Sechzehnter Gesang

[27] 1.

Wer liebt, muß dulden viele Pein und Plage!

Es ward davon ein reichlich Teil auch mir:

Sie halten beide sich bei mir die Wage;

Drum kann ich sprechen als ein Fachmann schier.

Doch wenn ich sagte (was ich jetzt noch sage,

Teils mit der Stimme, teils auf Schreibpapier),

Daß ein Leid herb und schwer, ein andres leicht sei,

Glaubt mir und denkt, daß Kenner ich vielleicht sei.


2.

Ich sagt' und sag' und sag's solang ich lebe:

Wer immer in ein würdig Netz gebannt –

Ob seine Dame scheu sich von ihm hebe,

Ob sie sich seinen Wünschen abgewandt,

Ob er umsonst nach Huld und Gnade strebe,

Vergebens Zeit und Müh' hab' aufgewandt –

Ist hochgestellt sein Herz, darf sich entwinden

Kein Seufzer ihm, mag er den Tod drob finden.


3.

Der seufzt mit Recht, der schon als Sklav' gebunden

Durch schöne Locken, holder Augen Licht,

Darunter ward das Herz verderbt gefunden,

Mit Schlacken viel, doch reinem Golde nicht.

Er möchte fliehn, doch gleich dem Hirsch, dem wunden,

Wohin er geh', des Jägers Pfeil ihn sticht.

Er schämt sich seiner, schämt sich seiner Liebe,

Hofft Heilung und verbirgt des Herzens Triebe.
[28]

4.

Das war der Fall von Grifon nun, dem Jungen:

Er blieb beim Fehler, sah er ihn auch klar,

Sah niedre Neigung in sein Herz gedrungen

Zu Orrigill, so schlecht, der Treue bar;

Schon hat Gewohnheit die Vernunft bezwungen;

Kein Mühen hilft, Einsicht stellt schwach sich dar.

Und sei sie treulos, undankbar, verlogen,

Er muß sie suchen, kommt ihr nachgezogen. –


5.

Vernehmt nun, was darauf sich zugetragen:

Ganz im geheimen schleicht er aus der Stadt

(Ohne dem Bruder nur ein Wort zu sagen,

Der oftmal schon ihn ja getadelt hat),

Nach Rama links die Richtung einzuschlagen,

Nicht jenen Weg, der eben ist und glatt,

Damaskus nach sechs Tagen sah der Reiter,

Und auf Antiochien zu dann ging es weiter.


6.

Da kommt ihm jener Rittersmann entgegen,

Für den gerade Orrigille glüht,

Und nett ist, was die zwei gemeinsam hegen,

Wie ja die Blume auf dem Kraute blüht.

Die Herzen klopfen mit verwandten Schlägen:

Treulos ist ihr, verrätrisch sein Gemüt.

Und ihre Art verdecken alle beide

Durch hübsches Aussehn, zu des Nächsten Leide.


7.

Man sah in großem Pomp den Ritter reiten,

Sagt' ich; er sprengt auf mächt'gem Hengst daher,

Die ungetreue Orrigill zur Seiten,

In blauem Kleid, besetzt mit Golde schwer;

Zwei Knappen außerdem noch ihn geleiten,

Sie tragen seinen Helm und Schild und Speer.

Er kommt, als woll' er Heldenschaft, ihm eigen,

Dort zu Damaskus im Turniere zeigen.
[29]

8.

Ein herrlich Fest, das nächstens will begehen

Damaskus' König in der Hauptstadt drin,

Zieht Ritter, die im höchsten Ruhme stehen,

Die alleredelsten, in Scharen hin.

Sobald die Schöne Grifon hat gesehen,

Da bangt vor seinem Grimm der Buhlerin.

Sie weiß, ihr Liebster kann mit dem nicht ringen,

Es würde nur den sichern Tod ihm bringen.


9.

Doch da sie abgefeimt ist und verwogen,

Des Schreckens Zeichen unterdrückt sie schnell:

Zu freud'ger Miene das Gesicht verzogen,

Dabei mit fester Stimme, laut und hell,

Eilt sie (der Buhl' ist in die List gezogen)

– Scheinbar voll höchsten Jubels – auf der Stell'

Grifon mit ausgestrecktem Arm entgegen,

Hängt ihm am Hals und herzt und küßt den Degen.


10.

Liebesgebärd' und Schmeichelton vereinen

Kann sie gar wohl mit zärtlichem Gesicht:

»Ist dies der Lohn denn, Herr,« spricht sie mit Weinen,

»Für sie, der, dich verehren, süße Pflicht?

Einsam ein Jahr harrt' ich auf dein Erscheinen;

Ins zweite geht's, und du erbarmst dich nicht?

Wär' ich, bis daß du wiederkamst, geblieben,

Vielleicht schon in den Tod wär' ich getrieben.


11.

Ich harrte zu Nikosia voll Verlangen,

Daß du vom Hofe wiederkehrtest, lang,

Derweil ich, ach, von Fieber schwer umfangen,

Von dir verlassen, mit dem Tode rang;

Da hört' ich, daß nach Syrien du gegangen,

Was mir so schmerzlich in die Seele drang,

Daß ich mich fast (ich kannte deine Stätte

Ja nicht) mit eigner Hand getötet hätte.
[30]

12.

Doch, doppelt schenkend, zeigt zu meinem Segen

Das Glück die Sorge, die dir fehlt, um mich:

Den Bruder sandt' es, der als wackrer Degen

Mein Magdtum schützend, nimmer von mir wich.

Und nun – o heller Jubel will sich regen

Ob unverhoffter Wonne – schickt es dich.

Ach, höchste Zeit war's wahrlich, muß ich wähnen;

Sonst starb ich, lieber Herr, um dich vor Sehnen.«


13.

Und weiter weiß die Schelmin ihre Klagen

– Sie ist des Fuchses Meisterin vielleicht –

Mit solcher Schlauheit Grifon vorzutragen,

Daß aller Tadel ihn allein erreicht.

Und ihm erscheint – so ist er breitgeschlagen –,

Daß jener einem würd'gen Vater gleicht.

Sie webt das Netz – kein Mensch geschickter kann es –

Und scheint so wahr wie Lukas und Johannes.


14.

Und keinen einz'gen Vorwurf hat der Schwache

Für sie, die minder schön als lügenhaft,

Und nicht an jenem nimmt er blut'ge Rache,

Der mit der Ungetreuen Ehbruch schafft,

Nein – daß sie ihn allein nicht schuldig mache,

Dagegen wehrt er sich mit aller Kraft,

Und ganz, als ob's fürwahr ein Vetter wäre,

Tut er dem Falschen alle Lieb' und Ehre


15.

Und zieht mit ihm hin nach Damaskus' Toren

Des Weges weiter, und er hört dabei,

Ein glänzend Leben wird heraufbeschworen

Vom mächt'gen König dort, Spiel und Turnei,

Und jedem, welchen Glauben er erkoren,

Ob er ein Christ, ob er ein Heide sei,

Wird Sicherheit gewährt in jenen Mauern

Für all die Zeit, solang die Feste dauern.
[31]

16.

Allein so sehr bin ich nun nicht beflissen,

Zu künden Orrigills verderbten Mut,

Die an Verräterein auf dem Gewissen

Nicht eine hat, nein, viele tausend gut,

Daß ich zweihunderttausend sollte missen

Oder noch mehr, die unter Feuers Glut

Und Funkenregen sich zusammenstellen,

Gefahr zu bringen den Pariser Wällen.


17.

Ich ließ Euch, wie ein Walltor Agramante,

Im Wahn, er find' es gänzlich unbewacht,

Anstürmend mit gewalt'ger Kraft berannte;

Es war kein andrer Schutz dort angebracht,

Weil Karl persönlich Sorge drauf verwandte,

Mit ihm die Meister all von Krieg und Schlacht:

Zwei Guido, Angelin mit Angelieren,

Otto, Avin, Avol mit Berlingieren.


18.

Vor Karl und Agramant, auf beiden Seiten

Wird kühn und heldenhaft gekämpft fürwahr,

Wo hoher Ruhm und Huld mit jedem schreiten,

Der heute seine Pflicht tut ganz und gar.

Indes die Mohren mit der Kraft nicht streiten,

Die für des Schadens Hebung nötig war:

Zu viele sind bereits dem Tod verfallen,

Ein Spiegel tollen Muts den andern allen.


19.

Die Pfeile fliegen, ob sie Hagel seien,

Der auf den Feind von Mauerhöhe dringt.

Dem Himmel selbst wird bange von dem Schreien,

Das man einander dort entgegenbringt.

Doch mögen Karl und Agramant verzeihen:

Vom Mohren-Mars jetzund mein Lied erklingt,

Von Rodomont, der dort mit Zornesschnaufen,

Erschrecklich, durch die Stadt hin kommt gelaufen.
[32]

20.

Ich weiß nicht, Herr, könnt Ihr Euch recht besinnen

Auf jenes Sarazenen eignen Fall,

Der seine Leute tot im Feuer drinnen

Ließ zwischen erster Wand und zweitem Wall? –

Nie sah die Welt ein grausiger Beginnen –;

Verzehrt von gier'gen Flammen waren all'.

Mit einem Satz den Graben übersprang er

Und in das Innre dann der Hauptstadt drang er.


21.

Als man den Mohren sieht so grimmig toben

– Den man an Waff' und Schuppenfell erkennt –,

Wo schwacher Greise Hauf nach Kriegesproben

Ausschaut und horcht und auf Berichte brennt,

Hat sich ein Ruf, ein Wehgeschrei erhoben,

Das Händeschlagen klingt zum Firmament:

Was Beine hat, das flieht voll argem Schrecken,

In Kirche oder Haus sich zu verstecken.


22.

Allein nur selten will das Schwert es leiden,

Das rings um sich der starke Heide schwingt:

Hier muß vom Bein ein Fuß mit Wade scheiden,

Dort fliegt ein Kopf, der weit vom Rumpfe springt;

Man sieht ihn jenen drauf die Quer' durchschneiden,

Den spalten, daß der Hieb zur Hüfte dringt;

Wie viel' er tötet, trifft und jagt im Zorne,

Er zeichnet keinem das Gesicht von vorne.


23.

Was frommem Rind an Ganges' Uferwänden

Und in Hyrkaniens Aun der Tiger tut,

Was Zieg'n und Lamm der Wolf an den Geländen

Des Berges, der Typhäus hält in Hut,

Das tut der Heide mit den blut'gen Händen

– Den »Scharen« sag' ich nicht – der Menschenbrut,

Dem Pöbel, Volk: man hätte nichts verloren,

Wär' es gestorben, eh es ward geboren.
[33]

24.

Nicht einem kann er in das Antlitz sehen,

Ob er auch würgend häufe Leich' auf Leich'.

Wo man zur Michelsbrücke pflegt zu gehen,

Durch jene Straße voll und menschenreich,

Hinstürmt er – keiner sucht zu widerstehen –

Und führt im Kreis gewaltig Streich auf Streich:

Nicht Herrn und Diener trennt der Menschenschlächter,

Fragt nicht, wer Sünder ist, wer ein Gerechter.


25.

Den Priester kann nicht Frömmigkeit erhalten,

Und Unschuld rettet nicht das kleine Kind;

Der roten Wange, hellen Augs Gewalten

Kein Schutz für Mädchen oder Jungfrau sind;

Der Greis auch wird gejagt und muß erkalten,

Und nicht der kühne Sarazene find't

Sein Feld hier – wo allein des Blut'gen Reich ist,

Dem Rang, Geschlecht und Alter völlig gleich ist.


26.

Es läßt den Zorn mit rasendem Gebaren

Der Bösewicht nicht bloß an Menschen aus;

Auch Dächer müssen seine Wut erfahren:

Aus Haus und Kirche schlägt die Flamm' heraus,

Denn in Paris – so wird berichtet – waren

Zu jener Zeit aus Holz noch Haus um Haus.

Zu glauben ist es: sind doch heutzutage

Noch sechs von zehn gerad von diesem Schlage.


27.

Was immer brennen mag, es kennt sein Hassen

Nicht Sättigung und kennt nicht Hindernis.

Er legt ein Haus, wohin die Hand mag fassen,

In Schutt und Trümmer stets mit einem Riß.

In Padua habt Ihr Euch belagern lassen

Nie, Herr, mit der Zerstörungskraft gewiß,

Die eine Mauer fallen ließ durch Rütteln,

Wie Algiers Fürst es tut mit einem Schütteln.
[34]

28.

Wenn, als der Unmensch hier mit Flamm' und Sehwerte

Den Krieg so mächtig führte unverwandt,

Von draußen Agramant zur Stadt sich kehrte,

War an dem Tag verloren alles Land.

Doch Ruhe gab es nicht, denn die verwehrte

Der Paladin, genaht aus Engelland,

Führer der Angeln und der Schottenscharen,

Die mit dem Schweigen und dem Engel waren.


29.

Gott wollte, daß zur Zeit, als Rodomonte

Dort drinnen hatte solche Glut entfacht,

Ein Held erschien: die Blum' von Claramonte,

Rinald, mit ihm noch Englands ganze Macht.

Es ward, nachdem er Brücken schlagen konnte,

Zwei Stunden lang ein Umweg links gemacht,

Weil er die Heiden überraschen wollte

Und ihn des Stromes Flut nicht hindern sollte.


30.

Sechstausend Bogenschützen, wackre Streiter,

Gingen voraus mit Edwards stolzer Fahn';

Es folgten dieser Schar zweitausend Reiter,

Leichte, geführt vom kühnen Ariman;

Sie zogen all auf jenen Pfaden weiter,

Drauf vom Picardenmeer die Wandrer nahn,

Daß sie durch Sankt Denis und Martins Pforte

Zu Hilfe kämen dem bedrängten Orte.


31.

Die Wagen samt dem andern Feldgepäcke

Sind mit dem Heer auf gleichem Weg entsandt;

Er selbst ging weiter oben eine Strecke

Mit all den andern Scharen durch das Land.

Man hatte Schiff' und Brücken zu dem Zwecke

Des Übergangs zum andern Seinestrand.

Zerbrechen hieß er drauf die Brücken wieder,

Und gleich zusammen schlossen sich die Glieder.
[35]

32.

Zuvor doch ließ er Herrn und Kapitane

Zu sich entbieten all in voller Schar;

Vom Uferrand, hoch überm ebnen Plane,

Sprach er, wo gut sein Wort vernehmlich war:

»Gott ist's, ihr Herrn, an den ich jetzt euch mahne,

Der uns hierhergeführt hat wunderbar,

Um euch nach kurzen Mühen, wenn auch schweren,

Weit über jedes Volk hinaus zu ehren.


33.

Zwei Fürsten werden ja durch euch erhalten,

Nehmt ihr von ihnen der Belagrung Not!

Erst euer König dort: ihr seid gehalten,

Als Diener ihn zu schützen bis zum Tod;

Dann einen Kaiser, hehr und hochgehalten,

So herrlich, wie nur je die Welt ihn bot,

Und andre Herrscher, Ritter von den besten,

Herzöge, Grafen, Herrn aus Ost und Westen.


34.

Ihr werdet nicht Paris nur dankbar sehen,

Wenn euch die Rettung dieser Stadt gelang,

Wo sie nicht um sich selbst in Ängsten stehen,

Nein, tiefbetrübt, bekümmert sind und bang

Um das, was Fraun und Kindern wird geschehen,

Wenn gleiches Elend allesamt umschlang,

Und um die Jungfraun in den Klostermauern,

Wenn ihre frommen Schwüre nicht mehr dauern.


35.

Ich sage nicht, Paris nur wird euch danken,

Gelang es euch, die Hauptstadt zu befrein,

Nein, alle Völker rings ums Reich der Franken,

Und nicht die Nachbarn mein' ich hier allein.

Es gibt kein Land, von dem die Mauerschranken

Dort um die Stadt nicht Bürger schlössen ein.

Drum, sieht man jetzt die Feinde überwunden,

Weit mehr als Frankreich ist euch dann verbunden.
[36]

36.

Wenn einen Kranz die Alten jenem gaben,

Durch den ein Mann gerettet ward vom Tod,

Sagt, welchen Lohn verdient dann ihr zu haben,

So viele rettend aus der höchsten Not?

Doch wenn durch Neid, durch Feigheit wird begraben

Das heil'ge Werk, das euch zu sich entbot,

Glaubt mir, es wird, wenn jene Mauern sanken,

Das Reich von Deutschland wie Italien wanken


37.

Und alle Lande, wo sie ihn verehren,

Der da für uns am Kreuze litt die Pein.

Und ihr, glaubt nicht, des Feinds euch zu erwehren

Und durch das Meer vor ihm geschützt zu sein;

Denn fuhr er von Gibraltar auf den Meeren

Und Herkuls Säulen oft zu euch hinein,

Von euren Inseln Beute fortzutragen,

Was wird er erst als Herr von Frankreich wagen!


38.

Doch lockten Ruhm und alle Herrlichkeiten,

Die reizen können, zu dem Zuge nicht,

Uns, die wir unter einer Kirche streiten,

Einander helfen bleibt doch erste Pflicht.

Laßt euch den Zweifel Sorge nicht bereiten!

Wißt, daß des Feindes Stärke bald zerbricht:

Und macht ein schlecht geübtes Heer zu schaffen,

Das ohne Kraft ist, ohne Mut und Waffen?!«


39.

Also mit heller Stimme rief der Degen

Begeisterung durch packend Wort herauf;

Die edlen Herren wußt' er anzuregen

Und ebenso den kühnen Heereshauf;

Das heißt – das Sprichwort sagt – mit Sporenschlägen

Den Hengst antreiben, der in vollem Lauf.

Es mußten dann die Scharen, auf sein Mahnen,

Vorrücken leise, leise mit den Fahnen.
[37]

40.

Lautlos, geräuschlos gehen die drei Heere,

Sowie sie unterwiesen sind durch ihn,

Den Fluß entlang; des ersten Angriffs Ehre

Auf die Barbaren gab er Prinz Zerbin.

Die Krieger Irlands machten eine Kehre,

Um durch die ebne Landschaft hinzuziehn;

Das Fußvolk und die Reiter Englands stritten

Mit Lancaster, dem Edlen, in der Mitten.


41.

Als er sie all hat ihres Wegs gesendet,

Sprengt hin am Uferrand der Paladin:

Zunächst am ersten Heer vorbei, dann wendet

Er sich noch weiter vorwärts als Zerbin,

Bis daß sein Ritt bei Orans König endet

Mit dessen Leuten und mit Fürst Sobrin,

Die Ausguck hielten, von dem span'schen Teile

Entfernt wohl etwa eine halbe Meile.


42.

Nicht länger konnten jetzt die Christenscharen,

Die in des Schweigens und des Engels Hut

So treu und sicher hergeleitet waren,

Stumm unterdrücken ihren Kampfesmut:

Ein Schrei erklingt beim Anblick der Barbaren,

Und die Trompete dröhnt und weckt die Wut;

Das mächt'ge Lärmen hallt vom Himmel wider

Und sendet Grausen in der Mohren Glieder.


43.

Voraus den andern kommt Rinald geflogen,

Er legt die Lanze für den Angriff ein;

Fern sind die Schotten einen Schuß vom Bogen,

Aufschub des Kampfes würd' ihm lästig sein.

So wie ein Windstoß kommt dahergezogen,

Dem ein gewalt'ger Sturm folgt hinterdrein,

So sprengt voraus der Ritter vor dem Zuge

Auf Bajard, seinem Schlachtenhengst, im Fluge.
[38]

44.

Rinalds Erscheinen, sieht man, stört die Mohren:

Ein Zittern plötzlich geht durch ihre Reihn;

Die Lanze bebt, die Füße mit den Sporen,

Im Sattel bebt der Schenkel und das Bein.

Pulian nur hat die Farbe nicht verloren;

Er weiß nicht, wer der Reiter möge sein,

Und ahnungslos, was der versetzt an Schlägen,

Sprengt er dem Helden im Galopp entgegen


45.

Und stützt beim Reiten auf den Speer sich fester

Und rafft sich ganz zusammen unverzagt;

Die Zügel frei sodann dem Renner läßt er,

Die Sporen gebend, auf den Feind hin jagt

Der Mohr. Des andern Ruhm ist kein erpreßter:

Die Taten zeigen, was sein Name sagt.

Vollkommne Fechterkunst macht offenbar es:

Er ist der Sohn des Haimon – nein, des Ares!


46.

Im Zielen will der Mohr dem Christ nicht weichen:

Des Gegners Haupt trifft jeder von den zwein,

Die nicht in Kunst und Wehr einander gleichen;

Der Mohr blieb tot, fort ritt der Christ allein.

Der Wert bemißt sich, traun, nach andern Zeichen,

Als daß man hübsch die Lanze lege ein.

Vor allem aber muß man Glück noch haben;

Gar wenig helfen sonst die andern Gaben.


47.

Rinald, den Speer gefaßt zu neuem Rennen,

Sprengt auf den Orankönig an im Lauf.

Ein trauriger Gesell ist der zu nennen,

Doch Fleisch und Knochen ragen mächtig auf.

Man durfte seinen Stoß wohl anerkennen,

Ging er im Grund auch auf den Schild nur drauf.

Mög' es verzeihen, wer es nicht will loben;

Denn treffen konnt' er schwerlich weiter oben.
[39]

48.

Dem Stoße wehrt der Schild nicht, in den Magen

Zu dringen durch den Stahl hin, handbreit fast,

Und aus dem großen Leib herauszujagen

Die ungleich kleine Seel' in aller Hast.

Der Renner, der geglaubt, er müsse tragen

Den ganzen Tag hindurch so schwere Last,

Ist drob Rinald verbunden in Gedanken

Und möcht' ihm für ersparte Hitze danken.


49.

Zerbrochen liegt der Speer – nun wendet schnelle

Rinald das Roß, daß es beflügelt scheint,

Und stürmt zum Angriff mächtig nach der Stelle,

Wo dicht gedrängt sich Mohr mit Mohr vereint:

Im Kreise geht Fusberta blitzend helle,

Daß man von Glas die andern Waffen meint;

Vor ihr schützt Stahl und Eisen zu geringe,

Daß sie nicht durch zum warmen Fleische dringe.


50.

Das schneid'ge Schwert kann wenig Stahl erreichen:

Und auch ist Eisen selten nur zu schaun;

Wohl aber Tartschen, ledern und von Eichen,

Steppröcke, Tuch, gewunden um die Braun.

Da ist's denn klar, daß von Rinaldos Streichen,

Was er berührt, zerschellt wird und zerhaun.

Nichts kann sich seines Schwertes Wucht erwehren,

Wie Gras der Sichel und des Sturms die Ähren.


51.

Die erste Schar ist in die Flucht geschlagen,

Als Prinz Zerbin langt mit dem Vortrab an;

Den Reihn voraus sieht man den Ritter jagen;

Mit vorgestrecktem Speer kommt er heran.

Sein Volk, von gleicher Kampfbegier getragen,

Folgt seinem Fähnlein feurig Mann für Mann:

Im Sprung so Wölfe oder Löwen fliegen,

Wenn sie auf Schafe stürzen oder Ziegen.
[40]

52.

Gleichzeitig trieb, als sie sich nah befunden,

Sein Roß ein jeder nach dem Feind hinein:

Mit eins ist jetzt der kleine Raum geschwunden,

Der auseinanderhielt die beiden Reihn.

Nie ward ein tollrer Reigen noch gefunden;

Die Schotten schlugen nieder ganz allein,

Und töten ließen sich allein die Heiden,

Als seien sie gekommen, Tod zu leiden.


53.

Wie Eis so kalt die Heiden alle waren,

Die Schotten allesamt wie Feuer heiß.

Den Mohren, die Rinaldos Arm erfahren,

Ist jeder Christ ein Held von solchem Preis.

Rasch in Bewegung setzt Sobrin die Scharen,

Man braucht den Herold nicht für das Geheiß.

Die beste Schar war diese hier im Heere

An Führer, Tapferkeit und Wucht der Speere.


54.

Das Beste, wenn nicht Gutes, war zu sagen

Von denen noch, die Afrika gebracht.

Zurück ging Dardinel sogleich voll Zagen,

Sein Hauf war schlecht bewaffnet für die Schlacht;

Mocht' er auch selber lichten Helm jetzt tragen,

In Eisen prangend und in Schuppenpracht.

Die vierte Schar als beßre wohl daherkam,

Die hinterdrein mit König Isoljer kam.


55.

Trason derweil, der Herzog, mutentglommen,

Froh, wieder jetzt bei hohem Tun zu sein,

Heißt seine Reiter für den Kampf willkommen

Und lädt sie, Ruhm sich zu gewinnen, ein:

Er sieht von drüben her Navarra kommen,

Und Isoljer zieht in die Schlacht hinein.

Drauf in Bewegung setzt sich Arïodante,

Der jetzt sich Herzog von Albanien nannte.
[41]

56.

Der Klang der Hörner, die da rufen, höhnen,

Zimbeln und andre Mohrenmelodei,

Mit schwirrnder Bogen und der Schleuder Tönen,

Der Räder und Maschinen mancherlei

Und was noch mehr den Himmel läßt erdröhnen,

Getümmel, Seufzen, Klagen und Geschrei –

Zusammenstimmt in ein gewaltig Brausen,

Betäubend wie der Nileswogen Sausen.


57.

Was sich am Himmel hüllend rings für Schatten zeigen:

Die Pfeile sind's, die fliegen hin und her;

Der Staub, der Atem und der Schweißdunst steigen

Und bringen Flecken in das Nebelmeer.

Der Platz ist dem jetzt, später jenem eigen,

Vordringen sieht man und dann fliehn das Heer

Und manchen tot just an der Stelle liegen,

Wo er zuvor den Feind gefällt beim Siegen.


58.

Will Müdigkeit die eine Schar bezwingen,

Geht eine andre todesmutig vor,

Stets neue Krieger da wie dort sie bringen,

Jetzt Fußvolk hier und dort ein Reiterkorps.

Rot ist der Boden, wo die Heere ringen,

In blut'gem Kleide ragt das Grün empor.

Wo Blumen deckten, blau und gelb, die Erde,

Da liegen tote Menschen jetzt und Pferde.


59.

Zerbin der junge liefert Proben heute,

Wie's kaum ein Jüngling tat, von Heldenkraft:

Er macht das Heidenheer zur Todesbeute:

Seht, wie er einhaut und Zerstörung schafft!

Arïodant für seine neuen Leute

Zeigt sich als Urbild höchster Meisterschaft.

Die von Navarra und Kastilien schauen

Mit Furcht auf ihn, mit Staunen und mit Grauen.
[42]

60.

Chelind und Mosko, die zwei Bastardsprossen

Des toten Calabrun von Aragon,

Und einer, der durch Kühnheit Ruf genossen,

Der Held Calamidor von Barcelon,

Lassen die Fahn' und sprengen mit den Rossen

(Sie hoffen Sieg und hohen Ruhmes Kron')

Gegen Zerbin, den königlichen Recken;

Den Renner erst sie auf den Boden strecken.


61.

Tot lag das Tier, von Lanzen drei bezwungen,

Doch auf die Füße sprang Zerbin gewandt,

Von Wut der Rache gegen sie durchdrungen:

Sie legten an sein treues Pferd die Hand!

Mosko zuerst, dem unerfahrnen Jungen,

Der über ihm, um ihn zu greifen, stand,

Stieß in die Seit' er rasch des Schwertes Spitze

Und warf ihn kalt und bleich vom Sattelsitze.


62.

Als sich den Bruder wie von einem Diebe

Chelind entrissen sah, da voller Zorn

Abtun wollt' er Zerbin mit starkem Hiebe,

Doch dieser packt ihm seinen Hengst von vorn,

Reißt ihn zu Boden, daß ihm Lust und Liebe

Vergeht zu fressen Heu mehr oder Korn;

Denn also wuchtig schlägt der grimme Streiter,

Daß er den Renner tötet und den Reiter.


63.

Calamidor will rasch zur Flucht sich wenden

(Schreck bei dem Hiebe fuhr ihm ins Gebein),

Doch einen Streich weiß jener nachzusenden,

Rufend: »Halt ein, Verräter du, halt ein!«

Nicht, wie gedacht, zwar soll der Schwerthieb enden,

Mag er auch nahe seinem Ziele sein:

Den Mann erreicht er nicht, jedoch dem Pferde

Trifft er das Kreuz und streckt es auf die Erde.
[43]

64.

Der sucht auf allen vieren zu verschwinden,

Doch dem Beginnen ist kein Glück verliehn:

Zufällig muß der Herzog Traso finden,

Der überreitet und zerschmettert ihn.

Arïodante und Lurcan verbinden

Sich im Getümmel drinnen mit Zerbin.

Grafen und Ritter haben sie zu Händen,

Die für Zerbin gern einen Renner fänden.


65.

Wohl wußt' Arïodant das Schwert zu schwingen,

Und das verspürt Artalik und Morgan,

Doch Casimir und Etearch empfingen

Weit Schlimmres noch auf ihrer Kampfesbahn:

Verwundet jene zwei des Weges gingen,

Tot blieben diese beiden auf dem Plan.

Als echten Helden läßt Lurcan sich blicken,

Haut, sticht, zermalmt, weiß in den Tod zu schicken.


66.

Glaubt mir, o Herr, im freien Felde waren

Sie heiß wie hier am Flusse aneinand:

Es blieben nicht zurück die Heeresscharen,

Geführt von Lancasters, des Herzogs, Hand.

Stark griff er an die spanischen Barbaren,

Und dort so ziemlich gleich die Sache stand;

Denn Führer wußten, Fußvolk so wie Reiter,

Die Hand zu führen als geübte Streiter.


67.

Voran von York die Herrn und Gloster gehen,

Adrad mit jenen noch und Fieramont.

Richard von Warwick auch ist dort zu sehen

Und Heinrich, Herzog Clarence, in der Front.

Matlist und Follicon genüber stehen

Und was an Mannen folgt dem Baricond:

Dem ist Almeria, dem Granada eigen,

Den dritten als Majorcas Herrn sie zeigen.
[44]

68.

Die Schlacht scheint eine Zeitlang sich zu stellen:

Im Vorteil weder die noch jene sind;

Es kommt und geht in vielen Wechselfällen,

Dem schwanken Korne gleich im Maienwind

Oder am Meergestad' den flinken Wellen,

Die, auf und nieder, nahn und gehn geschwind.

Jedoch zuletzt, nach laun'schem Drehn und Wenden,

Ließ es das Glück schlimm für die Mohren enden.


69.

Der Herzog Gloster ganz zu gleichen Zeiten

Wirft aus dem Sattel Matalist jetzund,

Und Follicone läßt sich überreiten

Von Fieramont – ihm ist die Schulter wund.

Und beide scheiden aus vom scharfen Streiten,

Gefangne Englands zu derselben Stund',

Da Baricond den Geist hat aufgegeben:

Des Herzogs Clarence Hand nahm ihm das Leben.


70.

Darob die Heiden alsostark erschrecken,

Darob der Christen Kühnheit steigt und Wucht:

Bald gehn nur rückwärts noch die Mohrenrecken,

Die Reiter lösen sich gemach zur Flucht.

Das Christenheer erobert weite Strecken

Und metzelt nieder, was zu fliehen sucht.

Wenn keine Hilfe naht, ist für die Mohren

Der Tag nach dieser Seite hin verloren.


71.

Doch Ferragu, der, bei Marsil geblieben,

Dem königlichen Herrn stets nahe war,

Sah jetzt sein Heer zur Hälfte aufgerieben

Und schon zur Flucht gewendet jene Schar.

Er hat den Renner in die Schlacht getrieben,

Wo sie am heißesten; da nimmt er wahr,

Daß mit zerspaltnem Kopf vom Pferd gefallen

Olymp von Serra, der ihm lieb vor allen,
[45]

72.

Ein Jüngling, der sich rühmte, daß mit Singen

Und der geschweiften Leier Melodei

Er jedes Herz in Rührung wolle bringen,

Ob es auch härter als ein Felsen sei.

Heil ihm, begnügt' er sich mit solchen Dingen

Und ginge Bogen, Köcher, Schild vorbei,

Feindsel'gen Sinns, und krummem Schwert und Speeren,

Die ihm in Frankreich frühen Tod bescheren!


73.

Als dieses holden Jünglings Wangen bleichen,

Der seiner Seele Freude war und Licht,

Fühlt Ferragu ein Weh sein Herz beschleichen,

Wie über tausend andre Tote nicht,

Haut auf den Täter ein mit wilden Streichen

Und spaltet Helm ihm, Stirne und Gesicht:

Erst auf der halben Brust der Schwerthieb endet,

Der jenen tot hin auf den Boden sendet.


74.

Er rastet nicht, das Schwert im Kreise schwingt er.

Die Schuppe springt, und jeder Helm zerkracht;

Auf Stirnen hier, dort Wangen, Zeichen bringt er:

Kopflos wird der, zum Krüppel der gemacht,

Und Blut und Seel' aus ihren Leibern zwingt er

Und bringt zum Stehn an diesem Punkt die Schlacht,

Wo voll Entsetzen und im Angstgedränge

Ohn' Ordnung, blind, geworfen, floh die Menge.


75.

Zum Kampfe kam der König Agramante,

Dem Menschentöten jetzt am Herzen lag;

Mit Baliverz noch und mit Farurante,

Prusion und Soridan und Bambirag,

Dazu so viele andre, Unbekannte,

Von deren Blut ein See jetzt fließen mag,

Daß ich die Blätter leichter könnte zählen,

Die in der Herbstzeit an den Bäumen fehlen.
[46]

76.

Genommen hatte Fußvolk viel und Reiter

Fort von der Mauer König Agramant:

Die werden jetzt – mit dem von Fez als Leiter –

Rückwärts vom Heeresbanner ausgesandt,

Zu hemmen gilt's des Irenlandes Streiter,

Die dort in großer Eile unverwandt,

Nach vielen Windungen und weiten Bogen,

Jetzt feste Stellung einzunehmen zogen.


77.

Von Fez der König legt dies dar in Eile;

Geschadet hätte Säumnis ja hierbei.

Den Rest vereinigt Agramant derweile,

Ordnet und schickt zum Kampfe Reih' um Reih'.

Er geht zum Fluß; weil jetzt an diesem Teile,

So meint er, einzugreifen nötig sei;

Auch war von dort ein Bote hergeritten,

Um für Sobrin um Beistand ihn zu bitten!


78.

Mehr als die Hälfte von dem ganzen Heere

Führt er zurück: bloß vom Getös' und Schrein

Bebte das Schottenvolk, daß es die Ehre

Entsetzt im Stiche ließ und seine Reihn.

Gegen den Ansturm setzten sich zur Wehre

Zerbin, Lurcan, Ariodant allein.

Zerbin, zu Fuße, wäre fast erlegen;

Zum Glück sah seine Not Rinald der Degen.


79.

An hundert Fähnlein schon geflohen waren

In frührer Zeit vor seines Schwertes Wucht.

Sobald er nun die Kunde hat erfahren,

Wie schlimme Not Zerbin hat heimgesucht,

Den dort zu Fuß, umringt von Heidenscharen,

Die Seinen ließen auf der wilden Flucht,

Schnell wendet er den Renner nach der Seite,

Wo er die Schotten fliehen sieht ins Weite.
[47]

80.

Da, wo er fliehen sieht die Schottenleute,

Erscheint und: »Wohin geht ihr?« ruft der Held.

»Zeigt ihr euch denn von solcher Feigheit heute,

Daß ihr so niedrem Volke laßt das Feld?

Seht die Trophäen, seht die reiche Beute,

Die jede Schottenkirch' als Schmuck erhält!

O Lob! O Ruhm, den Königssohn zu lassen

Allein, zu Fuß, in solchen Feindesmassen!«


81.

Vom Knappen läßt er mächt'gen Speer sich geben,

Sieht Prusion und bricht zu ihm sich Bahn,

Den Alvaracken aus dem Sitz zu heben: –

Tot hingestreckt liegt jener auf dem Plan.

Dem Agribalt nimmt er danach das Leben

Und Bambirag, verwundet Soridan;

Auch dieser auf dem Platz geblieben wäre,

Allein beim Stoß zersprang der Schaft am Speere,


82.

Fusberta zieht er, als der Speer zerbrochen:

An Prusion vom Sterne geht's jetzund.

Gefeite Waffen trug er; undurchstochen,

Doch tot, vom Rosse fiel er auf den Grund.

So ward dem Schottenherzog Bahn gebrochen.

Ein großer, schöner Raum ringsum entstund.

Leicht mocht' er sich auf einen Renner schwingen

Von denen, die mit leeren Sätteln gingen.


83.

Heil ihm, daß er ein Pferd bestieg so schnelle,

(Wär' es dazu noch später Zeit? – wer weiß!)

Denn Agramant erschien mit Dardinelle,

Sobrin mit Fürst Balaster gleicherweis.

Doch er, beritten nun für alle Fälle,

Schwang voller Macht das Schwert um sich im Kreis:

Zur Hölle schickt er den und jenen Helden,

Um von modernem Leben dort zu melden.
[48]

84.

Als Herr Rinald, der stets vor Eifer brannte,

Die Schädlichsten zu finden bei dem Strauß,

Nun zu dem starken Herrscher selbst sich wandte,

Denn viel zu stolz und kühn sah der ihm aus

(Für tausend andre kämpfte Agramante),

Da spornt' er Bajard gegen ihn hinaus

Und traf ihn so, daß er mitsamt dem Pferde

Kopfüber niederstürzte auf die Erde.


85.

Derweil sie hier voll Wüten sind beflissen,

Einander hinzuwürgen in der Schlacht,

Hat Rodomont die Häuser eingerissen,

Gemordet rings und Feuersglut entfacht.

Karl sieht es nicht und kann es auch nicht wissen,

Weil er sich anderswo zu schaffen macht:

Mit Ariman und Edward kamen Briten:

Karl nahm sie auf in seiner Hauptstadt Mitten.


86.

Ein Knapp' erscheint; es beben seine Glieder,

Daß er den Atem kaum noch heben kann:

»Ach, Herr! Ach Herr!« so seufzt er immer wieder,

Bevor er andre Meldung machen kann,

»Das röm'sche Reich sinkt heut auf ewig nieder!

Christus verläßt sein Volk und sieht's nicht an.

Er soll in unsrer Stadt nicht länger bleiben:

Ein Geist kommt hergeschneit, ihn zu vertreiben.


87.

Satan will unsrer Stadt Vernichtung bringen

Und Untergang (er kann es sein allein!):

Sieh nur das Rauchgewölk empor sich schwingen!

Es hüllt die gier'gen Räuberflammen ein.

Höre das Jammern auf zum Himmel dringen!

Laß deines Knechtes Wort gesagt dir sein!

Ein einz'ger wütet dort mit Schwert und Flammen,

Und alles flieht, und alles stürzt zusammen!«
[49]

88.

Wie einer, der den Lärm erst hat vernommen

Und auch der heil'gen Glocken raschen Ton,

Eh er – nach andern – sieht die Glut entglommen,

Die ihn zumeist betrifft mit ihrem Drohn –

Hört Karl: ein neues Unheil ist gekommen,

Und mit den eignen Augen sieht er's schon.

Er lenkt den Kern von seinen Scharen allen

Hin, wo er Schrein hört und Getös' erschallen.


89.

Von Kriegervolk und Herrn, die niemand weichen,

Entbeut er eine auserlesne Schar;

Zum Marktplatz richtet er die Heereszeichen,

Weil Rodomont in jenem Teile war.

Karl hört den Lärm und sieht verstreut die Leichen,

Voll Grausamkeit zerstückelt ganz und gar. –

Nicht weiter jetzt: es möge wiederkehren,

Wer gerne mehr vernähme von den Mären.

Quelle:
Ariosto, Ludovico: Der rasende Roland. In: Sämtliche poetischen Werke, Berlin 1922, Band 2, S. 27-50.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Der rasende Roland
Die Historia vom Rasenden Roland
Ludovico Ariosts Rasender Roland nacherzählt von Italo Calvino

Buchempfehlung

Lewald, Fanny

Jenny

Jenny

1843 gelingt Fanny Lewald mit einem der ersten Frauenromane in deutscher Sprache der literarische Durchbruch. Die autobiografisch inspirierte Titelfigur Jenny Meier entscheidet sich im Spannungsfeld zwischen Liebe und religiöser Orthodoxie zunächst gegen die Liebe, um später tragisch eines besseren belehrt zu werden.

220 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon