Dritte Szene


[27] Anton und Josepha.


ANTON blickt nach Josepha, für sich. Jetzt kimmt d' Reih an mich! – Sie geht nit mal vorerst in d' Kammer, sich ausgschirrn!

JOSEPHA geht langsam vor und setzt sich, wo früher der Steinklopferhanns saß, dem Anton gegenüber und sagt sehr gewichtig. Du, Tonl!

ANTON als horchte er auf etwas anders. Ja!

JOSEPHA wie oben. Ich hätt mit dir z' reden.

ANTON wie oben. So?

JOSEPHA. Sag mir nur einmal –

ANTON unterbrechend. Du, mir scheint, d' Küh habn kein Futter, ich mein, ich hör s' röhren.

JOSEPHA faßt seinen Arm. Laß du hitzten die Küh, die habn ihrn Teil! – Ich hab a ernst Wörtl mit dir z' reden.

ANTON. A ernsts Wörtl? Schau, dös is dir nie gut angstanden, ich hab dich allweil viel lieber ghabt, wann d' lustig warst.

JOSEPHA. Es is mir aber gerad nit gspaßig.[27]

ANTON. Is schad! Ich bin wieder zu nix Gscheiten aufglegt. Schau, Sepherl, verdirb mir mein dummen Tag nit – Steht auf. –, heb dir 'n auf ein andermal auf, 'n ernsten Dischkurs.

JOSEPHA gleichfalls aufstehend. Fallt mir nit ein! Da bleibst und Red stehst mir! Dein Ausweichen kimmt wohl auch nur vom schlechten Gwissen her, das sich hitzt in dir aufriegelt, und dös is a Fingerzeig Gottes, den man ausnutzen muß!

ANTON. Geh zu! Wo nahmet denn unser Herrgott d' Finger her, wann er auf jeden einschichtigen Bauern deuten wollt?

JOSEPHA. Denk nur nit, daß d' mich mit so wohlfeile Gspäß ins Lachen bringst. – Der Vermahnung, die ich heut kriegt hab, werd ich eingedenk sein, und drum muß ich dir's ins Gwissen reden. – Du warst gestern mit im Wirtshaus –

ANTON. Nach langem wieder amal. Dös is nix Unrechts!

JOSEPHA. Ös habts dort a Adreß unterschriebn –

ANTON. No ja, eben im Wirtshaus unterschreibn sich halt leicht ihrer mehrer als sonstwo.

JOSEPHA. Und voran hast du dich unterschreibn müssen – voran, grad du!

ANTON. No ja – weil –

JOSEPHA heftig. Dös is sündig, sag ich – sündig is's!

ANTON ganz gelassen. No, is's halt sündig!

JOSEPHA schlägt die Hände zusammen. So, und wann sündig is, meinst, dös is nur so, daß man sagt: es is sündig – und nachher nix? Weißt, was nachhert kommt?

ANTON. Dös weiß ich net.

JOSEPHA. Wann d' gstorbn bist?

ANTON. Da weiß ich wohl noch viel weniger davon.

JOSEPHA. In d' Höll kommst!

ANTON zuckt die Achsel. No, sollt man schon wo sein müssen, müßt man sich halt dreingwöhnen, ich bin nit verzärtelt!

JOSEPHA. Jesses! Tonl, bist du ein Unchrist! Mit gefalteten[28] Händen. Sollt ich vom lichten Himmel abischaun müssen, wie du im höllischen Feuer bratst – Tonl, wenn du mir das antun könntst, wenn wir allzwei verstorben sein, das überlebet ich dir net!

ANTON. Dös war freilich a kuriose Gschicht!

JOSEPHA. Möchtst nit auch seliger Geist bei mir sein?

ANTON. No, dös kann ich wohl nit sagn; denn die selig Geister hab ich oft in Bücheln aufgmaln gsehn, dö schaun aus wie Leintücher, wo nix dahinter is!

JOSEPHA. Tonl, ich bitt dich, gespaß nit mit so ernste Sachen! Ich weiß gwiß, ich ging dir da drüben auch ab!

ANTON. Wohl – wohl – möglich, möglich! Mit Humor, indem er sie an sich zieht. Aber schau, Sepherl, wann man sich schon 's ganze Erdenlebn lang gern ghabt hat, schadt wohl a kleine Abwechslung drauf a nix; und wann wir dort auseinander müssen, fang ich halt a Verhältnus mit der Madam Teixel an!

JOSEPHA lustig. Du schlechter Mann, du! Der Teixel hat ja eh schon Hörndln!

ANTON hebt drohend den Arm. Und noch a hundert dazu! Der höllische Erbfeind is lang nit gnug gzeichnet, der darf mir net traun, auf den hab ich's bissel scharf! Sepherl, wirst sehn, der laßt mich ehnder selber gern laufen, dann machst du mir 's hintre Gartentürl vom Paradeis auf, und wir sein wieder beieinander!

JOSEPHA. Du bist doch a braver Mon, trotz deinm losen Maul!

ANTON. No freilich, wohl, wohl! – Sepherl, wann ich dich a so anschau – fix nein! Dir wird aber 's Engelgwand weiter nit gut stehn!

JOSEPHA lacht. No, ich – wär a ziemlich ausgwachsener Engel!

ANTON. Ah, sein mir viel lieber, die ausgwachsenen, als wie die, wo bloß die Köpf in der Luft herumfliegn!

JOSEPHA schmeichelnd. Schau, Tonl – du bist eigentlich do a grundgscheiter Mon![29]

ANTON. No, ich mein's! Mißtrauisch. Aber wie kimmst denn du drauf? Hab ich leicht was Dumms angebn?

JOSEPHA. Weit gfehlt! Gsagt hast es und recht hast. Lustig redt man sich viel leichter!

ANTON. Dös is sicher.

JOSEPHA drängt ihn zur Seite, wo der Tisch steht. No, sitz aber wieder nieder, Tonl, und wann d' dein Pfeif rauchen willst, ich verlaub's schon.

ANTON hat sich gesetzt und nimmt die Pfeife ans der Tischlad, für sich. O du Feine! Hitzt käm s' von der ganz andern Seiten! Laut. No, wann verlaubt is! Zündet ein Schwefelholz an.


Josepha hustet.


ANTON gutmütig. Dös is der Schwefel! Auf die Pfeife. Schau, is mir recht lieb, is eh nur d' Hälft ausgraucht und hat mir grad zmeist gschmeckt, bevor du kommen bist.

JOSEPHA. Gelt, und da hast s' schnell verstecken müssen? Geh zu, tust doch grad, als wär ich a Drach!

ANTON. Ah, was nit gar, a Drachen! Mein lieb Hauskatzerl bist! Für sich. Ich paß eh nur drauf, wo s' hitzt wieder mit ihre Krampeln hervorkimmt! Laut. Ziehst du dein Sunntaggwand nit aus?

JOSEPHA. Na, hitzt noch nit. Ich will schön sein, und weg mag ich auch net von dir. Geh, laß mich zu dir setzen!


Setzt sich auf seinen Schoß.


ANTON sieht sie bedenklich an. Wann dich der Rauch nit scheniert –!

JOSEPHA. Ah beileib! – Hitzt laß dir verzähln, Tonl –

ANTON. No, is recht, bist ja heut bei unsre Acker vorbeigangen, verzähl mir, wie 's drauß steht?

JOSEPHA. Na – zerst die Vermahnung! Dös Schriftstuck –

ANTON. Jesses hnein, Sepherl, hast du aber a Schweren, ich halt dich nit aus!


Will auf.


JOSEPHA legt die Arme um seinen Hals. Tonl, bleib da! – Ich mach mich schon leicht. Nur reden laß mit dir. Jetzt werdn wir sehn, wer es andere lieber hat – der gibt nach![30]

ANTON. Schau, Sepherl, dös führt aber zu nix! Mon und Weib habn sich doch gleich gern, du wolltst mich doch nit weniger gern habn, so gibt natürlich oans nach und 's andere auch, und alls bleibt beim alten.

JOSEPHA. No, dös verstehst du aber nit! Dös mitn Schriftstuck ...

ANTON bläst nach jedem Satz gewaltige Rauchwolken von sich. Hum – Sepherl – aber grad dös verstehst du nitdös sein keine Weibersachen – und nachet – geht's eigentlich kein Menschen was an.

JOSEPHA die immer ärger hustet, läuft jetzt von ihm weg. Ah – Tonl – du verselchst ein ja!

ANTON hustet ebenfalls und wischt sich mit dem Hemdärmel ein Auge um das andere – für sich mit großer Genugtuung. Is halt doch gut, 's Rauchen! Laut, mit erkünstelter Teilnahme. Na siehst, selb hab ich mir eh denkt und hab dir's auch gsagt, du vertragst halt 'n Rauch nit! Ich werd die Pfeif drauß aufn Bankl ausrauchn! Geht nach der Tür.

JOSEPHA. Tonl – laß reden mit dir!

ANTON bei der Türe, wendet sich etwas, pfiffig. Na – na, Sepherl – dös muß gar a heißer Brei sein, um den d' gar so herumschleichst. Na! Greift nach der Klinke.

JOSEPHA ist um den Tisch nach dem Fenster gegangen und steht jetzt davor. Tonl, sag ich ...

ANTON. Noch was?

JOSEPHA blickt auf das Fensterbrett und steht mit dem Rücken nach Anton gekehrt. Wann d' recht folgsam wärst, tät ich dir was versprechen!

ANTON an der Tür. Ja, ja. Versprechen – aber – halten!?

JOSEPHA feierlich. 's Halten steht freilich bei Gott und Unsrer Lieben Frau!

ANTON tritt etwas näher. Sepherl! – Was war's denn nachher?

JOSEPHA kehrt ihm ganz den Rücken. Dös mußt schon selber erraten![31]

ANTON ist nahe getreten, legt mit der Rechten die Pfeife auf den Tisch und faßt mit der Linken die herabhängende Hand seines Weibes. Sepherl – laß dich anschaun! Josepha blickt ihn über die Achsel einen Augenblick an und wendet dann rasch den Kopf.

ANTON schlägt die Hände freudig zusammen. Juhu! Übers Jahr sein wir nimmer allein aufm Gelben Hof!

JOSEPHA. Pscht – aber Tonl!

ANTON bezähmt sich gewaltsam und macht halbe Ländlerschritte durchs Zimmer. Hahaha! – Jesses und Joseph – is dös a Freud!

JOSEPHA. Tonl, nit wahr, du wirst's nit in Elternsünd auf d' Welt kämma lassen? – Ich müßt mich so hinabängstigen –!

ANTON kratzt sich hinterm Ohr. Sikra hnein, dös seind freilich anderne Sachen!


Quelle:
Ludwig Anzengruber: Werke in zwei Bänden. Band 1, Berlin und Weimar 21977, S. 27-32.
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