Paula

[99] Lieber Doktor D.


Darf ich Sie über Ihre neue junge Freundin, aber in Anbetracht Ihrer Kultur (Intelligenz und Geschmack) bereits ur-alte und seit eh und je, gleich von Ihrer Geburt an, also vor Ihrer »sexuellen Potenz« Ihnen vorherbestimmte und also fast schon »Gehabte« und längst geistig »in Besitz genommene« Freundin einiges Aufklärendes sagen?!

Sie ist die Anti-Hure!

Sie werden mir antworten, Sie hätten nichts dagegen, gegen diese schöne aber allerdings seltene, und ebenso merk-würdige Eigenschaft einer Frau.

Das ist nun eben nicht ganz richtig. Denn vergessen Sie nicht, daß dadurch dieser bekömmlichen Speise vielleicht auf die Dauer die dem Manne leider seit Jahrtausenden gewohnten Gewürze,[99] die angeblich »reizen«, fehlen: Kätzchenhaftigkeit, Koketterie, süße Borniertheit, stupider Eigensinn, Boshaftigkeit, grundlose Launenhaftigkeit, Angst sie an Andere zu verlieren, herzige Eitelkeit, Putzsucht, Genäschigkeit, falsche Geilheit, na, und wie alle diese Gewürze und Gewürzchen noch heißen mögen! Ich überlasse es ruhig Ihrer Kultur, die dauernde Wahl zu treffen!

Ich für meinen Teil bin zu sehr hygienisch-diätetisch veranlagt, um mich nicht für die anständige reinliche bekömmliche Kost ohne Gewürz sogleich zu entscheiden!


Ihr


9. Juni 1917

P.A.

Quelle:
Altenberg, Peter: Mein Lebensabend. Berlin 1–81919, S. 99-100.
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