Brynhildens Todesfahrt.

[201] Nach Brynhildens Tode wurden zwei Scheiterhaufen gemacht, Einer für Sigurd, und der brannte zuerst; darnach ward Brynhild verbrannt, und lag sie auf einem Wagen, der mit Prachtgeweben umzeltet war. Es wird erzählt, daß Brynhild auf dem Wagen den Helweg fuhr und durch eine Höhle kam, wo ein Riesenweib wohnte. Das Riesenweib sprach:


Fort, zu fahren erfrech dich nicht

Durch meine stein- gestützten Häuser.

Beßer ziemte dir, Borten zu wirken

Als den Gatten begehren der Andern.


Walländisch Weib, was willst du suchen,

Allgierig Haupt, in meinem Hause?

Du wuschest, Walküre, so dichs zu wißen lüstet,

Von den Händen dir manchesmal Menschenblut.


Brynhild.

Was wirfst du mir vor, Weib aus Stein?

Hab ich im Kriegsheer gekämpft denn auch,

So bin ich die beßere von uns beiden doch,

Wenn unsern Adel Einsichtge prüfen.


Riesin.

Du bist, Brynhild, Budlis Tochter,

In widrigster Stunde zur Welt geboren:

Durch dich ward ohne Erben Giuki,

Du hast sein hohes Haus gestürzt.


Brynhild.

Vom Wagen kündigt die Kluge dir

Der Witzlosen, wenn dichs zu wißen lüstet:

Mich machten Giukis Erben meiner

Liebe verlustig, der Eide ledig.[201]


Der hochsinnige Fürst ließ die Fluggewande

Mir und acht Schwestern unter die Eiche tragen;

Zwölf Winter war ich, wenn dichs zu wißen lüstet,

Als ich dem jungen Fürsten den Eid schwur.


Alle hießen mich in Hlyndalir

Hild unterm Helme, wohin ich kam.


Da ließ ich den greisen gotischen Fürsten

Hialmgunnar hinab gehn zur Hel,

Gab Sieg dem blühenden Bruder Adas:

Darüber ward mir Odhin ergrimmt.


Er umschloß mich mit Schilden in Skatalundr,

Mit rothen und weißen; die Ränder schnürten mich.

Meinen Schlaf zu brechen gebot er dem,

Der immer furchtlos erfunden würde.


Um meinen Saal, den südlich gelegnen,

Ließ er hoch des Holzes Verheerer entbrennen:

Darüber reiten sollte der Recke nur,

Der das Gold mir brächte im Bette Fafnirs.


Der rasche Ringspender ritt auf Grani

Hin, wo mein Hüter das Land beherschte.

Der beste dauchte mich der Degen alle

Der hunische Fürst im Heldengefolge.


Wir lagen mit Lust auf Einem Lager

Als ob er mein Bruder geboren wäre.

Keiner von beiden konnt um den andern

In acht Nächten die Arme fügen.


Doch gab mir Gudrun Schuld, Giukis Tochter,

Ich hätte dem Sigurd geschlafen im Arm.

Was ich nicht wollte gewahrt' ich da:

Daß ich überlistet ward bei der Verlobung.


Zum Unheil werden noch allzulange

Männer und Weiber zur Welt geboren.

Aber wir beide bleiben zusammen,

Ich und Sigurd: versinke, Riesenbrut!

Quelle:
Die Edda. Stuttgart 1878, S. 201-202.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Ein Spätgeborner / Die Freiherren von Gemperlein. Zwei Erzählungen

Ein Spätgeborner / Die Freiherren von Gemperlein. Zwei Erzählungen

Die beiden »Freiherren von Gemperlein« machen reichlich komplizierte Pläne, in den Stand der Ehe zu treten und verlieben sich schließlich beide in dieselbe Frau, die zu allem Überfluss auch noch verheiratet ist. Die 1875 erschienene Künstlernovelle »Ein Spätgeborener« ist der erste Prosatext mit dem die Autorin jedenfalls eine gewisse Öffentlichkeit erreicht.

78 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon