Dritte Szene

[434] Die beiden Chöre. Lysistrate kommt aus der Burg; dann mehrere Frauen.


CHORFÜHRERIN.

»Erlauchtes Haupt des kühnen Unterfangens«,

Warum so düster trittst du aus der Burg?

LYSISTRATE.

Der Frauen schändlich Tun und lüstern Wesen

Entmutigt mich und jagt mich hin und wieder.

CHOR DER WEIBER.

Was sagst du? Was sagst du?

LYSISTRATE.

Ach leider, die Wahrheit!

CHORFÜHRERIN.

Was gibt's so Schlimmes? – Sag es deinen Schwestern!

LYSISTRATE.

»Ich kann's nicht sagen, darf es nicht verschweigen!«

CHORFÜHRERIN.

Verbirg mir nichts! Welch Unglück ist geschehn?

LYSISTRATE.

Nun, rund heraus: wir Frau'n sind männertoll!

CHOR DER WEIBER.

Ach, Zeus!

LYSISTRATE.

»Was schreist du auf zu Zeus?« – So ist's einmal!

Ich bin nicht mehr imstand, von ihren Männern

Sie fern zu halten: denn sie laufen fort!

So traf ich eine, wie im Loch sie eben

Arbeitet' in der Felsengrotte Pans;

'Ne andre wollt' am Seil hinab sich haspeln,

Die überlaufen; mit den Spatzen wollte

Gar eine fliegen zum Orsilochos

Hinab: ich riß sie noch am Haar zurück!

Kurz, unter jedem Vorwand suchen sie

Nach Haus zu kommen! – Sieh, dort will sich eine

Fortstehlen! – Du, wohin?


Eine Frau tritt auf.
[435]

FRAU.

Ich muß nach Haus,

Ich hab' daheim milesische Wolle liegen,

Die mir die Motten fressen.

LYSISTRATE.

Was für Motten?

Willst du zurück?

FRAU.

Mein Gott, ich komm' gleich wieder.

Ausspreiten will ich auf dem Lager nur – –

LYSISTRATE.

Ausspreiten? – Nein, du gehst nicht von der Stelle!

FRAU.

Soll ich um meine Wolle kommen?

LYSISTRATE.

Pah!


Eine zweite Frau kommt heraus.


ZWEITE FRAU.

Ach Gott, ach Gott, mein Flachs! Ich ließ daheim

Ihn ungehechelt –

LYSISTRATE.

Ha, schon wieder eine,

Der's mit dem Hecheln sehr pressiert! – Geh du

Sogleich zurück!

ZWEITE FRAU.

Bei Artemis, sogleich

Wenn er gebrochen, bin ich wieder da!

LYSISTRATE.

Laß du das Hecheln! Fängst du's einmal an,

Dann wollen auch die andern ans Geschäft.


Eine dritte Frau kommt heraus.


DRITTE FRAU.

Ach, Eileithyia, halte die Geburt

Zurück, bis ich ein schicklich Plätzchen finde!

LYSISTRATE.

Was schwatzst du da für Zeug?

DRITTE FRAU.

Ich komme nieder!

LYSISTRATE.

Nicht schwanger warst du gestern –

DRITTE FRAU.

Aber heut!

Lysistrate, um Gottes willen laß

Mich heim, zur Hebamm' –

LYSISTRATE sie untersuchend.

Ei, was du mir sagst!

Was hast du da so Hartes![436]

DRITTE FRAU.

Einen Buben!

LYSISTRATE.

Bei Aphrodite, nein, das scheint was Hohles,

Metallnes – nun, wir werden's gleich erfahren!


Zieht einen Helm heraus.


Daß dich! – Der heil'ge Helm?! Das ist zum Lachen!

So bist du schwanger?

DRITTE FRAU.

Ja, bei Zeus, ich bin's.

LYSISTRATE.

Wozu der Helm?

DRITTE FRAU.

Ei, wär' ich nieder hier

Gekommen in der Burg, hätt' ich hinein

In dieses Nest geboren, wie die Tauben –

LYSISTRATE.

Ausflüchte! Lauter Trug! – Du bleibst und wartest

Hier ruhig ab das Kindweihfest des Helmes!

DRITTE FRAU.

Nein! Schlafen kann ich nicht mehr in der Burg,

Seit ich gesehn die heil'ge Tempelschlange.

ZWEITE FRAU.

Und ach, mich bringen noch die Eulen um:

Ihr Kikkabau verscheucht mir Ruh und Schlaf!

LYSISTRATE zu den drei Frauen.

Hört auf mit eurem Spuk, vertrackte Weiber!

Nach Männern seid ihr lüstern! Glaubt ihr, sie

Nicht auch nach uns? – Verdrießlich schleichen ihnen

Die Nächte hin, das glaubt! – Drum, wackre Frau'n,

Seid standhaft, harrt nur kurze Zeit noch aus!

Denn ein Orakel sagt: Wir siegen, wenn

Wir einig bleiben! – Hört, es lautet so:

DRITTE FRAU.

Ja, laß uns das Orakel hören!

LYSISTRATE.

Stille!

»Aber wenn einigen Sinns sich schüchterne Schwalben versammeln

Und vor dem Wiedhopf fliehn und spröd sich enthalten der Stößer,[437]

Dann hat ein Ende die Not, und das Oberste wird dann zu unterst

Kehren der donnernde Zeus –«

ZWEITE FRAU.

Wir kämen dann oben zu liegen?

LYSISTRATE.

»Aber entzwei'n sich die Schwalben und flattern behenden Gefieders

Weg aus dem heiligen Ort, dann wird man nicht einen der Vögel

Schelten so wüst unflätig, so lüstern und geil, wie die Schwalben!« –

Der Spruch ist klar genug! – Drum, bei den Göttern,

Nur nicht kleinmütig gleich, verzaget nicht!

Gehn wir hinein! Denn Schande wär's, ihr Schwestern,

Wenn wir jetzt das Orakel Lügen straften!


Lysistrate mit den Frauen ab.


CHOR DER MÄNNER.

Hört! Ein Märchen will ich euch erzählen,

Das ich einst als Knabe selbst gehört:

War einmal ein Jüngling, hieß Melanion,

Wollt' nicht frei'n und ging drum in die Wüste,

Haust' in Berg' und Wäldern,

Jagte Füchs' und Hasen,

Flocht sich Garn und Netze,

Hielt sich einen Jagdhund

Und kam nie hinab nach Haus, der Trotzige!

So zum Abscheu waren ihm die Weiber;

Und sie seien's uns nicht minder!

Denn verständig sind wir, wie Melanion!

CHORFÜHRER.

Alte, küssen möcht' ich dich –

CHORFÜHRERIN.

Ohne Zwiebeln weinst du dann!

CHORFÜHRER.

Und das Bein aufheben zum Stoß!

CHORFÜHRERIN.

Pfui, welch Buschwerk hast du da?

CHORFÜHRER.

Wie Myronides! Der war[438]

Rauh auch vorn, und schwarz behaart

Hinten, seiner Feinde Schrecken,

Gleich wie Phormion, der Held.

CHOR DER FRAUEN.

Hort! Ein Märchen will ich euch auch erzählen,

Zum Melanion das Gegenstück:

War einmal ein finstrer Mann, hieß Timon,

Bissig, stachlicht, dornumzäunt, unnahbar,

Ein Erinnyensprößling,

Und aus purem Hasse

Ging besagter Timon, [Im Gebirg zu hausen,]

Und den Männern flucht' er, den niederträchtigen.

Also haßte der sein ganzes Leben

Unversöhnt euch schlechte Männer!

Doch den Frau'n war er in Liebe zugetan!

CHORFÜHRERIN.

Willst du einen Backenstreich?

CHORFÜHRER.

Nein, o nein, da duck' ich mich!

CHORFÜHRERIN.

Einen Fußtritt –? Meinst du nicht?

CHORFÜHRER.

Dann enthüllst du ja dein Ding!

CHORFÜHRERIN.

Wenn auch! Haare siehst du nicht:

Glatt – so alt ich bin – ist alles,

Und das Buschwerk hab' ich sauber

An der Ampel abgesengt! –


Quelle:
Aristophanes: Lysistrate, in: Sämtliche Komödien. 2. Band, Zürich [o.J.], S. 401–460, S. 434-439.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Lysistrate
Lysistrate / Frauen beim Thesmophorienfest
Lysistrate
Lysistrate: Griechisch/Deutsch

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Klein Zaches

Klein Zaches

Nachdem im Reich die Aufklärung eingeführt wurde ist die Poesie verboten und die Feen sind des Landes verwiesen. Darum versteckt sich die Fee Rosabelverde in einem Damenstift. Als sie dem häßlichen, mißgestalteten Bauernkind Zaches über das Haar streicht verleiht sie ihm damit die Eigenschaft, stets für einen hübschen und klugen Menschen gehalten zu werden, dem die Taten, die seine Zeitgenossen in seiner Gegenwart vollbringen, als seine eigenen angerechnet werden.

88 Seiten, 4.20 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon