LVI.

[49] 1. Umb deinet wegen bin ich hir,

hertzlieb vernim mein wort,[49]

All mein hoffnung setz ich zu dir,

daraus treib ich kein spott.

Las mich der trew geniessen,

hertzallerliebste mein,

thu mir mein hertz aufschließen,

schleus mich hertzlieb hinein.


2. Man hat uns beyde belogen,

das weistu feins lieb wol,

Das haben die falschen kleffer gethan,

seind mir und dir nicht hold.

Wir wöllens jhn wider gelten,

rath zu mein trewer schatz,

doch wil ich dich lieb haben,

den kleffern zu neid und haß.


3. Bey meines bulen haupte,

da steht ein güldener schrein,

Darin da ligt verschlossen,

das junge hertze mein.

Ach Gott hett ich den schlüssel,

ich würff jhn in den Rein,

wer ich bei meinem bulen,

wie könt mir bas gesein.


4. Bey meines bulen füssen,

da fleust ein brünlein klar,

Und wer das brünleins trincket,

der junget und wird nicht alt.

Ich hab des brünleins getruncken,

gar manchen stolzen trunck,

viel lieber wolt ich küssen,

meins bulen roten mund.


5. In meines bulen garten,

da stehen viel blümelein,

Ach Gott möcht ich jr warten,

das wer meim hertzen ein freud.

Die edle rose brechen,

denn es ist an der zeit,[50]

ich traw sie wol zu erwerben,

die mir im hertzen leit.


6. In meines bulen garten,

da stehn zwey beumelein,

Das eine tregt muscaten,

das ander negelein.

Die muscaten die sind süsse,

die negelein die seind reß,

die geb ich meines feinen bulen,

dz er mein nit vergess.


7. Zu dienst sey das gesungen,

der allerliebsten mein,

ihr lieb hat mich bezwungen,

ich kan jr nit feind gesein.

Dieweil ich hab das leben,

das glaub sie mir fürwar,

wil ich sie nit auffgeben,

und lebt ich tausent jar.


8. Der uns dis liedlein new gesang,

so wol gesungen hat,

Das haben gethan zwen reuter,

zu Grimme in der stadt.

Sie habens so wol gesungen,

beim meth unnd kühlen wein,

dabey da ist gesessen,

der wirtin töchterlein.

Quelle:
[Anonym]: Das Ambraser Liederbuch vom Jahre 1582. Stuttgart 1845, S. 49-51.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Naubert, Benedikte

Die Amtmannin von Hohenweiler

Die Amtmannin von Hohenweiler

Diese Blätter, welche ich unter den geheimen Papieren meiner Frau, Jukunde Haller, gefunden habe, lege ich der Welt vor Augen; nichts davon als die Ueberschriften der Kapitel ist mein Werk, das übrige alles ist aus der Feder meiner Schwiegermutter, der Himmel tröste sie, geflossen. – Wozu doch den Weibern die Kunst zu schreiben nutzen mag? Ihre Thorheiten und die Fehler ihrer Männer zu verewigen? – Ich bedaure meinen seligen Schwiegervater, er mag in guten Händen gewesen seyn! – Mir möchte meine Jukunde mit solchen Dingen kommen. Ein jeder nehme sich das Beste aus diesem Geschreibsel, so wie auch ich gethan habe.

270 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon