Das Lied von Wafthrudnir.

[21] Odhin.

Rath Du mir nun, Frigg, da mich zu fahren lüstet

Zu Wafthrudnirs Wohnungen;

Denn groß ist mein Vorwitz über der Vorwelt Lehren

Mit dem allwißenden Joten zu streiten.


Frigg.

Daheim zu bleiben, Heervater, mahn ich dich

In der Asen Gehegen,

Da vom Stamm der Joten ich stärker keinen

Als Wafthrudnirn weiß.


Odhin.

Viel erfuhr ich, viel versucht ich,

Befrug der Wesen viel;

Nun will ich wißen wie's in Wafthrudnirs

Sälen beschaffen ist.


Frigg.

Heil denn fahre, heil denn kehre,

Heil dir auf deinen Wegen!

Dein Witz bewähre sich, da du, Weltenvater,

Mit Riesen Rede tauschest. –


Fuhr da Odhin zu erforschen die Weisheit

Des allklugen Joten.

Er kam zu der Halle, die Ims Vater hatte;

Eintrat Yggr alsbald.


[21] Odhin.

Heil dir, Wafthrudnir! In die Halle kam ich

Dich selber zu sehen.

Zuerst will ich wißen, ob du weise bist

Und ein allwißender Jote.


Wafthrudnir.

Wer ist der Mann, der in meinem Saal

Das Wort an mich wendet?

Aus kommst du nimmer aus unsern Hallen,

Wenn du nicht weiser bist.


Odhin.

Gangradr heiß ich, die Wege ging ich

Durstig zu deinem Saal.

Bin weit gewandert, des Wirths, o Riese,

Und deines Empfangs bedürftig.


Wafthrudnir.

Was hältst du und sprichst an der Hausflur, Gangradr?

Nimm dir Sitz im Saale:

So wird erkannt wer kundiger sei,

Der Gast oder der graue Redner.


Gangradr.

Kehrt Armut ein beim Ueberfluß,

Spreche sie gut oder schweige.

Uebeln Ausgang nimmt Uebergeschwätzigkeit

Bei mürrischem Manne.


Wafthrudnir.

Sage denn, so du von der Flur versuchen willst,

Gangradr, dein Glück,

Wie heißt der Hengst, der herzieht den Tag

Ueber der Menschen Menge?


Gangradr.

Skinfaxi heißt er, der den schimmernden Tag zieht

Ueber der Menschen Menge.

Für der Füllen bestes gilt es den Völkern,

Stäts glänzt die Mähne der Mähre.


[22] Wafthrudnir.

Sage denn, so du von der Flur versuchen willst,

Gangradr, dein Glück,

Den Namen des Rosses, das die Nacht bringt von Osten

Den waltenden Wesen?


Gangradr.

Hrimfaxi heißt es, das die Nacht herzieht

Den waltenden Wesen.

Mehlthau fällt ihm am Morgen vom Gebiß

Und füllt mit Thau die Thäler.


Wafthrudnir.

Sage denn, so du von der Flur versuchen willst,

Gangradr, dein Glück,

Wie heißt der Strom, der dem Stamm der Riesen

Den Grund theilt und den Göttern?


Gangradr.

Ifing heißt der Strom, der dem Stamm der Riesen

Den Grund theilt und den Göttern.

Durch alle Zeiten zieht er offen,

Nie wird Eis ihn engen.


Wafthrudnir.

Sage denn, so du von der Flur versuchen willst,

Gangradr, dein Glück,

Wie heißt das Feld, wo zum Kampf sich finden

Surtur und die selgen Götter?


Gangradr.

Wigrid heißt das Feld, da zum Kampf sich finden

Surtur und die selgen Götter.

Hundert Rasten zählt es rechts und links:

Solcher Walplatz wartet ihrer.


Wafthrudnir.

Klug bist du, Gast: geh zu den Riesenbänken

Und laß uns sitzend sprechen.

Das Haupt stehe hier in der Halle zur Wette,

Wandrer, um weise Worte.


[23] Gangradr.

Sage zum ersten, wenn Sinn dir ausreicht

Und du es weist, Wafthrudnir,

Erd und Ueberhimmel, von wannen zuerst sie

Kamen? kluger Jote!


Wafthrudnir.

Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen,

Aus dem Gebein die Berge,

Der Himmel aus der Hirnschale des eiskalten Hünen,

Aus seinem Schweiße die See.


Gangradr.

Sag mir zum andern, wenn der Sinn dir ausreicht

Und du es weist, Wafthrudnir,

Von wannen der Mond kommt, der über die Menschen fährt,

Und so die Sonne?


Wafthrudnir.

Mundilföri heißt des Mondes Vater

Und so der Sonne.

Sie halten täglich am Himmel die Runde

Und bezeichnen die Zeiten des Jahrs.


Gangradr.

Sag mir zum dritten, so du weise dünkst

Und du es weist, Wafthrudnir,

Wer hat den Tag gezeugt, der über die Völker zieht,

Und die Nacht mit dem Neumond?


Wafthrudnir.

Dellingr heißt des Tages Vater,

Die Nacht ist von Nörwi gezeugt.

Des Mondes Mindern und Schwinden schufen milde Wesen

Die Zeiten des Jahrs zu bezeichnen.


Gangradr.

Sag mir zum vierten, wenn dus erforscht hast

Und du es weist, Wafthrudnir,

Wannen der Winter kam und der warme Sommer

Zuerst den gütgen Göttern?


[24] Wafthrudnir.

Windswalir heißt des Winters Vater,

Und Swasudr des Sommers.

Durch alle Zeiten ziehn sie selbander

Bis die Götter vergehen.


Gangradr.

Sag mir zum fünften, wenn dus erforscht hast

Und du es weist, Wafthrudnir,

Wer von den Asen der erste, oder von Ymirs Geschlecht

Im Anfang aufwuchs?


Wafthrudnir.

Im Urbeginn der Zeiten vor der Erde Schöpfung

Ward Bergelmir geboren.

Drudgelmir war dessen Vater,

Oergelmir sein Ahn.


Gangradr.

Sag mir zum sechsten, wenn du sinnig dünkst

Und du es weist, Wafthrudnir,

Woher Oergelmir kam den Kindern der Riesen

Zuerst? allkluger Jote.


Wafthrudnir.

Aus den Eliwagar fuhren Eitertropfen

Und wuchsen bis ein Riese ward.

Dann stoben Funken aus der südlichen Welt

Und Lohe gab Leben dem Eis.


Gangradr.

Sag mir zum siebenten, wenn du sinnig dünkst

Und du es weist, Wafthrudnir,

Wie zeugte Kinder der kühne Jötun,

Da er der Gattin irre ging?


Wafthrudnir.

Unter des Reifriesen Arm wuchs, rühmt die Sage,

Dem Thursen Sohn und Tochter.

Fuß mit Fuß gewann dem furchtbaren Riesen

Sechsgehäupteten Sohn.


[25] Gangradr.

Sag mir zum achten, wenn man dich weise achtet,

Daß du es weist, Wafthrudnir,

Wes gedenkt dir zuerst, was weist du das älteste?

Du bist ein allkluger Jötun.


Wafthrudnir.

Im Urbeginn der Zeiten, vor der Erde Schöpfung

Ward Bergelmir geboren.

Des gedenk ich zuerst, daß der allkluge Jötun

Im Boot geborgen ward.


Gangradr.

Sag mir zum neunten, wenn man dich weise nennt

Und du es weist, Wafthrudnir,

Woher der Wind kommt, der über die Waßer fährt

Unsichtbar den Erdgebornen.


Wafthrudnir.

Hräswelg heißt der an Himmels Ende sitzt

In Adlerskleid ein Jötun.

Mit seinen Fittichen facht er den Wind

Ueber alle Völker.


Gangradr.

Sag mir zum zehnten, wenn der Götter Zeugung

Du weist, Wafthrudnir,

Wie kam Niördr aus Noatun

Unter die Asensöhne?

Höfen und Heiligtümern hundert gebietet er

Und ist nicht asischen Ursprungs.


Wafthrudnir.

In Wanaheim schufen ihn weise Mächte

Und gaben ihn Göttern zum Geisel.

Am Ende der Zeiten soll er aber kehren

Zu den weisen Wanen.


[26] Gangradr.

Sag mir zum eilften, wenn der Asen Geschicke

Du weist, Wafthrudnir,

In Heervaters Halle was die Helden schaffen

Bis die Götter vergehen?


Wafthrudnir.

Die Einherier alle in Odhins Saal

Streiten Tag für Tag;

Sie kiesen den Wal und reiten vom Kampf heim

Mit Asen Ael zu trinken,

Und Sährimnirs satt

Sitzen sie friedlich beisammen.


Gangradr.

Sag mir zum zwölften, wenn der Götter Zukunft

Du alle weist, Wafthrudnir,

Von der Joten und aller Asen Geheimnissen

Sag mir das Sicherste,

Allkluger Jötun.


Wafthrudnir.

Von der Joten und aller Asen Geheimnissen

Kann ich Sicheres sagen,

Denn alle durchwandert die Welten hab ich,

Neun Reiche bereist ich bis Nifelheim nieder;

Da fahren die Helden zu Hel.


Gangradr.

Viel erfuhr ich, viel versucht ich,

Befrug der Wesen viel.

Wer lebt und leibt noch, wenn der lang besungne

Schreckenswinter schwand?


Wafthrudnir.

Lif und Lifthrasir leben verborgen

In Hoddmimirs Holz.

Morgenthau ist all ihr Mal:

Von ihnen stammt ein neu Geschlecht.


[27] Gangradr.

Viel erfuhr ich, viel versucht ich,

Befrug der Wesen viel.

Wie kommt eine Sonne an den klaren Himmel,

Wenn diese Fenrir fraß?


Wafthrudnir.

Eine Tochter entstammt der stralenden Göttin

Eh der Wolf sie würgt:

Glänzend fährt nach der Götter Fall

Die Maid auf den Wegen der Mutter.


Gangradr.

Viel erfuhr ich, viel versucht ich,

Befrug der Wesen viel.

Wie heißen die Mädchen, die das Meer der Zeit

Vorwißend überfahren?


Wafthrudnir.

Drei über der Völker Vesten schweben

Mögthrasirs Mädchen,

Die einzigen Huldinnen der Erdenkinder,

Wenn auch bei Riesen auferzogen.


Gangradr.

Viel erfuhr ich, viel versucht ich,

Befrug der Wesen viel.

Wer waltet der Asen des Erbes der Götter,

Wenn Surturs Lohe losch?


Wafthrudnir.

Widar und Wali walten des Heiligtums,

Wenn Suturs Lohe losch.

Modi und Magni sollen Miölnir schwingen

Und zu Ende kämpfen den Krieg.


Gangradr.

Viel erfuhr ich, viel versucht ich,

Befrug der Wesen viel.

Was wird Odhins Ende werden,

Wenn die Götter vergehen?


[28] Wafthrudnir.

Der Wolf erwürgt den Vater der Welten:

Das wird Widar rächen.

Die kalten Kiefern wird er klüften

Im letzten Streit dem starken.


Gangradr.

Viel erfuhr ich, viel versucht ich,

Befrug der Wesen viel:

Was sagte Odhin ins Ohr dem Sohn

Eh er die Scheitern bestieg?


Wafthrudnir.

Nicht Einer weiß was in der Urzeit du

Sagtest dem Sohn ins Ohr.

Den Tod auf dem Munde meldet' ich Schicksalsworte

Von der Asen Ausgang.

Mit Odhin kämpft ich in klugen Reden:

Du wirst immer der Weiseste sein.

Quelle:
Die Edda. Stuttgart 1878, S. 21-29.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

L'Arronge, Adolph

Hasemann's Töchter. Volksstück in 4 Akten

Hasemann's Töchter. Volksstück in 4 Akten

Als leichte Unterhaltung verhohlene Gesellschaftskritik

78 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon