Schenkungen, Gewohnheiten. Darauf trotzt! Mit Art und Manier zugegriffen, daß sie Euch nicht Strauchdiebe und Wegelagerer schelten dürfen. Himmel und Hölle, hast Du nicht ein Recht, oder wenn Du nicht, hatten's Deine Väter nicht, haben sie's nicht ein Mal geübt, daß der Krämer dort seine Waaren auslud, daß er in jenem Kruge trinken mußte, daß der Schiffer dort anlegte, daß die Wallfahrter da singen mußten. Strengtet Ihr Alle, strengten wir Alle unseren Grips an, da kämen Rechte zusammen wie Sand am Meere, und zweifelt Ihr dran, daß sie übertreten werden? Da zugeschlagen, da Euch in Besitz gesetzt, und wenn die Kerle schreien, wir wieder! Wenn der ganze Adel zugleich den Mund aufthäte, was müßte das für ein Geschrei geben. Wenn Ihr klug wärt, nähmt Ihr Pfaffen, Gelehrte dazu – es giebt überall solche Gesellen von der Feder, die Euch für eine Bratwurst aus dem verräucherten Pergament beweisen, was Ihr bewiesen haben wollt. Da denn gepocht, ihm das Gewissen heiß gemacht. Solche verräucherte Scharteken mit alten Satzungen und Gerechtigkeiten sind ihm ein Spielzeug: er dünkt sich was darauf, sie zu schützen und zu bewahren. Das Eisen geschmiedet,[74] so lange es warm ist. Hier hilft uns seine Jugend. Er muß nicht zur Ruhe kommen vor lauter Klagen und Beschwerden. Er muß so eingeheizt werden, daß er nicht aus und ein weis, daß er links und rechts ausschlägt. In der Wuth schlägt man falsch; das giebt uns immer neue Waffen. Am Ende verwirrt, gescholten, mißverstanden, läßt er Alles gehen, wie es ist, und mehr brauchen wir nicht. Dann ist das Regiment wieder in unseren Händen, wie es sein müßte von Gott und Rechtswegen in der Mark Brandenburg.«

Der Herr von Lindenberg war aufgestanden, und that einen vollen Zug aus der Kanne. Peter Melchior kraute sich im Kopf und schiene schlau nach dem Redner und den beiden andern.

»Donnerwetter!« schmunzelte seine Zunge, als schwelgte seine Einbildungskraft in Zuständen, die nur in der Märchenwelt Wahrheit sind.

»Ach Ihr seid alle zu träg«, fuhr der Redner fort. »Ihr schickt Euch nicht in die Zeit, Ihr lernt nichts von der Zeit. Wozu hat Euch Gott ein Maul gegeben, daß Ihr Andere klagen laßt! Wo soll er Respect bekommen vor dem Adel. Ich allein kann's nicht alles einfädeln, die Zunge wird mir trocken, der Rücken krumm und steif zugleich. Statt daß ich angreifen dürfte, wenn im Euch hinter mir habe, muß ich in einem fort Euch entschuldigen. Da geht dem besten Mann der Muth aus: und ein Höllendienst ist's, der Hofdienst, bei solchem! Wünschte, ich wäre auch, wie der Wilkin Lüderitz, verfehmt; da könnte ich mich ein Mal erholen.«

Es trat eine Pause ein.

»Schade!« sagte Peter Melchior.

»Was?«

»Ich meine den Hedderich! Es muß eine Lust sein, solch ein fettes Schwein in den Graben zu werfen.«

»Um diese Jungen thut's mir leid«, fuhr der Gast, auf- und abgehend, fort. »An uns Alten ist nichts mehr gelegen, wir nehmen unsere Schande mit in's Grab. Aber der Aufwuchs, was soll daraus werden! Wo sollen sie ihre Sporen verdienen? Tourniere kommen ab, Fehden giebt's nicht mehr, wenn man nicht für einen Fürsten, oder gegen die Türken seinen Leib zerhacken läßt. Absagen soll Keiner mehr dem Andern. Die goldene Zeit bricht an für die Feigheit; die Federfüchse werden Helden werden. Und das nennen sie Recht und Gerechtigkeit! Wo sollen die Jungen fühlen lernen, daß sie frei sind, daß[75] adlig Blut in ihren Adern fließt! Nicht mal 'nen Zeitvertreib gönnt man ihnen. – Wo zog der Hedderich hin?«

»Nach Brandenburg«, sprach rasch Hans Jochem. »Er hatte zween alte Gäule, die ziehen im Sande nicht schnell.«

»Hört das junge Füllen. Möchte durch den Stall brechen auf die Nachtweide,« lachte Peter Melchior.

»Was seht Ihr mich an?« fragte der Gast.

»Ich meinte nur, Herr von Lindenberg –«

»Pst! keinen Namen.«

»Probiren wir's? 'Nen Spaß. Nur daß die Jungen nicht aus der Art schlagen.«

Der Ritter blickte die Vettern an: »Sind die schon mal ausgeritten?«

Beide senkten die Köpfe.

Der Gast war an's Fenster getreten und hatte hinausgeschaut: »'S ist wie Maienluft.«

Peter Melchior hauchte in die Hand: »Gen Brandenburg? Ich weiß den Weg.«

Lindenberg hatte sich wieder in den Lehnsessel geworfen: »'S ist nicht meine Art, das hab' ich schon gesagt; aber weiß der Geier, es prickelt mir in den Fingern und saust in den Ohren.«

»Man muß sich solche Gelegenheiten nicht entgehen lassen, und Ihr bedürft einer Erholung, Herr von Lindenberg«, fiel der Andere ein. »Ist ja der Lumpenkerl noch nicht mal bestraft von wegen all dem Tand. Ich erzählte Euch doch! Und Hans Jochem hat er um ein Paar Hosen geschnellt und wer weiß, was noch dabei war. Unser Hans Jürgen, eine Schande war's, der mußte ihm die Pferde zäumen und die Ballen aufladen helfen. Pfui eines Bredows Sohn! Weiß auch gar nicht, was der Frau Brigitte einfiel.«

Wilkin von Lindenberg war rasch aufgestanden, und schüttelte sich wie einer in seiner Stahlrüstung:

»Na! 's ist ein Fastelabendspaß.«

»Ohne Lichter! Der Mond geht nach Mitternacht unter. Könnten ohne Kappen reiten; keine Katze erkennt uns in dem Duster. Aber wenn man 'nen guten Einfall beäugelt, springt er fort wie der Floh, den man zu lange zwischen den Fingern hielt.«

»Begleiten uns die jungen Herren?« fragte der Ritter.

»Das versteht sich! Frau Brigitte würde sie schön ansehen,[76] so sie Anstand nähmen. Stehen ihre Rosse schon gesattelt, daß sie Euch das Geleit geben:


›Weils im Wald duster ist‹.


Der Herr von Lindenberg schien indeß die Antwort des Junkers von Krauchwitz nicht für voll zu rechnen, noch ihn als Vormund für die jungen Leute gelten lassen. Er näherte sich ihnen mit halbhingehaltener Hand. Mit einem Sprunge schlug Hans Jochem ein. Seine Augen funkelten. Und Ihr?«

Hans Jürgen hatte auch schon die Hand erhoben, aber unwillkürlich blieb sie zurück, seine Augen schlugen nieder als sie den forschenden Blicken des vornehmen Gastes begegneten, und unwillkürlich entfuhr ihm der Name seiner Base Brigitte. Das laute Auflachen des Junker Peter Melchior hätte ihn weniger erschreckt, als der spöttische Zug um des Ritters Lippen.

»Base Brigitte darf's freilich nicht wissen,« lachte Peter Melchior fort.

»Noch Jemand sonst, weder jetzt noch künftig«, sprach der Ritter mit strengem Tone. »Aber das sind fromme und gute Bedenken des jungen Mannes. Unsere Wirthin sieht den Spaß wohl anders an als wir. Wer nicht Vater und Mutter hat, handelt klug und gut, wenn er den Willen seiner Pflegeeltern bei allen Schritten seines Lebens zu Rathe zieht. Das geht nun hier nicht an, also, mein Herr von Bredow, entbehren wir für diesmal das Vergnügen –«

»Blitz und Hagel«, fiel Peter Melchior ein, »will er ein Duckmäuser bleiben! Solche Gelegenheit sich entwischen zu lassen!«

»Meine Muhme bestimmte ihn vielleicht für's Kloster, oder zum Schreiberdienst in den Kanzeleien. Darum bitt ich mir's aus, scheltet den jungen Mann nicht. Eines schickt sich nicht für Alle!«

Wie sich da die beiden Vettern ansahen! Hans Jochem prustete auf, Hans Jürgen traten die Thränen in's Aug; und wie er sie fühlte, ward er glühroth. Es zitterte ihm in der Brust, daß er zuerst kein Wort vorbringen konnte. Dann brach's heraus:

»Ein Mönch werd' ich nicht, und ein Schreiber auch nicht, Herr von Lindenberg, und wenn's kosten soll, ich weiß nicht was, wenn Ihr's für recht haltet, und wenn Ihr mich werth haltet, ich bin meines Vaters Sohn. Nehmt mich doch mit, ich bitt Euch, daß ich's zeigen kann.«

»So hatt' ich's erwartet.« Der vornehme Ritter nahm[77] den Arm des jungen Menschen und klopfte ihm die Hand auf seiner Brust. Er sprach etwas leiser mit Peter Melchior, der sich darauf mit Hans Jochem entfernte. Beide waren nun allein.

»Lieber von Bredow, es freut mich, daß ich meines alten Freundes Sohn als einen so wackeren jungen Mann wiederfinde. Meint Ihr, daß ich im Ernst glaubte, Ihr wolltet Mönch werden oder Schreiber? Nehmt mir's nicht übel, daß ich Euch prüfte, so wenig ich es Euch verarge, daß Ihr vorerst Bedenken trugt. Das zeigt, daß Ihr über eine Sache nachdenkt, und das ist gut. Ihr seid noch jung, und in diesem Sumpfnest konntet Ihr nicht lernen, was in der Welt noth thut. Eure Base Brigitte ist ein wacker Weib, eine gute Hausfrau, Gott erhalte sie so lange meinem Vetter Götz; aber junge Edelleute zu erziehen, taugt sie nicht. Laßt mich dafür sorgen, wenn ich Euer erstes gutes Stück gesehen.«

Hans Jürgens Brust athmete auf.

»Nachdenken, eh man's unternimmt, ist gut, wie ich sagte. Doch wenn Aeltere für Euch denken, mögt Ihr Euch die Mühe sparen. Hans Jürgen hielt es vielleicht vorhin für nicht ganz recht. Mein lieber junger Freund, wenn alles recht in der Welt herginge, dann sähe es anders aus. Man hätte nicht gewagt, Euch zu befehlen, mein Pferd in den Stall zu führen, Ihr säßet zu Selbelang auf Eurem eigenen. So ist's nun in der Welt; es hat sich alles verrückt', und der Einzelne thut genug, wenn er, was an ihm ist, die Sachen wieder in die Richte schiebt. Was sind jene Krämer, die jetzt so viel Geschrei machen über Gewalttätigkeiten und Un recht? Betrüger! Auf unseren Straßen ziehen sie, über unsere Brücken fahren sie, ihre Pferde grasen in unseren Wäldern, und wir sollen sie nicht zur Rede darüber stellen, ihnen keinen Zoll, kein Geleitsgeld abfordern, was unsere Väter thaten? Geben sie uns Geschenke dafür, danken sie uns nur? Nein, sie ziehen dem Bauern, dem Edelmann das Fell vom Leibe, und man muß sie mit Sammethandschuhen anfassen, sonst machen sie Lärm. Das kann so nicht dauern! Alle Creatur krümmt sich und wehret sich; nur der Edelmann soll still schweigen und alles dulden. Der Bürger schließt sich in seine Mauern und läßt nur die Marktleute ein, die ihm gefallen und Abgaben zahlen. Der Fürst läßt sich steuern, Zins und Schoß, immer mehr, immer mehr. Der Pfaff nimmt den Decem, Opfer, Beichtschilling, und ist's ihm genug. Uns nur soll alles genügen. Das geht nicht an. Im Uebrigen, das ist heute nur ein Spaß. Wenn wir den Lumpenkerl[78] nicht ein bischen schütteln, thut's ein anderer, und ärger. Dem Galgen entgeht er doch nicht; er hat bei dem Schacher selbst Seine Kurfürstlichen Gnaden über's Ohr gehauen, und nach Berlin wagt er sich gar nicht mehr. Das war eitel Gerede von ihm, wie man's auch deutlich sieht, daß er sich von der großen Heerstraße mit seinem Raube durch die Wälder schlängelt. Wer ein gut Gewissen hat –«

Draußen ward es lebendig. Die Rosse wurden aus dem Stall gezogen.

»Unterwegs plaudern wir weiter, Herr von Bredow. Seht, da geht der Pfaff über die Gallerie in seine Schlafkammer. Der braucht heute nicht gewiegt zu werden. Lacht sich in's Fäustchen, wie er uns balbirt hat. Ihr denkt doch nicht, daß er sich daraus ein Gewissen macht? Vor seinem Heiligen wenn er kniet, hat er hundert Gründe, warum er's that. Mein Lieber, so thun's die Menschen Alle. Jeder wird balbirt, und balbirt die andern wieder. Der nur ist ein Thor, der nur hat unrecht, der es geschehen läßt und sich nicht hilft. Uebermorgen, Lieber, müßt Ihr mir den Gefallen thun und mich in Berlin besuchen. Mit Eurer Base laßt mich's abmachen. Ich will Euch dem Kurfürsten vorstellen. Er denkt eine Ritteracademie zu gründen, wo wackere junge Adlige in adliger Zucht und Sitte erzogen werden sollen.«

»Ich!« rief Hans Jürgen.

»Aber erst ein kleines Probestück!« Der Ritter klopfte ihm auf die Schultern.

Quelle:
Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow. Vaterländische Romane. Berlin 9[1881], Band 3, S. 66-79.
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