Vierter Gesang

[61] 1.

Wohl ist's verwerflich meist, sich zu verstellen,

Wird oft ein Zeichen niedrer Seele sein;

Doch bietet Heuchelei in vielen Fällen

Unstreitig einen Nutzen, der nicht klein,

Und kann vor Schaden, Tod uns sicherstellen.

Verkehrt man doch mit Freunden nicht allein

Im Erdenleben, wo mehr Nacht als Licht ist

Und mancher, ach, auf Neid und Haß erpicht ist!


2.

Zur Not nach langer Prüfung mag's gelingen

Zu finden, den du Freund nennst ohne Scheu,

Dem du dein Herz vertraust in allen Dingen

Und ohne Schleier zeigest stets aufs neu;

Doch soll Vertraun die Freundin Rogers bringen

Jenem Brunel, der weder rein noch treu?

Der sie durch Lug und Schändlichkeit empörte,

Nach dem, das von der Zauberin sie hörte?


3.

So heuchelt denn auch sie – was kann sie machen?

Denn allen Truges Vater ist Brunel.

Und ihre Blicke seine Hand bewachen –:

Ha, wahre Geierklaun hat der Gesell!

Da trifft ein Lärm ihr Ohr, ein Dröhnen, Krachen:

»O Himmelsherr! Maria, Gnadenquell!«

Ihr Ruf erklingt: »Was ist das für ein Toben?«

Hin eilt sie, wo der Lärm sich hat erhoben,
[62]

4.

Und sieht den Wirt mit allen, jung und alten,

Empor zum Himmel richten Aug' und Braun

Innen und draußen –: will sich dort gestalten

Verfinsterung? Ist ein Komet zu schaun?

Sie sieht ein holdes Wunder sich entfalten

(Daran zu glauben, mag sie kaum sich traun):

Ein mächtig Flügelroß im Äther schweben

Und einen Ritter in die Lüfte heben.


5.

Vielfarbig und gewaltig sind die Schwingen,

Und mittendrin, gewappnet, sitzt ein Mann;

Von seiner Eisenrüstung Strahlen dringen,

Nach Westen zu kommt er im Flug heran.

Er sinkt – und ferne Höhen ihn verschlingen,

's ist – sagt der Wirt, der keine Lüg' ersann –

Ein Zauberer, der also pflegt zu schweifen

Und nah und fern die Gegend zu durchstreifen.


6.

Jetzt zu den Sternen hebt er sich im Fluge,

Jetzt streift er hin am Boden, fast im Staub,

Und mit sich nimmt er, was er auf dem Zuge

An Schönen nur erraffen kann zum Raub,

So daß ein armes Kind, ob es mit Fuge,

Ob nur im Wahn sich eine Venus glaub'

(Es kommt auf eins heraus – er nimmt sie alle!),

Die Sonne meiden muß in jedem Falle.


7.

»Sein Schloß steht in den Pyrenän; da sprangen«,

Der Wirt sagt, »Mauern auf durch Zaubermacht;

Leuchtend und schön in hellem Stahl sie prangen,

Nie schien die Sonn' auf eine größre Pracht.

Gar viele Ritter sind dorthin gegangen,

Doch keiner hat den Weg zurückgemacht.

Drum hab' ich, Herr, als glaublich dies erachtet:

Im Kerker sind sie – oder abgeschlachtet.«
[63]

8.

Die Dame hört's und hört es frohbetroffen;

Denn fortzuraffen all den Zaubergraus

Mit ihrem Ring, darf sie ja sicher hoffen,

Den Magier selber und sein Wunderhaus.

Sie spricht zum Wirt: »Die Wege stehen offen;

Ein kund'ger Diener führe mich hinaus!

Ich brenne heiß – der Ruh' muß ich vergessen –

Mit jenem Hexenmeister mich zu messen.«


9.

»Nicht fehlen«, sprach Brunel, »soll der Begleiter:

Ich selber will mit dir als Führer gehn.

Den Wegplan hab' ich und noch manches weiter,

Das als Gesellen mich macht gern gesehn.«

Vom Ringe wollt' er sprechen, doch gescheiter

Hält er das Schweigen, nicht geprellt zu stehn.

Sie spricht: »Du bist genehm mir zur Gesellschaft«

Und meint. – Jawohl, weil mir's den Ring zur Stell' schafft.


10.

Was nützen kann, das sagt sie; was ihr schaden

Mag bei Brunel, verschweigt sie mit Bedacht.

Der Wirt besaß ein Roß: zu Wanderpfaden

Vortrefflich schien ihr's wie zu Krieg und Schlacht.

Sie kauft es. Als im Morgentaue baden

Die Fluren früh, man auf den Weg sich macht.

Durch enge Felsschlucht sie von dannen reitet;

Brunel, bald vorn, bald hinten, sie begleitet.


11.

Von Berg zu Berg, von Wald zu Wald sie ziehen

Zum Pyrenäengipfel hoch und hehr,

Von wo zu schauen, wenn die Nebel fliehen,

Frankreichs und Spaniens Doppelküste wär',

Wie ob Camaldoli ein Blick verliehen

Vom Apennin ist auf ein zwiefach Meer.

Mühsam und steil, an schroffen Felsenschlünden

Vorüber ging's zu tiefen Tales Gründen.
[64]

12.

Inmitten sieht man einen Felsen ragen;

Stahlmauern kränzen kriegerisch sein Haupt.

Des Himmels Wolken, scheint es, will er tragen,

Die Berge rings man seine Diener glaubt.

Wer Flügel hat, kann hinzudringen wagen;

Sonst ist für Botschaft Hoffnung ganz geraubt.

»Sieh!« sprach Brunel, »du kannst den Ort betrachten,

Wo in der Haft die Fraun und Ritter schmachten!«


13.

Viereckig zubehaun und glatt die Wände

Des Felsens, lotgerecht wie nach der Schnur!

Auf keiner Seite Halt für Fuß und Hände,

Von Stufen oder Treppen keine Spur!

Daß dort ein Tier wohl seine Höhle fände,

Meint man, doch ein Geschöpf mit Flügeln nur.

Das Fräulein sieht, 's ist Eile jetzt vonnöten,

Den Ring zu nehmen und Brunel zu töten.


14.

Bloß mit des Schelmen Blut sich zu beflecken,

Des waffenlosen, sehr ihr widerstrebt.

Auch so wohl geht's, den Ring sich anzustecken

Und zu erlauben, daß er weiterlebt!

Ohn' Argwohn ist Brunel; da – welch ein Schrecken!

Gebunden war er und wie festgeklebt

An eine Tann': am Stamme hilflos hing er;

Allein zuvor nahm sie den Ring vom Finger.


15.

Vergebens seine Klagen, seine Bitten;

Ihn freizugeben sinnt sie keinesfalls.

Sie steigt zu Tal mit langsam festen Schritten,

Bis sie am Fuß ist jenes Felsenwalls.

Zum Kampfe laden aus des Schlosses Mitten

Soll jetzt den Zaubrer Kraft des Hörnerschalls.

Sie bläst, und hinterdrein mit drohndem Schreien

Entbietet sie zum Streit ihn hier im Freien.
[65]

16.

Nachdem das Horn erschallt ist und die Stimme,

Läßt in der Luft der Flügelhengst sich schaun

Auf sie zu, die ein Mann erscheint voll Grimme.

Von vornherein gleich wächst ihr das Vertraun;

Geringen Schaden, meint sie, tut der Schlimme,

Vor diesem Reiter braucht ihr nicht zu graun.

Nicht Spieß noch Keul' und Schwert sieht man ihn halten,

Den Harnisch zu zerschmettern und zu spalten.


17.

Nichts trägt er als den Schild in seiner Linken,

Rotseiden Tuch darum als Decke weht,

Und rechts ein Buch, o seht nur: auf sein Winken,

Dieweil er liest, ein Wunder draus entsteht:

Bald zeigt sich, wie man glaubt, ein Lanzenblinken

(Davon der Atem manchem Held vergeht),

Und bald ein Tanz von Knüppel oder Keule;

Fort ist er dann, ganz ohne Wund' und Beule.


18.

Der Hengst, von Greif und Pferdestut' entsprungen,

Ein wirklich Wesen und kein Zauber war:

Das Vatertier gab Federn seinem Jungen,

Den Schnabel, Vorderfüß' und Schwingenpaar.

Der Mutter war das übrige gelungen;

Der Name »Hippogryph« macht solches klar.

In Nordlandsbergen kommen, freilich selten,

Dergleichen Wesen aus den Eismeerwelten.


19.

Er bracht' ihn her von dort in Zauberbanden;

Ihn abzurichten war er dann bedacht,

Bis er den Hengst, nachdem vier Wochen schwanden,

Für Zaum und Zügel fügig hat gemacht.

Das Tier gehorcht in Luft und Menschenlanden,

Wenn er es tummelt, völlig seiner Macht.

Nicht Zauberlisten hier, wie sonst, betören,

Man kann das alles wirklich sehn und hören.
[66]

20.

Zu täuschen war der Zaubrer sonst nicht träge:

Was gelb ist, sieht das Aug' in Rot verkehrt.

Doch bei dem Fräulein hat das gute Wege,

Weil ja der Ring jedweder Täuschung wehrt.

Und doch gibt sie dem Winde Schläg' auf Schläge

Und wirft sich hierhin, dorthin mit dem Pferd.

Sie tummelt sich, tut alles, heiß die Wangen,

Wie sie die Unterweisung hat empfangen.


21.

Ein Weilchen läßt sie so den Renner springen

Und steigt dann ab, zu Fuß mit klugem Sinn

Bequemer noch das andre zu vollbringen,

Was ihr gesagt ward von der Seherin.

Unmöglich hält der Magier ein Mißlingen

Und schleudert seinen stärksten Zauber hin:

Den Schild enthüllt er und vermeint, sie werde

Vom Zauberlicht hinstürzen auf die Erde.


22.

Gleich konnt' er ja die Hülle ziehn vom Schilde,

Den Kämpfer schonend, eh er niederfiel;

Doch hatt' er seine Lust am schönen Bilde:

Wie Schwert und Lanze träfen hübsch das Ziel.

Er glich der Katze hier, die, scheinbar milde,

Sich mit der Maus ergötzt zu ihrem Spiel;

Wird ihr das Spaßen dann zum Überdrusse,

So beißt sie zu und gibt den Tod zum Schlusse.


23.

Ich sagt': er war der Katze zu vergleichen,

Und wer ihm gegenüberstand, der Maus.

Doch muß das Gleichnis jetzt sein End' erreichen,

Seit jene mit dem Ringe kommt zum Strauß.

Gespannt verfolgt sie seiner Absicht Zeichen;

Nach Wunsche schlägt es ihm wohl schwerlich aus.

Als sie die Hülle sieht herniederwallen,

Schließt sie das Aug' und läßt sich niederfallen;
[67]

24.

Nicht, weil der Blitz des leuchtenden Metalles,

Wie allen andern, Schaden ihr gebracht,

Nein, bloß, damit beim Anblick ihres Falles

Der Feind vom Pferde steige unbedacht.

Und wie's ersonnen war, so glückt ihr alles:

Kaum lag sie da, so kam, mit aller Macht

Die Schwingen regend, in gewalt'gem Bogen

Der luft'ge Reiter auf sie zugeflogen.


25.

Den Schild, verhüllt, läßt er am Sattel hangen

Und kommt zu Fuß zum Mädchen her in Hast:

Das gleicht verstecktem Wolf, der voll Verlangen

Im Dickicht lauernd auf den Rehbock paßt;

Und als er nah ist, nimmt sie ihn gefangen,

Indem sie rasch mit Armen ihn umfaßt,

Vergessen hat der Arme, Unbedachte

Das Buch, das sonst für ihn die Kämpfe machte.


26.

Man sieht ihn eine Kette bei sich tragen,

Damit er seine Opfer stets umwand;

Vermeint er doch, es geh' ihr an den Kragen;

Die Arme wollt' er binden aneinand.

Zu Boden jetzt hat ihn die Maid geschlagen:

Er wehrt sich nicht – was ich begreiflich fand.

Er liegt – so wollte sich das Blättlein wenden –

Ein schwacher Greis, in starker Jungfrau Händen!


27.

Das Haupt ihm abzuhaun, hat sie im Sinne:

Die Siegerhand erhebt sie zum Gericht.

Doch in das Antlitz schauend, hält sie inne;

Die Rache scheint gemein, sie will sie nicht.

Ein Greis, ehrwürdig, weißen Bart am Kinne,

Blickt zu ihr auf mit traurigem Gesicht;

An seinen Runzeln und am weißen Haare

Sieht man, er zählt wohl an die siebzig Jahre.
[68]

28.

»Bei Gott, o Jüngling, nimm, o nimm mein Leben!«

Verzweifelt rief der Greis in Zorn und Groll.

Doch ist, es loszuwerden, sein Bestreben,

Meint jene, daß er's noch behalten soll,

Und sie verlangt, er möge Kunde geben,

Was all der Zauber hier besagen woll':

Warum die Burg gebaut an diesem Orte

Und er drin hause, aller Welt zum Torte.


29.

»Weh, nicht aus Bosheit, nicht aus Aberwitze,«

Erwidert unter Zähren ihr der Greis,

»Macht' ich die schöne Burg auf Felsenspitze;

Von Raub und Habsucht, ach, mein Herz nichts weiß.

Nein, Liebe treibt mich, vor der Jugendhitze

Gefahr zu retten edler Ritter Preis.

Der Himmel zeigt, er muß nun bald verderben

Und – durch Verrat – als Christ und gläubig sterben.


30.

Die Sonne nicht – vom Nord zu Südpols Ferne –

So schönen, wackren Jüngling hat gekannt.

Sein Nam' ist Roger; ach, ich hab' ihn gerne! –

Ich, Atlas, der ihn als ein Kindlein fand,

Bis ihn die Ehr' und seines Schicksals Sterne

Nach Frankreich führten gegen Agramant.

Mehr als mein Kind ihn liebt' ich; ihn hier drinnen,

Von Frankreich fern, zu bergen, war mein Sinnen.


31.

Den Jüngling zu behüten vor Gefahren,

Hab' ich allein die schöne Burg erbaut;

Ich fing ihn ein (du kennst nun das Verfahren,

Mit dem auch dich zu fassen ich vertraut).

Hier sammelt' ich, die hoch und edel waren,

Ritter in Waffen kühn und Damen traut,

Damit er, ging es nicht nach seinem Willen,

Doch in Gesellschaft weile sonder Grillen.
[69]

32.

Läßt er den einen Wunsch der Rückkehr fahren,

Wird hier kein' andre Lust der Welt entbehrt;

Was nur zu finden ist bei Menschenscharen

Des Erdenrunds, das wird ihm dort gewährt.

Sang, Speisen, Spiel, Gewänder, schöne Waren,

Was sich der Mund ersehnt, das Herz begehrt.

Gesät war gut, die Ernte will gelingen,

Doch du erscheinst, um Unheil mir zu bringen.


33.

O möge doch dein Herz dem Antlitz gleichen!

Mein Sinn ist redlich; laß mein Streben mir!

Nimm hin den Schild und nimm als Friedenszeichen

Das durch die Luft sich schwingt, das Flügeltier.

Bleib fern der Burg und laß mit dir entweichen

Zwei, drei der Freunde noch vom Schlosse hier!

Ja, nimm sie alle – nicht werd' ich dich hassen,

Willst du mir einen, willst du Roger lassen!


34.

Und mußt du grausam dennoch ihn behalten,

O dann, eh du ihn führst zum Frankenland,

Löse die Seele mir, dem schwachen Alten,

Die fast aus morscher Hülle schon entschwand!« –

»Schwatzend und klagend magst du weiter schalten;

Ich lös' ihm,« sprach die Maid, »das Fesselband.

Es sollen Schild und Roß mich nicht betören,

Die alle beide ja mir schon gehören!


35.

Und könntest du sie nehmen oder geben,

Ich würde doch zum Tausch mich nicht verstehn.

Du willst für Roger, sagst du, Unheil heben,

Damit er schlimmen Sternen könn' entgehn?

Nicht weißt du, was die Himmel für ihn weben,

Und wüßtest du's, es müßte doch geschehn.

Dein Unglück siehst du nicht, das doch so nah ist,

Wie willst du sehn, was lange noch nicht da ist?
[70]

36.

Fleh' nicht, daß ich dich gleich ins Jenseits sende:

Vergebens wär's! Ist Sterben dein Begehr –

Verweigern auch die Menschen dir das Ende,

Den Weg zum Tod versperrt man nimmermehr.

Doch eh vom Fleisch dich lösen deine Hände,

Gib erst in Freiheit die Gefangnen her.«

So sprach das Fräulein, und dem Fels entgegen

Hieß sie den Zaubrer sich voran bewegen.


37.

Der Zaubrer geht, in eigner Kette Banden:

Das Fräulein neben ihm hat aufgepaßt:

Noch ist nicht recht Vertraun in ihr vorhanden,

Scheint er auch jetzt ergeben und gefaßt.

Als sie den Spalt nach wen'gen Schritten fanden,

Der aufwärts stieg im Zickzack zum Palast,

Auf Stufen, die in Bogenform sich schlangen,

Sind sie zum Tor der Burg hinaufgegangen.


38.

Ein Felsenstück mit Zeichen, nicht geheuer,

Nimmt von der Schwelle dort der Nekromant.

Darunter qualmen von verborgnem Feuer

Beständig Töpfe (»Olle« zubenannt).

Der Greis zerbricht sie –: fort ist das Gemäuer!

Ungastlich, öde steht die Felsenkant',

Und nirgends sind zu sehen Türm' und Wände,

Als wär's unmöglich, daß ein Schloß hier stände.


39.

Der Zaubrer hat der Dame sich entwunden

(So mag die Drossel sich vom Netz befrein),

Und mit ihm plötzlich ist sein Schloß verschwunden:

Frei zeigen sich die Gäste jetzt, allein

Nicht mehr in Sälen haben sich befunden

Die Herrn und Damen alle, nein, im Frein.

Auch waren viele drob, fürwahr, in Trauer;

Denn groß Vergnügen gab's im Vogelbauer.
[71]

40.

Hier steht Gradaß, dort König Sakripante

Und weiterhin der edle Held Prasild

(Der mit Rinaldo kam aus der Levante);

Bei ihm Irold – der Freundschaft echtes Bild!

Nun sieht auch ihn die schöne Bradamante,

Roger, dem ihres Herzens Sehnen gilt.

Und kaum hat sie sein Auge wahrgenommen,

Gar hold und freudig heißt er sie willkommen.


41.

Mehr als am Augenlicht, am Blut und Leben

Sein Herz an dieser stolzen Schönen hing,

Seit er sie sah den Helm vom Haupte heben

Für ihn, so daß sie jene Wund' empfing.

Ich kann nicht sagen hier, wer die gegeben,

Wie er, wie sie durch Wälder schweifend ging,

Wie Tag und Nacht sie suchten, auf und nieder,

Und niemals noch – bis jetzt – sich fanden wieder.


42.

Nun er sie sieht und hört, dies hehre Wesen

Hab' ihn gerettet aus der Burg von Stahl,

Gesegnet nennt er sich, vom Glück erlesen,

Das Herz verklärt von heller Freude Strahl.

Zum Platze, wo sie Siegerin gewesen,

Geht es hinunter jetzt, ins Felsental.

Dort haben sie den Flügelhengst gefunden;

Den Schild, bedeckt, trug er zur Seit' gebunden.


43.

Die Dame griff nach seinem Zaum: die Glieder

Erst rührt er nicht, als er sie kommen sah;

Dann flog er auf in heitre Luft, und nieder

Zu Boden senkt er sich, nicht weit von da.

Sie folgt ihm nach: er regt die Schwingen wieder,

Läßt sich herab und bleibt, bis sie ganz nah;

So wie die Kräh' in trocknem Sande tänzelt,

Wenn jagend hinter ihr ein Hündlein schwänzelt.
[72]

44.

Roger, Gradaß und Sakripant, sie liefen,

Wie alle, denen Freiheit ward gebracht,

Bergauf, bergunter nach dem Hippogryphen,

Weil jeder ihn zu fassen war bedacht;

Als dieser nun den Weg nach sumpf'gen Tiefen

Und der nach Bergeshöhen hat gemacht,

Auf steile Spitzen ist hinaufgedrungen,

Da kommt der Hengst zu Roger hingesprungen.


45.

Ein Mittel war's, das Atlas schlau verwandte,

Der stets voll Sorgfalt, zärtlich überaus,

Roger aus der Gefahr zu ziehen brannte.

Nur dies bekümmert' ihn tagein, tagaus.

Den Hippogryphen drum er jetzt entsandte,

Roger zu tragen in die Fern' hinaus.

Als der zum Renner kommt, um ihn zu fassen,

Sträubt sich das Tier, will sich nicht lenken lassen.


46.

Erzürnt ließ Roger dem Frontin die Zügel

(Den Namen führte dieses gute Roß)

Und schwang sich in des Flügeltieres Bügel,

Reizt ihm den stolzen Mut durch Sporenstoß:

Es lief ein Weilchen, regte dann die Flügel,

Bis es in leichtem Schwung zur Höhe schoß.

Kein Falk, der hutlos sich der Freiheit freute,

Stieß schneller auf den Reiher, seine Beute.


47.

Das Fräulein, das den Liebsten sah entweichen

In so gefährlich mächt'ge Höhn empor,

Ließ in Betäubung eine Zeit verstreichen,

Darin sie das Bewußtsein schier verlor:

Will ihn das Schicksal Ganymeds erreichen,

Den für den Himmel Zeus sich einst erkor?

Sie meint nun, dies erneut sich, all und jedes:

Ist er doch lieb und schön wie Ganymedes.
[73]

48.

Gespannten Augs zum Himmel muß sie schauen,

Solang sie sehn kann; als er allzuweit

Und gänzlich bald verschwunden ist im Blauen,

Gibt ihm noch ihre Seele das Geleit.

Nun darf sie Klag' und Seufzern sich vertrauen,

Die bleiben ihr fortan für alle Zeit.

Als Roger ihr entführt ist vom Geschicke,

Treffen den Hengst Frontin der Dame Blicke,


49.

Und sie beschließt, für sich ihn zu behalten

(Vom ersten besten würd' er ja geraubt),

Bis Roger werd' als sein Gebieter schalten,

Weil an ein Wiedersehn bestimmt sie glaubt. –

Der Vogel steigt; des Zügels kann nicht walten

Der Reiter –: tief versinkt der Höhen Haupt;

Sie werden kleiner, und mit einem Mal ist

Nicht mehr zu schauen, was Gebirg, was Tal ist.


50.

Roger ist hoch (als Punkt mag er erscheinen

Den Leuten, die ihn von der Erde sehn)

Und steuert hin, wo Sol sich senkt, um seinen

Wagen fortan im Krebsesbild zu drehn.

Es fahr' ein Schifflein, möchte man vermeinen,

In dessen Segel günst'ge Winde wehn.

So geh' er denn – wir wünschen gute Reise!

Und von Rinald erklinge jetzt die Weise.


51.

Zwei Tage fuhr er hin durch Meereswogen

Gewalt'ge Strecken, von dem argen Wind

Nach Westen bald und bald zum Bär gezogen,

Und Tag und Nacht im wilden Sturm verrinnt.

So kam er auch zum Schottenland geflogen,

Wo Kaledonias Wald und Rasen sind.

Sie hören durch die alten schatt'gen Eichen

Oft Klang von Waffen und von mächt'gen Streichen.
[74]

52.

Britanniens Ritterschaft und ihre Leiter,

Die kampfbereiten, alle sind darin,

Von nah und ferne viel erlesne Streiter

Mit Deutschlands, Frankreichs, Nordlands Heldensinn.

Wem Kraft gebricht, der gehe lieber weiter,

Denn, sucht er Ruhm, wird Tod nur sein Gewinn.

Galaß, Galvan und Lancelot vollbrachten

Mit Artur, Tristan Wunderwerk in Schlachten.


53.

Dazu der Tafelrunde Kampfgesellen,

Der alten und der neuen, wie bekannt.

Es künden ihren Ruhm an manchen Stellen

Denkmäler und Trophäen weit ins Land.

Rinald fand Waffen, Bajard auch, den schnellen,

Und fährt von dannen nach dem Nebelstrand,

Befiehlt dort seinem Schiffer, zu verschwinden

Und später sich in Berwick einzufinden.


54.

Allein, auch ohne Knappen, zog der Ritter

Hin durch den weiten, ungeheuren Wald:

Ob sich ein Abenteuer träfe, ritt er

Bald diesen Weg und wieder jenen bald.

Da fand er sich vor eines Klosters Gitter,

Das guten Teil von seinem Unterhalt

Hingab, im Klosterbau die Herrn und Damen

Gut zu bewirten, die des Weges kamen.


55.

Der Paladin wird höflich aufgenommen

Und fragt beim Abt und bei den Mönchen an

(Doch nicht, bevor am leckren Mahl der Frommen

Er für den Magen Stärkung sich gewann),

Wie einer, der in diesen Wald gekommen,

Wohl solch ein Abenteuer finden kann,

Wo sich bewähren mag des Menschen Adel

Und ob mit Recht er Preis verdien', ob Tadel.
[75]

56.

Die Antwort ist: es gäbe dort im Freien

Seltsamer Abenteuer wohl genug,

Allein der Ort und Vorgang dunkel seien,

Weil keiner aus dem Walde Kunde trug.

»Auf, suche,« sprachen sie, »ob in den Reihen

Der Helden man dich preisen darf mit Fug

Und Ruhm sich schließt an Mühen und Gefahren,

Um dauernd deinen Namen zu bewahren.


57.

Und willst du deine Tapferkeit bekunden,

Zur schönsten Tat ist jetzt Gelegenheit,

Und keine beßre wurde noch gefunden,

Sei's in der alten, sei's in neuer Zeit:

Des Königs Tochter braucht in diesen Stunden

Verteidigung und Schutz vor Schändlichkeit

Eines Barons – Lurcan ist er geheißen –

Der sucht ihr Ehr' und Leben zu entreißen.


58.

Es hat – vielleicht mit Unrecht und aus Hasse –

Beim Vater selbst sie angeklagt Lurcan,

Gesehn hab' er, wie nachts sie zu sich lasse

Und hoch zum Söller ziehe den Galan.

Wenn keiner kommt, der ihre Sach' erfasse,

Den Todesweg zum Holzstoß tritt sie an.

In Monatsfrist – die Zeit wird nächstens enden –

Muß er die Lüge auf den Kläger wenden.


59.

Rauh, gottlos, strenge, will die Satzung eben,

Daß jede Frau, wie hoch sie stehen mag,

Die andrem als dem Gatten sich ergeben,

Den Tod erleide nach erhobner Klag'.

Und nichts auf Erden rettet ihr das Leben,

Als daß ein Krieger zum bestimmten Tag

Erschein' und mit dem Schwert den Satz verfechte:

Unschuldig sei sie, stürbe nicht zu Rechte.
[76]

60.

Der König, sinnend, wie sein Kind er rette

(Ginevra heißt die Tochter hold und gut),

Ließ künden durch die Schlösser und die Städte:

Wer, sie verteidigend mit Kraft und Mut,

Erstickt die schändliche Verleumdung hätte,

Solle sie freien (wenn aus edlem Blut),

Auch reiches Gut empfangen, Land und Habe,

Wie solcher Maid geziem' als Morgengabe.


61.

Sie stirbt, wenn kein Verteid'ger will erscheinen,

Auch, wenn der Sieg im Kampf nicht wird erreicht.

Ein solches Werk frommt besser, sollt' ich meinen,

Als daß man irrend durch die Wälder streicht.

Und Ehr' und Ruhm dem Namen sich vereinen,

Daß nimmermehr der lichte Glanz erbleicht;

Dazu die lieblichste der schönen Frauen,

So viel von hier bis Indien sind zu schauen,


62.

Und einen Reichtum ferner, deinem Leben

Behaglichkeit auf immer zu verleihn;

Machst du des Hauses Ehre neu sich heben,

So ist des Königs Huld und Gnade dein.

Die Unschuld zu beschützen mußt du streben

Vor Niedertracht, aus Ritterpflicht allein.

Das Mädchen ist nach aller Stimmen Einheit

Das Urbild aller Tugend, aller Reinheit.«


63.

Nachdenklich stand Rinald; dann sprach er: » Sterben

Soll eine junge Maid ohn' andre Schuld,

Als daß in ihrem Arm von Qualen, herben,

Den Liebsten sie erlösen wollt' in Huld?

Wer solch Gesetz gab, mög' er stracks verderben,

Verderben jeder Feige, der es duld'!

Gebührend stirbt, wer grausam Liebe wehret;

Nicht, wer des Liebsten Wonn' und Leben mehret.
[77]

64.

Nicht kümmert's mich, ob sie zu süßem Minnen

Einlaß dem Freund gewähr', ob nicht gewähr',

Und sie zu loben könnt' ich gleich beginnen,

Wenn nur der Fall geheim geblieben wär'.

Ihr Hort zu sein, danach steht all mein Sinnen;

Nun bitt' ich: gebt mir einen Führer, der

Den Kläger zeig' und mich zu ihm geleite;

Ihr Kummer, hoff ich, sucht nun bald das Weite.


65.

Ich sage nicht: die Tat sei zu verneinen;

Unkundig, ging ich leicht ja falschen Weg;

Ich sage dies: verkehrt will mir erscheinen,

Daß man auf solche Dinge Strafe leg',

Und wer die Satzung gab, der, sollt' ich meinen,

War bös und reif, daß ihn ein Tollhaus heg'.

Als schädlich schaffe man sie aus dem Lande,

Und neue mache man mit mehr Verstande!


66.

Wenn gleiche Glut, just mit dem gleichen Triebe,

Geschlecht sowie Geschlecht bezwingt und lenkt

Zu jenem letzten süßen Ziel der Liebe,

Daran im Volk man wie an Sünde denkt,

Wie käm's, daß für die Frau Verbrechen bliebe,

Wenn ein, zwei Freunden sie dasselbe schenkt,

Was wir beliebig tun und unbeachtet,

Jawohl, gelobt sogar und nicht verachtet?


67.

Den Fraun ist Unrecht im Gesetz geschehen,

Steht solche Strafe dort für sie bereit;

Und bald, ich hoff es, laß die Welt ich sehen,

Daß man die Unbill trug zu lange Zeit.«

Und zu Rinald die Mönche sämtlich stehen,

Daß sich die Alten aller Billigkeit

Entschlugen, als sie dieses ließen gelten;

Der König auch, der's zuläßt, sei zu schelten.
[78]

68.

Als weiß und rot empor der Morgen gleitet

Und hell und freudig naht am Himmelsrand,

Sieht er Rinald, der zu dem Hengste schreitet;

Ein Knapp' auch aus dem Kloster ist zur Hand.

Viel Stunden, Meilen hat ihn der begleitet,

Stets durch des Waldesdickichts grause Wand.

Hin nach der Gegend beide Reiter streben,

Wo um die Maid der Kampf sich soll erheben.


69.

Sie wählten, abzuschneiden von dem Wege,

Ein schmales Pfädchen, das sich seitwärts schlingt.

Da – horch! – tönt eine Klage durchs Gehege,

Die jammervoll zu ihren Ohren dringt.

Rinald voran, der andre auch nicht träge,

Eilen dem Tal zu, draus der Ruf erklingt:

Zwei Kerle stehn, ein Mädchen zwischen ihnen,

Nach Ansehn war es jung und schön von Mienen.


70.

Verzweiflung, Schmerz der Armen Züge tragen,

Wie sie nur je ein Mädchenantlitz bot;

Und schon gezückt die grimmen Eisen ragen,

Bereit, das Gras zu färben blutigrot.

Um Aufschub fleht sie, weinend und mit Klagen,

Das Paar bleibt ungerührt von ihrer Not.

Rinald erscheint, erblickt sie mit den Zweien

Und stürzt herbei mit lautem Drohn und Schreien.


71.

Die Missetäter waren gleich entwichen;

Kaum wurden sie der Nahenden gewahr,

Als tief hinab ins dunkle Tal sie schlichen.

Rinald verfolgte nicht das Mörderpaar:

Er wollte hören, was zu Schwerterstichen

Der beiden Schelme wohl der Anlaß war.

Zum Knappen setzt er – Zeit ja gilt's gewinnen! –

Die Maid; zum Pfad zurück geht es von hinnen.
[79]

72.

Wie schön sie war und artig, sah genauer

Rinald, als er an ihrer Seite ritt,

Wiewohl sie noch erschöpft durch Todesschauer

Und all den Schrecken war, von dem sie litt.

Aufs neu befragt, was Ursach' ihrer Trauer

Und Leiden sei, erfüllt sie seine Bitt'

Und sagt mit leiser Stimme jetzt dem Helden,

Was, mit Verlaub, ein neuer Sang soll melden.

Quelle:
Ariosto, Ludovico: Der rasende Roland. In: Sämtliche poetischen Werke, Berlin 1922, Band 1, S. 61-80.
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Der rasende Roland
Die Historia vom Rasenden Roland
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Hoffmann, E. T. A.

Die Serapionsbrüder

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Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

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