XCI.

[92] 1. Von rechter schöner und lieblicher art,

mein allerschönste geboren ward,

von tugend reich und schönem geberd,

darumb ist sie auch lobenswert,

dis ist also, darff sagen ja,

züchtig in allen dingen,

kein lieblicher gestalt,

möcht jemands bald,

auff dieser erd kaum finden.


2. Recht wil ich sie mit singen preisen,

ir zucht thut sie mir beweisen,

freundlich in ehren zeigt sie sich,

des mus ich allzeit erfrewen mich,[92]

sey wo ich wöll, kein lieber sol,

im hertzen mir gefallen,

wiewol jr sein,

die ich nit mein,

du liebst mir ob jn allen.


3. Schöner ist hie auff dieser welt,

kein weib das mir so wol gefelt,

wenn sie gleich wer die Helena,

die man weit rühmt, von Troia,

doch mag sie dir,

mit schöner zier,

nicht wol sein zuvergleichen,

derhalb ich,

glaub sicherlich,

von dir nimmer wil ich weichen.


4. Und ob ich gleich weit von dir bin,

so hab ich doch ein steten sinn,

mein hertz ist allzeit mehr bey dir,

das macht ein grosse freude mir,

doch wenn ich gedencke,

mich das erst krencket!

das ich die schönste mus meiden,

kompt glück

ohn alle tück,

bringt uns gut zeit mit freuden.

Quelle:
[Anonym]: Das Ambraser Liederbuch vom Jahre 1582. Stuttgart 1845, S. 92-93.
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