Fünfzigste Rune.

[327] Marjatta, die schöne Jüngste,

Wuchs schon lange in dem Hause,

In dem Haus des hohen Vaters,

In der trauten Mutter Stube;

Sie verbraucht wohl fünf der Ketten,

Nutzte ab wohl sechs der Ringe

An den Schlüsseln ihres Vaters,

Die an ihrem Busen glänzten.


Sie verschliß der Schwelle Hälfte

Mit dem schimmernd schönen Saume,

Nutzte ab des Balkens Hälfte

Mit dem feinen seidnen Kopftuch,

Auch die Hälfte eines Pfostens

Mit des weichen Ärmels Mündung,

Und die Bretter auf dem Boden

Mit dem Absatz ihrer Schuhe.


Marjatta, die schöne Jüngste,

Dieses kleingewachsne Mädchen,

Pflegte lange ihre Keuschheit,

War stets schamhaft und bescheiden,

Nährte sich von schönen Fischen

Und von weicher Fichtenrinde,

Nie aß sie ein Ei der Henne,

Die des Hahns Mutwillen folgte,[328]

Aß auch niemals Fleisch des Schafes,

War es schon gepaart dem Widder.


Schickt die Mutter sie zum Melken,

Geht sie dennoch nicht zu melken,

Redet selber diese Worte:

Nicht wird eine solche Jungfrau

Je der Kühe Euter fassen,

Die die Stiere schon besprangen,

Nicht melkt sie, da von der Färse,

Von dem Kalbe keine Milch fließt.


Schickt der Vater sie zum Schlitten,

Will nicht in des Hengstes Schlitten,

Bringt der Bruder eine Stute,

Spricht die Jungfrau diese Worte:

Will nicht mit der Stute fahren,

Die dem Hengste untertan ist,

Fahre nicht, wenn mich nicht Füllen,

Monatalte mich nicht ziehen.


Marjatta, die schöne Jüngste,

Welche stets jungfräulich lebte,

Mädchenhaft den Kopf stets senkte,

Schöngelockt und rein und schamhaft,

Führt' die Herde auf die Weide,

Schritt zur Seite ihrer Lämmer.


Gehen auf dem Berg die Lämmer,

Auf des Hügels Spitz' die Schafe,

Schreitet auf der Flur die Jungfrau,

Hüpfet in dem Erlenhaine

Bei dem Ruf des goldnen Kuckucks,

Bei dem Sang des Silbervogels.


Marjatta, die schöne Jüngste,

Schauet hin und lauschet fleißig,[329]

Setzt sich auf die Beerenwiese,

An den Abhang hin des Berges,

Redet Worte solcher Weise,

Selber spricht sie diese Worte:

Rufe du, o goldner Kuckuck,

Singe du, o Silbervogel,

Trillre laut, du Zinnesbusen,

Sprich, du wundersame Beere,

Geh' ich lang noch unbehaubet,

Lange ich als Lämmerhirtin

Auf den weitgedehnten Fluren,

Auf des Haines breitem Boden:

Einen Sommer oder zwei noch,

Fünf der Sommer oder sechs noch,

Oder wohl gar zehn der Sommer,

Oder diesen kaum zu Ende?


Marjatta, die schöne Jüngste,

Lebte lange so als Hirtin;

Übel ist das Hirtenleben,

Und zumal für eine Jungfrau:

Schlangen kriechen in dem Grase,

Auf dem Boden schleicht die Eidechs'.


Doch nicht schlichen damals Schlangen,

Nicht die Eidechs' auf dem Boden,

Von dem Berge rief die Beere,

Von der Flur die Preiselbeere:

Komm, o Jungfrau, mich zu pflücken,

Mich, Rotwangige, zu lesen,

Mich, o Zinnbrust, auszureißen,

Kupfergurt, mich zu erwählen,

Ehe mich die Schnecke aufzehrt,

Eh' der schwarze Wurm mich einschlingt!

Hundert haben mich gesehen,[330]

Tausend haben hier gesessen,

Hundert Mädchen, tausend Weiber,

Kinder auch in großen Scharen,

Keiner hat mich je berühret,

Hat mich Arme je gepflücket.


Marjatta, die schöne Jüngste,

Ging ein wenig auf dem Wege,

Ging die Beere anzuschauen,

Ging die rote abzupflücken

Mit den schönen Fingerspitzen,

Mit den wunderfeinen Händen.


