Odhins Rabenzauber.

[30] Allvater waltet, Alfen verstehen,

Wanen wißen, Nornen weisen,

Iwidie nährt, Menschen dulden,

Thursen erwarten, Walküren trachten.


Die Asen ahnten übles Verhängniss,

Verwirrt von widrigen Winken der Seherin.

Urda sollte Odhrörir bewachen,

Wenn sie wüste so großem Schaden zu wehren.


Auf hub sich Hugin den Himmel zu suchen;

Unheil fürchteten die Asen, verweil er.

Thrains Ausspruch ist schwerer Traum,

Dunkler Traum ist Dains Ausspruch.


Den Zwergen schwindet die Stärke. Die Himmel

Neigen sich nieder zu Ginnungs Nähe.

Alswidr läßt sie oftmals sinken,

Oft die sinkenden hebt er aber empor.


Nirgend haftet Sonne noch Erde,

Es schwanken und stürzen die Ströme der Luft.

In Mimirs klarer Quelle versiecht

Die Weisheit der Männer. Wißt ihr was das bedeutet?


Im Thale weilt die vorwißende Göttin

Hinab von Yggdrasils Esche gesunken,

Alfengeschlechtern Idun genannt,

Die Jüngste von Iwalts ältern Kindern.[30]


Schwer erträgt sie dieß Niedersinken

Unter des Laubbaums Stamm gebannt.

Nicht behagt es ihr bei Nörwis Tochter,

An heitere Wohnung gewöhnt so lange.


Die Sieggötter sehen die Sorge Nannas

Um die niedre Wohnung: sie geben ihr ein Wolfsfell.

Damit bekleidet verkehrt sie den Sinn,

Freut sich der Auskunft, erneut die Farbe.


Wählte Widrir den Wächter der Brücke,

Den Giallarertöner, die Göttin zu fragen

Was sie wiße von den Weltgeschicken.

Ihn geleiten Loptr und Bragi.


Weihlieder sangen, auf Wölfen ritten

Die Herscher und Hüter der Himmelswelt.

Odhin spähte von Hlidskialfs Sitz

Und wandte weit hinweg die Zeugen.


Der Weise fragte die Wächterin des Tranks,

Ob von den Asen und ihren Geschicken

Unten im Hause der Hel sie wüsten

Anfang und Dauer und endlichen Tod.


Sie mochte nicht reden, nicht melden konnte sies:

Wie begierig sie fragten, sie gab keinen Laut.

Zähren schoßen aus den Spiegeln des Haupts,

Mühsam verhehlt, und netzten die Hände.


Wie schlafbetäubt erschien den Göttern

Die Harmvolle, die des Worts sich enthielt.

Jemehr sie sich weigerte, je mehr sie drängten;

Doch mit allem Forschen erfragten sie nichts.


Da fuhr hinweg der Vormann der Botschaft,

Der Hüter von Herians gellendem Horn.

Den Sohn der Nal nahm er zum Begleiter;

Als Wächter der Schönen blieb Odhins Skalde.[31]


Gen Wingolf kehrten Widrirs Gesandte,

Beide von Forniots Freunden getragen.

Eintraten sie itzt und grüßten die Asen,

Yggrs Gefährten beim fröhlichen Mal.


Sie wünschten dem Odhin, dem seligsten Asen,

Lang auf dem Hochsitz der Lande zu walten;

Den Göttern, beim Gastmal vergnügt sich zu reihen,

Bei Allvater ewiger Ehren genießend.


Nach Bölwerks Gebot auf die Bänke vertheilt,

Von Sährimnir speisend saßen die Götter.

Skögul schenkte in Hnikars Schalen

Den Meth und maß ihn aus Mimirs Horn.


Mancherlei fragten über dem Male

Den Heimdal die Götter, die Göttinnen Loki,

Ob Spruch und Spähung gespendet die Jungfrau –

Bis Dunkel am Abend den Himmel deckte.


Uebel, sagten sie, sei es ergangen,

Erfolglos die Werbung, und wenig erforscht.

Nur mit List gewinnen ließe der Rath sich,

Daß ihnen die Göttliche Auskunft gäbe.


Antwort gab Omi, sie Alle hörten es:

»Die Nacht ist zu nützen zu neuem Entschluß.

Bis Morgen bedenke Wer es vermag

Glücklichen Rath den Göttern zu finden.«


Ueber die Wege von Walis Mutter

Nieder sank die Nahrung Fenrirs.

Vom Gastmal schieden die Götter entlaßend

Hroptr und Frigg, als Hrimfaxi auffuhr.


Da hebt sich von Osten aus den Eliwagar

Des reifkalten Riesen dornige Ruthe,

Mit der er in Schlaf die Völker schlägt,

Die Midgard bewohnen, vor Mitternacht.[32]


Die Kräfte ermatten, ermüden die Arme,

Schwindelnd wankt der weiße Schwertgott.

Ohnmacht befällt sie in der eisigen Nachtluft,

Die Sinne schwanken der ganzen Versammlung.


Da trieb aus dem Thore wieder der Tag

Sein schön mit Gestein geschmücktes Ross;

Weit über Mannheim glänzte die Mähne:

Des Zwergs Ueberlisterin zog es im Wagen.


Am nördlichen Rand der nährenden Erde

Unter des Urbaums äußerste Wurzel

Gingen zur Ruhe Gygien und Thursen,

Gespenster, Zwerge und Schwarzalfen.


Auf standen die Herscher und die Alfenbestralerin;

Die Nacht sank nördlich gen Nifelheim.

Ulfrunas Sohn stieg Argiöl hinan,

Der Hornbläser, zu den Himmelsbergen.

Quelle:
Die Edda. Stuttgart 1878, S. 30-33.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Die Serapionsbrüder

Die Serapionsbrüder

Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

746 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon