Fünfte Szene


[32] Anton und Josepha.


JOSEPHA zu Anton, der schweigend dasteht, schmeichelnd. Gelt ja, Tonl – no schaut die Sach anders aus – no gibst nach?[32]

ANTON sehr bedenklich. Ja, anderscht wär's schon – ; aber du, Sepherl, sag mir doch amal – wir sein noch allweil nit z' Red drüber wordn – wann ich nachgab, was müßt ich denn eigentlich tun?

JOSEPHA immer beschönigend.. Hör zu, Tonl, es is nit so viel, wann man die groß Versündigung bedenkt; du hast in der Sünd den Leuten a Beispiel gebn, mußt's jetzt a in der Buß!

ANTON. Ah ja, weißt nur, in der Sünd geht dös allmal leichter!

JOSEPHA. Du mußt dein Unterschrift verlaugnen.

ANTON. Verlaugnen? Ich kann doch nit sagn, 's is nit die meine?

JOSEPHA. Sag halt, du hättst's nit verstanden, um was sich's dreht, du wärst nit ganz nücht gwesen.

ANTON. Dös war a Lug und a zweite Sünd!

JOSEPHA. Selb is a Notlug zu ein gutn Zweck – dö verzeiht unser Herrgott!

ANTON perplex. Aber Sepherl – na, hörst – dir habn s' aber schöne Stückln beibracht – –

JOSEPHA von nun ab diktierend. Erst nimmst also als erster dein Unterschrift a zerst zruck –

ANTON. Da stoß ich 'n Vettern, 'n Großbauer, vorn Kopf, und d' Leut im Ort werdn mich leicht a noch ein Trottl heißen.

JOSEPHA. Besser, ein reich Vettern verloren als 's Himmelreich, besser da unt a Trottl –

ANTON. Laß mich aus, zwischen dö Trotteln unten und dö Trotteln oben is gwiß kein Haarl Haar Unterschied.

JOSEPHA. Laß eins doch ausreden! Dann schnürst dein Binkerl –

ANTON. Mein Binkerl?

JOSEPHA. Nimmst's aufn Buckel –

ANTON. Nimm's aufn Buckel – und –?

JOSEPHA. Und wallfahrst zur Buß nach Rom.

ANTON ringt vor Erstaunen nach Atem und sagt dann ganz ruhig. Nach Rom? Sunst nix?[33]

JOSEPHA. Sunst nix!

ANTON. Dös werd ich mir doch erst a wengerl überlegn!

JOSEPHA. So ist's festgsetzt, und so muß's ghalten werdn!

ANTON. Dös Rom liegt doch nit da gleich ums Eck?


Geht zum Schrank und nimmt seinen Rock heraus.


JOSEPHA. Möchtst nit a leichte Buß a no? – Wohin willst denn?

ANTON. No, nach Rom noch nit!

JOSEPHA. Leicht ins Wirtshaus?

ANTON setzt den Hut auf. Dös ehnder.

JOSEPHA. Da bleibst, sag ich! Der Mann ghört nit ins Wirtshaus!

ANTON. Na, ich weiß's schon, nach Rom ghört er! Aber ebens drum, weil jeder Schritt vom Haus weg jetzt schon meiner Wallfahrt zuguten kimmt, so bin ich a im Wirtshaus Rom naherter als derhoam!

JOSEPHA. Du, Tonl, trau mir nit, narrn laß ich mich nit! Ich seh schon, du willst wieder ausweichen und ein Gspaß ausm Ganzen machen; aber dös sag ich dir, du gehst mir nit von der Stell, bis d' mir dein Wort gebn hast, daß d' tust, wie's nötig is zu dein Seelnheil!

ANTON. Mei Seel is eh ganz heil, es tut ihr nindascht nix weh! Ihr näher tretend. Aber eins, Sepherl, gfreut mich doch bei denen Sachen.

JOSEPHA weicht zurück. Bleib mir vom Leib!

ANTON zudringlich. No, laß dir doch: »Bhüt Gott!« sagn!

JOSEPHA schreiend. Net anrühr mich – sag ich!

ANTON. Na, na, ich beiß dich net! – Schau, Sepherl, mußt dich net giften;dös tat eng schaden! Selb gfreut mich doch, daß d' mir dös gsagt hast.

JOSEPHA. Du depperter Ding, du! Meinst denn, dös is wahr? Selb war auch nur a Notlug zu ein guten Zweck!

ANTON. Jesses, heilig Mutter Anna! Selb wär nit wahr?

JOSEPHA heftig. Na, nit wahr is's und soll a nimmer wahr werdn, wann d' dich nit anderscht besinnst! Und ausgredt habn mir jetzt, und nach der Vermahnung, die wir heut[34] kriegt habn, halt ich mich auch! A christlich Weib kann sich nicht mit so ein unchristlich Mon abgebn! Bis d' nit Reu und Buß derweckt hast, darfst mir nit in d' Näh kämma, und schon heut riegl ich mich ein in der Kammer, und du kannst aufm Heuboden schlafen, solang dir gfällig is! Ab zur Seite, indem sie die Tür hinter sich zuschlägt.

ANTON blickt ihr überrascht nach. No, dös is lustig! – Es wird sich aber schon gebn, wenn nur erst a Neichterl Zeit ins Land gangen is! – Hahaha, liebe Sepherl, werdn wir halt sehn, wer's länger aushalt in der Klosterei! Plötzlich wild, indem er mit der Faust in den Tisch schlägt. Himmelheiligkreuzdonnerwetter! Ich möcht doch wissen, wie s' dazu kämmen, daß sie sich zwischen Mon und Weib einmischen! –.


Zwischenvorhang

Verwandlung

Dekoration: Wirtsstube. In der Mitte der

Haupteingang, eine offene Tür, rechts und links von derselben je ein Fenster. Durch Tür und Fenster hat man die Seitenansicht des im ersten Akt beschriebenen Hofraumes. Eine Seitentür befindet sich links. Eine brennende Lampe hängt inmitten der Stube von der Decke herab. Große Tische, bei jedem an der Mauerseite Bänke, rundherum Stühle; zwei Tische ganz vorne, einer links mit der Längsseite, einer rechts mit der Breitseite gegen das Publikum. In der Ecke ein großes hölzernes Kruzifix und hinter demselben ein Palmbuschen.


Quelle:
Ludwig Anzengruber: Werke in zwei Bänden. Band 1, Berlin und Weimar 21977, S. 32-35.
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