Sieht die Beere an dem Berge,

Auf der Flur die Preiselbeere;

Ist wie eine Preiselbeere

Anzusehn, und allzu hoch doch,

Um vom Boden, allzu niedrig,

Um vom Baum sie zu erreichen.


Nahm ein Stäbchen von der Heide,

Schlug die Beere drauf zu Boden;

Von dem Boden stieg die Beere

Hin auf ihre schönen Schuhe,

Von den schönen Schuhen stieg sie

Hin auf ihre keuschen Kniee,

Von den keuschen Knieen stieg sie

Auf den klaren Saum des Kleides.


Stieg dann zu des Gürtels Streifen,

Von dem Gürtel zu den Brüsten,

Von den Brüsten zu dem Kinne,

Von dem Kinne zu den Lippen,

Schlüpfet dann in ihren Mund ein,

Schaukelt sich auf ihrer Zunge,

Von der Zunge zu der Kehle,

Gleitet nieder in den Magen.[331]


Marjatta, die schöne Jüngste,

Schwoll davon und wurde schwanger,

Sie erlangte große Fülle,

Wurde überschwer am Leibe.


Fing an ungeschnürt zu gehen,

Ohne Gürtel sich zu kleiden,

Heimlich in der Badestube,

In dem finstern Raum zu weilen.


Immer dachte schon die Mutter,

Überlegte so die Alte:

Was geschah wohl mit Marjatta,

Was mit unserm lieben Hühnchen,

Daß sie ungeschnürt nun schreitet,

Ohne Gürtel stets sich kleidet,

In die Badstub' heimlich gehet,

In dem finstern Raume weilet?


Also redete ein Kindlein,

Sprach ein Kindlein diese Worte:

Das geschah mit der Marjatta,

Dieses Unheil mit der Armen:

Allzulang hat auf der Weide,

Bei der Herde sie geweilet.


Und es trug des Leibes Schwere,

Seine Fülle sie mit Schmerzen,

Sieben Monate, den achten,

Neun der Monde nacheinander,

Nach der Rechnung alter Weiber

Noch des zehnten Monats Hälfte.


In dem zehnten dieser Monde

Kam die Jungfrau sehr in Schmerzen,

Hart gestaltete ihr Leib sich,

Drückte sie mit großen Qualen.[332]


Bittet um ein Bad die Mutter:

Meine vielgeliebte Mutter!

Du gewähr' mir eine Stelle,

Einen warmen Raum bereit' mir,

Eine Freistatt schaff dem Mädchen,

Seine Wehen hinzutragen.


Spricht die Mutter diese Worte,

Gibt die Alte ihr zur Antwort:

Wehe dir, du Hiisi-Buhle!

Neben wem hast du gelegen,

War's der Unbeweibten einer

Oder der beweibten Helden?


Marjatta, die schöne Jüngste,

Gibt zur Antwort diese Worte:

Weder bei dem unbeweibten,

Noch auch beim beweibten Manne;

Ging zum beerenreichen Berge,

Ging die Preiselbeere pflücken,

Nahm, was ich für eine Beere

Hielt, und tat es auf die Zunge,

Rasch glitt es in meine Kehle,

Schlüpfte es in meinen Magen!

Davon schwoll ich, wurde schwanger,

Daher ward mir meine Fülle.


Bittet um ein Bad den Vater:

O mein vielgeliebter Vater!

Du gewähr' mir eine Stätte,

Einen warmen Raum bereit' mir,

Wo die Arme Ruhe finde,

Meine Pein gelindert werde.


Spricht der Vater diese Worte,

Gibt der Alte ihr zur Antwort:[333]

Gehe, Dirne, du von dannen,

Weich von hinnen, Feuerbuhle,

Zu dem Felsenhaus des Bären,

Zu des Brummers Steingemächern,

Kannst, du Dirne, dort gebären,

Dort, du Schlechte, niederkommen!


Marjatta, die schöne Jüngste,

Redet weise diese Worte:

Bin mit nichten eine Dirne,

Wahrlich keine Feuerbuhle,

Werde einen großen Helden,

Einen edlen Mann gebären,

Der den Mächt'gen wird gebieten

Und sogar dem Wäinämöinen.


In Bedrängnis war die Jungfrau,

Wohin sie die Schritte lenke

Und von wem ein Bad erbitte;

Redet Worte solcher Weise:

Piltti, du mein kleines Mädchen,

Du die beste meiner Mägde!

Bitte um ein Bad im Dorfe,

Such' ein Bad beim Sarabache,

Wo die Arme Ruhe finde,

Ihre Qual gelindert werde;

Gehe schnell und eil' behende,

Denn es ist gar bald vonnöten!


Piltti, dieses kleine Mädchen,

Redet Worte solcher Weise:

Wen soll um das Bad ich bitten,

Wen um Hilfe ich ersuchen?


Marjatta, die schöne Jüngste,

Redet selber diese Worte:[334]

Bitte um ein Bad den Ruotus

An dem Eingang von Sariola!


Piltti, dieses kleine Mädchen,

War gehorsam ihrem Worte,

Fertig stets auch ungebeten,

Rasch selbst ohne alle Mahnung,

Eilte fort dem Dampfe ähnlich,

Auf den Hof dem Rauch vergleichbar;

Hob den Saum mit ihren Armen,

Mit den Händen ihre Röcke,

Eilt' und lief mit raschem Schritte

Grade zu dem Haus des Ruotus;

Berge bebten, als sie hinschritt,

Hügel wankten, als sie eilte,

Zapfen sprangen auf der Heide,

Steine hüpften auf dem Sumpfe,

Kam zum Hause des Ruotus,

Trat hinein in seine Wohnung.


Aß und trank der garst'ge Ruotus

Grad im Hemd, nach Art der Großen,

Saß zu Häupten seines Tisches,

Angetan mit feinem Linnen.


Bei dem Mahl sprach Ruotus also,

Auf den Tisch gestützt, mit Barschheit:

Was hast, Schlechte, du zu sagen,

Woher kommst du, Wicht, gelaufen?


Piltti, dieses kleine Mädchen,

Redet Worte solcher Weise:

Komme, um ein Bad zu bitten,

Such' ein Bad beim Sarabache,

Daß die Arme Ruhe finde,

Hilfe der Bedrängten werde.[335]


Kommt das garst'ge Weib des Ruotus,

Stemmt die Hände an die Seiten,

Schreitet vorwärts auf der Diele,

Eilet auf des Bodens Mitte,

Forschet eifrig selber also,

Redet Worte solcher Weise:

Für wen willst das Bad du haben,

Für wen bittest du um Hilfe?


Spricht das kleine Mädchen Piltti:

Bitte darum für Marjatta.


Spricht das garst'ge Weib des Ruotus,

Redet selber diese Worte:

Frei ist hier kein Bad für Fremde,

Keine Badstub' in Sariola;

Bäder gibt's im Schwendenlande,

Einen Stall im Fichtenwalde,

Daß die Feuerbuhl' gebäre,

Dort die Dirne niederkomme;

Wenn das Pferd dort schnauft und atmet,

Könnet ihr im Dampfe baden!


Piltti, dieses kleine Mädchen,

Läuft zurück mit schnellen Schritten,

Eilt und rennt mit allen Kräften,

Redet, als sie angekommen:

Ist kein Bad im Dorf zu finden,

Keine Stub' am Sarabache;

Sprach das garst'ge Weib des Ruotus,

Redet Worte solcher Weise:

Frei ist hier kein Bad für Fremde,

Keine Badstub' in Sariola;

Bäder gibt's im Schwendenlande,

Einen Stall im Fichtenwalde,

Daß die Feuerbuhl' gebäre,[336]

Dort die Dirne niederkomme;

Wenn das Pferd dort schnauft und atmet,

Könnet ihr im Dampfe baden!

Solche Worte sprach die Böse,

Solches gab sie mir zur Antwort.


Marjatta, die zarte Jungfrau,

Fing darauf nun an zu weinen,

Redet selber diese Worte:

Werde jetzt wohl gehen müssen

Wie ein armer Tagelöhner,

Wie ein Knecht, den man gedungen,

Gehen zu dem Schwendenlande,

In den Fichtenwald zum Grasplatz.


Rafft die Kleider mit den Fingern,

Faßt den Rocksaum mit den Händen;

Nimmt in ihren Arm den Quast dann,

Einen weichen Blätterbesen,

Schreitet schnellen Schrittes vorwärts

In des Leibes argen Qualen

Zu dem Haus im Fichtenwalde,

Zu dem Stall am Tapioberge.


Redet Worte solcher Weise,

Läßt auf diese Art sich hören:

Komm, o Schöpfer, mir zur Hilfe,

Eil', Erbarmer, her zum Schutze

Bei dem mühevollen Werke,

In der gar zu schweren Stunde!

Lös' die Jungfrau von der Drangsal,

Von des Leibes Wehn das Mädchen,

Daß sie nicht in Schmerz vergehe,

Bei der Qual sie nicht ersterbe!


Als zum Ziele sie gekommen,

Spricht sie selber diese Worte:[337]

Atme nun, mein teures Rößlein,

Schnaufe nun, du starkes Füllen,

Badedampf hier zu verbreiten,

Bades Wärme mir zu senden,

Daß die Arme Ruhe finde,

Hilfe der Bedrängten werde!


Atmete das gute Rößlein,

Schnaufte da das starke Füllen

Hin zum schmerzgedrückten Leibe;

Wenn das Rößlein Atem holte,

War es wie der Badstub' Wärme,

Wie der Wassertropfen Sprühen.


Marjatta, die zarte Jungfrau,

Sie, das keusche kleine Mädchen,

Badete nun zur Genüge

Ihren Leib in dieser Wärme;

Bracht' zum Vorschein dann ein Söhnlein,

Legte das unschuld'ge Kindlein

Auf das Heu zur Seit' des Pferdes,

Auf des schönbemähnten Krippe.


Wusch darauf das kleine Söhnlein,

Wickelte es ein in Windeln;

Nahm den Knaben auf die Kniee,

Barg das Kind in ihrem Schoße.


So versteckt hielt sie ihr Söhnlein

Und erzog den Vielgeliebten,

Ihren lieben goldnen Apfel,

Ihr geliebtes Silberstöcklein,

Nährte es in ihren Armen,

Wendet' es auf ihren Händen.


Hielt den Sohn auf ihren Knieen,

Hielt das Kind in ihrem Schoße,[338]

Fing den Kopf an ihm zu bürsten,

Seine Haare durchzukämmen;

Von den Knien verschwand der Knabe,

Von dem Schoße ihr das Kindlein.


Marjatta, die zarte Jungfrau,

Kam alsdann in große Trübsal;

Macht sich auf das Kind zu suchen,

Sucht ihr liebes kleines Söhnlein,

Suchet ihren goldnen Apfel,

Sucht ihr liebes Silberstöcklein,

Sucht es unter einem Mühlstein,

Unter einer Schlittenkufe,

Unter einem großen Siebe,

Sucht es unter einem Tragkorb,

Rührt die Bäume, teilt die Kräuter

Und durchwühlt die weichen Gräser.


Lang sucht sie ihr liebes Söhnlein,

Sucht ihr Söhnlein, ihren Kleinen,

Auf den Hügeln, in den Hainen,

Auf dem weiten Heidelande,

Schaut auf jedes Heideblümchen,

Stochert jeden Strauch im Busch auf,

Gräbt an den Wacholderwurzeln,

Hebt die Zweige an den Bäumen.


Denkt nun weiter fortzugehen,

Machet eilig sich ans Wandern;

Kommt ein Sternlein ihr entgegen.

Sie verneigt sich vor dem Sterne:

Stern, den Jumala geschaffen!

Weißt du nichts von meinem Sohne,

Wo mein kleiner Sohn geblieben,

Wo mein goldner Apfel weilet?[339]


Gibt der Stern ihr diese Antwort:

Wüßt' ich's auch, würd' ich's nicht sagen;

Denn mich selber auch erschuf er,

Daß ich bei solch schlechten Tagen

In dem Frost muß ewig glänzen,

In den Finsternissen funkeln.


Denkt nun weiter fortzugehen,

Machet eilig sich ans Wandern;

Kommt der Mond ihr drauf entgegen.

Sie verneigt sich vor dem Monde:

Mond, den Jumala geschaffen!

Weißt du nichts von meinem Sohne,

Wo mein kleiner Sohn geblieben,

Wo mein goldner Apfel weilet?


Gibt der Mond ihr diese Antwort:

Wüßt' ich's auch, würd' ich's nicht sagen;

Denn mich selber auch erschuf er,

Daß ich bei solch schlechten Tagen

Einsam bei der Nacht muß wachen

Und den ganzen Tag lang schlafen.


Denkt nun weiter fortzugehen,

Machet eilig sich ans Wandern;

Kommt die Sonne ihr entgegen.

Sie verneigt sich vor der Sonne:

Sonne, Jumalas Geschöpf du!

Weißt du nichts von meinem Sohne,

Wo mein kleiner Sohn geblieben,

Wo mein goldner Apfel weilet?


Klüglich antwortet die Sonne:

Kenne wohl dein liebes Söhnlein;

Denn mich selber auch erschuf er,

Daß ich in den guten Tagen[340]

In dem Golde rauschend gehe,

In dem Silber schön erstrahle.


Kenne schon dein liebes Söhnlein,

Kenne, Arme, deinen Kleinen.

Dorten ist dein kleines Söhnlein,

Ist dein lieber, goldner Apfel,

Steckt im Sumpfe bis zum Gurte,

In der Heide bis zum Arme.


Marjatta, die zarte Jungfrau,

Sucht den Sohn nun in dem Sumpfe;

Findet ihren Sohn im Sumpfe,

Bringt von dort ihn fort nach Hause.


Darauf wuchs der Sohn Marjattas,

Wuchs der Knabe voller Schönheit;

Doch man konnt' ihn nicht benennen,

Keinen Namen trug der Knabe:

Blümlein nannte ihn die Mutter,

Fremde ihn den Müßiggänger.


Ward gesucht nun, wer ihn taufen,

Ihn besprengen könnt' mit Wasser,

Kam ein Alter, ihn zu taufen,

Wirokannas, ihn zu segnen.


Sprach der Alte diese Worte,

Redet selbst auf diese Weise:

Werde diesen Zaubervollen,

Werd' den Seltsamen nicht taufen,

Wird er nicht zuvor geprüfet,

Nicht geprüfet und gerichtet.


Wer wohl sollte ihn da prüfen,

Wer ihn prüfen, wer ihn richten?

Wäinämöinen alt und wahrhaft,

Dieser ew'ge Zaubersprecher,[341]

Kam den Knaben da zu prüfen,

Ihn zu prüfen und zu richten.


Wäinämöinen alt und wahrhaft

Fällte darauf dieses Urteil:

Da der Sohn vom Sumpf empfangen,

Von der Beere ist entstanden,

Soll man ihn zu Boden legen

Auf die beerenreiche Wiese,

Oder zu dem Sumpf ihn führen,

An dem Baum den Kopf zerschlagen!


Sprach das Vierzehntageknäblein,

Das zwei Wochen alte redet:

O du Alter ohne Einsicht,

Ohne Einsicht, ohne Tatkraft,

Töricht fälltest du das Urteil,

Legtest unrecht das Gesetz aus!

Wurdest nicht ob größrer Sünde,

Nicht ob törichterer Taten

Selber du zum Sumpf geführet,

Nicht am Baum dein Kopf zerschlagen,

Als du einst in jungen Jahren

Deiner Mutter Kind verschenkt hast,

Als ein Lösgeld für dein Leben,

Um dich selber zu befreien.


Wurdest damals nicht geführet

Und auch später nicht zum Sumpfe,

Als du einst in jungen Jahren

Junge Mädchen sinken ließest

In der Meeresfluten Tiefe,

Auf den schwarzen Schlamm des Bodens.


Tauft der Alte rasch den Knaben,

Segnet schnell das liebe Kindlein,[342]

Daß es König von Karjala,

Hüter aller Mächte werde.


Ward der alte Wäinämöinen

Drauf beschämt und sehr verdrießlich,

Machte sich dann auf zu gehen,

Wanderte zum Meeresstrande,

Und dort hob er an zu singen,

Sang zum allerletzten Male,

Sang ein Boot sich ganz aus Kupfer,

Einen erzbeschlagnen Nachen.


Setzte selbst sich an das Ende,

Zog von dannen auf dem Meere:

Also sprach er noch beim Scheiden,

Redete noch dies im Fahren:

Laß die liebe Zeit nur hingehn,

Tage gehn und Tage kommen,

Man wird meiner schon bedürfen,

Nach mir schauen, nach mir suchen,

Daß ich neu den Sampo schaffe,

Neu das Saitenspiel erbaue,

Neu den Mond zum Himmel führe,

Frei die neue Sonne mache,

Wenn nicht Mond noch Sonne scheinen

Und der Welt die Freud' entschwindet.


Fuhr der alte Wäinämöinen

Mit der Segel lautem Rauschen

Auf dem kupferreichen Boote,

Auf dem erzbeschlagnen Nachen,

Bis zum Orte, wo die Erde

Und der Himmel sich begegnen.


Blieb mit seinem Boot dort haften,

Mit dem Nachen dorten stehen,[343]

Doch zurück ließ er die Harfe,

Ließ das schöne Spiel in Suomi,

Seinem Volk ließ ew'ge Freude,

Großen Sang er seinen Kindern.


* * *


Werd' den Mund nun schließen müssen,

Meine Zunge fest nun binden,

Werde von dem Liede lassen,

Von dem muntern Sange abstehn;

Ruhen müssen selbst die Rosse,

Wenn sie lange sind gelaufen,

Auch der Sense Stahl wird stumpfer,

Wenn sie Sommergras gehauen,

Auch das Wasser sinket nieder,

Wenn es in dem Flusse strömet

Selbst das Feuer muß verlöschen,

Wenn es in der Nacht gelodert;

Warum sollt' der Sang nicht endlich,

Nicht das Lied zuletzt ermatten

Nach des Abends langer Freude,

Nach dem Untergang der Sonne?


Also hört' ich oftmals sagen,

Hört' ich oftmals wiederholen:

Selbst des Wasserfalles Strömung

Läßt nicht alles Wasser fließen;

Also wird der gute Sänger

Auch nicht alle Lieder singen;

Besser ist's die Weisheit sparen,

Als inmitten abzubrechen.


So verzichtend, so beendend,

So beschließend, so verlassend,

Wickle ich zum Knäul die Lieder,[344]

Roll' ich sie zu einem Bündel,

Tu' sie zu der Kammer Vorrat,

Wohlbewahrt vom Schloß aus Knochen,

Daß sie niemals dort entrinnen,

Nicht im Lauf der Zeit entkommen,

Ohne daß das Schloß man sprenget,

Daß die Knochen auf man tuet,

Daß die Zähne auf man sperret

Und die Zunge man beweget.


Was auch wär' es, wenn ich sänge,

Viele Lieder von mir gäbe,

Wenn in jedem Tal ich sänge,

Jeden Föhrenhain durchgirrte?

Nicht am Leben ist die Mutter,

Nicht die Alte wach hier oben,

Nicht mehr kann die Goldne hören,

Kann die Liebe es vernehmen;

Tannen sind es, die mich hören,

Fichtenzweige, die's erlernen,

Zärtlich neigen sich die Birken,

Mich umfangen Ebereschen.


Klein verließ mich meine Mutter,

Unerwachsen mich die Teure,

Wie die Lerche auf dem Felsen,

Wie ein Drosselchen auf Steinen,

Gleich der Lerche dort zu zwitschern,

Gleich der Drossel dort zu lärmen,

In der Obhut einer Fremden,

In stiefmütterlicher Pflege;

Diese trieb den armen Knaben,

Trieb das Kind ohn' alle Liebe

Nach der Windseite der Stube,

Nach der Nordseite des Hauses,[345]

Daß der Wind den Schutzentblößten,

Unbarmherzig mich entführte.


Fing als Lerche an zu ziehen,

Fing als Vöglein an zu wandern,

Still am Boden hinzuschreiten,

Mühvoll meinen Weg zu wandeln,

Lernte jeden Wind da kennen,

Jedes Brausen ich begreifen,

In dem Froste lernt' ich zittern,

In der Kälte lernt' ich klagen.


Gibt auch jetzt gar viele Menschen,

Oftmals Leute, welche zu mir

Mit gehäss'ger Stimme reden,

Mit gar barscher Stimme stechen;

Welche meiner Zunge fluchen,

Über meine Stimme schreien,

Die mein Summen tadeln wollen,

Die mein Singen lästig finden,

Sagen, daß ich übel singe

Und das Lied nicht richtig sage.


Mögt ihr nicht, o guten Leute,

Gar Verwundern drob verspüren,

Daß ich Kind so viel gesungen,

Daß ich Kleiner schlecht gezwitschert!

Bin in keiner Lehr' gewesen,

War nicht bei den mächt'gen Männern,

Hab' nicht fremde Wort' empfangen,

Keine Rede aus der Ferne.


Andre waren in der Lehre,

Ich nur konnte nicht von Hause,

Von der Seite meiner Mutter,

Aus der Nähe dieser einz'gen;[346]

Hatt' zu Hause meine Lehre,

Unterm Sparren unsres Speichers,

An der Spindel meiner Mutter,

An dem Schnitzspan meines Bruders,

Schon in meiner frühsten Jugend,

In dem ganz zerlumpten Hemde.


Doch wie dieses nun auch sein mag,

Zeigt' ich doch den Weg den Sängern,

Zeigt' den Weg und bog den Wipfel,

Brach die Zweige, bahnt' die Pfade;

Hier nun führt der Weg in Zukunft,

Hier eröffnet sich der Fußpfad

Für die kundigeren Sänger,

Für die reichern Runensprecher

In der Jugend, die emporsteigt,

In dem wachsenden Geschlechte.

Quelle:
Kalewala. 2 Bände, Berlin [o.J.], Band 2, S. 327-347.
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