Die Glocke.

[431] Des Abends in den schmalen Straßen der großen Stadt, wenn die Sonne unterging und die Wolken oben wie Gold zwischen den Schornsteinen glänzten, hörte häufig bald der eine, bald der andere einen sonderbaren Laut, wie den Klang einer Kirchenglocke,[432] aber man hörte es nur einen Augenblick, denn da war ein starkes Rasseln von Wagen und störendes Rufen. »Nun läutet die Abendglocke!« sagte man, »nun geht die Sonne unter!«

Die, welche außerhalb der Stadt waren, wo die Häuser weiter von einander entfernt standen, mit Gärten und kleinen Feldern dazwischen, die sahen den Abendhimmel noch prächtiger und hörten den Klang der Glocke weit stärker, es war, als käme der Ton von einer Kirche tief aus dem stillen, duftenden Walde, und die Leute blickten dorthin und wurden ganz andächtig.

Nun verstrich längere Zeit. Der eine sagte zum andern: »Ob wohl eine Kirche draußen im Walde ist? Die Glocke hat doch einen eigentümlich herrlichen Klang, wollen wir nicht hinaus und sie näher betrachten?« Die reichen Leute fuhren und die Armen gingen, aber der Weg wurde ihnen erstaunlich lang, und als sie zu einer Menge Weidenbäume kamen, die am Rande des Waldes wuchsen, da lagerten sie sich und blickten zu den langen Zweigen hinauf und glaubten, daß sie nun recht im Grünen seien. Der Bäcker kam hinaus und schlug sein Zelt auf, und dann kam noch einer, er hing eine Glocke gerade über seinem Zelte auf und zwar eine Glocke, die geteert war, um den Regen aushalten zu können, aber der Klöppel fehlte. Wenn dann die Leute wieder nach Hause gingen, sagten sie, daß es wunderschön gewesen sei. Drei Personen versicherten, daß sie in den Wald hineingegangen seien bis dahin, wo er ende, und sie hatten immer den sonderbaren Glockenklang gehört, aber es war ihnen dort gerade, als wenn er aus der Stadt komme. Der eine schrieb ein ganzes Lied davon und sagte, daß die Glocke wie die Stimme einer Mutter zu einem lieben, klugen Kinde klinge, keine Melodie sei herrlicher, als der Klang der Glocke.

Der Kaiser des Landes wurde auch aufmerksam darauf und versprach, daß der, welcher ausfindig machen könne, woher der Schall komme, den Titel eines »Weltglöckners« haben solle, und das selbst, wenn es auch keine Glocke sei.[433]

Nun gingen viele deswegen nach dem Walde, aber da war nur einer, der mit einer Art Erklärung zurückkehrte. Keiner war tief genug eingedrungen, und er ebenso wenig, aber er sagte doch, daß der Glockenton von einer sehr alten Eule in einem hohlen Baum her komme, das sei eine Weisheitseule, die ihren Kopf fortwährend gegen den Baum schlage; aber ob der Ton von ihrem Kopfe oder dem hohlen Stamme komme, das könne er noch nicht mit Bestimmtheit sagen, und dann wurde er als Weltglöckner angestellt, und schrieb jedes Jahr eine kleine Abhandlung über die Eule; man war darum eben so klug als vorher.

Nun war es gerade ein Einsegnungstag; der Prediger hatte schön und innig gesprochen, die Kinder waren sehr bewegt gewesen, es war ein wichtiger Tag für sie, sie wurden aus Kindern mit einemmal zu erwachsenen Menschen, die Kinderseele sollte nun gleichsam in eine verständigere Person hinüberfliegen. Es war der herrlichste Sonnenschein, die Kinder gingen aus der Stadt hinaus, und vom Walde erklang die große unbekannte Glocke ganz besonders stark. Sie bekamen sogleich Lust, dahin zu gelangen, und zwar bis auf drei; ein Mädchen wollte nach Hause gehen und ihr Ballkleid anziehen, denn es war gerade das Kleid und der Ball, welchen sie verdankte, das sie dieses Mal eingesegnet worden war, denn sonst wäre sie nicht mitgekommen; der zweite war ein armer Knabe, welcher Rock und Stiefeln vom Sohne des Wirtes geliehen hatte, und die mußte er zur bestimmten Zeit zurückliefern; der dritte sagte, daß er nie an einen fremden Ort gehe, wenn seine Eltern nicht dabei seien, daß er immer ein artiges Kind gewesen, und das wolle er auch bleiben, und darüber soll man sich nicht lustig machen! – Aber das thaten die andern dennoch.

Drei von ihnen gingen also nicht mit, die andern trabten davon. Die Sonne schien und die Vögel sangen, und die Kinder sangen mit und hielten einander bei den Händen. Aber bald ermüdeten zwei der Kleinsten, kehrten um und gingen[434] wieder zur Stadt; zwei kleine Mädchen setzten sich und banden Kränze, sie kamen auch nicht mit, und als die andern die Weidenbäume erreichten, wo der Bäcker war, da sagten sie: »Sieh, nun sind wir draußen, die Glocke existiert ja doch eigentlich nicht, sie ist nur etwas, was man sich einbildet!«

Da ertönte plötzlich tief im Walde die Glocke so schön und feierlich, daß vier oder fünf sich entschlossen, doch weiter in den Wald hineinzugehen. Der war dicht belaubt, es war außerordentlich beschwerlich vorzudringen, Waldlilien und Anemonen wuchsen fast allzuhoch, blühende Winden und Brombeerranken hingen in langen Guirlanden von Baum zu Baum, wo die Nachtigallen sangen und die Sonnenstrahlen spielten. O, das war herrlich, aber für die Mädchen war es kein gangbarer Weg, sie würden sich die Kleider zerrissen haben. Da lagen große Felsstücke mit Moos von allen Farben bewachsen, das frische Quellwasser quoll hervor und wunderbar tönte es gleich wie »Kluck, kluck!«

»Das ist wohl die Glocke!« sagte eines der Kinder, und legte sich nieder und horchte. »Das muß man ordentlich hören!« da blieb es und ließ die andern gehen.

Sie kamen zu einem Hause von Baumrinde und Zweigen; ein großer Baum mit wilden Äpfeln lehnte sich darüber hin, als wolle er seinen Segen über das Dach ausschütten, welches blühende Rosen trug; die langen Zweige lagen gerade um den Giebel hin und an diesem hing eine kleine Glocke. Sollte es diese sein, die man gehört hatte? Ja, darin stimmten alle überein, bis auf einen, der sagte, daß die Glocke zu klein und fein sei, als daß sie in solcher Entfernung gehört werden könne, wie sie sie gehört hatten, und daß es ganz andere Töne seien, die ein Menschenherz rühren. Der, welcher so sprach, war ein Königssohn, und da sagten die andern, er wolle immer klüger sein.

Dann ließen sie ihn allein gehen, und wie er ging, wurde seine Brust mehr und mehr von der Einsamkeit des Waldes[435] erfüllt; aber noch hörte er die kleine Glocke, über die sich die andern erfreuten und mitunter, wenn der Wind die Töne vom Bäcker herübertrug, konnte er auch hören, wie dort gesungen wurde. Aber die tiefen Glockenschläge tönten doch stärker, bald war es, als spielte eine Orgel dazu, der Schall kam von der linken Seite, auf der das Herz sitzt.

Nun rasselte es im Busche, und da stand ein Knabe vor dem Königssohn, ein Knabe in Holzschuhen und mit einer so kurzen Jacke, daß man sehen konnte, wie lange Handgelenke er hatte. Sie kannten einander, der Knabe war eben derjenige von den Knaben, der nicht hatte mitkommen können, weil er nach Hause mußte, um Rock und Stiefel an des Wirtes Sohn abzuliefern. Das hatte er gethan und war nun in Holzschuhen und den ärmlichen Kleidern allein davon gegangen, denn die Glocke klang so stark und tief; er mußte hinaus.

»Da können wir ja zusammen gehen!« sagte der Königssohn. Aber der arme Knabe mit den Holzschuhen war ganz verschämt, er zupfte an den kurzen Ärmeln der Jacke und sagte, er fürchte, er könne nicht so rasch mitkommen, überdies meinte er, daß die Glocke zur Rechten gesucht werden müsse, denn dieser Platz habe ja alles Große und Herrliche.

»Ja, dann begegnen wir uns gar nicht!« sagte der Königssohn, und nickte dem armen Knaben zu, der in den tiefsten, dichtesten Teil des Waldes hineinging, wo die Dornen seine ärmlichen Kleider entzwei, und Antlitz, Hände und Füße blutig rissen. Der Königssohn erhielt auch einige tüchtige Risse, aber die Sonne beschien doch seinen Weg, und er ist es, dem wir nun folgen, denn es war ein flinker Bursche.

»Die Glocke muß und will ich finden,« sagte er, »wenn ich auch bis zum Weltende gehen muß!«

Die häßlichen Affen saßen oben in den Bäumen und grinsten mit allen ihren Zähnen. »Wollen wir ihn prügeln?« sagten sie, »wollen wir ihn dreschen? Er ist ein Königssohn!«

Aber er ging unverdrossen tiefer und tiefer in den Wald,[436] wo die wunderbarsten Blumen wuchsen; da standen weiße Steinlilien mit blutroten Staubfäden, himmelblaue Tulpen, die im Winde funkelten, und Äpfelbäume, deren Äpfel ganz und gar wie große, glänzende Seifenblasen aussahen; wie mußten die Bäume im Sonnenlichte strahlen! Ringsum, um die schönsten, grünen Wiesen, wo Hirsch und Hindin im Grase spielten, wuchsen prächtige Eichen und Buchen, und war von einem der Bäume die Rinde gesprungen, so wuchsen Gras und lange Ranken in den Spalten; da waren auch große Waldstrecken mit stillen Landseen, worin weiße Schwäne schwammen und mit den Flügeln schlugen. Der Königssohn stand oft still und horchte, oft glaubte er, daß von einem dieser tiefen Seen die Glocke zu ihm herauf klinge, aber dann merkte er wohl, daß es nicht daher komme, sondern daß die Glocke noch tiefer im Walde ertöne.

Nun ging die Sonne unter, die Luft erglänzte rot wie Feuer, es wurde still im Walde, und er sank auf seine Kniee, sang seinen Abendpsalm und sagte: »Nie finde ich, was ich suche; nun geht die Sonne unter, nun kommt die Nacht, die finstere Nacht! Doch ein mal kann ich die Sonne vielleicht noch sehen, bevor sie ganz hinter der Erde versinkt. Ich will dort auf die Klippen hinaufsteigen, ihre Höhe erreicht die der höchsten Bäume!«

Und er ergriff nun Ranken und Wurzeln und kletterte an den nassen Steinen empor, wo die Wasserschlangen sich wanden, wo die Kröten ihn gleichsam anbellten; aber hinauf kam er, bevor die Sonne, von dieser Höhe gesehen, ganz untergegangen war. O, welche Pracht! Das Meer, das große, herrliche Meer, welches seine langen Wogen gegen die Küste wälzte, streckte sich vor ihm aus, und die Sonne stand wie ein großer, glänzender Altar da draußen, wo Meer und Himmel sich begegnen. Alles schmolz in glühenden Farben zusammen, der Wald sang und das Meer sang, und sein Herz sang mit, die ganze Natur war eine große Kirche, worin Bäume und schwebende[437] Wolken die Pfeiler, Blumen und Gras die gewebte Samtdecke, und der Himmel selbst die große Kuppel bildeten. Dort oben erloschen die roten Farben, indem die Sonne verschwand, aber Millionen Sterne wurden angezündet, da glänzten Millionen Diamantlampen, und der Königssohn breitete seine Arme gegen den Himmel, gegen den Wald und gegen das Meer aus, und da kam plötzlich, von dem rechten Seitenwege, der arme Knabe mit den kurzen Ärmeln und den Holzschuhen; er war ebenso zeitig angelangt, er war auf seinem Wege dahingekommen, und sie liefen einander entgegen und hielten sich bei den Händen in der großen Kirche der Natur und der Poesie, und über ihnen ertönte die unsichtbare, heilige Glocke, selige Geister umschwebten diese zu einem jubelnden Hallelujah!

Quelle:
Andersen, H[ans] C[hristian]: Sämmtliche Märchen. Leipzig 31[um 1900], S. 431-438.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Märchen
Märchen und Geschichten
Der Tannenbaum. Ein Märchen
Mutter Holunder und andere Märchen
Hans Christian Andersen Märchen: Bilder von Nikolaus Heidelbach. Sonderausgabe
Hans Christian Andersen:Sämtliche Märchen

Buchempfehlung

Pascal, Blaise

Gedanken über die Religion

Gedanken über die Religion

Als Blaise Pascal stirbt hinterlässt er rund 1000 ungeordnete Zettel, die er in den letzten Jahren vor seinem frühen Tode als Skizze für ein großes Werk zur Verteidigung des christlichen Glaubens angelegt hatte. In akribischer Feinarbeit wurde aus den nachgelassenen Fragmenten 1670 die sogenannte Port-Royal-Ausgabe, die 1710 erstmalig ins Deutsche übersetzt wurde. Diese Ausgabe folgt der Übersetzung von Karl Adolf Blech von 1840.

246 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon