Zweiter Teil

An Goethe

Da ich Dir zum letztenmal schrieb, war's Sommer, ich war am Rhein und reiste später mit einer heiteren Gesellschaft von Freunden und Verwandten zu Wasser bis Köln; als ich zurückgekommen war, verbrachte ich noch die letzten Tage mit Deiner Mutter, wo sie freundlicher, leidseliger war als je. Am Tag vor ihrem Tod war ich bei ihr, küßte ihre Hand und empfing ihr Lebewohl in Deinem Namen. Denn ich hab Dich in keinem Augenblick vergessen; ich wußte wohl, sie hätte mir gern Deine beste Liebe zum Erbteil hinterlassen.

Sie ist nun tot, vor welcher ich die Schätze meines Lebens ausbreitete; sie wußte wie und warum ich Dich liebe, sie wunderte sich nicht darüber. Wenn andre Menschen klug über mich sein wollten, so ließ sie mich gewähren und gab dem Wesen keinen Namen. Noch enger hätte ich damals Deine Knie umschließen mögen, noch fester, tiefer Dich ins Auge fassen und alle andre Welt vergessen mögen, und doch hielt dies mich ab vom Schreiben. Später warst Du so umringt, daß ich wohl schwerlich hätte durchdringen können.

Jetzt ist ein Jahr vorbei, daß ich Dich gesehen habe, Du sollst schöner geworden sein, Karlsbad soll Dich erfrischt haben. Mir geht's recht hinderlich, ich muß die Zeit so kalt hinstreichen lassen ohne einen Funken zu erhaschen, an dem ich mir eine Flamme anblasen könnte. Doch soll es nicht lange mehr währen, bis ich Dich wiederseh; dann will ich nur einmal Dich immer und ewig in meinen Armen festhalten.

Diese ganze Zeit hab ich mit Jacobi beinah alle Abende zugebracht, ich schätze es immer als ein Glück, daß ich ihn sehen und sprechen konnte; aber dazu bin ich nicht gekommen, – aufrichtig gegen ihn zu sein, und die Liebe, die man seinem Wohlwollen schuldig ist, ihm zu bezeigen. Seine beiden Schwestern verpallisadieren ihn, es ist empfindlich, durch leere Einwendungen von ihm abgehalten zu werden. Er ist duldend bis zur Schwäche und hat gar keinen Willen gegen ein paar Wesen, die Eigensinn und Herrschsucht haben, wie die Semiramis. Die Herrschaft der Frauen verfolgt ihn bis zur Präsidentenstelle an der Akademie, sie wecken ihn, sie bekleiden ihn, knöpfen ihm die Unterweste zu, sie reichen ihm Medizin, will er ausgehn, so ist's zu rauh, will er zu Hause bleiben, so muß er sich Bewegung machen. Geht er auf die Akademie, so wird der Nimbus geschneutzt, damit er recht hell leuchte: da ziehen sie ihm ein Hemd von Batist an mit frischem Jabot und Manschetten und einen[167] Pelzrock mit prächtigem Zobel gefüttert, der Wärmkorb wird vorangetragen, kommt er aus der Sitzung zurück, so muß er ein bißchen schlafen, nicht ob er will; so geht's bis zum Abend in fortwährendem Widerspruch, wo sie ihm die Nachtmütze über die Ohren ziehen und ihn zu Bette führen.

Der Geist, auch unwillkürlich, bahnt sich eine Freistätte, in der ihn nichts hindert zu walten nach seinem Recht, was diesem nicht Eintrag tut, wird er gern der Willkür andrer überlassen. Das hat die Mutter oft an Dir gepriesen, daß Deine Würde aus Deinem Geist fließe, und daß Du einer andern nie nachgestrebt habest; die Mutter sagte, Du seist dem Genius treu, der Dich ins Paradies der Weisheit führt, Du genießest alle Früchte, die er Dir anbietet, daher blühen Dir immer wieder neue, schon während Du die ersten verzehrst. Lotte und Lene aber verbieten dem Jacobi das Denken als schädlich, und er hat mehr Zutrauen zu ihnen als zu seinem Genius, wenn der ihm einen Apfel schenkt, so fragt er jene erst, ob der Wurm nicht drin ist.

Es braucht keinen großen Witz, und ich fühle es in mir selber gegründet: im Geist liegt der unauslöschliche Trieb, das Überirdische zu denken, so wie das Ziel einer Reise hat er den höchsten Gedanken als Ziel; er schreitet forschend durch die irdische Welt der himmlischen zu, alles was dieser entspricht, das reißt der Geist an sich und genießt es mit Entzücken, drum glaub ich auch, daß die Liebe der Flug zum Himmel ist.

Ich wünsch es Dir, Goethe, und ich glaub es auch fest, daß all Dein Forschen, Deine Erkenntnis, das, was die Muse Dir lehrt, und endlich auch Deine Liebe vereint Deinem Geist einen verklärten Leib bilden, und daß der dem irdischen Leib nicht mehr unterworfen sein werde, wenn er ihn ablegt, sondern schon in jenen geistigen Leib übergeströmt. Sterben mußt Du nicht, sterben muß nur der, dessen Geist den Ausweg nicht findet. Denken beflügelt den Geist, der beflügelte Geist stirbt nicht, er findet nicht zurück in den Tod. –

Mit der Mutter konnte ich über alles sprechen, sie begriff meine Denkweise, sie sagte: »Erkenne erst alle Sterne und das letzte, dann erst kannst Du zweifeln, bis dahin ist alles möglich.«

Ich habe von der Mutter viel gehört, was ich nicht vergessen werde, die Art, wie sie mir ihren Tod anzeigte, hab ich aufgeschrieben für Dich. Die Leute sagen, Du wendest Dich von dem Traurigen, was nicht mehr abzuändern ist, gerne ab, wende Dich in diesem Sinne nicht von der Mutter ihrem Hinscheiden ab, lerne sie kennen, wie weise und liebend sie grade im letzten Augenblick war und wie gewaltig das Poetische in ihr.

Heute sag ich Dir nichts mehr, denn ich sehne mich, daß dieser Brief bald an Dich gelange; schreib mir ein Wort, meine Zufriedenheit beruht darauf. In diesem Augenblick ist mein Aufenthalt in Landshut; in wenig Tagen gehe ich nach München, um mit dem Kapellmeister Winter Musik zu studieren.[168]

Manches möchte man lieber mit Gebärden und Mienen sagen, ach besonders Dir hab ich nichts Höheres zu verkünden, als bloß Dich anzulächeln.

Leb wohl, bleib mir geneigt, schreib mir wieder, daß Du mich lieb hast, was ich mit Dir erlebt habe, ist mir ein Thron seliger Erinnerung. Die Menschen trachten auf verschiedenen Wegen alle nach einem Ziel, nämlich glücklich zu sein, wie schnell bin ich befriedigt, wenn Du mir gut und meiner Liebe ein treuer Bewahrer sein willst.

Ich bitte die Frau zu grüßen, sobald ich nach München komme, werde ich ihrer gedenken.

Landshut, den 18. Dezember 1808

Dir innigst angelobt

Bettine Brentano, bei Baron von Savigny

An Frau von Goethe

Gerne hätte ich nach dem Beispiel der guten Mutter mein kleines Andenken zum Weihnachten zu rechter Zeit gesendet; allein ich muß gestehen, daß Mißlaune und tausend andre Fehler meines Herzens mich eine ganze Weile von allem freundlichen Verkehr abhielten. Die kleine Kette war Ihnen gleich nach dem Tode der Mutter bestimmt. Ich dachte, Sie sollten diese während der Trauer tragen, und immer verschob ich die Sendung, zum Teil weil es mir wirklich unerträglich war, auch nur mit der Feder den Verlust zu berühren, der für mich ganz Frankfurt zu einer Wüste gemacht hat. – Das kleine Halstuch hab ich noch bei der Mutter gestickt und hier in den müßigen Stunden vollendet.

Bleiben Sie mir freundlich, erinnern Goethe in den guten Stunden an mich, ein Gedanke von ihm an mich ist mir eine strahlende Zierde, die mich mehr schmückt und ergötzt als die köstlichsten Edelsteine. Sie sehen also, welchen Reichtum Sie mir spenden können, indem Sie ihn bescheidentlich meiner Liebe und Verehrung versichern. Auch für ihn hab ich etwas, es ist mir aber so lieb, daß ich es ungern einer gefahrvollen Reise aussetze. Ich mache mir Hoffnung, ihn in der ersten Hälfte dieses Jahres noch zu sehen, wo ich es ihm selbst bringen kann. Erhalten Sie sich gesund und recht heiter in diesem kalten Winter. Meine Schwachheit, Ihnen Freude machen zu wollen, behandeln Sie wie immer mit gütiger Nachsicht.

München, 8. Januar 1809

Bettine[169]

An Goethe

Andre Menschen waren glücklicher als ich, die das Jahr nicht beschließen durften, ohne Dich gesehen zu haben. Man hat mir geschrieben, wie liebreich Du die Freunde bewillkommnest. –

Seit mehreren Wochen bin ich in München, treib Musik und singe viel bei dem Kapellmeister Winter, der ein wunderlicher Kauz ist, aber grade für mich paßt; denn er sagt: »Sängerinnen müssen Launen haben«, und so darf ich alle an ihm auslassen; viel Zeit bringe ich am Krankenlager von Ludwig Tieck zu, er leidet an Gicht, eine Krankheit, die allen bösen Launen und Melancholie Audienz gibt; ich harre ebenso wohl aus Geschmack wie aus Menschlichkeit bei ihm aus; ein Krankenzimmer ist an und für sich schon durch die große Ruhe ein anziehender Aufenthalt, ein Kranker, der mit gelaßnem Mut seine Schmerzen bekämpft, macht es zum Heiligtum. Du bist ein großer Dichter, der Tieck ist ein großer Dulder, und für mich ein Phänomen, da ich vorher nicht gewußt habe, daß es solche Leiden gibt; keine Bewegung kann er machen ohne aufzuseufzen, sein Gesicht trieft von Angstschweiß, und sein Blick irrt über der Schmerzensflut oft umher wie eine müde geängstigte Schwalbe, die vergeblich einen Ort sucht, wo sie aus ruhen kann, und ich steh vor ihm verwundert und beschämt, daß ich so gesund bin; dabei dichtet er noch Frühlingslieder und freut sich über einen Strauß Schneeglöckchen, die ich ihm bringe, sooft ich komme, fordert er zuerst, daß ich dem Strauß frisch Wasser gebe, dann wische ich ihm den Schweiß vom Gesicht ganz gelinde, man kann es kaum, ohne ihm weh zu tun, und so leiste ich ihm allerlei kleine Dienste, die ihm die Zeit vertreiben, Englisch will er mich auch lehren, allen Zorn und Krankheitsunmut läßt er denn an mir aus, daß ich so dumm bin, so absurd frage und nie die Antwort verstehe, auch ich bin verwundert; denn ich hab mit den Leuten geglaubt, ich sei sehr klug, wo nicht gar ein Genie, und nun stoße ich auf solche Untiefen, wo gar kein Grund zu erfassen ist, nämlich der Lerngrund, und ich muß erstaunt bekennen, daß ich in meinem Leben nichts gelernt habe.

Eh ich von Dir wußte, wußt ich auch nichts von mir, nachher waren Sinne und Gefühl auf Dich gerichtet, und nun die Rose blüht, glüht und duftet, so kann sie's doch nicht von sich geben, was sie in geheim erfahren hat. Du bist, der mir's angetan hat, daß ich mit Schimpf und Schand bestehe vor den Philistern, die eine Reihe von Talenten an einem Frauenzimmer schätzenswert finden. Das Frauenzimmer selbst aber ohne diese nicht.

Klavier spielen, Arien singen, fremde Sprachen sprechen, Geschichte und Naturwissenschaft, das macht den liebenswerten Charakter, ach und ich hab immer hinter allem diesem erst nach dem gesucht, was ich lieben möchte; gestern kam Gesellschaft zu Tieck, ich schlich mich unbemerkt hinter einen Schirm, ich wär auch gewiß da eingeschlafen, wenn nicht[170] mein Name wär ausgesprochen worden, da hat man mich gemalt, so daß ich mich vor mir selber fürchten müßte; ich kam auch plötzlich hervor und sagte: »Nein, ich bin zu abscheulich, ich mag nicht mehr allein bei mir sein.« Dies erregte eine kleine Konsternation, und mir machte es viel Spaß. – So ging mir's auch bei Jacobi, wo Lotte und Lene nicht bemerkt hatten, daß ich hinter dem großen runden Tisch saß, ich rief hervor mitten in ihre Epistel hinein: »Ich will mich bessern.« Ich weiß gar nicht, warum mein Herz immer jauchzt vor Lust, wenn ich mich verunglimpfen höre, und warum ich schon im voraus lachen muß, wenn einer mich tadelt: sie mögen mir aufbürden die allerverkehrtesten Dinge, ich muß alles mit Vergnügen anhören und gelten lassen. Es ist mein Glück; wollte ich mich dagegen verteidigen, ich käm in des Teufels Küche; wollte ich mit ihnen streiten, ich würde dummer wie sie. Doch diese letzte Geschichte hat mir Glück gebracht. Sailer war da, dem gefiel's, daß ich Lenen dafür beim Kopf kriegte und ihr auf ihr böses Maul einen herzlichen Schmatz gab, um es zu stopfen. Nachdem Sailer weg war, sagte Jacobi: »Nun, die Bettine hat dem Sailer das Herz gewonnen.« »Wer ist der Mann?« fragte ich. »Wie! Sie kennen Sailer nicht, haben ihn nie nennen hören, den allgemein gefeierten geliebten, den Philosophen Gottes, so gut wie Plato der göttliche Philosoph ist?« – Diese Worte haben mir von Jacobi gefallen, ich freue mich unendlich auf den Sailer, er ist Professor in Landshut. Während dem Karneval ist hier ein Strom von Festen, die einen wahren Strudel bilden, so greifen sie ineinander; es werden wöchentlich neue Opern gegeben, die meinen alten Winter sehr im Atem erhalten, ich hör manches mit großem Anteil, wollt ich ihm sagen, was ich dadurch lerne, er würde es nicht begreifen. Am Rhein haben wir über Musik geschrieben, ich weiß nicht mehr was; ich hab Dir noch mehr zu sagen, Neues, für mich Erstaunungswürdiges, kaum zu fassen für meinen schwachen Geist, und doch erfahre ich's nur durch mich selbst. Soll ich da nicht glauben, daß ich einen Dämon habe, der mich belehrt, ja es kommt alles auf die Frage an, je tiefer Du fragst, je gewaltiger ist die Antwort, der Genius bleibt keine schuldig; aber wir scheuen uns, zu fragen, und noch mehr die Antwort zu vernehmen und zu begreifen, denn das kostet Mühe und Schmerzen; anders können wir nichts lernen, wo sollten wir's herhaben, wer Gott fragt, dem antwortet er das Göttliche.

Auf den Festen, die man hier Akademien nennt – Maskenbälle, in der Mitte ein kleines Theater, worauf pantomimische Vorstellungen gegeben werden von Harlekin Pierrot und Pantalon – hab ich den Kronprinzen kennengelernt; ich habe eine Weile mit ihm gesprochen, ohne zu wissen, wer er sei, er hat etwas zusprechendes Freundliches und wohl auch originell Geistreiches; sein ganzes Wesen scheint zwar mehr nach Freiheit zu ringen, als mit ihr geboren zu sein; seine Stimme, seine Sprache und Gebärden haben etwas Angestrengtes wie ein Mensch, der sich mit großem Aufwand von Kräften an glatten Felswänden hinaufhalf, eine zitternde[171] Bewegung in den noch nicht geruhten Gliedern hat. Und wer weiß, wie seine Kinderjahre, seine Neigungen bedrängt oder durch Widerspruch gereizt wurden, ich seh ihm an, daß er schon manches überwinden mußte, und auch, daß sich Großes aus ihm entwickeln kann; ich bin ihm gut, ein so junger Herrscher in der Vorhölle, wo er leiden muß, daß sich jede Zunge über ihn erbarmt; seine gute Münchner, wie er sie nennt, sind ihm nicht grün; ja wartet nur, bis er mündig ist, entweder er beschämt euch alle, oder er wird's euch garstig eintränken.


Am 31. Januar


Dem wunderbaren Frühlingswetter konnte ich nicht widerstehen, der warme mailiche Sonnenstrahl, der das harte eisige Neujahr ganz zusammenschmolz, war überraschend, es hat mich hinausgetrieben in den kahlen, englischen Garten, ich bin auf alle Freundschaftstempel, chinesische Türme und Vaterlandsmonumente geklettert, um die Tiroler Bergkette zu erblicken, die tausendfach ihre gespaltnen Häupter gen Himmel ragt; auch in meiner Seele kannst Du solche große Bergmassen finden, die tief bis in die Wurzel gespalten sind, kalt und kahl ihre hartnäckige Zacken in die Wolken strecken. Bei der Hand möcht ich Dich nehmen und weit wegführen, daß Du Dich besinnen solltest über mich, daß ich Dir in Deinen Gedanken aufginge als etwas Merkwürdiges, dem Du nachspürtest, wie zum Beispiel einem Intermaxilarknochen, über den Du Dein Recht in so eifriger Korrespondenz gegen Soemering behauptest, sag mir aufrichtig, werde ich Dir nie so wichtig sein als ein solcher toter Knochen? – Daß Gott alles wohlgefügt habe, wer kann das bezweifeln! Ob Du aber Dein Herz wohl mit meinem verschränkt habest, dagegen erheben sich bei mir zu manchen trüben Stunden Zweifel, von schweren Seufzern begleitet. Am Rhein hab ich Dir viel und liebend geschrieben, ja ich war ganz in Deiner Gewalt, und was ich dachte und fühlte, war, weil ich im Geiste Dich ansah, nun haben wir eine Pause gemacht beinah vier Monate, Du hast mir noch nicht geantwortet auf zwei Briefe.

Es liegt mir an allem nichts, aber daran liegt mir, daß ich um Dich nicht betrogen werde; daß mir kein Wort, kein Blick von Dir gestohlen werde, ich hab Dich so lieb, das ist alles, mehr wird nicht in mich gehen, und anders wird man nichts an mir erkennen, und ich denke auch, das ist genug, um mein ganzes Leben den Musen als ein wichtiges Dokument zu hinterlassen; darum vergeht mir manche Zeit so hart und kalt wie dieser harte Winter, darum blüht's wieder und drängt von allen Seiten wieder ins Leben. – Darum hüt ich oft meine Gedanken vor Dir. Diese ganze Zeit konnte ich kein Buch von Dir anrühren. Nein, ich konnte keine Zeile lesen, es war mir zu traurig, daß ich nicht bei Dir sein kann. Ach, die Mutter fehlt mir, die mich beschwichtigte, die mich hart machte gegen mich selber, ihr klares feuriges Auge sah mich durch und durch, ich brauchte ihr nicht zu[172] gestehen, sie wußte alles, ihr feines Ohr hörte bei dem leisesten Klang meiner Stimme, wie es um mich stehe; o sie hat mir manche Gegengeschichte zu meiner Empfindung erzählt, ohne daß ich sie ihr wörtlich mitteilte, wie oft hat ein freudiges Zurufen von ihr alle Wolken in mir zerteilt, welche freundliche Briefe hat sie mir ins Rheingau geschrieben; »Tapfer!« – rief sie mir zu; »sei tapfer, da sie dich doch nicht für ein echtes Mädchen wollen gelten lassen, und sagen, man könne sich nicht in dich verlieben, so bist du die eine Plage los, sie höflich abzuweisen, so sei denn ein tapferer Soldat, wehr dich dagegen, daß du meinst, du müßtest immer bei ihm sein und ihn bei der Hand halten, wehr dich gegen deine eigne Melancholie, so ist er immer ganz und innigst dein und kein Mensch kann dir ihn rauben.«

Solche Zeilen machten mich unendlich glücklich, wahrhaftig ich fand Dich in ihr wieder, wenn ich nach Frankfurt kam, so flog ich zu ihr hin; wenn ich die Tür aufmachte, wir grüßten uns nicht, es war als ob wir schon mitten im Gespräch seien. Wir zwei waren wohl die einzig lebendigen Menschen in ganz Frankfurt und überall, manchmal küßte sie mich und sprach davon, daß ich in meinem Wesen sie an Dich erinnere, sie habe auch Dein Sorgenbrecher sein müssen. Sie baute auf mein Herz. Man konnte ihr nicht weismachen, daß ich falsch gegen sie sei, sie sagte: »Der ist falsch, der mir meine Lust an ihr verderben will«; ich war stolz auf ihre Liebe.

Wenn Du nun nicht mehr auf der Welt wärst! Ach, ich würde keine Hand mehr regen. Ach, es regen sich so viel tausend Hoffnungen und wird nichts draus. Wenn ich nur manchmal bei Dir sitzen könnte eine halbe Stunde lang; – da wird vielleicht auch nichts draus; mein Freund!! –


Am 3. Februar


In den wenig Wochen, die ich in Landshut zubrachte, hab ich trotz Schnee und Eis nah und ferne Berge bestiegen, da lag mir das ganze Land im blendendsten Gewand vor Augen; alle Farben vom Winter getötet und vom Schnee begraben, nur mir rötete die Kälte die Wangen; – wie ein einsames Feuer in der Wüste, so brennt der einzige Blick, der beleuchtet und erkennt, während die ganze Welt schläft. Ich hatte so kurz vorher den Sommer verlassen, so reich beladen mit Frucht. – Wo war's doch, wo ich den letzten Berg am Rhein bestieg? – In Godesberg; warst Du da auch oft? – Es war bald Abend, da wir oben waren; Du wirst Dich noch erinnern, es steht oben ein einziger hoher Turm, und rund auf der Fläche stehen noch die alten Mauern. Die Sonne in großer Pracht senkte einen glühenden Purpur über die Stadt der Heiligen; der Kölner Dom, an dessen dornigen Zierraten die Nebel wie eine vorüberstreifende Schafherde ihre Flocken hängen ließen, in denen Schein und Widerschein so fein spielten, da sah ich ihn zum letztenmal; alles war zerflossen in dem ungeheuren[173] Brand, und der kühle ruhige Rhein, den man viele Stunden weit sieht, und die Siebenberge hoch über den Ufergegenden.

Im Sommer, in dem leidenschaftlichen Leben und Weben aller Farben, wo die Natur die Sinne als den rührendsten Zauber ihrer Schönheit festhält; wo der Mensch durch das Mitempfinden selbst schön wird: da ist er sich selbst auch oft wie ein Traum, der vor dem Begriff wie Duft verfliegt. – Das Lebensfeuer in ihm verzehrt alles; den Gedanken im Gedanken, und bildet sich wieder in allem. Was das Aug erreichen kann, gewinnt er nur, um sich wieder ganz dafür hinzugeben; und so fühlt man sich frei und keck in den höchsten Felsspitzen, in dem kühnsten Wassersturz, ja mit dem Vogel in der Luft, mit dem man in die Ferne zieht, und höher mit ihm steigt, um früher den Ort der Sehnsucht zu erblicken. Im Winter ist's anders, da ruhen die Sinne mit der Natur, nur die Gedanken graben, wie die Arbeiter im Bergwerk, heimlich in der Seele fort. – Darauf hoffe und baue auch ich, lieber Goethe, jetzt, wo ich empfinde, wie öde und mangelhaft es in mir ist: daß die Zeit kommen werde, wo ich Dir mehr sagen und Dich mehr fragen kann. Einmal wird mir doch einleuchten, was ich zu wissen fordere. Das deucht mir der einzige Umgang mit Gott, nämlich die Frage um das Überirdische; und das scheint mir die einzige Größe des Menschen, diese Antwort zu empfinden, zu genießen. Gewiß ist die Liebe auch eine Frage an Gott, und der Genuß in ihr ist eine Antwort von dem liebenden Gott selbst.


4. Februar


Hier im Schloß, welches man die Residenz heißt und siebzehn Höfe hat, ist in einem der Nebengebäude ein kleiner einsamer Hof, in der Mitte desselben steht ein Springbrunnen: Perseus, der die Medusa enthauptet, in Erz von einem Rasenplatz umgeben; ein Gang von Granitsäulen führt dahin; Meerweibchen, von Ton und Muscheln gemacht, halten große Becken, in die sie ehemals Wasser spien, Mohrenköpfe schauen aus der Mauer, die Decke und Seiten sind mit Gemälden geziert, die freilich schon zum Teil heruntergefallen sind, unter andern Apoll, der auf seinem Sonnenwagen sich über die Wolken bäumt und seine Schwester Luna im Herunterfahren begrüßt; der Ort ist sehr einsamlich, selten daß ein Hofbedienter quer durchläuft, die Spatzen hört man schreien, und den kleinen Eidechsen und Wassermäuschen seh ich da oft zu, die im verfallnen Springbrunnen kampieren, es ist dicht hinter der Hofkapelle; manchmal höre ich am Sonntag da auch das hohe Amt oder die Vesper mit großem Orchester; Du mußt doch auch wissen, wo Dein Kind ist, wenn's recht treu und fleißig an Dich denkt. Adieu, leb recht wohl, ich glaub gewiß, daß ich dieses Jahr zu Dir komme und vielleicht bald, denk an mich, wenn Du Zeit hast, so schreib mir, nur daß ich Dich so fort lieben darf, mehrere von meinen Briefen müssen verlorengegangen sein, denn ich hab vom Rhein aus noch mehrmals an Dich geschrieben.[174]

Die Frau bitte ich herzlich zu grüßen, ich weiß nicht, ob eine kleine Schachtel, die ich ihr unter Deiner Adresse schickte, verlorengegangen ist.

München, 5. Februar

Bettine


Meine Adresse ist Landshut bei Savigny.

Verehrte Freundin!

Empfangen Sie meinen Dank für die schönen Geschenke, welche ich von Ihnen erhalten habe, es hat mich außerordentlich gefreut, weil ich daraus ersah, daß Sie mir Ihr Wohlwollen fortdauernd erhalten, um das ich noch nicht Gelegenheit hatte, mich verdient zu machen.

Ich war nun acht Wochen in Frankfurt, die Ihrigen alle haben mir viel Gutes erzeugt, ich weiß wohl, daß ich dies alles der großen Liebe und Achtung, die man hier für die verstorbene Mutter hegte, zu danken habe; doch hab ich Ihre Gegenwart sehr vermißt, Sie haben die Mutter sehr geliebt, und ich hatte auch verschiedene Aufträge vom Geheimen Rat an Sie, von denen er glaubte, daß Sie dieselben gerne übernehmen würden; ich habe nun alles so gut wie möglich selbst besorgt in diesen traurigen Tagen. Alles, was ich von Ihrer Hand unter den Papieren der Mutter fand, hab ich gewissenhaft an die Ihrigen abgegeben; ich fand es sehr wohlgeordnet mit gelben Band zugebunden und von der Mutter an Sie überschrieben.

Sie machen uns Hoffnung auf einen baldigen Besuch, der Geheime Rat und ich sehen diesen schönen Tagen mit Freuden entgegen, nur wünschen wir, daß es bald geschehe, da der Geheime Rat wahrscheinlich in der Mitte des Monat Mai wieder nach Karlsbad gehen wird.

Er befindet sich diesen Winter außerordentlich wohl, welches er doch den heilsamen Quellen zu danken hat. Bei meiner Zurückkunft kam er mir ordentlich jünger vor, und gestern, weil große Cour an unserm Hof war, sah ich ihn zum erstenmal mit seinen Orden und Bändern geschmückt, er sah ganz herrlich und stattlich aus, ich konnte ihn gar nicht genug bewundern, mein erster Wunsch war, wenn ihn doch die gute Mutter noch so gesehen hätte; er lachte über meine große Freude, wir sprachen viel von Ihnen, er trug mir auf, auch in seinem Namen zu danken für alles Gütige und Freundliche, was Sie mir erzeugen, er hat sich vorgenommen, selbst zu schreiben und meine schlechte Feder zu entschuldigen, mit der ich nicht nach Wunsch ausdrücken kann, wie wert mir Ihr Andenken ist, dem ich mich herzlich empfehle.

Weimar, am 1. Februar 1809

C.v. Goethe[175]

An Bettine

Du bist sehr liebenswürdig, gute Bettine, daß Du dem schweigenden Freunde immer einmal wieder ein lebendiges Wort zusprichst, ihm von Deinen Zuständen und von den Lokalitäten, in denen Du umherwandelst, einige Nachricht gibst; ich vernehme sehr gern, wie Dir zumute ist, und meine Einbildungskraft folgt Dir mit Vergnügen sowohl auf die Bergeshöhen als in die engen Schloß- und Klosterhöfe. Gedenke meiner auch bei den Eidechsen und Salamandern.

Eine Danksagung meiner Frau wird bei Dir schon eingelaufen sein, Deine unerwartete Sendung hat unglaubliche Freude gemacht, alles ist einzeln bewundert und hochgeschätzt worden. Nun muß ich Dir auch schnell für die mehreren Briefe danken, die Du mir geschrieben hast, und die mich in meiner Karlsbader Einsamkeit angenehm überraschten, unterhielten und teilweise wiederholt beschäftigten, so waren mir besonders Deine Explosionen über Musik interessant, so nenne ich diese gesteigerten Anschauungen Deines Köpfchens, die zugleich den Vorzug haben, auch den Reiz dafür zu steigern.

Damals schickte ich ein Blättchen an Dich meiner Mutter, ich weiß nicht, ob Du es erhalten hast. Diese Gute ist nun von uns gegangen, und ich begreife wohl, wie Frankfurt Dir dadurch verödet ist. – Alles, was Du mitteilen willst über Herz und Sinn der Mutter und über die Liebe, mit der Du es aufzunehmen verstehst, ist mir erfreulich. Es ist das Seltenste und daher wohl auch das Köstlichste zu nennen, wenn eine so gegenseitige Auffassung und Hingebung immer die rechte Wirkung tut; immer etwas bildet, was dem nächsten Schritt im Leben zugut kommt, wie denn durch eine glückliche Übereinstimmung des Augenblicks gewiß am lebendigsten auf die Zukunft gewirkt ist, und so glaub ich Dir gern, wenn Du mir sagst, welche reiche Lebensquelle Dir in diesem Deinen Eigenheiten sich so willig hingebenden Leben versiegt ist; auch mir war sie dies, in ihrem Überleben aller anderen Zeugen meiner Jugendjahre bewies sie, daß ihre Natur keiner andern Richtung bedurfte als zu pflegen und zu lieben, was Geschick und Neigung ihr anvertraut hatten; ich habe in der Zeit nach ihrem Tode viele ihrer Briefe durchlesen und bewundert, wie ihr Geist bis zur spätesten Epoche sein Gepräge nicht verloren. Ihr letzter Brief war ganz erfüllt von dem Guten, was sich zwischen Euch gefunden, und daß ihre späten Jahre, wie sie selbst schreibt, von Deiner Jugend so grün umwachsen seien; auch in diesem Sinn also wie in allem andern, was Dein lebendiges Herz mir schon gewährt hat, bin ich Dir Dank schuldig.

Wilhelm Humboldt hat uns viel von Dir erzählt. Viel, das heißt oft. Er fing immer wieder von Deiner kleinen Person zu reden an, ohne daß er so was recht Eigentliches zu sagen gehabt, woraus wir denn auf ein eignes Interesse schließen konnten. Neulich war ein schlanker Architekt von Kassel hier, auf den Du auch magst Eindruck gemacht haben.[176]

Dergleichen Sünden magst Du denn mancherlei auf Dir haben, deswegen Du verurteilt bist. Gichtbrüchige und Lahme zu warten und zu pflegen.

Ich hoffe jedoch, das soll nur eine vorübergehende Büßung werden, damit Du Dich des Lebens desto besser und lebhafter mit den Gesunden freuen mögest.

Bring nun mit Deiner reichen Liebe alles wieder ins Geleis einer mir so lieb gewordenen Gewohnheit, lasse die Zeit nicht wieder in solchen Lücken verstreichen, lasse von Dir vernehmen, es tut immer seine gute und freundliche Wirkung, wenn auch der Gegenhall nicht bis zu Dir hinüberdringt; so verzichte ich doch nicht darauf, Dir Beweise ihres Eindruckes zu liefern, an denen Du selbst ermessen magst, ob die Wirkung auf meine Einbildungskraft den Zaubermitteln der Deinigen entspricht. Meine Frau, hör ich, hat Dich eingeladen, das tue ich nicht, und wir haben wohl beide recht. Lebe wohl, grüße freundlich die Freundlichen und bleib mir Bettine. Weimar, den 22. Februar 1809

G.

An Goethe

Wenn Deine Einbildungskraft geschmeidig genug ist, mich in alle Schlupfwinkel von verfallenem Gemäuer, über Berg und Klüfte zu begleiten, so will ich's auch noch wagen, Dich bei mir einzuführen; ich bitte also: komm, – nur immer höher, – drei Stiegen hoch – hier in mein Zimmer, setz Dich auf den blauen Sessel am grünen Tisch, mir gegenüber; – ich will Dich nur ansehen, und – Goethe! – folgt mir Deine Einbildungskraft immer noch? – Dann mußt Du die unwandelbarste Liebe in meinen Augen erkennen, mußt jetzt liebreich mich in Deine Arme ziehen; sagen: »So ein treues Kind ist mir beschert, zum Lohn, zum Ersatz für manches. Es ist mir wert dies Kind, ein Schatz ist mir's, ein Kleinod, das ich nicht verlieren will.« – Siehst Du? – Und mußt mich küssen; denn das ist, was meine Einbildungskraft der Deinigen beschert.

Ich führ Dich noch weiter; – tritt sachte auf in meines Herzens Kammer; – hier sind wir in der Vorhalle; – große Stille! – Kein Humboldt, – kein Architekt, – kein Hund, der bellt. – Du bist nicht fremd; – geh hin, poch an – es wird allein sein und »herein!« – Dir rufen. Du wirst's auf kühlem, stillem Lager finden, ein freundlich Licht wird Dir entgegenleuchten, alles wird in Ruh und Ordnung sein, und Du willkommen. – Was ist das? – Himmel! – Die Flammen über ihm zusammenschlagend! – Woher die Feuersbrunst? – Wer rettet hier? – Armes Herz! – Armes notgedrungenes Herz. – Was kann der Verstand hier? – Der weiß alles besser und kann doch nichts helfen, der läßt die Arme sinken.

Kalt und unbedeutend geht das Leben entweder so fort, das nennt man[177] einen gesunden Zustand; oder wenn es wagt auch nur den einzigen Schritt tiefer ins Gefühl, dann greifen Leidenschaften brennend mit Gewalt es an, so verzehrt sich's in sich selber. – Die Augen muß ich zumachen und darf nichts ansehen, was mir lieb ist. Ach! Die kleinste Erinnerung macht mich ergrimmen in sehnendem Zorn, und drum darf ich auch nicht immer in Gedanken Dir nachgehen, weil ich zornig werde und wild. – Wenn ich die Hände ausstrecke, so ist's doch nur nach den leeren Wänden, wenn ich spreche, so ist's doch nur in den Wind, und wenn ich endlich Dir schreibe, so empört sich mein eigen Herz, daß ich nicht die leichte Brücke von dreimal Tag und Nacht überfliege und mich in süßester, der Liebe ewig ersehnter Ruhe zu Deinen Füßen lege.

Sag, wie bist Du so mild, so reichlich gütig in Deinem lieben Brief; mitten in dem hartgefrornen Winter sonnige Tage, die mir das Blut warm machen; – was will ich mehr? – Ach, so lang ich nicht bei Dir bin, kein Segen.

Ach, ich möchte, sooft ich Dir wieder schreibe, auch wieder Dir sagen: wie und warum und alles; ich möchte Dich hier auf den einzigen Weg leiten, den ich einzig will, damit es einzig sei und ich nur einzig sei, die so Dich liebt und so von Dir erkannt wird.

Ob Liebe die größte Leidenschaft sei und ob zu überwinden, versteh ich nicht, bei mir ist sie Willen, mächtiger, unüberwindlicher.

Der Unterschied zwischen göttlichem und menschlichem Willen ist nur, daß jener nicht nachgibt und ewig dasselbe will; unser Wille über jeden Augenblick fragt: »Darf oder soll ich?« – Der Unterschied ist, daß der göttliche Wille alles verewigt und der menschliche am irdischen scheitert; das ist aber das große Geheimnis, daß die Liebe himmlischer Wille ist, Allmacht, der nichts versagt ist.

Ach, Menschenwitz hat keinen Klang, aber himmlischer Witz, der ist Musik, lustige Energie, dem ist das Irdische zum Spott; er ist das glänzende Gefieder, mit dem die Seele sich aufschwingt, hoch über die Ansiedelungen irdischer Vorurteile, von da oben herab ist ihr alles Geschick gleich. Wir sagen, das Schicksal walte über uns? – Wir sind unser eigen Schicksal, wir zerreißen die Fäden, die uns dem Glück verbinden, und knüpfen jene an, die uns unselige Last aufs Herz legen; eine innere geistige Gestalt will sich durch die äußere weltliche bilden, dieser innere Geist regiert selbst sein eigen Schicksal, wie es zu seiner höheren Organisation erforderlich ist.

Du mußt mir's nicht verargen, wenn ich's nicht deutlicher machen kann, Du weißt alles und verstehst mich und weißt, daß ich recht habe, und freust Dich drüber.

Gute Nacht! – Bis morgen gute Nacht, – alles ist still, schläft ein jeder im Haus, hängt träumend dem nach, was er wachend begehrt, ich aber bin allein wach mit Dir. Draußen auf der Straße kein Laut mehr – ich möchte wohl versichert sein, daß in diesem Augenblick keine Seele mehr[178] an Dich denkt, kein Herz einen Schlag mehr für Dich tut, und ich allein auf der weiten Welt sitze zu Deinen Füßen, das Herz in vollen Schlägen geht auf und ab; und während alles schläft, bin ich wach, Dein Knie an meine Brust zu drücken, – und Du? – Die Welt braucht's nicht zu wissen, daß Du mir gut bist.

Bettine

An Goethe

München, 3. März 1809


Heut bricht der volle Tag mit seinen Neuigkeiten in meine Einsamkeit herein, wie ein schwer beladener Frachtwagen auf einer leichten Brücke einbricht, die nur für harmlose Spaziergänger gebaut war. Da hilft nichts, man muß Hand anlegen und helfen, alles in Gang bringen; auf allen Gassen schreit man Krieg, die Bibliothekardiener rennen umher, um ausgeliehene Manuskripte und Bücher wieder einzufordern, denn alles wird eingepackt. Hamberger, ein zweiter Herkules – denn wie jener die Stallungen der zwanzigtausend Rinder, so mistet er die Bibliothek von achtzigtausend Bänden aus und jammert, daß alle geschehene Arbeit umsonst ist. Auch die Galerie soll eingepackt werden; kurz, die schönen Künste sind in der ärgsten Konsternation. Opern und Musik ist Valet gesagt, der erlauchte Liebhaber der Prima Donna zieht zu Felde; die Akademie steckt Trauerampeln aus und bedeckt ihr Antlitz, bis der Sturm vorbei, und so wär alles in stiller müder Erwartung des Feindes, der vielleicht gar nicht kommt. Ich bin auch in Gärung, und auch in revolutionärer. – Die Tiroler, mit denen halt ich's, das kannst Du denken. Ach, ich bin's müde, des Nachbars Flöte oben in der Dachkammer bis in die späte Nacht ihr Stückchen blasen zu hören, die Trommel und die Trompete, die machen das Herz frisch.

Ach hätt ich ein Wämslein, Hosen und Hut, ich lief hinüber zu den gradnasigen, gradherzigen Tirolern und ließ ihre schöne grüne Standarte im Winde klatschen.

Zur List hab ich große Anlage, wenn ich nur erst drüben wär, ich könnte ihnen gewiß Dienste leisten. Mein Geld ist all fort, ein guter Kerl, ein Mediziner, hat eine List erfunden, es den gefangnen Tirolern, die sehr hart gehalten sind, zuzustecken. Das Gitter vom Gefängnis geht auf einen öden Platz am Wasser, den ganzen Tag waren böse Buben da versammelt, die mit Kot nach ihnen warfen, am Abend gingen wir hin, unterdessen einer neben der Schildwache ausrief: »Ach, was ist das für ein Rauch in der Ferne«, und indem diese sich nach dem Rauch umsah, zeigte der andere den Gefangenen das blinkende Goldstück, wie er es in Papier einwickelte und dann mit Kot eine Kugel draus machte. »Jetzt paß Achtung«, rief er, und warf's dem Tiroler zu, so gelang es mehrmals; die Schildwache freute sich, daß die bösen Jungen so gut treffen konnten.[179]

Du kennst vielleicht oder erinnerst Dich doch gesehen zu haben einen Grafen Stadion, Domherr und kaiserlicher Gesandter, von seinen Freunden der schwarze Fritz genannt, er ist mein einziger Freund hier, die Abende, die er frei hat, bringt er gern bei mir zu, da liest er die Zeitung, schreibt Depeschen, hört mir zu, wenn ich was erzähle, wir sprechen auch oft von Dir; ein Mann von kluger freier Einsicht, von edlem Wesen. Er teilt mir aus seiner Herzens- und Lebensgeschichte merkwürdige Dinge mit, er hat viel aufgeopfert, aber nichts dabei verloren, im Gegenteil ist sein Charakter hierdurch frei geworden von der Steifheit, die doch immer mehr oder weniger den Platz freiwilliger Grazie einnimmt, sobald man mit der Welt in einer nicht unwichtigen Verbindung ist, wo man sich zum Teil auch künstlich verwenden muß; er ist so ganz einfach wie ein Kind und gibt meinen Launen in meiner Einsamkeit manche Wendung. Sonntags holt er mich ab in seinem Wagen und liest mir in der königlichen Kapelle die Messe; die Kirche ist meistens ganz leer, außer ein paar alten Leuten. Die stille einsame Kirche ist mir sehr erfreulich, und daß der liebe Freund, von dem ich so manches weiß, was in seinem Herzen bewahrt ist, mir die Hostie erhebt und den Kelch – das freut mich. Ach, ich wollt, ich wüßte ihm auf irgendeine Art ersetzt, was ihm genommen ist.

Ach, daß das Entsagen dem Begehren die Waage hält! – Endlich wird doch der Geist, der durch Schmerzen geläutert ist, über das Alltagsleben hinaus zum Himmel tanzen.

Und was wär Weisheit, wenn sie nicht Gewalt brauchte, um sich allein geltend zu machen? – Jedes Entsagen will sie ja lindernd ersetzen, und sie schmeichelt Dir alle Vorteile ihres Besitzes auf, während Du weinst um das, was sie Dir versagt.

Und wie kann uns das Ewige gelingen, als nur wenn wir das Zeitliche dran setzen?

Alles seh ich ein und möchte alle Weisheit dem ersten besten Ablaßkrämer verhandeln, um Absolution für alle Liebesintrigen, die ich mit Dir noch zu haben gedenke.


11. März


Ach, wenn mich die Liebe nicht hellsehend machte, so wär ich elend, ich seh die gefrornen Blumen an den Fensterscheiben, den Sonnenstrahl, der sie allmählich schmilzt, und denke mir alles in Deiner Stube, wie Du auf- und niederwandelst, diese gefrornen Landschaften mit Tannenwäldchen und diese Blumenstöcke sinnend betrachtest. – Da erkenne ich so deutlich Deine Züge, und es wird so wahr, daß ich Dich sehen kann; unterdessen geht die Trommel hier unter dem Fenster von allen Straßen her und ruft die Truppen zusammen.
[180]

15. März


Staatsangelegenheiten vertraut man mir nicht, aber Herzensangelegenheiten, – gestern abend kam noch der liebe katholische Priester, das Gespräch war ein träumerisch Gelispel früherer Zeiten; ein feines Geweb, das ein sanfter Hauch wiegt in stiller Luft. »Das Herz erlebt auch einen Sommer«, sagte er, »wir können es dieser heißen Jahreszeit nicht vorenthalten und Gott weiß, daß der Geist reifen muß wie der goldne Weizen, ehe die Sichel ihn schneidet.«


20. März


Ich bin begierig, über Liebe sprechen zu hören, die ganze Welt spricht zwar drüber, und in Romanen ist genug ausgebrütet, aber nichts, was ich gern hören will. Als Beweis meiner Aufrichtigkeit bekenne ich Dir: auch im Wilhelm Meister geht mir's so, die meisten Menschen ängstigen mich drin, wie wenn ich ein bös Gewissen hätte, da ist es einem nicht geheuer innerlich und äußerlich, – ich möchte zum Wilhelm Meister sagen: »Komm, flüchte Dich mit mir jenseits der Alpen zu den Tirolern, dort wollen wir unser Schwert wetzen und das Lumpenpack von Komödianten vergessen, und alle Deine Liebsten müssen denn mit ihren Prätensionen und höheren Gefühlen eine Weile darben; wenn wir wiederkommen, so wird die Schminke auf ihren Wangen erbleicht sein, und die flornen Gewande und die feinen Empfindungen werden vor Deinem sonneverbrannten Marsantlitz erschaudern. Ja, wenn etwas noch aus Dir werden soll, so mußt Du Deinen Enthusiasmus an den Krieg setzen, glaub mir, die Mignon wär nicht aus dieser schönen Welt geflüchtet, in der sie ja doch ihr Liebstes zurücklassen mußte, sie hätte gewiß alle Mühseligkeiten des Kriegs mit ausgehalten und auf den rauhen Alpen in den Winterhöhlen übernachtet bei karger Kost, das Freiheitsfeuer hätte auch in ihrem Busen gezündet und frisches, gesünderes Blut durch ihre Adern geleitet. – Ach, willst Du diesem Kind zulieb nicht alle diese Menschen zuhauf verlassen? – Die Melancholie erfaßt Dich, weil keine Welt da ist, in der Du handeln kannst. – Wenn Du Dich nicht fürchtest vor Menschenblut: – hier unter den Tirolern kannst Du handeln für ein Recht, das ebensogut aus reiner Natur entsprungen ist, wie die Liebe im Herzen der Mignon. – Du bist's, Meister, der den Keim dieses zarten Lebens erstickt unter all dem Unkraut, was Dich überwächst. Sag, was sind sie alle gegen den Ernst der Zeit, wo die Wahrheit in ihrer reinen Urgestalt emporsteigt und dem Verderben, was die Lüge angerichtet hat, Trotz bietet? –

O, es ist eine himmlische Wohltat Gottes, an der wir alle gesunden könnten, eine solche Revolution: er läßt abermals und abermals die Seele der Freiheit wieder neugeboren werden.

Siehst Du, Meister, wenn Du heute in der sternhellen kalten Nacht Deine Mignon aus ihrem Bettchen holst, in dem sie gestern mit Tränen um[181] Dich eingeschlafen war; Du sagst ihr: »Sei hurtig und gehe mit, ich will allein mit Dir in die Fremde ziehen«; o, sie wird's verstehen, es wird ihr nicht unglaublich vorkommen, Du tust, was sie längst von Dir verlangte, und was Du unbegreiflich unterlassen hast. Du wirst ihr ein Glück schenken, daß sie Deine harten Mühen teilen darf; bei Nacht auf gefahrvollen Wegen, wo jeder Schritt täuscht, da wird ihr Scharfblick, ihre kühne Zuversicht Dich sicher leiten hinüber zum kriegbedrängten Volk; und wenn sie sieht, daß Du Deine Brust den Pfeilen bietest, wird sie nicht zagen, es wird sie nicht kränken wie die Pfeile des schmeichelnden Sirenenvolks; sie wird rasch heranreifen zu dem kühnen Vertrauen, mit einzuklingen in die Harmonie der Freiheitsbegeisterung. Und wenn Du auch im Vordertreffen stürzen mußt, was hat sie verloren? – Was könnte ihr diesen schönen Tod ersetzen, an Deiner Seite vielleicht? – Beide Arm in Arm verschränkt, lägt Ihr unter der kühlen gesunden Erde, und mächtige Eichen beschatteten Euer Grab; sag, wär's nicht besser, als daß Du bald ihr feines Gebild den anatomischen Händen des Abbé überlassen mußt, daß er ein künstliches Wachs hineinspritze?

Ach, ich muß klagen, Goethe, über alle Schmerzen früherer Zeit, die Du mir angetan, ich fühl mich jetzt so hilflos, so unverstanden wie damals die Mignon. – Da draußen ist heute ein Lärm, und doch geschieht nichts, sie haben arme Tiroler gefangen eingebracht, armes Taglöhnervolk, was sich in den Wäldern versteckt hatte; ich hör hier oben das wahnsinnige Toben, ich habe Läden und Vorhänge zugemacht, ich kann's nicht mit ansehen, der Tag ist auch schon im Scheiden, ich bin allein, kein Mensch, der wie ich menschlich fühlte. Diese festen, sicheren, in sich einheimischen Naturen, die den Geist der Treue und Freiheit mit der reineren Luft ihrer Berge einatmen, die müssen sich durch die kotigen Straßen schleifen lassen von einem biertrunkenen Volk, und keiner tut diesem Einhalt, keiner wehrt seinen Mißhandlungen; man läßt sie sich versündigen an den höheren Gefühlen der Menschheit. – Teufel! – Wenn ich Herrscher wär, hier wollt ich ihnen zeigen, daß sie Sklaven sind, es sollte mir keiner wagen, sich am Ebenbild Gottes zu vergreifen.

Ich meine immer, der Kronprinz müsse anders empfinden, menschlicher, die Leute wollen ihn nicht loben, sie sagen: er sei eigensinnig und launig, ich habe Zutrauen zu ihm, er pflegt den Garten, den er als Kind hatte, noch jetzt mit Sorgfalt, begießt die Blumen, die in seinen Zimmern blühen, selbst, macht Gedichte, holperig, aber voll Begeisterung, das alles sagt mir gut für ihn.

Was wohl ein solcher für Gedanken hat, der jeden Gedanken realisieren könnte? – Ein Fürst, dessen Geist das ganze Land erhellen soll? – Er müßte verharren im Gebet sein Leben lang, der angewiesen ist, in tausend andern zu leben, zu handeln.

Ja, ob ein Königssohn wohl den heiligen Geist in sich erweckt, daß der regiere statt seiner? – Der Stadion seufzt und sagt: »Das Beste ist, daß,[182] wie die Würfel auch fallen, der Weg zum Himmel immer unversperrt bleibt für König und Untertan.«


25. März


Ich habe keinen Mut und keinen Witz, ach hätt ich doch einen Freund, der nächtlich mit mir über die Berge ging.

Die Tiroler liegen in dieser Kälte mit Weib und Kind zwischen den Felsen, und ihr begeisterter Atem durchwärmt die ganze Atmosphäre. Wenn ich den Stadion frage, ob der Herzog Karl sie auch gewiß nicht verlassen werde, dann faltet er die Hände und sagt: »Ich will's nicht erleben.«


26. März


Das Papier muß herhalten, einziger Vertrauter! – Was doch Amor für tückische Launen hat, daß ich in dieser Reihe von Liebesbriefen auf einmal mich für Mars entzünde, mein Teil Liebesschmerzen hab ich schon, ich müßte mich schämen, in diesem Augenblick sie geltend machen zu wollen; und könnt ich nur etwas tun, und wollten die Schicksalsmächte mich nicht verschmähen! Das ist das Bitterste, wenn man ihnen nichts gilt, wenn sie einem zu nichts verwenden.

Denk nur, daß ich in dem verdammten München allein bin. Kein Gesicht, dem zu trauen wär; Savigny ist in Landshut, dem Stadion schlagen die Wellen in diesem politischen Meeressturm überm Kopf zusammen, ich seh ihn nur auf Augenblicke, man ist ganz mißtrauisch gegen mich wegen ihm, das ist mir grade lieb, wenn man auch hochmütig ist auf den eignen Wahnsinn, so soll man doch ahnen, daß nicht jeder von ihm ergriffen ist. Heute morgen war ich draußen im beschneiten Park und erstieg den Schneckenturm, um mit dem Fernrohr nach den Tiroler Bergen zu sehen, wüßte ich Dein Dach dort, ich könnte nicht sehnsüchtiger danach spähen.

Heute ließ Winter Probe halten von einem Marsch, den er für den Feldzug gegen Tirol komponierte, ich sagte, der Marsch sei schlecht, die Bayern würden alle ausreißen und der Schimpf auf ihn fallen. Winter zerriß die Komposition und war so zornig, daß sein langes Silberhaar wie ein vom Hagel getroffenes Ährenfeld hin- und herwogte. Ach, könnte ich doch andere Anstalten auch so hintertreiben wie den Marsch.

Jacobi habe ich in drei Wochen nicht gesehen, obschon ich ihm über seinen Woldemar, den er mir hier zu lesen gab, einen langen Brief geschrieben habe; ich wollte mich üben, die Wahrheit sagen zu können, ohne daß sie beleidigt, er war mit dem Brief zufrieden und hat mir mancherlei darauf erwidert, wär ich nicht in das heftige Herzklopfen geraten wegen den Tirolern, so wär ich vielleicht in eine philosophische Korrespondenz geraten und gewiß drin stecken geblieben; dort auf den Bergen aber nicht, da hätt ich meine Sache durchgefochten.

Schelling seh ich auch selten, er hat etwas an sich, das will mir nicht behagen, und dies Etwas ist seine Frau, die mich eifersüchtig machen will[183] auf Dich, sie ist in Briefwechsel mit einer Pauline G. aus Jena, von dieser erzählt sie mir immer, wie lieb Du sie hast, wie liebenswürdige Briefe Du ihr schreibst usw., ich höre zu und werde krank davon, und dann ärgert mich die Frau. – Ach, es ist auch einerlei, ich kann nicht wollen, daß Du mich am liebsten hast, aber es soll sich niemand unterstehen, seine Rechte mit mir zu messen in der Liebe zu Dir.

Bettine

An Goethe

10. April


Die Sonne geht mir launig auf, beleuchtet mir manches Verborgne, blendet mich wieder. Mit schweren Wolken abwechselnd zieht sie über mir hin, bald stürmisch Wetter, dann wieder Ruh.

Es ebnet sich nach und nach, und auf dem glatten Spiegel, hell und glühend, steht immer wieder des liebsten Mannes Bildnis, wankt nicht, warum vor andern nur Du? – Warum nach allen immer wieder Du? Und doch bin ich Dir werter mit all der Liebe in der Brust? – – frag ich Dich? – Nein, ich weiß recht gut, daß Du doch nichts antwortest, – und wenn ich auch sagte: »Lieber, geliebter einziger Mann.«

Was hab ich alles erlebt in diesen Tagen, was mir das Herz gebrochen, ich möchte meinen Kopf an Deinen Hals verstecken, ich möchte meine Arme um Dich schlingen und die böse Zeit verschlafen.

Was hat mich alles gekränkt, – nichts hab ich gehabt in Kopf und Herzen als nur immer das mächtige Schicksal, das dort in den Gebirgen rast. Warum soll ich aber weinen um die, die ihr Leben mit so freudiger Begeisterung ausgehaucht haben? – Was erbarmt mich denn so? – Hier ist kein Mitleid zu haben als nur mit mir, daß ich mich so anstrengen muß, es aus zuhalten.

Will ich Dir alles schreiben, so verträume ich die Zeit – die Zeit, die auf glühenden Sohlen durchs Tirol wandert; so bittere Betrübnis hat mich durchdrungen, daß ich's nicht wage, die Papiere, die in jenen Stunden geschrieben sind, an Dich abzuschicken.


19. April


Ich bin hellsehend, Goethe, – ich seh das vergoßne Blut der Tiroler triumphierend in den Busen der Gottheit zurückströmen. Die hohen gewaltigen Eichen, die Wohnungen der Menschen, die grünen Matten, die glücklichen Herden, der geliebte gepflegte Reichtum des Heldenvolks, die den Opfertod in den Flammen fanden, das alles seh ich verklärt mit ihnen gen Himmel fahren, bis auf den treuen Hund, der, seinen Herrn beschützend, den Tod verachtet wie er.

Der Hund, der keinen Witz hat, nur Instinkt, und heiter in jedem Geschick[184] das Rechte tut. – Ach hätte der Mensch nur so viel Witz, den eignen Instinkt nicht zu verleugnen.


20. April


In all diesen Tagen der Unruh, glaub's Goethe, vergeht keiner, den ich nicht mit dem Gedanken an Dich beschließe, ich bin so gewohnt, Deinen Namen zu nennen, nachts, eh ich einschlafe, Dir alle Hoffnung ans Herz zu legen, und alle Bitten und Fragen in die Zukunft.

Da liegen sie um mich her, die Papiere mit der Geschichte des Tags und den Träumen der Nacht, lauter Verwirrung, Unmut, Sehnsucht und Seufzer der Ohnmacht; ich mag Dir in dieser Zeit, die sich so geltend macht, nichts von meinem bedürftigen Herzen mitteilen, nur ein paar kleine Zufälle, die mich beschäftigen, schrieb ich Dir auf, damit ich nicht verleugne vor Dir, daß ein höheres Geschick auch mir Winke gab, obschon ich zu unmündig mich fühle, ihm zu folgen.

Im März war's, da leitete mir der Graf M..., bei dessen Familie ich hier wohne, eine wunderliche Geschichte ein, die artig ausging. Der Hofmeister seines Sohnes gibt ihn bei der Polizei an, er sei österreichisch gesinnt und man habe an seinem Tisch die Gesundheit des Kaisers getrunken, er schiebt alles auf mich, und nun bittet er mich, daß ich auf diese Lüge eingehe, da es ihm sehr nachteilig sein könne, mir aber höchstens einen kleinen Verweis zuziehen werde, sehr willkommen war mir's, ihm einen Dienst leisten zu können, ich willige mit Vergnügen ein; in einer Gesellschaft wird mir der Polizeipräsident vorgestellt, unter dem Vorwand meine Bekanntschaft machen zu wollen, ich komme ihm zuvor und schütte ihm mein ganzes Herz aus, meine Begeisterung für die Tiroler, und daß ich aus Sehnsucht alle Tage auf den Schneckenturm steige mit dem Fernrohr, daß man heute aber eine Schildwache hingepflanzt habe, die mich nicht hinaufgelassen; gerührt über mein Zutrauen, küßt er mir die Hand und verspricht mir, die Schildwache wegzubeordern, – es war keine List von mir, denn ich hätte wirklich nicht gewußt, mich anders zu benehmen, indessen ist durch dieses Verfahren der Freund weiß gebrennt und ich nicht schwarz.

Ein paar Tage später, in der Karwoche, indem ich abends in der Dämmerung in meinem Zimmer allein war, treten zwei Tiroler bei mir ein, ich bin verwundert, aber nicht erschrocken. – Der eine nimmt mich bei der Hand und sagt: »Wir wissen, daß du den Tirolern gut bist und wollen dich um eine Gefälligkeit bitten«; es waren Papiere an Stadion und mündliche Aufträge, sie sagten mir noch, es würde gewiß ein Augenblick kommen, da ich ihnen Dienste leisten könne, es war mir so wunderlich, ich glaubte, es könne eine List sein, mich auszuforschen, doch war ich kurz gefaßt und sagte: »Ihr mögt mich nun betrügen oder nicht, so werd ich tun, was ihr von mir verlangt«; der Tiroler sieht mich an und sagt: »Ich bin Leibhusar des Königs, kein Mensch hat Arges gegen mich, und doch[185] hab ich nichts im Sinn als nur, wie ich meinen Leuten helfen will, nun hast du mich in Händen und wirst nicht fürchten, daß ein Tiroler auch ein Verräter sein könne.«

Wie die Tiroler weg waren, war ich wie betäubt, mein Herz schlug hoch vor Entzücken, daß sie mir dies Zutrauen geschenkt haben; am andern Tag war Karfreitag, da holte mich der Stadion ab, um mir eine stille Messe zu lesen. Ich gab ihm meine Depeschen und erzählte ihm alles, äußerte ihm voll Beschämung die große Sehnsucht, daß ich fort möchte zu den Tirolern; Stadion sagt, ich soll mich auf ihn verlassen, er wolle einen Stutzen auf den Rücken nehmen und ins Tirol gehen, und alles, was ich möchte, das wolle er für mich ausrichten, es sei die letzte Messe, die er mir lesen werde, denn in wenig Tagen sei seine Abreise bestimmt. Ach Gott, es fiel mir schwer aufs Herz, daß ich so bald den lieben Freund verlieren sollte.

Nach der Messe ging ich aufs Chor, Winter ließ die Lamentation singen, ich warf ein Chorhemd über und sang mit, unterdessen kam der Kronprinz mit seinem Bruder, das Kruzifix lag an der Erde, das beide Brüder küßten, nachher umarmten sie sich; sie waren bis an den Tag entzweit gewesen über einen Hofmeister, den der Kronprinz, weil er ihn für untauglich hielt, von seinem Bruder entfernt hatte; sie versöhnten sich also hier in der Kirche miteinander, und mir machte es große Freude, zuzusehen. Bopp, ein alter Klaviermeister des Kronprinzen, der auch mir Unterricht gibt, begleitete mich nach Hause, er zeigte mir ein Sonett, was der Kronprinz an diesem Morgen gedichtet hatte; schon daß er diesen Herzensdrang empfindet, bei Ereignissen, die ihn näher angehen, zu dichten, spricht für eine tiefere Seele; in ihm waltet gewiß das Naturrecht vor, dann wird er auch die Tiroler nicht mißhandeln lassen; ja, ich hab eine gute Zuversicht zu ihm; der alte Bopp erzählt mir alles, was meinen Enthusiasmus noch steigern kann. Am dritten Feiertag holte er mich ab in den englischen Garten, um die Anrede des Kronprinzen an seine versammelte Truppen, mit denen er seinen ersten Feldzug machen wird, anzuhören; ich konnte nichts Zusammenhängendes verstehen, aber was ich hörte, war mir nicht recht, er spricht von ihrer Tapferkeit, ihrer Ausdauer und Treue, von den abtrünnigen, verräterischen Tirolern, daß er sie, vereint mit ihnen, zum Gehorsam zurückführen werde, und daß er seine eigne Ehre mit der ihrigen verflechte und verpfände usw. Wie ich nach Hause komme, wühlt das alles in mir, ich sehe schon im Geist, wie der Kronprinz, seinen Generalen überlassen, alles tut, wogegen sein Herz spricht, und dann ist's um ihn geschehen. So ein bayrischer General ist ein wahrer Rumpelbaß, aus ihm hervor brummt nichts als Bayerns Ehrgeiz; das ist die grobe, rauhe Stimme, mit der er alle besseren Gefühle übertönt.

Das alles wogte in meinem Herzen, da ich von dieser öffentlichen Rede zurückkam, und daß kein Mensch in der Welt einem Herrscher die Wahrheit[186] sagt, im Gegenteil nur Schmeichler ihnen immerdar recht geben, und je tiefer sich ein solcher irrt, je gewaltiger ist in jenen die Furcht, er möge an ihrer Übereinstimmung zweifeln; sie haben nie das Wohl der Menschheit, sie haben nur immer die Gunst des Herrn im Auge. Ich mußte also einen verzweifelten Schritt tun, um den Tumult der eignen Lebensgeister zu beschwichtigen, und ich bitte Dich im voraus um Verzeihung, wenn Du es nicht gutheißen solltest.

Erst nachdem ich dem Kronprinzen meine Liebe zu ihm, meine Begeisterung für seinen Genius, Gott weiß in welchen Schwingungen, ans Herz getrieben habe, vertraue ich ihm meine Anschauung von dem Tirolervolk, das sich die Heldenkrone erwirbt, meine Zuversicht, er werde Milde und Schonung da verbreiten, wo seine Leute jetzt nur rohe Wut und Rachgierde walten lassen, ich frage ihn, ob der Name »Herzog von Tirol« nicht herrlicher klinge, als die Namen der vier Könige, die ihre Macht vereint haben, um diese Helden zu würgen? Und es möge nun ausgehen wie es wolle, so hoffe ich, daß er sich von jenen den Beinamen der Menschliche erwerben werde; dies ungefähr ist der Inhalt eines vier Seiten langen Briefs, den ich, nachdem ich ihn in heftigster Wallung geschrieben (da ich denn auch nicht davor stehen kann, was alles noch mit untergelaufen), mit der größten Kaltblütigkeit siegelte und ganz getrost in des Klaviermeisters Hände gab, mit der Bedeutung: es seien wichtige Sachen über die Tiroler, die dem Kronprinz von großem Nutzen sein würden. –

Wie gern macht man sich wichtig, mein Bopp purzelte fast die Stiegen herab, vor übergroßer Eile dem Kronprinzen den interessanten Brief zu überbringen, und wie leichtsinnig bin ich, ich vergaß alles. Ich ging zu Winter, Psalmen singen, zu Tieck, zu Jacobi, nirgends stimmt man mit mir ein, ja alles fürchtet sich, und wenn sie wüßten, was ich angerichtet habe, sie würden mir aus Furcht das Haus verbieten, da seh ich denn ganz ironisch drein und denke: seid ihr nur bayrisch und französisch, ich und der Kronprinz wir sind deutsch und tirolisch, oder er läßt mich ins Gefängnis setzen, dann bin ich mit einem Male frei und selbständig, dann wird mein Mut schon wachsen, und wenn man mich wieder losläßt, dann geh ich über zu den Tirolern und begegne dem Kronprinzen im Feld, und trotze ihm ab, was er so mir nicht zugesteht.

O Goethe, wenn ich sollte ins Tirol wandern und zur rechten Zeit kommen, daß ich den Heldentod sterbe! Es muß doch ein ander Wesen sein, es muß doch eine Belohnung sein für solche lorbeergekrönten Häupter; der glänzende Triumph im Augenblick des Übergangs ist ja Zeugnis genug, daß die Begeisterung, die der Heldentod uns einflößt, nur Widerschein himmlischer Glorie ist. – Wenn ich sterbe, ich freue mich schon darauf, so gaukle ich als Schmetterling aus dem Sarg meines Leibes hervor, und dann treffe ich Dich in dieser herrlichen Sommerzeit unter Blumen, wenn ein Schmetterling Dich unter Blumen vorzieht und lieber auf Deiner[187] Stirn sich niederläßt und auf Deinen Lippen als auf den blühenden Rosen umher, dann glaube sicher, es ist mein Geist, der auf dem Tiroler Schlachtfeld freigemacht ist von irdischen Banden, daß er hin kann, wo die Liebe ihn ruft.

Ja, wenn alles wahr würde, was ich schon in der Phantasie erlebt habe, wenn alle glanzvollen Ereignisse meines innern Lebens auch im äußern sich spiegelten, dann hättest Du schon große und gewaltige Dinge von Deinem Kind erfahren, ich kann Dir nicht sagen, was ich träumend schon getan habe, wie das Blut in mir tobt, daß ich wohl sagen kann, ich hab eine Sehnsucht, es zu verspritzen.

Mein alter Klaviermeister kam zurück, zitternd und bleich: »Was hat in den Papieren gestanden, die Sie mir für den Kronprinzen anvertrauten«, sagte er, »wenn es mich nur nicht auf ewig unglücklich macht, der Kronprinz schien aufgeregt, ja erzürnt während dem Lesen, und wie er mich gewahr wurde, hieß er mich gehen, ohne wie sonst mir auch nur ein gnädiges Wort zu sagen.« – Ich mußte lachen, der Klaviermeister wurde immer ängstlicher, ich immer lustiger, ich freute mich schon auf meine Gefangenschaft, und wie ich da in der Einsamkeit meinen philosophischen Gedanken nachhängen würde, ich dachte: dann fängt mein Geschick doch einmal an, Leben zu gewinnen, es muß doch einmal was draus entstehen; aber so kam es wieder nicht, ein einzigmal sah ich den Kronprinz im Theater, er winkte mir freundlich; nun gut: acht Tage hatte ich meinen Stadion nicht gesehen, am 10. April, wo ich die gewisse Nachricht erhielt, er sei in der Nacht abgereist, da war ich doch sehr betrübt, daß ich ihn sollte zum letztenmal gesehen haben, es war mir eine wunderliche Bedeutung, daß er am Karfreitag seine letzte Messe gelesen hatte; – die vielen zurückgehaltenen und verleugneten Gefühle brachen endlich in Tränen aus. In der Einsamkeit da lernt man kennen, was man will, und was einem versagt wird. Ich fand keine Lage für mein ringendes Herz, müde geworden vom Weinen, schlief ich ein, bist Du schon eingeschlafen, müde vom Weinen? – Männer weinen wohl so nicht? – Du hast wohl nie geweint, daß die Seufzer noch selbst im Schlaf die Brust beschweren. So schluchzend im Traum hör ich meinen Namen rufen; es war dunkel, bei dem schwachen Dämmerschein der Laternen von der Straße erkenne ich einen Mann neben mir in fremder Soldatenkleidung, Säbel, Patrontasche, schwarzes Haar, sonst würde ich glauben, den schwarzen Fritz zu erkennen. – »Nein, du irrst nicht, es ist der schwarze Fritz, der Abschied von dir nimmt, mein Wagen steht an der Tür, ich gehe eben als Soldat zur österreichischen Armee, und was deine Freunde, die Tiroler, anbelangt, so sollst du mir keine Vorwürfe machen oder du siehst mich nie wieder, denn ich gebe dir mein Ehrenwort, ich werde nicht erleben, daß man sie verrate, es geht gewiß alles gut, eben war ich beim Kronprinzen, der hat mit mir die Gesundheit der Tiroler getrunken und dem Napoleon ein Pereat gebracht, er hat mich bei der Hand gefaßt und gesagt: ›Erinnern[188] Sie sich dran, daß im Jahr Neune im April, während der Tiroler Revolution, der Kronprinz von Bayern dem Napoleon widersagt hat,‹ und so hat er sein Glas mit mir angestoßen, daß der Fuß zerschellte«; ich sagte zu Stadion: »Nun bin ich allein und hab keinen Freund mehr«, er lächelte und sagte: »Du schreibst an Goethe, schreib ihm auch von mir, daß der katholische Priester auf dem Tiroler Schlachtfeld sich Lorbeern holen will«, ich sagte: »Nun werde ich keine Messe so bald mehr hören«; – »und ich werde so bald auch keine mehr lesen«, sagte er. Da stieß er sein Gewehr auf und reichte mir die Hand zum Abschied. Den werd ich gewiß nicht wiedersehen. Kaum war er fort, klopfte es schon wieder, der alte Bopp kommt herein, es war finster im Zimmer, an seiner Stimme erkenne ich, daß er freudig ist, er reicht mir feierlich ein zerbrochnes Glas und sagt: »Das schickt Ihnen der Kronprinz und läßt Ihnen sagen, daß er die Gesundheit derjenigen daraus getrunken hat, die Sie protegieren, und hier schickt er Ihnen seine Kokarde als Ehrenpfand, daß er Ihnen sein Wort lösen werde, jeder Ungerechtigkeit, jeder Grausamkeit zu steuern.« – Ich war froh, herzlich froh, daß ich nicht kleinlich und zaghaft gewesen war, dem Zutrauen zu folgen, was der Kronprinz und alles, ja auch selbst das Widersprechendste, was ich von ihm erfahren habe, mir einflößte; es war sehr freundlich von ihm, daß er mich so grüßen ließ, und daß er nicht meine Voreiligkeit von sich wies; ich werd es ihm nicht vergessen, mag ich auch noch manches Verkehrte von ihm hören; denn unter allen, die ihn beurteilen, hat gewiß keiner ein so gutes Herz als er, der es sich ganz ruhig gefallen läßt. Ich weiß auch, daß er eine feierliche Hochachtung vor Dir hat und nicht wie andere Prinzen, die nur im Vorüberstreifen einen solchen Geist berühren wie Du, nein, es geht ihm von Herzen, wenn er Dich einmal sieht und Dir sagt, daß er sich's zum größten Glück schätze.

Ich habe noch viel auf dem Herzen, denn ich habe Dich allein, dem ich's mitteilen kann. Jeder Augenblick erregt mich aufs neue, es ist als ob das Schicksal dicht vor meiner Türe seinen Markt aufgeschlagen hätte; so wie ich den Kopf hinausstecke, bietet es Plunder, Verrat und Falschheit feil, außer die Tiroler, deren Siegesjubel durch alle Verleumdung und Erbitterung der Feinde durchklingt, aus deren frisch vergoßnem Blut schon neue Frühlingsblumen sprießen, und die Jünglinge frisch jeden Morgen von den nebelverhüllten Felszacken dem gewissen Sieg entgegentanzen.

Adieu, Adieu, auf meine Liebe weise ich Dich an, die hier in diesen Blättern nur im Vorüberstreifen den Staub ihrer üppigen Blüte aus den vollen Kelchen schüttelt.

Bettine


Friedrich Tieck macht jetzt Schellings Büste, sie wird nicht schöner als er, mithin ganz garstig, und doch ist es ein schönes Werk. –

Da ich in Tiecks Werkstätte kam und sah, wie der große, breite, prächtige,[189] viereckige Schellingskopf unter seinen fixen Fingern zum Vorschein kam, dacht ich, er habe unserm Herrgott abgelernt, wie er die Menschen machte, und er werde ihm gleich den Atem einblasen, und der Kopf werde lernen A – B – sagen, womit ein Philosoph so vieles sagen kann.

An Bettine

Man möchte mit Worten so gerne wie mit Gedanken Dir entgegenkommen, liebste Bettine; aber die Kriegszeiten, die so großen Einfluß auf das Lesen haben, erstrecken ihn nicht minder streng auf das Schreiben, und so muß man sich's versagen. Deinen romantisch-charakteristischen Erzählungen gleichlautende Gesinnungen deutlich auszusprechen. Ich muß daher erwarten, was Du durch eine Reihe von Briefen mich hoffen läßt, nämlich Dich selbst, um Dir alles mit Dank für Deine nie versiegende Liebe zu beantworten.

Erst in voriger Woche erhielt ich Dein Paket, was der Kurier in meiner Abwesenheit dem Herzog übergab, der es mir selbst brachte. Seine Neugierde war nicht wenig gespannt, ich mußte, um nur durchzukommen, Deine wohlgelungenen politischen Verhandlungen ihm mitteilen, die denn auch so allerliebst sind, daß es einem schwer wird, sie für sich allein zu bewahren. Der Herzog bedauert sehr, daß Du im Interesse anderer Mächte bist. –

Ich habe mich nun hier in Jena in einen Roman eingesponnen, um weniger von allem Übel der Zeit ergriffen zu werden, ich hoffe, der Schmetterling, der da herausfliegt, wird Dich noch als Bewohner dieses Erdenrunds begrüßen und Dir beweisen, wie die Psychen auch auf scheinbar verschiednen Bahnen einander begegnen.

Auch Deine lyrischen Aufforderungen an eine frühere Epoche des Autors haben mir in manchem Sinne zugesagt, und wüchse der Mensch nicht aus der Zeit mehr noch wie aus Seelenepochen heraus, so würd ich nicht noch einmal erleben, wie schmerzlich es ist, solchen Bitten kein Gehör zu geben.

Deine interessanten Ereignisse mit dem hohen Protektor eigner feindlicher Widersacher macht mich begierig, noch mehr und auch von andrer Seite von ihm zu wissen, zum Beispiel könntest Du mir die Versuche und Bruchstücke seiner Gedichte, in deren Besitz Du bist, mitteilen, mit Vergnügen würde ich ihn in dem unbefangnen Spiel mit seiner jungen Muse beobachten.

Die Gelegenheiten, mir sicher Deine Briefe zu schicken, versäume ja nicht, sie sind mir in dieser armen Zeit äußerst willkommen. Auch was der Tag sonst noch mit sich bringt, berichte, von Freunden und merkwürdigen Leuten, Künsten und philosophischen Erscheinungen; da Du[190] in einem Kreis vielfach aufgeregter Geister bist, so kann Dir der Stoff hier nicht ausgehen.

Möchten doch auch die versprochnen Mitteilungen über die letzten Tage meiner Mutter in diesen verschlingenden Ereignissen nicht untergehen, mir ist zwar mancherlei von Freunden über sie berichtet, wie sie mit großer Besonnenheit alle irdischen Anordnungen getroffen; von Dir aber erwarte ich noch etwas anders, daß Dein liebender Sinn ihr ein Denkmal setze, in der Erinnerung ihrer letzten Augenblicke. Ich bin sehr in Deiner Schuld, liebes Kind, mit diesen wenigen Zeilen, ich kann Dir nur mit Dank bezahlen für alles, was Du mir gibst, geben möchte ich Dir das Beste, wenn Du es nicht schon unwiderstehlich an Dich gerissen hättest.

Der schwarze Fritz ist mir auch unter diesem Namen ein guter Bekannter, und die schönen Züge, die Du von ihm berichtest, bilden ein vollkommnes Ganze mit dem, was eine befreundete Erinnerung hinzubringt. Du hast wohl recht zu sagen, daß, wo der Boden mit Heldenblut getränkt wird, es in jeder Blume neu hervorsprieße, Deinem Helden gönne ich, daß Mars und Minerva ihm alles Glück zuwenden mögen, da er so schönem an Deiner Seite entrissen zu sein scheint.

17. Mai 1809

G.

An Goethe

18. Mai


Der Kronprinz von Bayern ist die angenehmste unbefangenste Jugend, ist so edler Natur, daß ihn Betrug nie verletzt, so wie den gehörnten Siegfried nie die Lanzenstiche verletzten. Er ist eine Blüte, auf welcher der Morgentau noch ruht, er schwimmt noch in seiner eignen Atmosphäre, das heißt: seine besten Kräfte sind noch in ihm. Wenn es so fort ginge und daß keine bösen Mächte seiner Meister würden? – Wie gut hatten's doch jene Ritter, die von geneigten Feen mit kräftigen Talismanen versehen wurden, wenn sie zwischen feurigen Drachen und ungeschlachten Riesen nach dem tanzenden Wasser des Lebens oder nach goldnen Liebesäpfeln ausgesandt waren und eine in Marmor verwünschte Prinzessin, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee, schön wie das ausgespannte Himmelszelt über dem Frühlingsgarten, als ihrer Erlösung Lohn ihnen zuteil wurde. – Jetzt ist die Aufgabe anders: die unbewachten Apfelbäume hängen ihre fruchtbeladenen Zweige über den Weg, und Liebchen lauscht hinter der Hecke, um den Ritter selbst zu fangen, und diesem allem soll er entgehen und sein Herz der Tugend weihen, die keine Jugend hat, sondern eine gräuliche Larve, so daß man vor ihr Reißaus neh men möchte; la belle et la bête, la bête ist die Tugend und la belle ist die Jugend, die sich von ihr soll fressen lassen; da ist's denn kein Wunder, wenn die Jugend[191] vor der Tugend Reißaus nimmt, und man kann ohne geheime parteiliche Wünsche nicht Zeuge von diesem Wettrennen sein. – Armer Kronprinz! Ich bin ihm gut, weil er mit so schönem Willen hinübergeht zu meinen Tirolern, und wenn er auch nichts tut, als der Grausamkeit wehrt, ich verlasse mich auf ihn.

Gestern bin ich zum erstenmal wieder eine Strecke weit ins Freie gelaufen, mit einem kapriziösen Liebhaber der Wissenschaften und Künste, mit einem sehr guten gehorsamen Kinde seiner eignen Launen, eine warme lebendige Natur, breit und schmal, wie Du ihn willst, dreht sich schwindellos über einem Abgrund herum, steigt mit Vergnügen auf die kahlen Spitzen der Alpen, um nach Belieben in den Ozean oder ins Mittelländische Meer zu speien, macht übrigens wenig Lärm. Wenn Du ihn je siehst und nach dieser Beschreibung erkennst, so ruf ihn nur Rumohr, ich vermute, er wird sich nach Dir umsehen. – Mit diesem also hat meine unbefangne Jugend gewagt, sich das Ziel einer anderthalb Stunden weiten Reise zu setzen, der Ort unserer Wallfahrt heißt Harlachingen, auf französisch Arlequin. Ein heißer Nachmittag, recht um melancholische Blicke in Brand zu stecken.

Wir verlassen den grünen Teppich, schreiten über einen schmalen Balken auf die andere Seite des Ufers, wandern zwischen Weiden, Mühlen, Bächen weiter; – wie nimmt sich da ein Bauer in roter Jacke aus, gelehnt an den hohen Stamm des edlen populus alba, dessen feine Äste mit kaum entsproßnen Blättern einen sanften grünen Schleier, gleichsam ein Frühlingsnetz niederspinnen, in welchem sich die tausend Käfer und sonstige Bestien fangen, scherzen und ganz lieblich haushalten. Jetzt! Warum nicht? – Da unter dem Baum ist genugsam Platz, seinen Gedanken Audienz zu geben, der launige Naturliebhaber läßt sich da nieder, das Dolce farniente summt ihm ein Wiegenliedchen in die Ohren, die Augenlider sinken, Rumohr schläft. Natur hält Wache, lispelt, flüstert, lallt, zwitschert. – Das tut ihm so gut; träumend senkt er sein Haupt auf die Brust; jetzt möcht ich dich fragen, Rumohr, was ich nie fragen mag, wenn du wach bist. Wie kommt's, daß du ein so großes Erbarmen hast und freundlich bist mit allen Tieren, und dich nicht kümmerst um das gewaltige Geschick jenes Bergvolks? Vor wenig Wochen, wie das Eis brach und der Fluß überschwoll, da setztest Du alles dran, eine Katze aus der Wassersnot zu retten. Vorgestern hast du einen totgeschlagnen Hund, der am Wege lag, mit eignen Händen eine Grube gemacht und mit Erde bedeckt, obschon Du in seidnen Strümpfen warst und einen Klaque in Händen hattest. Heute morgen hast du mit Tränen geklagt, daß die Nachbarn ein Schwalbennest zerstörten trotz deinen Bitten und Einreden. Warum gefällt dir's nicht, deine Langeweile, deine melancholische Laune zu verkaufen um einen Stutzen, du bist so leicht und schlank wie eine Birke, du könntest Sätze tun über die Abgründe, von einem Fels zum andern, aber faul bist du und furchtbar krank an Neutralität. – Da steh ich allein auf der Wiese, [192] Rumohr schnarcht, daß die Blumen erzittern, und ich denk an die Sturmglocke, deren Geläut so fürchterlich in den Ohren der Feinde erklingt, und auf deren Ruf alle mit Trommeln und Pfeifen ausziehen, ob auch die Stürme brausen, ob Nacht oder Tag, – und Rumohr, im Schatten eines jungbelaubten Baumes, eingewiegt von scherzenden Lüftchen und singenden Mückchen, schläft fest; was geht den Edelmann das Schicksal derer an, denen keine Strapaze zu hart, kein Marsch zu weit ist, die nur fragen: »Wo ist der Feind? – Dran, dran, für Gott, unsern lieben Kaiser und Vaterland!!« – Das muß ich Dir sagen, wenn ich je einen Kaiser, einen Landesherrn lieben könnte, so wär's im Augenblick, wo ein solches Volk im Enthusiasmus sein Blut für ihn verspritzt; ja, dann wollt ich auch rufen: »Wer mir meinen Kaiser nehmen will, der muß mich erst totschlagen«, aber so sag ich mit dem Apostel: »Ein jeder ist geboren, König zu sein und Priester der eignen göttlichen Natur, wie Rumohr.«

Die Isar ist ein wunderlicher Fluß. Pfeilschnell stürzen die jungen Quellen von den Bergklippen herab, sammeln sich unten im felsigen Bett in einen reißenden Strom. Wie ein schäumender Drache mit aufgesperrtem Rachen braust er hüben und drüben, über hervorragende Felsstücke verschlingend her, seine grünen, dunklen Wellen brechen sich tausendfach am Gestein, und schäumend jagen sie hinab, sie seufzen, sie lallen, sie stöhnen, sie brausen gewaltig. Die Möven fliegen zu Tausenden über den Wassersturz und netzen die Spitzen ihrer scharfen Flügel; – und in so karger Gegend, schauderhaft anzusehen, ein schmaler Steg von zwei Brettern, eine Viertelstunde lang, schräg in die Länge des Flusses. – Nun, wir gingen, keine Gefahr ahnend, drüber hin, die Wellen brachen sich in schwindelnder Eile auf dem Wehr unter dem zitternden Steg. Außer daß die Bretter mit meiner Leichtigkeit hin- und herschwankten und Rumohrs Fuß zweimal durchbrach, waren wir schon ziemlich weit gekommen, ein dicker Bürger mit der Verdienstmedaille auf der Brust kam von der andern Seite, keiner hatte den andern bemerkt, aneinander vorbeizukommen war nicht, einer mußte umdrehen. Rumohr sagt: »Wir müssen erst erfahren, für was er die Medaille hat, darauf soll's ankommen, wer umkehrt.« Wahrhaftig ich fürchtete mich, mir war schon schwindlig, hätten wir umkehren müssen, so war ich voran, während die losen Bretter unter meinen Füßen schwankten. Wir erkundigten uns ehrerbietigst nach der Ursache seines Verdienstes: – er hatte einen Dieb gefangen. Rumohr sagte: »Dies Verdienst weiß ich nicht zu schätzen, denn ich bin kein Dieb, also bitt ich umzukehren«, der verwunderte dicke Mann ließ sich mit Rumohrs Beihilfe umkehren und machte den Weg zurück.

Unter einem Kastanienbaum ließ ich mich nieder, träumend grub ich mit einem Reis in die Erde. Rumohr jagt mit Stock und Hut die Maikäfer auseinander, die wie viele Flintenkugeln uns umschwirrten beim Nachhausegehen in der Dämmerung. – Nah an der Stadt auf einem grünen Platz am Ufer steht die Statue des heiligen Johann von Nepomuk, der Wassergott;[193] vier Laternen werfen einen frommen Glanz auf ihn, die Leute knien da nacheinander hin, verrichten ihr Gebet, stört keiner den andern, gehen ab und zu. Die Mondsichel stand oben; – in der Ferne hörten wir Pauken und Trompeten, Signal der Freude über die Rückkunft des Königs; er war geflohen vor einer Handvoll waghalsiger Tiroler, die wollten ihn gefangen haben, warum ließ er sich nicht fangen, da war er mitten unter Helden, keine bessere Gesellschaft für einen König; umsonst wär's nicht gewesen, der Jubel würde nicht gering gewesen sein, von Angesicht zu Angesicht hätte er vielleicht bessere Geschäfte ge macht, er ist gut, der König, der muß sich auch fügen ins eiserne Geschick der falschen Politik. – Die Stadt war illuminiert, als wir hineinkamen, und mein Herz war bei dem allen schwer, sehr schwer, wollte gern mit jenen Felssteinen in die Tiefe hinabrollen, denn weil ich alles geschehen lassen muß. Heut haben wir den 18. Mai, die Bäume blühen, was wird noch alles vorgehen, bis die Früchte reifen. Vorgestern glühte der Himmel über jenen Alpen, nicht vom Feuer der untertauchenden Sonne, nein, vom Mordbrand; da kamen sie in den Flammen um, die Mütter mit den Säuglingen, hier lag alles im schweigenden Frieden der Nacht, und der Tau tränkte die Kräuter, und dort verkohlte die Flamme den mit Heldenblut getränkten Boden.

Ich stand die halbe Nacht auf dem Turm im Hofgarten und betrachtete den roten Schein und wußte nicht, was ich davon denken sollte, und konnte nicht beten, weil es doch nichts hilft, und weil ein göttlich Geschick größer ist als alle Not, und allen Jammer aufwiegt. –

Ach, wenn sehnsüchtiger Jammer beten ist, warum hat dann Gott mein heißes Gebet nicht erhört? – Warum hat er mir nicht einen Führer geschickt, der mich die Wege hinübergeleitet hätte? – Ich zittere zwar vor Furcht und Schrecken über allen Greuel, den man nimmer ahnen könnte, wenn er nicht geschehen wär, aber die Stimme aus meinem Herzen hinüber zu ihnen übertäubt alles. Das Schloß der blinden Tannenberge haben sie verräterisch abgebrennt; Schwatz, Greise, Kinder, Heiligtümer; ach, was soll ich Dir schreiben, was ich nimmermehr selbst wissen möchte, und doch haben die Bayern selbst jubelnd sich dessen gerühmt, so was muß man tragen lernen mit kaltem Blut und muß denken, daß Unsterblichkeit ein ewiger Lohn ist, der alles Geschick überbietet. –

Der König fuhr, da wir eben in die Stadt kamen, durch die erleuchteten Straßen, das Volk jauchzte, und Freudentränen rollten über die Wangen der harten Nation; ich warf ihm auch Kußhände zu, und ich gönn ihm, daß er geliebt ist. – Adieu, hab Dein treues Kind lieb, sag ihm bald ein paar Worte.

Bettine[194]

An Goethe

Am 22. Mai


Heute morgen zu meiner Überraschung erhielt ich Deinen Brief. Ich war gar nicht mehr gefaßt darauf, schon die ganze Zeit schreibe ich meine Blätter als ein verzweifelter Liebhaber, der sie dem Sturmwind preisgibt, ob der sie etwa hintrage zu dem Freund, in den mein krankes Herz Vertrauen hat. So hat mich denn mein guter Genius nicht verlassen! Er durchsauset die Lüfte auf einem schlechten Postklepper, und am Morgen einer Nacht voll weinender Träume erblick ich erwachend das blaue Kuvert auf meiner grünen Decke.

So tretet denn, ihr steilen Berge, ihr schroffen Felswände, ihr kecken, racheglühenden Schützen, ihr verwüsteten Tale und rauchenden Wohnungen bescheiden zurück in den Hintergrund und überlaßt mich einer ungemessenen Freude, die elektrische Kette, die den Funken von Ihm bis zu mir leitet, zu berühren, und unzähligemal nehm ich ihn in mich auf, Schlag auf Schlag, diesen Funken der Lust. – Ein großes Herz, hoch über den Schrecken der Zeit, neigt sich herab zu meinem Herzen. Wie der silberne Faden sich niederschlängelt ins Tal zwischen hinabgrünenden Matten und blühenden Büschen (denn wir haben ja Mai), sich unten sammelt und im Spiegel mir mein Bild zeigt, so leiten Deine freundlichen Worte hinab zu mir das schöne Bewußtsein, aufbewahrt zu sein im Heiligtum Deiner Erinnerungen, Deiner Gefühle; so wag ich's zu glauben, da dieser Glaube mir den Frieden gibt. –

O, lieber Freund, während Du Dich abwendest vor dem Unheil trüber Zeit, in einsamer Höhe Geschicke bildest und mit scharfen Sinnen sie lenkest, daß sie ihrem Glück nicht entgehen, denn sicher ist dies schöne Buch, welches Du Dir zum Trost über alles Traurige erfindest, ein Schatz köstlicher Genüsse, wo Du in feinen Organisationen und großen Anlagen der Charaktere Stimmungen einleitest und Gefühle, die beseligen, wo Du mit freundlichem Hauch die Blume des Glücks erweckst und in geheimnisvoll glühenden Farben erblühen machst, was unser Geist entbehrt. – Ja, Goethe, während diesem hat es sich ganz anders in mir gestaltet. – Du erinnerst Dich wohl noch, daß die Gegend, das Klima meiner Gedanken und Empfindungen, heiter waren, ein freundlicher Spielplatz, wo sich bunte Schmetterlinge zu Herden über Blumen schaukelten, und wie Dein Kind spielte unter ihnen, so leichtsinnig wie sie selber, und Dich, den einzigen Priester dieser schönen Natur, mutwillig umjauchzte, manchmal auch tiefbewegt allen Reiz beglückter Liebe in sich sammelnd zu Deinen Füßen in Begeisterung überströmte. Jetzt ist es anders in mir, düstere Hallen, die prophetische Monumente gewaltiger Todeshelden umschließen, sind der Mittelpunkt meiner schweren Ahnungen; der weiche Mondesstrahl, der goldnen Birke Duft dringen da nicht ein, aber wohl Träume, die mir das Herz zerreißen, die mir im Kopf glühen, daß alle Adern pochen. Ich liege an der Erde am verödeten Ort und muß die[195] Namen ausrufen dieser Helden, deren schauerliches Geschick mich verwundet; ich seh ihre Häupter mit Siegeslorbeern geschmückt, stolz und mächtig unter dem Beil niederrollen auf das Schafott. Ach Gott, ach Gott! welch lauter Schrei der Verzweiflung durchfährt mich bei diesen einbilderischen Träumen. Warum muß ich verzagen, da noch nichts verloren ist? – Ich hab ein Fieber, so glüht mir der Kopf. Auf dem tonnenförmigen Gipfel des Kofels, Speckbachers Horst, der schlaflos, keiner Speise bedürfend, mit besserer Hoffnung beflügelt, leicht wie ein Vogel schwebt über dem Augenblick, da es Zeit ist. Auf dem Brenner, wo Hofers unwandelbarer Gleichmut die Geschicke lenkt, die Totenopfer der Treue anordnet. Am Berge Isel, wo der Kapuziner den weißen Stecken in der Hand, alles erratend und vorbeugend, sich allen voranwagend, an der Spitze des Landvolks, siegbewußt über die Saaten niederjagt ins Tal. Da seh ich auch mich unter diesen, die kurze grün und weiße Standarte schwingend, weit voran auf steilstem Gipfel, und der Sieg brennt mir in den Gliedern, und da kommt der böse Traum und haut mit geschwungener Axt mir die feste Hand ab, die niederstürzt mitsamt der Fahne in den Abgrund, dann ist alles so öde und stumm, die Finsternis bricht ein und alles verschwunden, nur ich allein auf der Felswand ohne Fahne, ohne Hand, verzeih's, daß ich so rase, aber so ist's.

Heute morgen noch mein letzter Traum, da trat einer zu mir auf dem Schlachtfeld, sanft von Gesicht, von gemessenem Wesen, als wär es Hofer; der sagte mitten unter Leichen stehend zu mir: Die starben alle mit großer Freudigkeit. In demselben Augenblick erwachte ich unter Tränen, da lag Dein Brief auf dem Bett.

Ach, vereine Dich doch mit mir, Ihrer zu gedenken, die da hinstürzen ohne Namen, kindliche Herzen ohne Fehl, lustig geschmückt wie zur Hochzeit mit goldnen Sträußern, die Mützen geziert mit Schwungfedern der Auerhähne und mit Gemsbärten, das Zeichen tollkühner Schützen. Ja! Gedenke ihrer; es ist des Dichters Ruhm, daß er den Helden die Unsterblichkeit sichere!


6. Juni


Gestern, da ich Dir geschrieben hatte, da war die Sonne schon im Untergehen, da ging ich noch hinaus, wo man die Alpen sieht, was soll ich anders tun? Es ist mein täglicher Weg, da begegne ich oft einem, der auch nach den Tiroler Alpen späht. An jenem späten Abend, ich glaub es war in der Mitte Mai, wo Schwatz abbrannte, da war er mit auf dem Turm, da konnte er sich gar nicht fassen, er rang die Hände und jammerte leise: »O Schwatz! O liebes Vaterland!« – Gestern war er wieder da und ergoß mit Freudebrausen den ganzen Schatz seiner Neuigkeiten vor mir. Wenn's demnach wahr ist, so haben die Tiroler am Herz-Jesu-Fest (den Datum wußte er nicht) den Feind überwältigt und ganz Tirol zum zweitenmal befreit. Ich kann nicht erzählen, was er alles vorbrachte, Du[196] würdest es so wenig verstehen wie ich; Speckbachers Witz hat durch eine Batterie von Baumstämmen, als ob es Kanonen wären und durch zusammengebundne Flintenläufe den Knall nachahmend, den Feind betrogen, gleich drauf die Brücke bei Hall dreimal gestürmt und den Feind mitsamt den Kanonen zurückgetrieben, die Kinder dicht hinterdrein; wo der Staub aufwirbelte, schnitten sie mit ihren Messern die Kugeln aus und brachten sie den Schützen. Der Hauptsieg war am Berg Isel, dem Kapuziner ist der Bart weggebrennt. Die namhaften Helden sind alle noch vollzählig. Handbillett haben sie vom Kaiser mit großen Verheißungen aus der Fülle seines Herzens. Wenn's auch nicht alles wahr wird, meinte mein Tiroler, so war's doch wieder ein Freudentag fürs Vater land, der aller Aufopferung wert ist.

Vom Kronprinz hab ich kein Gedicht; ein einziges, was er am Tag vor seinem Auszug in den Krieg machte, an Heimat und die Geliebte, zeigte mir der alte getreue Pantalon, er will's unter keiner Bedingung abschreiben. Eine junge Muse der Schauspielkunst besitzt deren mehrere, der alte Bopp hat ihr auf meine Bitte drum angelegen, sie suchte danach unter den Theaterlumpen und fand sie nicht, sonst hätten sie zu Diensten gestanden, meinte sie, der Kronprinz würde ihr andere machen.

Gold und Perlen hab ich nicht, der einzige Schatz, nach dem ich gewiß allein greifen würde bei einer Feuersbrunst, sind Deine Briefe, Deine schönen Lieder, die Du mit eigner Hand geschrieben, sie sind verwahrt in der roten Sammettasche, die liegt nachts unter meinem Kopfkissen, darin ist auch noch der Veilchenstrauß, den Du mir in der Gesellschaft bei Wieland, so verborgen zustecktest, wo Dein Blick wie ein Sperber über allen Blicken kreiste, daß keiner wagte aufzusehen. – Die junge Muse gibt es auf, die Opfer, die der Kronprinz ihr in Dichterperlen gereiht zu Füßen legte, unter dem Wust von falschem Schmuck und Flitterstaat wiederzufinden, und doch waren sie im Zauberhauch der Mondnächte bei dem Lied der Nachtigall erfunden, Silb um Silbe; Klang um Klang aufgereiht. Wer Silb um Silbe die nicht liebt, nicht diesen Schlingen sich gefangen gibt, der mag von Himmelskräften auch nicht wissen, wie zärtlich die von Reim zu Reim sich küssen.

Deine Mutter werde ich nicht vergessen, und sollt ich auch mitten im Kriegsgetümmel untergehen, so würde ich gewiß noch im letzten Moment die Erde küssen zu ihrem Andenken. Was ich Dir noch Merkwürdiges zu berichten habe, ist schon aufgeschrieben, im nächsten Brief wirst Du es finden, dieser wird schon zu dick, und ich schäme mich, daß ich Dir nichts Wichtiges zu schreiben habe und doch nicht abbrechen kann. Geschwätz! – ich weiß ja, wie's ging in Weimar, da sagt ich auch nichts Gescheutes, und doch hörtest Du gern zu.

Vom Stadion weiß ich gar nichts, da muß ich kurzen Prozeß machen und ihn verschmerzen, wer weiß, ob ich ihn je wieder seh.

Jacobi ist zart wie eine Psyche, zu früh geweckt, rührend; wär es möglich,[197] so könnte man von ihm lernen, aber die Unmöglichkeit ist ein eigner Dämon, der listig alles zu vereiteln weiß, zu was man sich berechtigt fühlt; so mein ich immer, wenn ich Jacobi von Gelehrten und Philosophen umgeben seh, ihm wär besser, er sei allein mit mir. Ich bin überzeugt, meine unbefangnen Fragen, um von ihm zu lernen, würden ihm mehr Lebenswärme erregen, als jene alle, die vor ihm etwas zu sein als notwendig erachten. Mitteilung ist sein höchster Genuß; er appelliert in allem an seine Frühlingszeit, jede frisch aufgeblühte Rose erinnert ihn lebhaft an jene, die ihm zum Genuß einst blühten, und indem er sanft durch die Haine wandelt, erzählt er, wie einst Freunde Arm in Arm sich mit ihm umschlungen in köstlichen Gesprächen, die spät in die laue Sommernacht währten, und da weiß er noch von jedem Baum in Pempelfort, von der Laube am Wasser, auf dem die Schwäne kreisten, von welcher Seite der Mond hereinstrahlte auf reinlichem Kies, wo die Bachstelzchen stolzierten; das alles spricht sich aus ihm hervor, wie der Ton einer einsamen Flöte, sie deutet an: der Geist weilt noch hier; in ihren friedlichen Melodien aber spricht sich die Sehnsucht zum Unendlichen aus. Seine höchst edle Gestalt ist gebrechlich, es ist, als ob die Hülle leicht zusammensinken könne, um den Geist in die Freiheit zu entlassen. Neulich fuhr ich mit ihm, den beiden Schwestern und dem Grafen Westerhold nach dem Staremberger See. Wir aßen zu Mittag in einem angenehmen Garten, alles war mit Blumen und blühenden Sträuchern übersäet, und da ich zur Unterhaltung der gelehrten Gesellschaft nichts beitragen konnte, so sammelte ich deren so viel, als mein Strohhut faßte. Im Schiff, auf dem wir bei herannahendem Abend wohl anderthalb Stunden fahren mußten, um das jenseitige Ufer wieder zu erreichen, machte ich einen Kranz. Die untergehende Sonne rötete die weißen Spitzen der Alpenkette, und Jacobi hatte seine Freude dran, er deployierte alle Grazie seiner Jugend, Du selbst hast mir einmal erzählt, daß er als Student nicht wenig eitel auf sein schönes Bein gewesen, und daß er in Leipzig mit Dir in einen Tuchladen gegangen, das Bein auf den Ladentisch gelegt, und dort die neuen Beinkleidermuster drauf probiert, bloß um das Bein der sehr artigen Frau im Laden zu zeigen; – in dieser Laune schien er mir zu sein; nachlässig hatte er sein Bein ausgestreckt, betrachtete es wohlgefällig, strich mit der Hand drüber, dann wenige Worte über den herrlichen Abend flüsternd, beugte er sich zu mir herab, da ich am Boden saß und den Schoß voll Blumen hatte, wo ich die besten auslas zum Kranz, und so besprachen wir uns einsilbig, aber zierlich und mit Genuß in Gebärden und Worten, und ich wußte es ihm begreiflich zu machen, daß ich ihn liebenswürdig finde, als auf einmal Tante Lenens vorsorgende Bosheitspflege der feinen Gefühlskoketterie einen bösen Streich spielte; ich schäme mich noch, wenn ich dran denke; sie holte eine weiße langgestrickte wollne Zipfelmütze aus ihrer Schürzentasche, schob sie ineinander und zog sie dem Jacobi weit über die Ohren, weil die Abendluft beginne rauh zu werden,[198] grade in dem Augenblick als ich ihm sagte: »Heute versteh ich's recht, daß Sie schön sind«, und er mir zum Dank die Rose in die Brust steckte, die ich ihm gegeben hatte. Jacobi wehrte sich gegen die Nachtmütze, Tante Lene behauptete den Sieg, ich mochte nicht wieder aufwärts sehen, so beschämt war ich. – »Sie sind recht kokett«, sagte der Graf Westerhold, ich flocht still an meinem Kranz, da aber Tante Lene und Lotte einstimmend mir gute Lehren gaben, sprang ich plötzlich auf und trappelte so, daß der Kahn heftig schwankte, »um Gotteswillen wir fallen!« schrie alles, »ja, ja!« rief ich, »wenn Sie noch ein Wort weiter sagen über Dinge, die Sie nicht verstehen.« Ich schwankte weiter, »haben Sie Ruh, es wird mir schwindlig«. – Westerhold wollte mich anrühren, aber da schwankte ich so, daß er sich nicht vom Platz getraute, der Schiffer lachte und half schwanken, ich hatte mich vor Jacobi gestellt, um ihn nicht in der fatalen Mütze zu sehen, jetzt, wo ich sie alle in der Gewalt hatte, wendete ich mich nach ihm, nahm die Mütze beim Zipfel und schwenkte sie weit hinaus in die Wellen; »da hat der Wind die Mütze weggeweht«, sagte ich, ich drückte ihm meinen Kranz auf den Kopf, der ihm wirklich schön stand, Lene wollt es nicht leiden, die frischen Blätter könnten ihm schaden. Lasse ihn mir doch, sagte Jacobi sanft, ich legte die Hand über den Kranz. »Jacobi«, sagte ich: »Ihre feinen Züge leuchten im gebrochnen Licht dieser schönen Blätter wie die des verklärten Plato. Sie sind schön, und es bedarf nur eines Kranzes, den Sie so wohl verdienen, um Sie würdig der Unsterblichkeit darzustellen«; ich war vor Zorn begeistert, und Jacobi freute sich; ich setzte mich neben ihn an die Erde und hielt seine Hand, die er mir auch ließ, keiner sagte etwas, sie wendeten sich alle ab, um die Aussicht zu betrachten, und sprachen unter sich, da lachte ich ihn heimlich an. Da wir ans Ufer kamen, nahm ich ihm den Kranz ab und reichte ihm den Hut. – Das war meine kleine Liebesgeschichte jenes schönen Tages, ohne welche der Tag nicht schön gewesen sein würde; nun hängt der Kranz verwelkt an meinem Spiegel, ich bin seitdem nicht wieder hingegangen, denn ich fürchte mich vor Helenen, die aus beleidigter Würde ganz stumm war und mir nicht Adieu sagte; so mag denn Jacobi freundlich meiner gedenken, wenn ich ihn nicht wieder sehen sollte, dieser Abschied kann ihm keinen unangenehmen Eindruck in der Erinnerung lassen, und mir ist es grade recht, denn ich möchte doch nicht Kunst genug besitzen, den vielen Fallstricken und bösen Auslegungen zu entgehen, die jetzt wahrscheinlich im Gang sein mögen. Adieu, nun hab ich Dir auf alle Artikel Deines lieben Briefes geantwortet und Dir mein ganzes Herz ausgeschüttet. Versicherungen meiner Liebe gebe ich Dir nicht mehr, die sind in jedem Gedanken, im Bedürfnis, Dir alles ans Herz zu legen, hinlänglich beurkundet.

7. Juni

Bettine[199]

An Goethe

16. Juni


Gott lasse mir den einzigen Wunsch gedeihen, Dich wieder zu sehen, und zögere nicht allzulang. Soeben vernehme ich, daß jemand von meiner Bekanntschaft nach Weimar geht. Das bläst die Asche von der Glut, mich hält's, daß ich von hier aus die Tiroler Berge sehen kann, sonst nichts. Es martert mich alle Tage, nicht zu wissen, was dort vorgeht; ich käme mir vor wie ein feiger Freund, wenn ich mich dem Einfluß, den die Nähe des bedrängten Landes auf mich hat, entziehen wollte; wahrhaftig, wenn ich abends von meinem Schneckenturm die Sonne dort untergehen sehe, da muß ich immer mit ihr.

Wir haben schon seit Wochen schlecht Wetter. Nebel und Gewölk, Wind und Regen und schmerzliche Botschaft wird indessen durch Dein Andenken wie durch einen Sonnenstrahl erhellt. – Beinah vier Wochen hab ich nicht geschrieben, aber ich hab Dich diese ganze Zeit über bedacht, mit Gedanken, Wort und Werken, und nun will ich's gleich auseinandersetzen: es ist auf der hiesigen Galerie ein Bild von Albrecht Dürer, in seinem achtundzwanzigsten Jahre von ihm selbst gemalt; es hat die graziösesten Züge eines weisheitsvollen, ernsten, tüchtigen Antlitzes; aus der Miene spricht ein Geist, der die jetzigen elenden Weltgesichter niederkracht. Als ich Dich zum erstenmal sah, war es mir auffallend und bewegte zugleich zu inniger Verehrung, zu entschiedener Liebe, das sich in Deiner ganzen Gestalt aussprach, was David von den Menschen sagt: ein jeder mag König sein über sich selber. So meine ich nämlich, daß die Natur des inneren Menschen die Oberhand erringe über die Unzuverlässigkeit, über die Zufälle des äußeren, daraus entstehe die edle Harmonie, das Wesen, was sowohl über Schönheit hinaus ist als der Häßlichkeit trotzt. So bist Du mir erschienen, die geistige Erscheinung der Unsterblichkeit, die der irdischen vergänglichen Meister wird. Obschon nun Dürers Antlitz ein ganz anderes ist, so hat mich doch die Sprache seines Charakters mächtig an die Deinige erinnert, ich habe mir's kopieren lassen. – Ich hab das Bild den ganzen Winter über auf meinem Zimmer gehabt und war nicht allein. Ich hab mich viel in Gedanken an diesen Mann gewendet, hab Trost und Leid von ihm empfunden, bald war's mir traurig zu fühlen, wie manches, worauf man doch in sich stolz ist, zugrunde geht vor einem solchen, der recht wollte, was er wollte; bald flüchtete ich mich zu diesem Bild als zu einem Hausgott. Wenn mich die Lebenden langweilten, und daß ich Dir's recht sage: mein Herz war in manchen Stunden so tief von dem reinen Scharfblick gerührt, der aus seinen edlen Augen dringt, daß er mir mehr im Umgang war als ein Lebender. Dieses Bild nun hatte ich eigentlich für Dich kopieren lassen, ich wollte Dir's als einen Sachwalter meiner Herzensangelegenheiten senden, und so verging Woche um Woche, immer mit dem festen Entschluß, es die nächstfolgende abzusenden, ohne daß ich es je dazu bringen konnte, mich davon zu trennen. Mein lieber Goethe, ich[200] hab noch weniges gesehen in der Welt, sowohl von Kunstwerken als sonst, was mich herzlich interessierte. Daher wär wohl meiner kindischen Art zu verzeihen. Das Bild kann ich nun nicht mehr von mir lossagen, so wie man sich von einem Freund nicht mehr lossagen kann. Dir aber will ich's schicken, meinem geliebtesten von allen. Doch, wie es das Schicksal führt, soll es nicht in andre Hände kommen, und sollte der Zufall es von Dir trennen, so müsse es wieder in meine Hände kommen. Ich hoffte, die ganze Zeit es selbst bringen zu können, indessen ist gar keine Wahrscheinlichkeit in diesem Augenblick, wenn ich nicht stets auf die kommende Zeit hoffte, so würde ich verzweifeln, Dich bald wiederzusehen; allein, daß nach der Zukunft immer wieder eine ist, das hat schon manchen Menschen alt gemacht. – Du bist mir lieb über alles, in der Erinnerung wie in der Zukunft; der Frühling, den Deine Gegenwart in mir erschaffen hat, dauert; denn schon sind zwei Jahre um, und noch hat kein Sturm ein Blättchen vom Ast gelöst, noch hat der Regen keine Blüte zerstört, alle Abend hauchen sie noch den süßen Duft der Erinnerung aus; ja wahrhaftig kein Abend ist bis jetzt zum Schlafen gekommen, daß ich Dich nicht bei Namen gerufen und der Zeit gedacht, da Du mich auf meinen Mund geküßt, mich in Deinen Arm genommen, und ich will stets hoffen, daß die Zeit wiederkehre. Da ich Dir nichts in der Welt vorziehe, so glaub ich's auch von Dir. Sei Du so alt und klug wie ich, laß mich so jung und weise sein wie Du, und so möchten wir füglich die Hand einander reichen und sein wie die beiden Jünger, die zwei verschiednen Propheten folgten in einem Lehrer.

Schreib mir, wie Du glaubst, daß ich das Bild ohne Gefahr schicken könne, aber bald. – Wenn Du mir keine Gelegenheit angeben kannst, so werde ich selbst schon eine finden. Hab niemand lieber wie mich; Du, Goethe, wärst sehr ungerecht, wenn Du andre mir vorzögst, da so meisterlich, so herrlich, Natur mein Gefühl Dir verwebt hat, daß Du das Salz Deines eignen Geistes in mir schmecken mußt.

Wenn kein Krieg, kein Sturm und vorab keine verwüstende Zeitung, die alles bildende Ruhe im Busen störte, dann möchte ein leichter Wind, der durch die Grashalmen fährt, der Nebel, wie er sich von der Erde löst, die Mondessichel, wie sie über den Bergen hin zieht, oder sonst einsames Anschauen der Natur einem wohl tiefe Gedanken erregen; jetzt aber in dieser beweglichen Zeit, wo alle Grundfesten ein rechtes Krachen und Gliederreißen haben, da will sie keinem Gedanken Raum gestatten, aber das, woran ein Freund teilgenommen, daß man sich auf seinen Arm gestützt, auf seiner Schulter geruht hat, dies einzige ätzt tief jede Linie der Gegenstände ins Herz, so weiß ich jeden Baum des Parks noch, an dem wir vorübergegangen, und wie Du die Äste der Zuckerplatane niederbogst und zeigtest mir die rötliche Wolle unter den jungen Blättern und sagtest, die Jugend sei wollig; und dann die runde, grüne Quelle, an der wir standen, die so ewig über sich sprudelt, bul, bul, und Du sagtest, sie[201] rufe der Nachtigall, und die Laube mit der steinernen Bank, wo eine Kugel an der Wand liegt, da haben wir eine Minute gesessen, und Du sagtest: »Setze Dich näher, damit die Kugel nicht in Schatten komme, denn sie ist eine Sonnenuhr«, und ich war einen Augenblick so dumm, zu glauben, die Sonnenuhr könne aus dem Gange kommen, wenn die Sonne nicht auf sie scheine, und da hab ich gewünscht, nur einen Frühling mit Dir zu sein, hast Du mich ausgelacht; da fragte ich, ob Dir dies zu lang sei; »ei nein«, sagtest Du, »aber dort kommt einer gegangen, der wird gleich dem Spaß ein Ende machen«; das war der Herzog, der grad auf uns zukam, ich wollte mich verstecken, Du warfst Deinen Überrock über mich, ich sah durch den langen Ärmel, wie der Herzog immer näher kam, ich sah auf seinem Gesicht, daß er was merkte, er blieb an der Laube stehen, was er sagte, verstand ich nicht, so große Angst hatte ich unter Deinem Überrock, so klopfte mir das Herz, Du winktest mit der Hand, das sah ich durch Deinen Rockärmel, der Herzog lachte und blieb stehen; er nahm kleine Sandsteinchen und warf nach mir, und dann ging er weiter. Da haben wir nachher noch lang geplaudert miteinander, was war's doch? – nicht viel Weisheit, denn Du verglichst mich damals mit der weisheitvollen Griechin, die den Sokrates über die Liebe belehrte, und sagtest: »Kein gescheutes Wort bringst Du vor, aber Deine Narrheit belehrt besser, wie ihre Weisheit«, – und warum waren wir da beide so tief bewegt? – daß Du von mir verlangtest mit den einfachen Worten: »Lieb mich immer«, und ich sagte: »Ja.« – Und eine ganze Weile drauf, da nahmst Du eine Spinnwebe von dem Gitter der Laube und hingst mir's aufs Gesicht, und sagtest; »Bleib verschleiert vor jedermann und zeige niemand, was Du mir bist.« – Ach! Goethe, ich hab Dir keinen Eid der Treue getan mit den Lippen, die da zuckten vor heftiger Bewegung und keine Worte kannten; ich erinnere mich gar nicht, daß ich mit Selbstbewußtsein Dir die Treue zugesagt hätte, es ist alles mächtiger in mir wie ich, ich kann nicht regieren, ich kann nicht wollen, ich muß alles geschehen lassen. Zwei einzige Stunden waren so voll Ewigkeit; einen einzigen Frühling verlangte ich damals, und jetzt meine ich kaum, daß ich diesen bewältigen könne mein ganzes Leben lang, und mir klopft das Herz jetzt ebenso vor Unruh, wenn ich mich in die Mitte jenes Frühlings denke. Ich bin am Ende des Blattes, und wär's nicht gar zu sehr auf Dich gesündigt, so möcht ich ein neues anfangen, um so fort zu plaudern; ich liege hier auf dem Sofa und schreibe den Brief auf einem Kissen, deswegen ist er auch so ungleich. Daß sie doch alle vergehen, wenn ich zu Dir sprechen will, diese Gedanken, die so ungerufen vor mir auf- und niedertanzen, von denen Schelling sagt: es sei unbewußte Philosophie.

Lebe wohl! So wie die vom Wind getragne Samenflocke auf den Wellen hintanzt, so spielt meine Phantasie auf diesem mächtigen Strom Deines ganzen Wesens und scheut nicht, drin unterzugehen; möchte sie doch! welch seliger Tod! –[202] Geschrieben am 16. Juni in München an einem Regentag, wo zwischen Schlaf und Wachen die Seele nach Wind und Wetter sich bequemte.

Bettine


Bleib ihr gut, schreib ihr bald und grüß die Deinen.

An Bettine

In zwei Deiner Briefe hast Du ein reiches Füllhorn über mich ergossen, liebe Bettine, ich muß mich mit Dir freuen und mit Dir betrüben und kann des Genusses nimmer satt werden. So lasse Dir denn genügen, daß die Ferne Deinen Einfluß nicht mindert, da Du mit unwiderstehlicher Gewalt mich den mannigfachen Einwirkungen Deiner Gefühle unterwirfst, und daß ich Deine bösen wie Deine guten Träume mitträumen muß. Was Dich nun mit Recht so tief bewegt, über das verstehst Du auch allein Dich wieder zu erheben, hierüber schweigt man denn wie billig und fühlt sich beglückt, mit Dir in Befreundung zu stehen und Anteil an Deiner Treue und Güte zu haben; da man doch Dich lieben lernen müßte, selbst wenn man nicht wollte.

Du scheinst denn auch Deine liebenswürdige despotische Macht an verschiednen Trabanten zu üben, die Dich als ihren erwählten Planeten umtanzen. Der humoristische Freund, der mit Dir die Umgegend rekognosziert, scheint wohl nur durch die Atmosphäre der heißen Junitage dem Schlaf zu unterliegen, während er träumend das anmutige Bild Deiner kleinen Person rekognosziert, da mag es ihm denn freilich nicht beikommen, daß Du ihn unterdessen dahin versetzen möchtest, wo Dein heroischer Geist selber weilt.

Was Du mir von Jacobi erzählst, hat mich sehr ergötzt, seine jugendlichen Eigenheiten spiegeln sich vollkommen darin; es ist eine geraume Zeit her, daß ich mich nicht persönlich mit ihm berührt habe, die artige Schilderung Deiner Erlebnisse mit ihm auf der Seefahrt, die Dein Mutwille ausheckte, haben mir ähnliche heitere Tage unseres Umgangs wieder zurückgerufen. Zu loben bist Du, daß Du keiner authentischen Gewalt bedarfst, um den Achtungswerten ohne Vorurteil zu huldigen. So ist gewiß Jacobi unter allen strebenden und philosophierenden Geistern der Zeit derjenige, der am wenigsten mit seiner Empfindung und ursprünglichen Natur in Widerspruch geriet und daher sein sittliches Gefühl unverletzt bewahrte, dem wir als Prädikat höherer Geister unsere Achtung nicht versagen möchten. Wolltest Du nun auf Deine vielfach erprobte anmutige Weise ihm zu verstehen geben, wie wir einstimmen in die wahre Hochachtung, die Du unter Deinen liebenswürdigen Koboldstreichen verbirgst, so wäre dies ganz in meinem Sinne gehandelt.

Dein Eifer, mir die verlangten Gedichte zu verschaffen, verdient Anerkenntnis, obschon ich glauben muß, daß es Dir ebenso darum zu tun ist,[203] den Gefühlen Deines Generalissimus näher auf die Spur zu kommen als auch meine Wünsche zu befriedigen, glauben wir indessen das Beste von ihm bis auf näheres; und da Du so entschieden die Divinität des schöpferischen Dichtervermögens erhebst, so glaube ich nicht unpassend beifolgendes kleine Gedicht vorläufig für Dich herausgehoben zu haben aus einer Reihe, die sich in guten Stunden allmählich vermehrt, wenn sie Dir später einmal zu Gesicht kommen werden, so erkenne daran, daß, während Du glaubst, mein Gedächtnis für so schöne Vergangenheit wieder anfrischen zu müssen, ich unterdessen der süßesten Erinnerung in solchen unzulänglichen Reimen ein Denkmal zu errichten strebe, dessen eigendste Bestimmung es ist, den Widerhall so zarter Neigung in allen Herzen zu erwecken.

Bleibe mir schreibend und liebend von Tag zu Tag beglückender Gewohnheit treu.

G.


Jena, den 7. Juli 1809


Wie mit innigstem Behagen,

Lied, gewahr ich deinen Sinn;

Liebevoll scheinst du zu sagen,

Daß ich ihm zur Seite bin.


Daß er ewig mein gedenket,

Seiner Liebe Seligkeit

Immerdar der Treuen schenket,

Die ein Leben ihm geweiht.


Ja, mein Herz, es ist der Spiegel,

Freund, worin du dich erblickt,

Diese Brust, wo deine Siegel

Kuß auf Kuß hereingedrückt.


Süßes Dichten, lautre Wahrheit,

Fesselt mich in Sympathie!

Rein verkörpert Liebesklarheit

Im Gewand der Poesie.6


An Goethe

Kein Baum kühlt so mit frischem Laub, kein Brunnen labt so den Durstigen, Sonn und Mondlicht und tausend Sterne leuchten so nicht ins irdische Dunkel, wie Du leuchtest in mein Herz. Ach, ich sage Dir: einen Augenblick in Deiner Nähe zu sein hält so viel Ewigkeit in sich, daß ein solcher Augenblick der Ewigkeit gleichsam einen Streich spielt, indem er sie gefangen nimmt, zum Scherz nur, er entläßt sie wieder, um sie wieder zu[204] fangen, und was sollte mir auch in Ewigkeit noch für Freude geschehen, da Dein ewiger Geist, Deine ewige Güte mich in ihre Herrlichkeit aufnehmen.

Geschrieben am Tag, da ich Deinen letzten Brief empfangen.

Das Gedicht gehört der Welt, nicht mein, denn wollt ich es mein nennen, es würde mein Herz verzehren.

Ich bin zaghaft in der Liebe, ich zweifle jeden Augenblick an Dir, sonst wär ich schon auf eine Zeit zu Dir gekommen; ich kann mir nicht denken (weil es zu viel ist), daß ich Dir wert genug bin, um bei Dir sein zu dürfen.

Weil ich Dich kenne, so fürchte ich den Tod, die Griechen wollten nicht sterben ohne Jupiter Olymp gesehen zu haben, wie viel weniger kann ich die schöne Welt verlassen wollen, da mir prophezeit ist von Deinen Lippen, daß Du mich noch mit offnen Armen empfangen wirst.

Erlaube mir, ja fordere es, daß ich dieselbe Luft einatme wie Du, daß ich täglich Dir unter die Augen sehe, daß ich den Blick aufsuche, der mir die Todesgötter bannt.

Goethe, Du bist alles, Du gibst wieder, was die Welt, was die traurige Zeit raubt; da Du es nun vermagst mit gelaßnem Blick reichlich zu spenden, warum soll ich mit Zutrauen nicht begehren? Diese ganze Zeit bin ich nicht mehr ins Freie gekommen, die Gebirgsketten, die einzige Aussicht, die man von hier hat, waren oft von den Flammen des Kriegs gerötet, und ich habe nie mehr gewagt, meinen Blick dahin zu wenden, wo der Teufel ein Lamm würgt, wo die einzige Freiheit eines selbständigen Volkes sich selber entzündet und in sich verlodert. Diese Menschen, die mit kaltem Blut und sicher über ungeheure Klüfte schreiten, die den Schwindel nicht kennen, machen alle andere, die ihnen zusehen, von ihrer Höhe herab schwindlig; es ist ein Volk, das für den Morgen nicht sorgt, dem Gott unmittelbar grade, wenn die Stunde des Hungers kommt, auch die Nahrung in die Hand gibt; das, wie es den Adlern gleich, auf den höchsten Felsspitzen über den Nebeln ruht, auch so über den Nebeln der Zeit thront, das lieber im Licht untergeht, als im Dunkeln ein ungewisses Fortkommen sucht. O Enthusiasmus des eignen freien Willens! wie groß bist du, da du allen Genuß, der über ein ganzes Leben verbreitet ist, in einen Augenblick zusammenfassest, darum so läßt sich um einen solchen Moment auch wohl das Leben wagen; mein eigner Wille aber ist, Dich wiederzusehen, und allen Enthusiasmus der Liebe wird ein solcher Moment in sich fassen, und darum begehre ich auch außer diesem nichts mehr.

Von den Kuffsteiner Belagerungsgeschichten möchte ich Dir manches erzählen, was dem Dux gewiß Freude machen würde, und was auch verdiente, verewigt zu werden; allein zu sehr wird eine ernste Teilnahme an dem echten Heroismus mißhandelt durch Betrug aller Art, und das macht auch, daß man lieber gar nicht hinhorcht, als daß man das Herz durch[205] Lügen sich schwer machen läßt. – Das Gute, was die Bayern als wahr passieren lassen, daran ist nicht zu zweifeln, denn wenn sie es vermöchten, so würden sie gewiß das Gelingen der Feinde leugnen. Speckbacher ist ein einziger Held, Witz, Geist, kaltes Blut, strenger Ernst, unbegrenzte Güte, durchsichtige, bedürfnislose Natur; Gefahr ist ihm gleich dem Aufgang der Sonne; da wird ihm Tag, da sieht er deutlich was not tut; und tut alles, indem er seinen Enthusiasmus beherrscht, er denkt auf seine Ehre und auf seine Verantwortung zugleich, er richtet alles durch sich allein aus, die Befehle der Kommandanten und seine eigne wohlberechnete Pläne; und auch noch was der Augenblick erheischt; unter dem Kanonenfeuer der Festung verwüstet er die Mühlen, erbeutet das Getreide und löscht die Haubitzen mit dem Hut; keinen gefahrvollen Plan überläßt er einem andern, die kleine Stadt Kuffstein steckte er selbst in Brand mitten unter den Feinden; eine Schiffbrücke der Bayern macht er flott. In einer stürmischen Nacht, im Wasser bis an die Brust, hält er aus bis zum Morgen mit zwei Kameraden, wo er noch die letzten Schiffe unter einem Hagel von Kartätschen flott macht. – List ist seine göttlichste Eigenschaft, den verwilderten Bart, der ihm das halbe Gesicht bedeckt, nimmt er ab, verändert Kleidung und Gebärde, und so verlangt er den Kommandanten der Festung zu sprechen, man läßt ihn ein, er macht ihnen was weis von Verrat und errät unterdessen alles, was er wissen will, in dieser großen Gefahr, mit noch zwei andern Kameraden, ist er keinen Augenblick verlegen, läßt sich beleuchten, untersuchen, zutrinken und endlich, vom Kommandanten bis zum kleinen Pförtchen, zu dem sie hereingekommen waren, begleitet, nimmt er treuherzig Abschied.

Alle diese Mühen und Aufopferungen werden indessen zunichte gemacht durch die Unzuverlässigkeit von Österreich, das überhaupt ist, als könne es keinen glücklichen Erfolg ertragen, und fürchte sich vor seinem großen Feind, einst diese Siege verantworten zu müssen, und so wird es auch noch kommen, es wird noch den großen Napoleon um Verzeihung bitten, daß man ihm die Ehre erzeigt, ihm ein Heldenvolk entgegenzustellen; ich breche ab, zu gewiß ist mir, daß auf Erden allem Großen schlecht vergolten wird.

Vor drei Wochen hat man ein Bild, eine Kopie von Albrecht Dürers selbst verfertigtem Porträt, an Dich abgeschickt; ich war grade auf einige Tage verreist und weiß also nicht, ob es wohl eingepackt und ob die Gelegenheit, mit welcher es ging, exakt ist, Du mußt es der Zeit nach jetzt bald in Händen haben, schreib mir darüber, das Bild ist mir sehr lieb, und darum mußt ich Dir's geben, weil ich mich selbst Dir geben möchte.

Selbst in dem kalten Bayernlande reift alles nach und nach, das Korn wird schon gelb, und wenn die Zeit auch keine Rosen hier bricht, so bricht sie doch der Sturm, und falbe Blätter fliegen schon genug auf dem nassen Sandboden; wann wird denn eine gütige Sonne die Früchte an meinem Lebensbaum reifen, daß ich ernten kann Kuß um Kuß? –[206] Einen Weg geh ich alle Tage, jede Staude, jedes Gräschen ist mir auf diesem bekannt, ja die Sandsteinchen im Kiesweg hab ich mir schon betrachtet. Dieser Weg führt nicht zu Dir, und doch wird er mir täglich lieber, wenn mich nun einer gewohnt würde, zu Dir zu tragen, wie würden da Blumen und Kräuter erst mit mir bekannt werden, daß mir stets das Herz pochte bis an Deine Schwelle, und allen Liebreiz hätte auf diesem Weg jeder Schritt.

Vom Kronprinz weiß ich Gutes, er hat mit den Gefangenen, die man hart behandelte und hungern ließ, zu Mittag gegessen. Die Kartoffeln waren gezählt, er teilte treulich mit ihnen, seitdem werden sie gut bedient, und er hat ein scharfes Auge darauf; das hab ich durch seinen getreuen Bopp, der die ausführliche Erzählung mit etlichen Freudentränen begleitete. Sein kaltes Blut mitten in Gefahren, seine Ausdauer bei allen Mühen und Lasten werden auch noch anderweitig gerühmt, und immer ist er dabei bedacht, nutzlosen Grausamkeiten vorzubeugen; das war von ihm zu erwarten, aber daß er diese Erwartung nicht zuschanden gemacht hat, dafür sei er gelobt und gesegnet.

Einliegendes Kupfer von Heinze wirst Du wohl erkennen, ich hab's von Sömmering erhalten und zugleich den Auftrag, um Dein Urteil darüber zu bitten, er selbst findet es gleichend, aber nicht in den edelsten Zügen; ich sage: es hat eine große Ähnlichkeit mit einem Bock, dies ließe sich noch rechtfertigen.

Tieck liegt noch immer als Kranker auf dem Ruhebettlein, ein Zirkel vornehmer und schöner Damen umgibt sein Lager, das paßt zu gut und gefällt ihm zu wohl, als daß er je vom Platz rückte.

Jacobi befindet sich ganz leidlich, Tante Lene schreit zwar, sein Kopf tauge nichts, der, sowie er etwas Philosophisches schreiben wolle, ihn schmerze, zusamt den Augen; wenn nun auch der Kopf nichts taugt, so war doch sein Herz sehr lebendig aufgeregt als ich ihm vorlas, was Du für ihn geschrieben hast; ich mußte es ihm abschreiben, er meinte, da er keine so freundliche Fürsprache bei Dir habe, wie Du bei ihm, so müsse er wohl selbst Dir schriftlich danken, einstweilen schickt er beikommende Rede über Vernunft und Verstand.

Bettine


Köln, wo ich vorm Jahr so fröhlich war, der launige Rumohr hat's hingekritzelt, er geht hier so ganz verträglich mit der Langenweile um, und bejammert mit aufrichtigem Herzen die Zeit, die wir miteinander am Rhein zubrachten.

Hier spielt der Wind schon manches falbe Laub von den Ästen und mir die kalten Regentropfen ins Gesicht, wenn ich frühe, wo noch kein Mensch des Weges geht, durch die feuchten Alleen des englischen Gartens wandre,[207] denn die langen Schatten am frühsten Morgen sind mir beßre Gefährten als alles, was mir den ganzen Tag über begegnet.

Da besuche ich alle Morgen meinen alten Winter; bei schönem Wetter frühstückt er in der Gartenlaube mit der Frau, da muß ich immer den Streit zwischen beiden schlichten um die Sahne auf der Milch. Dann steigt er auf seinen Taubenschlag, so groß wie er ist, muß er sich an den Boden ducken, hundert Tauben umflattern ihn, setzen sich auf Kopf, Brust, Leib und Beine; zärtlich schielt er sie an, und vor Freundlichkeit kann er nicht pfeifen, da bittet er mich: o pfeifen Sie doch; so kommen denn noch Hunderte von draußen hereingestürzt mit pfeifenden Schwingen; gurren, rucksen, lachen und umflattern ihn; da ist er selig und möchte eine Musik komponieren, die grad so lautet. Da nun Winter ein wahrer Koloß ist, so stellt er ziemlich das Bild des Nils dar, der von einem kleinen Geschlecht umkrabbelt wird, und ich als Sphinx neben ihm kauernd, einen großen Korb voll Wicken und Erbsen auf dem Kopf. Dann werden Marcellos Psalmen gesungen, eine Musik, die mir in diesem Augenblick sehr zusagt, ihr Charakter ist fest und herrschend, man kann sie nicht durch Ausdruck heben, sie läßt sich nicht behandeln, man kann froh sein, wenn die Kraft ausreicht, welche der Geist dieser Musik fordert. Von höherer Macht fühlt man sich als Organ benützt, Figur und Ton von Harmonie umkreist und bedingt auszusprechen. So ist diese kunstgerechte gewaltige Sprache idealischer Empfindung, daß der Sänger nur Werkzeug, aber mitdenkend, mitgenießend sich empfindet, und dann die Rezitative, das Ideal ästhetischer Erhabenheit, wo alles, sei es Schmerz oder Freude, ein tobend Element der Wollust wird.

Wie lange haben wir nichts über Musik gesprochen, damals am Rhein, da war's, als müsse ich Dir den gordischen Knoten auflösen, und doch fühlte ich meine Unzulänglichkeit, ich wußte nichts von ihr, wie man auch vom Geliebten nichts weiß, als nur, daß man in ihn verliebt ist. Und jetzt bin ich erst gar ins Stocken geraten, alles möcht ich gern aussprechen, aber in Worten zu denken, was ich im Gefühl denke, das ist schwer; – ja, solltest Du's glauben? – Gedanken machen mir Schmerzen, und so zaghaft bin ich, daß ich ihnen ausweiche, und alles, was in der Welt vorgeht, das Geschick der Menschen und die tragische Auflösung macht mir einen musikalischen Eindruck. Die Ereignisse im Tirol nehmen mich in sich auf wie der volle Strom allseitiger Harmonie. Dies Streben mitzuwirken ist grade wie in meinen Kinderjahren, wenn ich die Symphonien hörte im Nachbarsgarten und ich fühlte, man müsse mit einstimmen, mitspielen, um Ruhe zu finden; und alles Zerschmetternde in jenen Heldenereignissen ist ja auch wieder so belebend, so begeistigend, wie dies Streiten und Gebaren der verschiedenen Modulationen, die doch alle in ihren eigensinnigen Richtungen unwillkürlich durch ein Gesamtgefühl getragen, immer allseitiger, immer in sich konzentrierter in ihrer Vollendung sich abschließen. – So empfinde ich die Symphonie, so erscheinen mir jene Heldenschlachten auch Symphonien[208] des göttlichen Geistes, der in dem Busen des Menschen Ton geworden ist himmlischer Freiheit. Das freudige Sterben dieser Helden ist wie das ewige Opfern der Töne einem hohen gemeinsamen Zweck, der mit göttlichen Kräften sich selbst erstreitet; so scheint mir auch jede große Handlung ein musikalisches Dasein; so mag wohl die musikalische Tendenz des Menschengeschlechts als Orchester sich versammeln und solche Schlachtsymphonien schlagen, wo denn die genießende, mitempfindende Welt neu geschaffen, von Kleinlichkeit befreit, eine höhere Befähigung in sich gewahrt.

Ich werde müde vom Denken und schläfrig, wenn ich mir Mühe gebe, der Ahnung nachzugehen, da wird mir angst, ja ich möchte die Hände ringen vor Angst um einen Gedanken, den ich nicht fassen kann. Da möcht ich mit einem Ausdruck Dir hingeben Dinge, denen ich nicht gewachsen bin, und da schwindet mir alle Erkenntnis, langsam wie die untergehende Sonne, ich weiß, daß sie ihr Licht ausströmt, aber sie leuchtet mir nicht mehr.

Denken ist Religion, fürs erste Feueranbeten, wir werden einst noch weiter schreiten, wo wir mit dem ursprünglich göttlichen Geist uns vereinen, der Mensch geworden und gelitten hat, bloß um in unser Denken einzudringen; so erkläre ich mir das Christentum als Symbol einer höheren Denkkraft, wie mir denn überhaupt alles Sinnliche Symbol des Geistigen ist.

Nun, wenn auch die Geister sich mit mir necken und nicht fangen lassen, so erhält dies mich doch frisch und tätig, und sie haben mir auf den Weg gestreut gleich einem auserwählten Ritter der Tafelrunde gar mannigfach Abenteuer auf holperigem Pfad, bekannt bin ich worden mit den dürren Geistern der Zeit, mit Ungeheuern verschiedener Art, und wunderbar haben mich diese Besessenen in ihr träumerisch Schicksal gezogen. Aber nicht hab ich erblickt wie bei Dir, da von heiliger Leier mir frisches Grün entgegenglänzte, und nicht hört ich wie bei Dir, dem unter den Füßen silbern der Pfad tönt, als der auf Straßen Apollos wandelt. Da denk ich mit verschlossenen Augen, wie ich gewohnt war, mit Dir lächelnd des Herzens Meinung zu wechseln, den eignen Geist in der Seele fühlend. Deine Mutter sagte mir manchmal von vergangner Zeit, da wollt ich nicht zuhören und hieß sie schweigen, weil ich grad eben mich in Deine Gegenwart träumte.

Franz Bader, der nach seiner Glasfabrik in Böhmen gereist ist, hat mir beim Abschied beigepackte Abhandlungen für Dich gegeben und mich zugleich gebeten, Dich seiner innigsten Achtung zu versichern, er hat mir dabei mancherlei aus seinem Leben erzählt, wie er in Schottland zum Beispiel gar gefahrvolle Reisen gemacht, in einem winzigen Nachen, mit Deinem »Egmond«, im Meer zwischen Klippen und Inseln hin und her geworfen, wie er mit den Meerkatzen fechten müssen, wie Nacht und Sturm ihm alle Lebensgeister ausbliesen und er mitten in der Not nur immer Deine Bücher zu retten gesucht. Siehst Du! so treibt's Dein Geist auf allen Pfaden, zu[209] Land wie zu Wasser, und er zieht von der Quelle an fort mit dem Strom, bis wo er sich ergießt, und so ziehen mit die noch fremden Ufer, und die blaue Ferne sinkt neigend zusammen vor Deiner Ankunft. Und es sehen die Wälder Dir nach, und die vergoldende Sonne schmückt die Bergeshöhen zu Deinem Empfang; es feiern aber im Mondglanz Dein Andenken die Silberpappel und die Tanne am Weg, die Deiner Jugend reine Stimme gehört.

Gestern erhielt ich Dein Bild, eine kleine Paste in Gips, aus Berlin, es gleicht, was hilft's, ich muß nach Dir verlangen.

Noch ein ägyptisches Ungeheuer ist mir hier auf Bayerns feuchtem Boden begegnet, und nicht wundert mich, daß seine trockne sandige Natur hier verfault, es ist Klotz, der von den Geistern der Farbe verfolgte und gepeinigte, endlich ihrer Gewalt erliegend, sein fünfundzwanzigjähriges Werk endet. Ägyptisch nenne ich ihn, weil erstens sein Antlitz, wie von glühenden Harzen geschmiedet, zugleich eine ungeheure Pyramide darstellt, und zweitens, weil er in fünfundzwanzig Jahren mit außerordentlicher Anstrengung sich nicht vom Platze gearbeitet hat. Ich habe aus christlicher Milde (und zugleich um Dir, als welcher nach Klotzens Aussage einer Entschuldigung bedürfte, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen) sein ganzes Manuskript angehört. Nun kann ich mich freilich mit was ich von ihm erlernt, nicht breit machen, ich war mit Rätseln umstrickt, die durch seine Reden nur noch verwickelter wurden, und er war ängstlich auf seiner Hut, daß ich ihm nicht eins seiner Geheimnisse erschnappte, um es Dir zu übertragen, er möchte gern mit Dir selber hierüber sprechen, am meisten klagte er, daß Du ihm auf einen demütigen, aufrichtigen Brief keine Antwort gegeben, ich aber tröstete ihn damit, daß Du mir auf einen bittenden, liebenden Brief auch keine Antwort gegeben, und so war es gut. – Ich kann dem armen Mann nicht begreiflich machen, daß er die Perlen mit den Kleien gemischt, und daß wahrscheinlich beides zusamt von den Schweinen gefressen wird. Du aber könntest hier gewiß Gutes stiften, wenn Du Dich über seine Entdeckungen mit ihm einlassen wolltest. Beikommende Tabelle hab ich ihm für Dich abgeluchst, sie gefällt mir so wohl, daß ich sie wie ein schönes Bild betrachte.

Jetzt hab ich noch eine geringe Frage, aber sie gilt mir viel, denn sie soll mir eine Antwort eintragen: hast Du Albrecht Dürers Bildnis, welches schon vor sechs Wochen von hier abging, erhalten? – wo nicht, so bitte ich, lasse doch in Weimar bei den Fuhrleuten nachfragen.

Es geht hier eine Sage unter dem Volk, es werde bald eine Erscheinung sein, die soll Wahlverwandtschaften heißen und von Dir in Gestalt eines Romans ausgehen. Ich habe einmal einen fünf Stunden langen, saueren Weg nach einem Sauerbrunnen gemacht, er lag so einsam zwischen Felsen, der Mittag konnte nicht zu ihm niedersteigen, die Sonne zersplitterte tausendfach ihre Strahlenkrone an dem Gestein, alte dürre Eichen und Ulmen standen wie die Todeshelden drum her, und Abgründe, die man da sah,[210] waren keine Abgründe der Weisheit, sondern dunkle, schwarze Nacht, mir wollt's nicht behagen, daß die himmlische Natur solche Launen habe, der Atem wurde mir schwer und ich hatte das Gesicht ins Gras gewühlt. Wenn ich aber diese Wahlverwandtschaften dort an der Quelle wüßte, gern wollt ich den schauerlichen, unheimlichen Weg noch einmal machen, und zwar mit leichtem Schritt und leichtem Sinn, denn erstens dem Geliebten entgegengehen beflügelt den Schritt, und zweitens mit dem Geliebten heimgehen ist der Inbegriff aller Seligkeit.

9. September 1809

Bettine

An Bettine

Ihr Bruder Clemens, liebe Bettine, hatte mir bei einem freundlichen Besuche den Albrecht Dürer angekündigt, so wie auch in einem Ihrer früheren Briefe desselben gedacht war. Nun hoffte ich jeden Tag darauf, weil ich an diesem guten Werk viel Freude zu erleben gedachte, und wenn ich mir's auch nicht zugeeignet hätte, es doch gern würde aufgehoben haben, bis Sie gekommen wären, es abzuholen. Nun muß ich Sie bitten, wenn wir es nicht für verloren halten sollen, sich genau um die Gelegenheit zu erkundigen, durch welche es gegangen, damit man etwa bei den verschiedenen Spediteurs nachkommen kann, denn aus Ihrem heutigen Briefe sehe ich, daß es Fuhrleuten abgeliefert worden. Sollte es inzwischen ankommen, so erhalten Sie gleich Nachricht.

Der Freund, welcher die Kölner Vignette gezeichnet, weiß, was er will, und versteht mit Feder und Pinsel zu hantieren, das Bildchen hat mir einen freundlichen guten Abend geboten.

Franz Badern werden Sie schönstens für das Gesendete danken. Es war mir von den Aufsätzen schon manches einzelne zu Gesicht gekommen. Ob ich sie verstehe, weiß ich selbst kaum, allein ich konnte mir manches daraus zueignen. Daß Sie meine Unart gegen den Maler Klotz durch eine noch größere, die Sie mir verziehen haben, entschuldigt, ist gar löblich und hat dem guten Mann gewiß besonders zur Erbauung gedient. Die Tafel ist wohlbehalten angekommen, so angenehm auch der Eindruck ist, den sie auf das Auge macht, so schwer ist sie doch zu beurteilen; wenn Sie ihn daher bewegen können, den Schlüssel zu diesem Farbenrätsel herzuleihen, so könnte ich vielleicht durch eine verständige und gegründete Antwort mein früheres Versäumnis wieder gutmachen.

Wieviel hätte ich nicht noch zu sagen, wenn ich auf Ihren vorigen lieben Brief zurückgehen wollte? Gegenwärtig nur so viel von mir, daß ich mich in Jena befinde, und vor lauter Verwandtschaften nicht recht weiß, welche ich wählen soll. Wenn das Büchlein, das man Ihnen angekündigt hat, zu Ihnen kommt, so[211] nehmen Sie es freundlich auf, ich kann selbst nicht dafür stehen, was es geworden ist.


Mit eigner Hand:


Nimm es nicht übel, daß ich mit fremder Hand schreibe, die meine war müde, und ich wollte Dich doch nicht ohne Nachricht lassen über das Bild, suche ihm doch ja auf die Spur zu kommen, fahre fort, an mich zu denken und mir etwas von Deinem wunderlichen Leben zu sagen, Deine Briefe werden wiederholt gelesen mit vieler Freude, was Dir auch die Feder darauf erwidern könnte, es wäre doch immer weit entfernt von dem unmittelbaren Eindruck, dem man sich so gern hingibt, selbst wenn es Täuschung wär, denn wer vermag bei wachenden Sinnen zu glauben an den Reichtum Deiner Liebe, den man als Traum aufzunehmen wohl am besten tut. – Was Du zum voraus über die Wahlverwandtschaften sagst, ist prophetischer Blick, denn leider geht die Sonne düster genug dort unter. Suche doch ja dem Albrecht Dürer auf die Spur zu kommen. Lebe recht wohl.

Jena, den 11. September 1809

Goethe


Heute bitt ich wieder einmal um Verzeihung, liebe Bettine, wie ich es schon oft hätte tun sollen. Ich habe Dir wegen des Bildes vergebene Sorge gemacht, es ist in Weimar wirklich angekommen, und nur durch Zufall und Vernachlässigung kam die Nachricht nicht an mich herüber. Nun soll es mich bei meiner Rückkehr in Deinem Namen freundlichst empfangen und mir ein guter Wintergeselle werden, auch so lang bei mir verweilen, bis Du zu mir kommst, es abzuholen. Laß mich bald wieder von Dir vernehmen. Der Herzog grüßt Dich aufs beste, einiges muß ich ihm auch diesmal aus Deinem schönen Fruchtkranz von Neuigkeiten zukommen lassen. Er ist Dir mit besonderer Neigung zugetan, und besonders was die Schilderung von Kriegsszenen anbelangt, teilt er vollkommen Deine enthusiastische An- und Umsichten; erwartet aber auch nur ein tragisches Ende. August kommt Anfang Oktobers von Heidelberg zurück, wo es ihm ganz wohlgegangen ist. Auch hat er eine Rheinreise bis Koblenz gemacht. Lebe meiner gedenk. Jena, den 15. September 1809

G.


26. September


Wie ein Sperling kam mir Dein Brief vom 11. September auf den Schreibtisch geflogen; zuletzt hast Du zwar ein kleines Dompfaffenstückchen dran gehängt von besonderer Teilnahme, allein ich lasse mir nichts weismachen,[212] das war nach der alten Drehorgel gepfiffen. Hättest Du mich lieb, unmöglich könntest Du von Deinem Sekretär einen Brief abschnurren lassen wie ein Paternoster, er ist ein Philister, daß er so was schreibt und Dich selbst dazu macht, ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie Du es mit ihm anstellst; sprichst Du ihm denn den Inhalt Deines Briefs vor, oder gibst Du ihm Deine Gedanken so im Rummel, daß er sie nachher reihenweis nebeneinander aufschichte? –

Verliebt bist Du, und zwar in die Heldin Deines neuen Romans, und das macht Dich so eingezogen und so kalt gegen mich, Gott weiß, welches Muster Dir hier zum Ideal diente; ach Du hast einen eignen Geschmack an Frauen, Werthers Lotte hat mich nie erbaut, wär ich nur damals bei der Hand gewesen, Werther hätte sich nicht erschießen dürfen, und Lotte hätte sich geärgert, daß ich ihn so schön trösten konnte.

So geht mir's auch im Wilhelm Meister, da sind mir alle Frauen zuwider, ich möchte sie alle zum Tempel hinausjagen, und darauf hatte ich auch gebaut, Du würdest mich gleich liebgewinnen, wenn Du mich kennenlerntest, weil ich besser bin und liebenswürdiger wie die ganze weibliche Komitee Deiner Romane, ja wahrhaftig, das ist nicht viel gesagt, für Dich bin ich liebenswürdiger, wenn Du, der Dichter, das nicht herausfinden willst? für keinen andern bin ich geboren; bin ich nicht die Biene, die hinausfliegt, aus jeder Blume Dir den Nektar heimbringt? – und ein Kuß! meinst Du, der sei gereift wie die Kirsche am Ast? – nein, ein Umschweben Deiner geistigen Natur, ein Streben zu Deinem Herzen, ein Sinnen über Deine Schönheit strömt zusammen in Liebe; und so ist dieser Kuß ein tiefes unbegreifliches Einverständnis mit Deiner unendlich verschiedensten Natur von mir. O versündige Dich nicht an mir und mache Dir kein geschnitzeltes Bild, dasselbige anzubeten, während die Möglichkeit Dir zuhanden liegt, ein wunderbares Band der Geisterwelt zwischen uns zu weben.

Wenn ich mein Netz aufzog, so willkürlich gewebt, so kühn ausgeworfen, im Gebiet des Unbekannten, ich brachte Dir den Fang, und was ich Dir auch bot, es war der Spiegel des menschlich Guten. Die Natur hat auch einen Geist, und in jeder Menschenbrust empfindet dieser Geist die höheren Ereignisse des Glücks und des Unglücks, wie sollte der Mensch um sein selbst willen selig sein können, da Seligkeit sich in allem empfindet und keine Grenze kennt? So empfindet sich Natur selig im Geist des Menschen, das ist meine Liebe zu Dir, und so erkennt der Menschengeist diese Seligkeit, das ist Deine Liebe zu mir: geheimnisvolle Frage und unentbehrliche Antwort.

Genug! lasse mich nicht vergebens bei Dir angeklopft haben, nimm mich auf und verhülle mich in Dein tieferes Bewußtsein.

Dein zweiter Brief ist auch hier, der mir das glückliche Einfangen des vagabundierenden Kunstwerkes meldet, möge es Dir bei Deiner Heimkehr einleuchten; es ist ein Gesicht, zwar nur ein gemaltes, aber unter tausend[213] lebendigen wird Dir kein so durchdringender Blick begegnen, der hat sich angesehen, hat sich sein tiefstes Herz abgefragt und auf die Leinwand gemalt, daß es Rechenschaft gebe von ihm den nachkommenden Geschlechtern als der Würdige unter den Besten.

Vom Welttheater auf den Felsspitzen ist nur zu melden, daß sie gut balancieren. Am 3. September, am Geburtstag Deines gnädigsten Herrn und Freundes, hat ganz Tirol mit allen Glocken geläutet und Te Deum gesungen; es ist grade Platz genug dort, daß von allen Seiten Heldentaten dargestellt werden, die so kühn sind, so himmelanstrebend wie die Felszacken, von denen sie ausgehen, und bald so tief vergessen sein werden wie die tiefen Klüfte, in denen sie ihre Feinde begraben, entschieden Genaues erfährt man nicht; das Großartige wird so viel wie möglich verketzert und verheimlicht; in diesen letzten Wochen hat sich Steger hervorgetan, auch ein allseitiges Genie, der sich selber als ein Geschenk Gottes betrachten kann für seine Landsleute. Von Deinem Musensohn, dem Kronprinzen, sind Briefe hier, über Begebenheiten melden sie nichts, er ist gesund und dichtet, auch mitten in dem Tumult des Schicksals, das beweist, daß er sich in diesem Element nicht fremd fühlt; weiter weiß ich nichts, das Gedicht bekam ich nicht zu lesen, ich hätte es Dir sehr gern als Probe gesendet, man fürchtet, es möchte mich zu tief ergreifen, sonderbar! Ich könnte mein ganzes Herz tätowieren, Namenszeichen und Andenken einbrennen lassen, und doch blieb es so gesund und frisch dabei als ein gesunder Handwerksbursch, so geht's, wenn man Freunde hat, die sich um einen kümmern, sie beurteilen einem verkehrt und mißhandeln einen danach, das nennen sie Anteil nehmen, und dafür soll man sich noch bedanken: ich habe mir nun ein apartes Pläsier gemacht und ein schönes Miniaturbild des jungen Königsohns an mich gebracht, das betracht ich zuweilen und bete ihm im Geist vor, wie es mit ihm werden soll; aber, aber! es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht im Himmel wachsen, sag ich mit Dir; es hat gute Wege mit Weltherrschern, daß die ihre Macht nicht gewahr werden und ihrer Fähigkeiten nicht Meister.

Rundum in der Gegend ist der Typhus ausgebrochen, durchmarschierende Truppen haben ihn mitgebracht, ganze Familien sterben auf dem Lande einer einzigen Nachteinquartierung nach; es raffte schon die meisten Lazarettärzte weg, gestern hab ich einen jungen Mediziner, der sich freundlich an mich attaschiert hatte, verabschiedet, er heißt Janson, er ging nach Augsburg ins Lazarett, um dort einen alten Lehrer, der Frau und Kinder hat, abzulösen, dazu gehört auch großartiger Mut. Auch in Landshut, wo Savignys sind, fährt der Tod seinen Karren triumphierend durch alle Straßen, und besonders hat er mehrere junge Leute, ausgezeichnet an Herz und Geist, die sich der Krankenpflege annahmen, weggerafft, es waren treue Hausfreunde von Savigny; ich werde nächstens hingehen, um böse und gute Zeit mit auszuhalten. Denn ich sag allen politischen Ereignissen Valet, was hilft alles Forschen, wenn man betrogen wird und alle aufgeregten[214] Gefühle nutzlos sich verzehren müssen. Adieu, ich bin Dir nicht grün, daß Du Deinen Sekretär an mich hast schreiben lassen. Es braucht nur wenig zu sein zwischen uns, aber nichts Gleichgültiges, das tötet das flüchtige Salz des Geistes und macht die Liebe scheu. Schreibe bald und mache wieder gut.

Bettine

An Bettine

Deinen Vorwürfen, liebste Bettine, ist nicht auszuweichen, da bleibt nichts übrig als die Schuld zu bekennen und Besserung zu versprechen, um so mehr, da Du mit den geringen Beweisen von Liebe, die ich Dir geben kann, zufrieden bist; auch bin ich nicht imstande, Dir das von mir zu schreiben, was Dir am interessantesten sein möchte, dagegen Deine lieben Briefe so viel Erfreuliches gewähren, daß sie billig allem andern vorgehen; sie bescheren mir eine Reihe von Festtagen, deren Wiederkehr mich immer aufs neue erfreut.

Gern geb ich Dir zu, daß Du ein weit liebenswürdigeres Kind bist wie alle, die man Dir als Geschwister an die Seite zu stellen versucht wird; eben darum erwart ich von Dir, daß Du ihnen zugute halten werdest, was Du vor ihnen voraus hast. Verbinde nun mit solchen schönen Eigenschaften

auch die, immer zu wissen, wie Du mit mir dran bist; schreibe mir, was Dir deucht, es wird jederzeit aufs herzlichste aufgenommen, Dein offenherziges Plaudern ist mir eine echte Unterhaltung, und Deine vertraulichen Hingebungen überwiegen mir alles. Lebe wohl, bleibe mir nah und fahre fort, mir wohl zu tun.

Jena, 7. Oktober

Goethe


Landshut, am 24. Oktober


Das Reich Gottes steht in der Kraft zu jeder Zeit und an allen Orten, dies habe ich heute bemerkt bei einer hohlen Eiche, die da stand in der Schar wilder hoher Waldpflanzen mächtig groß, und ihre Jahrhunderte zählte, ganz abgewendet vom Sonnenschein. Wolfsstein ist bei drei Stunden von hier, man muß über manchen Stiegelhupfer, kommt allmählich aufwärts zwischen Tannen und Fichten, die ihre breiten Äste im Sand schleifen. Dort stand vor vielen hundert Jahren ein Jagdschloß von Ludwig dem Schönen, Herzog in Bayern, dessen sonderliche Lust war, in Nebel und Abenddämmerung herumzuschweifen, da war er einstmals abwärts gegangen und hatte ihn die Dunkelheit heimlich noch an eine Mühle geführt, das Wasser hörte er brausen und das Mühlenrad gehen, sonst war alles[215] still, er rief, ob ihn niemand höre, die Müllerin, die gar schön war, wachte auf, zündete ein Kienholz an und kam vor die Tür gegangen, da war der Herzog gleich verliebt, da er sie beim Schein der Flamme sehen konnte, und ging mit ihr ein, blieb auch bis am frühen Morgen. Er suchte sich aber einen heimlichen Weg, wie er wieder zu ihr kommen möge. Er vergaß ihrer nicht, aber wohl vergaß er der Mark Brandenburg, die er verlor, darum, daß er auf nichts achtete als nur auf die Liebe; eine Ulmenallee, die zur Mühle führt vom Schloß aus, und die er selbst pflanzte, steht noch; »daran sieht man, daß die Bäume wohl alt werden, aber die Liebe nicht«, sagte einer von unserer Gesellschaft, da wir durch die Allee gingen. Und darum hat der Herzog nicht unrecht, daß er die Mark Brandenburg um die Liebe gab, denn diese ist immer noch da und ist dumm, aber in der Liebe geht man umher wie im Frühling, denn sie ist ein Regen von sammetnen Blütenblättern, ein kühles Hauchen am heißen Tag, und sie ist schön, bis sie am End ist. Gäbst Du nun auch die Mark um die Liebe? – es würde mir nicht gefallen, wenn Du Brandenburg lieber hättest wie mich.


Am 23. Oktober


Der Mond scheint weit her über die Berge, die Winterwolken ziehen herdenweis vorüber. Ich habe schon eine Weile am Fenster gestanden und zugesehen, wie's oben jagt und treibt. Lieber Goethe, guter Goethe, ich bin allein, es hat mich wieder ganz aus den Angeln gehoben und zu Dir hinauf! wie ein neugeboren Kindchen, so muß ich diese Liebe pflegen zwischen uns; schöne Schmetterlinge wiegen sich auf den Blumen, die ich um seine Wiege gepflanzt habe, goldne Fabeln schmücken seine Träume, ich scherze und spiele mit ihm, jede List versuch ich um seine Gunst. Du aber beherrschst es mühelos, durch das herrliche Ebenmaß Deines Geistes; es bedarf bei Dir keiner zärtlichen Ausbrüche, keiner Beteuerungen. Während ich sorge um jeden Augenblick der Gegenwart, geht eine Kraft von Dir aus des Segens, die da reicht über alle Vernunft und über alle Welt.


Am 22. Oktober


Ich fange gern hoch oben am Blatt an zu schreiben, und endige gern tief unten, ohne einen Platz zu lassen für den Respekt; das malt mir immer vor, wie vertraut ich mit Dir sein darf; ich glaub wahrhaftig, ich hab's von meiner Mutter geerbt, denn alte Gewohnheit scheint's mir, und wie das Ufer den Schlag der Wellen gewöhnt ist, so mein Herz den wärmeren Schlag des Blutes bei Deinem Namen, bei allem, was mich daran erinnert, daß Du in dieser sichtbaren Welt lebst.

Deine Mutter erzählte mir, daß, wie ich neugeboren war, so habest Du mich zuerst ans Licht getragen und gesagt, das Kind hat braune Augen, und da habe meine Mutter Sorge getragen, Du würdest mich blenden, und nun geht ein großer Glanz von Dir aus über mich.[216]


Am 21. Oktober


Es geht hier ein Tag nach dem andern hin und bringt nichts, das ist mir nicht recht; ich sehne mich wieder nach der Angst, die mich aus München vertrieben hat, ich habe Durst nach den Märchen von Tirol, ich will lieber belogen sein als gar nichts hören; so halte ich doch mit ihnen aus und leide und bete für sie.

Der Kirchturm hat hier was Wunderliches, sooft ein Domherr stirbt, wird ein Stein am Turm geweißt, da ist er nun von oben bis unten weiß geplackt.

Indessen geht man an schönen Tagen hier weit spazieren mit einer liebenswürdigen Gesellschaft, die sich an Savignys menschenfreundlicher Natur ebenso erquickt wie an seinem Geist. Salvotti, ein junger Italiener, den Savigny sehr auszeichnet, hat schöne Augen, ich sehe ihn aber doch lieber vor mir hergehen als ins Gesicht; denn er trägt einen grünen Mantel, dem er einen vortrefflichen Faltenwurf gibt, Schönheit gibt jeder Bewegung Geist; er hat das Heimweh, und obschon er alle Tage seinen vaterländischen Wein durch den bayerischen Flußsand filtriert, um sich zu gewöhnen, so wird er täglich blasser, schlanker, interessanter, und bald wird er seine Heimat aufsuchen müssen, um ihr seine heimliche Liebe einzugestehen; so wunderliche Grillen hat Natur, zärtlich, aber nicht überall dieselbe, demselben.

Ringseis, der Arzt, der mir den Intermaxillarknochen sehr schön präpariert hat, um mir zu zeigen, wie Goethe recht hat, und viele freundliche Leute sind unsre Begleiter, man sucht die steilsten Berge und die beschwerlichsten Wege, man übt sich aufs kommende Frühjahr, wo man eine Reise in die Schweiz und Tirol vorhat; wer weiß, wie's dann dort aussehen wird, dann werden die armen Tiroler schon seufzen gelernt haben.

Heute Nacht hab ich von Dir geträumt, was konnte mir Schöneres widerfahren? – Du warst ernsthaft und sehr geschäftig und sagtest: ich solle Dich nicht stören. Das machte mich traurig, da drücktest Du sehr freundlich meine Hand auf mein Herz und sagtest: »Sei nur ruhig, ich kenne Dich und weiß alles«, da wachte ich auf; Dein Ring, den ich im Schlaf an mich gedrückt hatte, war auf meiner Brust abgebildet, ich paßte ihn wieder in die Abbildung und drückte ihn noch fester an, weil ich Dich nicht an mich drücken konnte. Ist denn ein Traum nichts? – Mir ist er alles; ich will gern die Geschäfte des Tages aufgeben, wenn ich nachts mit Dir sein und sprechen kann. O sei's gern im Traum, mein Glück, Du.


Am 19. Oktober


Auch hier hab ich der Musik ein Lustlager aufzuschlagen gewußt, ich hab mir eine Kapelle von sechs bis acht Sängern errichtet, ein alter geistlicher Herr, Eixdorfer (behalte seinen Namen, ich werde Dir noch mehr von ihm erzählen), ein tüchtiger Bärenjäger und noch kühnerer Generalbaßspieler, ist Kapellmeister. An Regentagen werden in meinem kleinen[217] Zimmer die Psalmen von Marcello aufgeführt, ich will Dir gern die schönsten davon abschreiben lassen, wenn Du sie selbsten nicht hast, schreib nur ein Wort drum, denn die Musik ist einzig herrlich und nicht gar leicht zu haben. Auch die Duetten von Durante sind schön, das Gehör muß sich erst daran gewöhnen, ehe es ihre harmonische Disharmonie bändigen mag, eine Schar gebrochner Seufzer und Liebesklagen, die in die Luft wie ein irrendes Verhallen abbricht; drum sind sie aber auch so gewaltig, wenn sie recht gesungen werden, daß man sich immer wieder neu in diesen Schmerzen verschmachten ließe. Man hatte indessen ein barbarisches Urteil über diese und Marcello gefällt, ich wurde bizarr genannt, daß ich täglich zweimal, morgens und abends, nur diese Musik singen ließ. Nach und nach, wie jeder Sänger seinen Posten verstehen lernte, gewann er auch mehr Interesse. – Auf Apolls hohen Kothurnen schreiten, mit Jupiters Blitzen um sich schleudern, mit Mars Schlachten liefern, Sklavenketten zerbrechen, den Jubel der Freiheit ausströmen, bacchantische Lust ausrasen, mit dem Schild der Minerva die anstürmenden Chöre zusammendrängen, ihre Evolutionen ordnend schützen, das sind so einzelne Teile dieser Musik, an denen ein jeder die Kraft seiner Begeisterung kann wirksam machen. Da ist denn auch kein Widerstand; Musik macht die Seele zu einem gefühligen Leib, jeder Ton berührt sie; Musik wirkt sinnlich auf die Seele, wer nicht so erregt ist im Spiel wie in der Komposition, der bringt nichts Gescheites hervor; die scheinheiligen, moralischen Tendenzen seh ich so alle zum Teufel gehen mit ihrem erlogenen Plunder, denn nur die Sinne erzeugen in der Kunst wie in der Natur, und Du weißt das am besten.


Am 18. Oktober


Von Klotzens Farbenmartyrtum hab ich Dir noch Rechenschaft zu geben; es ist nichts mit ihm anzufangen, ich habe zum Teil mit Langerweile, aber doch auch mit Teilnahme mein Ohr seinem fünfundzwanzigjährigen Manuskript geliehen, mich mühsam durchgearbeitet und mit Verwunderung entdeckt, daß er sich selbst in höchst prosaischem Wahnsinn hinten angehängt hat; nichts hab ich besser verstanden als dies eine: Ich bin Ich, und beim Lichte besehen, hat er sich durch häufiges Hineinsinnen endlich selbst in drei grobe, schmutzige Stoffarben verwandelt. Nachdem ich eine wahre Marter bei ihm ausgestanden hatte, besonders durch sein schauerliches Gesicht, so konnt ich nach endlich beendigten Kollegien nicht mehr über mich gewinnen, ihn zu besuchen, und kam mir eine seltsame Furcht, wenn ich ihn auf der Straße witterte. Bei Sonn- und Mondenschein stürzt er auf mich los, ich suche zu entweichen, ach, vergebens, die Angst lähmt meine Glieder, und ich falle in seine Hände. Nun fing er an, sein System von Grund aus in meine Seele einzukeilen, damit ich den Unterschied von Goethes Ansicht ja recht auffasse; auch lud er mich ein, um mir seine Lichttheorie auf französisch vorzulesen, er übersetzte das Ganze, um es[218] der Pariser Akademie zu übergeben; da nun ein Dämon in mir dem allen entgegenarbeitet, was sich als Wirklichkeit behauptet, keine Form veredelt, alles Poetische leugnet oder höchst gleichgültig überbaut oder zertrümmert, so hab ich ihm durch meine großen Lügen, Parodien und Vergleichsammlungen wiederum das Leben, das ganz erstarren wollte, auf etliche Zeit gefristet.

Ich meinte, da ich durch sein Prisma sah in den schwarzen Streif und alles sah, was er wollte, daß der Glaube die Geburt und sichtliche Erscheinung des Geistes sei und eine Befestigung seines Daseins; denn ohne ihn schwebt alles und gewinnt keine Gestalt und verfliegt in tausend Auswegen, so auch, wenn ich zweifle und nicht glaube, so verfliegt mir auch Dein schönes Andenken, und ich habe nichts.


Am 17. Oktober


Um etwas bitte ich, Du darfst mir's nicht abschlagen, man kann nämlich während der Lebzeit nicht genug sammlen der Dinge, die die Einsamkeit des Grabes versüßen, als da sind: Schleifen, Haarlocken der Geliebten usw.; meine Liebe zu Dir ist zu groß, als daß ich Dir ein Haar krümmen möchte, viel weniger eins abschneiden, denn Dein Haar gehört zu Dir, und Du bist ein Ganzes, das meine Liebe sich zugeeignet hat, und will auch nicht ein Haar an Dir missen. – Gib mir Dein Buch – lasse es schön einbinden in eine freundliche Farbe, in Rot etwa; denn das ist eine Farbe, in der wir uns oft begegneten, und dann schreibe mit eigner Hand vorne hinein: Bettine oder Schatz usw. – dies Buch schenk ich Dir.


Am 16. Oktober


Zwei Briefe erhielt ich von Dir über Dürers Bildnis, Du mußt mir aber auch Nachricht geben, ob es unbeschädigt angekommen, und ob es Dir gefällt? – Sag mir, was Du Lobenswertes daran findest, damit ich's dem sehr armen Maler wiedersagen kann. Ich habe jetzt noch obendrein gehäufte Korrespondenzen mit jungen Aufschößlingen der Kunst, einem jungen Baumeister in Köln, ein Musiker von achtzehn Jahren, der bei Winter Komposition studiert, reich an schönen Melodien, wie ein silberner Schwan, der in hellblauer Luft mit ausgespannten Flügeln singt. Der Schwan hat einen verflixt bayerischen Namen, er heißt Lindpaintner, doch sagt Winter, er wird diesen Namen zu Ehren bringen. Ein junger Kupferstecher, der bei Heß in München studiert. Beiliegendes radiertes Blättchen ist von ihm, es ist der erste Abdruck, noch verwischt und unzart, auch ist das Ganze etwas düster und nach dem Urteil anderer zu alt, indessen scheint mir's nicht ganz ohne Verdienst, er hat es ohne Zeichnung gleich nach der Natur aufs Kupfer gearbeitet; wenn Dir's gefällt, so schick ich ein reineres, besseres, mit mehr Sorgfalt gepackt, das kannst Du an Dein Bett an die Wand stecken. – All diesen Menschen sprech ich nun in verschiedner Art Trost zu, und ist mir eine angenehme Würde, als ihr kleines Orakel[219] von ihnen beraten zu werden, ich lehre sie nun ihre fünf Sinne verstehen; wie daß aller Dinge Wesen in ihnen fliegt und kriecht, wie Duft der Lüfte, wie Kraft der Erde, wie Drang der Wässer und Farben des Feuers in ihnen leben und arbeiten, wie die wahre Ästhetik im hellen Spiegel der Schöpfung liege, wie Reif, Tau und Nebel, Regenbogen, Wind, Schnee, Hagel, Donner und die drohenden Kometen, die Nordscheine usw. einen ganz andern Geist herbeiziehen. Der Gott, der den Winden Flügel anbindet, der wird sie ihrem Geist auch anbinden.


Am 15. Oktober


Merkst Du denn nicht, daß mein Datum immer zurück, statt vorwärts geht? – Ich habe mir nämlich eine List ausgesonnen; da die Zeit mich immer weiter trägt und nie zu Dir, so will ich zurückgehen bis auf den Tag, wo ich bei Dir war, und dort will ich stehen bleiben und will von dem: In Zukunft und: Mit der Zeit und: Bald gar nichts mehr wissen, sondern dem allen den Rücken kehren, ich will der Zukunft ein Schloß vor die Tür legen und somit Dir auch den Weg versperren, daß Du nirgends als zu mir kannst.

Schreib mir über die Musik, damit ich sie schicken kann, wenn Du sie nicht hast, ich schicke so gern etwas, dann bitte ich an die Frau meinen lieblichsten Gruß, des Sohns gedenke ich auch, Du aber schreib mir an einem hellen Tag; ich bilde mir immer ein, daß ich Dir unter vielem das Liebste sei. Als Deine Mutter noch lebte, da konnte ich mich mit ihr drum besprechen, die erklärte mir aus Deinen paar flüchtigen Zeilen alles; »ich kenne ja den Wolfgang«, sagte sie, »das hat er mit schwebendem Herzen geschrieben, er hält Dich so sicher in seinen Armen wie sein bestes Eigentum«. – Da streichelte mich diese Hand, die Deine Kindheit gepflegt hatte, und sie zeigte mir zuweilen noch manches aus dem ehmaligen Hausrat, wo Du dabei gewesen warst. Das waren Lieblichkeiten.

Bettine


Morgen geh ich wieder nach München, da werde ich den liebenswürdigen Präsidenten wiedersehen. In der diesjährigen öffentlichen Sitzung der Akademie ist eine sehr schöne Abhandlung über die ehmalige Geschichte des Salzwesens zu Reichenhall gelesen worden. Sie hatte das eigne Schicksal, jedermann zu ennuyren, wenn mein Brief dies Schicksal mit ihr teilt, so lese ihn immer um des Zwangs, den ich mir angetan, auch von was anderm als meiner ewigen Liebe zu sprechen.

Goethe an Bettine

Weimar, den 3. November 1809


Wie könnte ich mich mit Dir, liebe Bettine, wollen in Wettstreit einlassen, Du übertriffst die Freunde mit Wort und Tat, mit Gefälligkeiten und Gaben,[220] mit Liebe und Unterhaltung; das muß man sich denn also gefallen lassen und Dir dagegen so viel Liebe zusenden als möglich, und wenn es auch im Stillen wäre.

Deine Briefe sind mir sehr erfreulich, könntest Du ein heimlicher Beobachter sein, während ich sie studiere, Du würdest keineswegs zweifeln an der Macht, die sie über mich üben; sie erinnern mich an die Zeit, wo ich vielleicht so närrisch war wie Du, aber gewiß glücklicher und besser als jetzt.

Dein hinzugefügtes Bild ward gleich von Deinen Freunden erkannt und gebührend begrüßt. Es ist sehr natürlich und kunstreich, dabei ernst und lieblich. Sage dem Künstler etwas Freundliches darüber und zugleich: er möge ja fortfahren, sich im Radieren nach der Natur zu üben, das Unmittelbare fühlt sich gleich, daß er seine Kunstmaximen dabei immer im Auge habe, versteht sich von selbst. Ein solches Talent müßte sogar lukrativ werden, es sei nun, daß der Künstler in einer großen Stadt wohnte oder darauf reiste. In Paris hatte man schon etwas Ähnliches. Veranlasse ihn doch, noch jemand vorzunehmen, den ich kenne, und schreibe seinen Namen, vielleicht gelingt ihm nicht alles wie das interessante Bettinchen, fürwahr, sie sitzt so treulich und herzlich da, daß man dem etwas korpulenten Buche, das übrigens im Bilde recht gut komponiert, seine Stelle beneiden muß. Das zerknillte Blättchen habe ich sogleich aufgezogen, mit einem braunen Rahmen umstrichen, und so steht es vor mir, indem ich dies schreibe, sende ja bald bessere Abdrücke.

Albrecht Dürer wäre ganz glücklich angekommen, wenn man nicht die unselige Vorsicht gehabt hätte, feines Papier obenauf zu packen, das denn im Kleide an einigen Stellen gerieben hat, die jetzt restauriert werden. Die Kopie verdient alle Achtung, sie ist mit großem Fleiß und mit einer ernsten, redlichen Absicht verfertigt, das Original möglichst wiederzugeben. Sage dem Künstler meinen Dank, Dir sag ich ihn täglich, wenn ich das Bild erblicke; ich möchte von diesem Pinsel wohl einmal ein Porträt nach der Natur sehen.

Da ich das Wort Natur abermals niederschreibe, so fühle ich mich gedrungen Dir zu sagen: daß Du doch Dein Naturevangelium, das Du den Künstlern predigst, in etwas bedingen möchtest; denn wer ließe sich nicht von so einer holden Pythonisse gern in jeden Irrtum führen. Schreibe mir, ob Dir der Geist sagt, was ich meine. Ich bin am Ende des Blatts und nehme dies zum Vorwand, daß ich verschweige, was ich zu sagen keinen Vorwand habe. Ich bitte Dich nur noch durch Übersendung Durantischer und Marcellischer Kompositionen abermals lieblich in meinem Hause zu spuken.

In diesen Tagen ließ sich eine Freundin melden, ich wollt ihr zuvorkommen und glaubte wirklich Dir entgegenzugehen, da ich die zweite Treppe im Elefanten erstieg, aber es entwickelte sich ein ganz ander Gesicht aus der Reisekapuze, doch ist mir's seitdem angetan, daß ich mich oft[221] nach der Tür wende, in der Meinung, Du kommst, meinen Irrtum zu berichtigen; durch eine baldige ersehnte Überraschung würde ich mich auch noch der in meiner Familie altherkömmlichen prophetischen Gabe versichert halten, und man würde sich mit Zuversicht auf ein so erfreuliches Ereignis vorbereiten, wenn der böse Dämon nicht grade eingeübt wär, zuvörderst dem Herzen seine tückischsten Streiche zu spielen; und wie die zartesten Blüten oft noch mit Schnee gedeckt werden, so auch die lieblichste Neigung in Kälte zu verwandeln, auf so was muß man denn immer gefaßt sein, und es ist mir zum warnenden Merkzeichen, daß ich dem launigen April, obschon im Scheiden begriffen, Deine erste Erscheinung verdanke.

Goethe

An Goethe

München, den 9. November


Ach, es ist so schauerlich mit sich allein sein, in mancher Stunde! Ach, so mancher Gedanke bedarf des Trostes, den man doch niemand sagen kann, so manche Stimmung, die geradezu ins Ungeheure, Gestaltlose hinzieht, will verwunden sein. Hinaus ins Kalte, Freie, auf die höchsten Schneealpen mitten in der Nacht, wo der Sturmwind einem anbliese, wo man dem einzigen einengenden Gefühl der Furcht hart und keck entgegenträte, da könnte einem wohl werden, bilde ich mir ein.

Wenn Dein Genius eine Sturmwolke an dem hohen, blauen Himmel hinträgt und sie endlich von den breiten, mächtigen Schwingen niederschmettern läßt in die volle Blüte der Rosenzeit, das erregt nicht allgemeines Mitleid; mancher genießt den Zauber der Verwirrung, mancher löst sein eignes Begehren drin auf, ein dritter (mit diesem ich) senkt sich neben die Rose hin, so wie sie vom Sturm gebrochen ist, und erblaßt mit ihr und stirbt mit ihr, und wenn er dann wieder auflebt, so ist er neu geboren in schönerer Jugend – durch Deinen Genius, Goethe. Dies sag ich Dir von dem Eindruck jenes Buchs: die Wahlverwandtschaften.

Eine helle Mondnacht hab ich durchwacht, um Dein Buch zu lesen, das mir erst vor wenig Tagen in die Hände kam. Du kannst Dir denken, daß in dieser Nacht eine ganze Welt sich durch meine Seele drängte. Ich fühle, daß man nur bei Dir Balsam für die Wunde holen kann, die Du schlägst;

denn als am andern Morgen Dein Brief kam mit allen Zeichen Deiner Güte, da wußte ich ja, daß Du lebst, und auch für mich; ich fühlte, daß mir der Sinn mehr geläutert war, mich Deiner Liebe zu würdigen. Dies Buch ist ein sturmerregtes Meer, da die Wellen drohend an mein Herz schlagen, mich zu zermalmen. Dein Brief ist das liebliche Ufer, wo ich lande und alle Gefahr mit Ruhe, ja sogar mit Wohlbehagen übersehe.

Du bist in sie verliebt, Goethe, es hat mir schon lange geahnt, jene Venus ist dem brausenden Meer Deiner Leidenschaft entstiegen, und nachdem[222] sie eine Saat von Tränenperlen ausgesäet, da verschwindet sie wieder in überirdischem Glanz. Du bist gewaltig, Du willst, die ganze Welt soll mit Dir trauern, und sie gehorcht weinend Deinem Wink. Aber ich, Goethe, hab auch ein Gelübde getan; Du scheinst mich freizugeben in Deinem Verdruß, »lauf hin«, sagst Du zu mir, »und such dir Blumen«, und dann verschließt Du Dich in die innerste Wehmut Deiner Empfindung, ja, das will ich, Goethe! – Das ist mein Gelübde, ich will Blumen suchen, heitere Gewinde sollen Deine Pforte schmücken und wenn Dein Fuß strauchelt, so sind es Kränze, die ich Dir auf die Schwelle gelegt, und wenn Du träumst, so ist es der Balsam magischer Blüten, der Dich betäubt; Blumen einer fernen fremden Welt, wo ich nicht fremd bin, wie hier in dem Buch, wo ein gieriger Tiger das feine Gebild geistiger Liebe verschlingt; ich verstehe es nicht, dieses grausame Rätsel, ich begreife nicht, warum sie alle sich unglücklich machen, warum sie alle einem tückischen Dämon mit stacheligem Zepter dienen; und Charlotte, die ihm täglich, ja stündlich Weihrauch streut, die mit mathematischer Konsequenz das Unglück für alle vorbereitet. Ist die Liebe nicht frei? – Sind jene beiden nicht verwandt? – Warum will sie es ihnen wehren, dies unschuldige Leben mitund nebeneinander? Zwillinge sind sie; ineinander verschränkt reifen sie der Geburt ins Licht entgegen, und sie will diese Keime trennen, weil sie nicht glauben kann an eine Unschuld; das ungeheure Vorurteil der Sünde impft sie der Unschuld ein. O, welche unselige Vorsicht.

Weißt Du was? Keiner ist vertraut mit der idealischen Liebe, jeder glaubt an die gemeine, und so pflegt, so gönnt man kein Glück, das aus jener höheren entspringt oder durch sie zum Ziel geführt könnte werden. Was ich je zu gewinnen denke! es sei durch diese idealische Liebe; sie sprengt alle Riegel in neue Welten der Kunst, der Weissagung und der Poesie; ja, natürlich, so wie sie in einem erhabneren Sinn nur sich befriedigt fühlt, so kann sie auch nur in einem erhabneren Element leben.

Hier fällt mir Deine Mignon ein, wie sie mit verbundnen Augen zwischen Eiern tanzt. Meine Liebe ist geschickt, verlasse Dich ganz auf ihren Instinkt, sie wird auch blind dahintanzen und wird keinen Fehltritt tun.

Du nimmst teil an meinen Zöglingen der Kunst, das macht mir und ihnen viel Freude. Der junge Mensch, welcher mein Bildchen radiert hat, ist aus einer Familie, deren jedes einzelne Mitglied mit großer Aufmerksamkeit an Deinem Beginnen hängt; ich hörte den beiden älteren Brüdern oft zu, wie sie Pläne machten, Dich nur einmal von weitem zu sehen; der eine hatte Dich aus dem Schauspiel gehen sehen, in einen großen grauen Mantel gehüllt, er erzählte es mir immer wieder. – Wie mir das ein doppelter Genuß war! – Denn ich war ja selbst an jenem Regentag mit Dir im Schauspiel gewesen, und dieser Mantel schützte mich vor den Augen der Menge, wie ich in Deiner Loge war, und Du nanntest mich Mäuschen, weil ich so heimlich verborgen aus seinen weiten Falten hervorlauschte;

ich saß im Dunkel, Du aber im Licht der Kerzen, Du mußtest meine Liebe[223] ahnen, ich konnte Deine süße Freundlichkeit, die in allen Zügen, in jeder Bewegung verschmolzen war, deutlich erkennen; ja, ich bin reich, der goldne Pactolus fließt durch meine Adern und setzt seine Schätze in meinem Herzen ab. Nun sieh! – Solch süßer Genuß von Ewigkeit zu Ewigkeit, warum ist der den Liebenden in Deinem Roman nicht erlaubt? – Oder warum genügt er ihnen nicht? – Ja, es kann sein, daß ein ander Geschick noch zwischen uns tritt, ja, es muß sein; da doch alle Menschen handeln wollen, so werden sie einen solchen Spielraum nicht unbenutzt lassen; laß sie gewähren, laß sie säen und ernten, das ist es nicht; – die Schauer der Liebe, die tief empfundnen, werden einst wieder auftauchen; die Seele liebt ja; was ist es denn, was im keimenden Samen befruchtet wird? Die tief verschloßne noch ungeborne Blüte, diese, ihre Zukunft, wird erzeugt durch solche Schauer; die Seele aber ist die verschloßne Blüte des Leibes, und wenn sie aus ihm hervorbricht, dann werden jene Liebesschauer in erhöhtem Gefühl mit hervorbrechen, ja, diese Liebe wird nichts anderes sein als der Atem jenes zukünftigen himmlischen Lebens, drum klopft uns auch das Herz, und der Atem regiert das unbegreifliche Wonnegefühl; bald schöpft er mit tiefem Seufzer aus dem Abgrund der Seligkeit, bald kann er mit Windesschnelle kaum alles erfassen, was ihn gewaltig durchströmt. Ja, so ist es, lieber Goethe, ich empfinde jede Minute, in der ich Deiner gedenke, daß sie die Grenze des irdischen Lebens überschreitet, und die tiefen Seufzer wechseln unversehen mit den raschen Pulsen der Begeisterung; ja, so ist es, diese Schauer der Liebe sind der Atem eines höheren Lebens, dem wir einst angehören werden, und das uns in diesen irdischen Beseligungen nur sanft anbläst.

Nun will ich wieder zu meinem jungen Künstler zurückkehren, der einer der liebenswürdigsten Familien angehört, deren alle sehr hoch begabten Mitglieder so jung schon jetzt weit über ihre Zeit hinausragen. Ludwig Grimm, der Zeichner, machte schon vor zwei Jahren, da er noch gar wenig Übung hatte, aber viel stillen vergrabenen Sinn, ein Bildchen von mir; für mich hat es Bedeutung, es hat Wahrheit, aber kein Geschick fürs Äußere, wenig Menschen finden es daher ähnlich; auch hat mich noch niemand über der Bibel eingeschlafen gesehen, im roten Kleide in der kleinen gotischen Kapelle, mit den Grabsteinen und Inschriften rund umher, ich eingeschlafen über der Weisheit Salomonis. Lasse es einrahmen als Lichtschirm und denke dabei, daß, während er Dein Abendlicht in stille Dämmerung verwandelt, ich träumend einer Hellung nachspähe, die den feurigliebendsten der Könige erleuchtet.

Des jungen Künstlers Charakter ist übrigens so, daß das übrige Gute, was Du für ihn sagst, nicht anwendbar ist; er ist furchtsam, ich habe ihn mit List erst nach und nach zahm gemacht, ich gewann ihn dadurch, daß ich mit Lust ebenso Kind war wie er; wir hatten eine Katze, mit der wir um die Wette spielten, in einer unbewohnten Küche kochte ich selbst das Nachtessen; während alles beim Feuer stand, saß ich daneben auf einem[224] Schemel und las; wie es der Zufall wollte war ich gekleidet, gelagert, drapiert. – Mit großem Enthusiasmus für den günstigen Zufall machte er Skizzen nach der Natur und litt nicht, daß ich auch nur eine Falte änderte, so brachten wir eine interessante kleine Sammlung zusammen, wie ich gehe und stehe und liege; in die umliegende Gegend ist er gereist, wo schöne anziehende Gesichter sind, er brachte allemal einen Schatz von radierten Blättchen mit, mit schöner Treue, für das Gemütliche, nachgeahmt; das einfache Evangelium, was ich ihm predige, ist nichts anders, als was dem Veilchen der laue Westwind zuflüstert. Dadurch wird's nicht in Irrtümer geführt werden. Beiliegende radierte Blättchen nach der Natur werden Dich erfreuen.

Der Musiker ist mein Liebling, und bei diesem könnte ich schon eher in meinen Kunstpredigten über die Schnur gehauen haben; denn da hole ich weiter aus, und hier schenke ich Dir nichts; es geht nächstens wieder über Dich her, Du mußt das überströmende unbegriffne Ahnungsgefühl wunderbarer Kräfte und ihrer mystischen Wirkungen in Dich aufnehmen, nächstens werde ich tiefer Atem holen und alles vor Dir aussprechen. Sehr sonderbar ist es, auch einen Architekten lernte ich früher schon kennen, der in Deinen Wahlverwandtschaften unverkennbar erscheint; er verdient es durch frühere enthusiastische Liebe zu Dir. Er machte damals einen Plan zu einem sehr wunderbaren Haus für Dich, das auf einem Felsen stand und mit vielen erznen Figuren, Springbrunnen und Säulen geziert war.

Wieviel hätte ich Dir noch zu sagen auf ein herrlich Wort aus Deinem Brief, es wird sich aber von selbst beantworten, oder ich bin nicht wert, daß Du so viel Herablassung an mich vergeudest. Oft möcht ich Dich ansehen, um Dir Glück in die Augen zu tragen und wieder auch Glück daraus zu saugen, darum höre ich auch jetzt auf zu schreiben.

Bettine

An Goethe

Die Welt wird mir manchmal zu eng. Was mich drückt? Es ist der Waffenstillstand, der Friede mit allen schauerlichen Folgen, mit aller verruchten Verräterei der Politik. Die Gänse, die mit ihrem Geschrei das Kapitol einst retteten, lassen sich ihr Recht nicht streitig machen, sie allein führen das Wort.

Aber Du, freundlicher Goethe! Sonnenschein! Der auch mitten im Winter auf den beschneiten Höhen liegt und in mein Zimmer guckt. – Ich hab mir des Nachbars Dach, das morgens von der Sonne beschienen ist, als ein Zeichen von Dir gesetzt.

Ohne Dich wär ich vielleicht so traurig geworden als ein Blindgeborner, der von den Himmelslichtern keinen Begriff hat. Du klarer Brunnen, in dem der Mond sich spiegelt, da man die Sterne mit hohler Hand zum[225] Trinken schöpft; Du Dichter, Freier der Natur, der, ihr Bild in der Brust, uns arme Sklavenkinder es anbeten lehrt.

Daß ich Dir schreibe, ist so sonderbar, als wenn eine Lippe zur andern spräche. Höre, ich habe Dir was zu sagen, ja ich hole zu weit aus, da sich doch alles von selbst versteht, und was sollte die andere Lippe darauf antworten? Im Bewußtsein meiner Liebe, meiner innigsten Verwandtschaft zu Dir schweigst Du. – Ach, wie konnte doch Ottilie früher sterben wollen? – O, ich frage Dich: ist es nicht auch Buße, Glück zu tragen, Glück zu genießen? – O Goethe, konntest Du keinen erschaffen, der sie gerettet hätte? – Du bist herrlich, aber grausam, daß Du dies Leben sich selbst vernichten läßt; nachdem nun einmal das Unglück hereingebrochen war, da mußtest Du decken, wie die Erde deckt, und wie sie neu über den Gräbern erblüht, so mußten höhere Gefühle und Gesinnungen aus dem Erlebten erblühen, und nicht durfte der unreife jünglinghafte Mann so entwurzelt weggeschleudert werden, und was hilft mich aller Geist und alles Gefühl in Ottiliens Tagebuch? Nicht kindlich ist's, daß sie den Geliebten verläßt und nicht von ihm die Entfaltung ihres Geschicks erwartet, nicht weiblich ist's, daß sie nicht bloß sein Geschick beratet; und nicht mütterlich, da sie ahnen muß die jungen Keime alle, deren Wurzeln mit den ihrigen verwebt sind, daß sie ihrer nicht achtet und alles mit sich zugrunde richtet.

Es gibt eine Grenze zwischen einem Reich, was aus der Notwendigkeit entsteht, und jenem höheren, was der freie Geist anbaut; in die Notwendigkeit sind wir geboren, wir finden uns zuerst in ihr, aber zu jenem freien werden wir erhoben. Wie die Flügel den Vogel in die Lüfte tragen, der unbefiedert vorher ins Nest gebannt war, so trägt jener Geist unser Glück stolz und unabhängig in die Freiheit; hart an diese Grenze führst Du Deine Lieben, kein Wunder! Wir alle, die wir denken und lieben, harren an dieser Grenze unserer Erlösung; ja die ganze Welt kommt mir vor wie am Strand versammelt und einer Überfahrt harrend durch alle Vorurteile, böse Begierden und Laster hindurch zum Land, da einer himmlischen Freiheit gepflegt werde. Wir tun unrecht zu glauben, dazu müsse der Leib abgelegt werden, um in den Himmel zu kommen. Wahrhaftig! Wie die ganze Natur von Ewigkeit zu Ewigkeit sich vorbereitet, ebenso bereitet sich der Himmel vor, in sich selbsten, in der Erkenntnis eines keimenden geistigen Lebens, dem man alle seine Kräfte widmet, bis es sich von selbst in die Freiheit gebäre, dies ist unsere Aufgabe, unsere geistige Organisation, es kommt drauf an, daß sie sich belebe, daß der Geist Natur werde, damit dann wieder ein Geist, ein weissagender sich aus dieser entfalte. Der Dichter (Du Goethe) muß zuerst dies neue Leben entfalten, er hebt die Schwingen und schwebt über den Sehnenden und lockt sie und zeigt ihnen, wie man über dem Boden der Vorurteile sich erhalten könne; aber ach! Deine Muse ist eine Sappho, statt dem Genius zu folgen, hat sie sich hinabgestürzt.[226]


Am 29. November


Gestern hab ich so weit geschrieben, da hab ich mich ins Bett gelegt aus lauter Furcht, und wie ich alle Abend tue, daß ich im Denken an Dich zu Deinen Füßen einschlafe, so wollte es mir gestern nicht gelingen; ich mußte mich schämen, daß ich so hoffärtig geschwätzt habe, und alles ist vielleicht doch nicht, wie ich's meine. Am End ist es die Eifersucht, die mich so aufbringt, daß ich einen Weg suche, wie ich Dich wieder an mich reiße und ihrer vergessen mache; nun! Prüfe mich, und wie es auch sei, so vergesse nur meiner Liebe nicht und verzeihe mir auch, daß ich Dir mein Tagebuch zuschicke; am Rhein hab ich's geschrieben, ich habe darin das Leben meiner Kinderjahre vor Dir ausgebreitet und Dir gezeigt, wie unser beider Wahlverwandtschaft mich trieb, wie ein Bächlein eilend dahinzurauschen über Klippen und Felsen zwischen Dornen und Moosen bis dahin, wo Du gewaltiger Strom mich verschlingst. Ja, ich wollte dies Buch behalten, bis ich endlich wieder bei Dir sein würde, da wollte ich morgens in Deinen Augen sehen, was Du abends darin gelesen hattest; nun aber quält mich's, daß Du mein Tagebuch an die Stelle von Ottilien ihrem legest, und die Lebende liebst, die bei Dir bleibt, mehr wie jene, die von Dir gegangen ist.

Verbrenne meine Briefe nicht, zerreiße sie nicht, es möchte Dir sonst selber weh tun, so fest, so wahrhaft lebendig häng ich mit Dir zusammen, aber zeige sie auch niemanden, halt's verborgen wie eine geheime Schönheit, meine Liebe steht Dir schön, Du bist schön, weil Du Dich geliebt fühlst.


Am Morgen


Über Nacht blüht oft ein Glück empor wie die türkische Bohne, die, am Abend gepflanzt, bis zum Morgen hinaufwuchs und sich in die Mondsichel einrankte; aber beim ersten Sonnenstrahl verwelkt alles bis zur Wurzel, so hat sich heute nacht mein Traum blühend zu Dir hinaufgerankt, und eben war's am schönsten, Du nanntest mich »Dein alles«, da dämmerte der Morgen, und der schöne Traum war verwelkt wie die türkische Bohne, an der man nachts so bequem das Mondland erstieg.

Ach schreibe mir bald, ich bin unruhig über alles, was ich gewagt habe in diesem Brief, ich schließe ihn, um einen neuen anzufangen, ich könnte zwar zurückhalten, was ich Dir über die Wahlverwandtschaften sagte, aber wär es recht, dem Freund zu verschweigen, was im Labyrinth der Brust wandelt in der Nacht? –

Bettine

An Goethe

Am 13. Dezember 1809


Ach, ich will dem Götzendienst abschwören! Von Dir spreche ich nicht; denn welcher Prophet sagt, daß Du kein Gott seist? –[227] Ich spreche von Großem und Kleinem, was die Seele irrt. O wüßtest Du, was Dir zum Heile dient jetzt in den Tagen Deiner Heimsuchung? Lukas XIX.

Ich hätte Dir vieles zu sagen, aber in meinem Herzen zuckt es, und schmerzliche Gedanken türmen sich übereinander.

Der Friede bestätigt sich. Im Augenblick der glorreichsten Siege, wo die Energie dieses Volkes seinen Gipfel erreichte, mahnt Österreich, die Waffen niederzulegen; was hat es für ein Recht dazu? – Hat es nicht lange schon tückisch furchtsam seine Sache von der der Tiroler getrennt? – Da stehen die gekrönten Häupter um diesen Edelstein Tirol, sie schielen ihn an und sind alle von seinem reinen Feuer geblendet; aber sie werfen ein Leichentuch darüber hin: ihre abgefeimte Politik! Und nun entscheiden sie kaltblütig über sein Los. Wollt ich sagen, welche tiefe Wunden mir die Geschichte dieses Jahres geschlagen, wer würde mich bemitleiden? – Ach und wer bin ich, daß ich meine Anklage, meinen Fluch dürfte verlauten lassen? – Jeder hat das Recht, sich den höchsten Geschicken zu vermählen, dem es so rast im Herzen wie mir, ach ich hab auch zu nichts mehr Lust und Vertrauen; der kalte Winterwind, der heute stürmt, mit dem bin ich nicht im Widerspruch, der belügt mich doch nicht. Vor sechs Wochen waren noch schöne Tage, wir machten eine Reise ins Gebirg. Wie wir uns dem Kettenwerk der felsigen Alpen näherten, das hat mächtig in mir gearbeitet, die Asche fiel vom Herzen, es strömte Frühlingsglut in den matten Schein der Herbstsonne. Es war herrlich unter den Tannen und Fichten auf der Hochalme, sie neigten im Windesrauschen ihre Wipfel zueinander; war ich ein Kätzchen, in ihrem Schatten hätte mich des Kaisers Majestät nicht geblendet. – Hier lag ich am jähen Abhang und überschaute das enge Tal, dem verkuppelt mit Bergen hieroglyphische Felswände entstiegen. Ich war allein auf steilster Höhe und übersah unzählige Schluchten, die gefühlvollen Entzückungsprediger waren zurückgeblieben, es war für sie zu steil. – Wären wir beide doch dort beisammen im Sommer und stiegen Hand in Hand bedachtsam, langsam, einsam den gefahrsamen Pfad hinab, das waren so meine heiligen Gedanken da oben; wärst Du dabei gewesen, wir hätten noch anderes bedacht. – Ein Kranz kühlt und steht schön zu erhitzten Wangen; was willst Du? – Tannen stechen, Eichen wollen sich nicht geschmeidig biegen, Ulme, sind die Zweige zu hoch, Pappel schmückt nicht, und der Baum, der Dein ist, der ist nicht hier. – Das hab ich oft gesagt, der mein ist, der ist nicht hier, Du bist mein, Du bist aber nicht hier.

Es könnte sich auch fügen, daß nach Deiner prophetischen Vision in kurzer Zeit mein Weg mich mit Dir zusammen führte, ich bedarf dieser Entschädigung für die böse Zeit, die ich ohne Dich verlebte.

Eine ausgezeichnete Klasse von Menschen, worunter herrliche Leute waren, sind die Mediziner, da die Krankheiten so schrecklich durch den Krieg in Aufruhr kamen, wurden die meisten ein Opfer ihrer Tätigkeit, da[228] merkt man denn erst, wieviel einer wert war, wenn er nicht mehr lebt. Der Tod treibt zur Unzeit die Knospen in die Blüte.

Beiliegende Zeichnung ist das Porträt von Tiedemann, eines hiesigen Professors der Medizin, er interessiert sich so sehr für die Fische, daß er ein schönes Werk über die Fischherzen schrieb, mit gar guten Kupfern versehen; da Du nun in Deinen Wahlverwandtschaften gezeigt, daß Du Herz und Nieren genau prüfst, so werden Dir Fischherzen auch interessant sein, und vielleicht entdeckst Du, daß Deine Charlotte das Herz eines Weißfisches hat; mit nächstem, wo ich noch manches andre übersende, werd ich's mitschicken. Die Zeichnung achte nicht gering, lernst Du den Mann einmal kennen, so wirst Du sehen, daß er seinem Spiegel Ehre macht.

Um wieder auf etwas Bitteres zu kommen, die Meline mit den schönen Augenwimpern, von der Du sagtest, sie gleiche einer Rose, die der Tau eben aus tiefem Schlaf geweckt, die heiratet einen Mann, von dem die allgemeine Sage geht, er sei ein ganz vortrefflicher Mensch. O wie ist das traurig, Sklave der Vortrefflichkeit sein, da bringt man es nicht weiter wie Charlotte es gebracht hat, man ketzert sich und andre mit der Tugend ab. Verzeih nur, daß ich immer wieder von Deinem Buch anfange, ich sollte lieber schweigen, da ich nicht Geist genug habe, es ganz zu fassen. Seltsam ist es, daß, während die Wirklichkeit mich so gewaltig aufregt, schlägt mich die Dichtung so gewaltig nieder. Die schwarzen Augen, die groß sind und etwas weit offen, aber ganz erfüllt voll Freundlichkeit, wenn sie mich ansehen, der Mund, von dessen Lippen Lieder fließen, die ich schließen kann mit einem Siegel, die dann viel schöner singen, süßer und wärmer plaudern als vorher, und die Brust, an die ich mich verbergen kann, wenn ich zu viel geschwätzt habe, die werd ich doch nie mißverstehen, die werden mir nie fremd sein. – Gute Nacht hierüber.

Beiliegende Kupfer sind von unserm Grimm, die beiden Bubenköpfchen machte er nur flüchtig auf einer Reise nach dem Staremberger See, die Zeichnung davon ist noch besser, sie ist samt der Gegend, die Buben, der braune auf einer Bank in der Sonne sitzend, der blonde auf die Brunnenmauer gelehnt, alles ganz lieblich nach der Natur. Das Mädchen ist ein früherer Versuch seiner Nadel, Dein Lob hat ihm großen Eifer gegeben, sein Lehrer ist der Kupferstecher Heß, dem ich manchmal mit stillem Staunen bei seinen großen ernsten Arbeiten zusehe.

Marcellos Psalmen werden hier in Landshut zu schlecht abgeschrieben, es ist alter Kirchenstil, ich muß Geduld haben, bis ich einen Abschreiber finde.

Lebe wohl, alles grüße herzlich von mir, was Dein ist.

Meine Adresse ist in Graf Joners Hause in Landshut.

Bettine[229]

An Goethe

Ich habe meine Türe verriegelt, und um doch nicht so ganz allein zu sein mit meinem Mißmut, sucht ich Deine »Eugenie«; sie hatte sich ganz in den hintersten Winkel des Bücherschranks versteckt, mir ahnte ein Trost, ein himmlischer Gedanke werde mich drin anwehen, ich habe sie eingesogen wie Blumenduft, unter drückenden Wolken bin ich gelassen unermüdet vorwärts geschritten bis zum einsamen Ziel, wo keiner gern weilt, weil da die vier Winde zusammenstoßen und den armen Menschen nicht jagen, aber fest in ihrer Mitte halten; ja, wen das Unglück recht anbraust, den treibt's nicht hin und her, es versteinert ihn wie Niobe.

Da nun das Buch gelesen ist, verzieht sich der dichte Erdennebel, und nun muß ich mit Dir reden. – Ich bin oft unglücklich und weiß nicht warum, heute meine ich nun, es komme daher, weil ich dem Boten Deinen Brief abzunehmen glaubte, und es war ein anderer, nun klopfte mir das Herz so gewaltig, und dann war's nichts. Als ich hereinkam, fragten alle, warum siehst Du so blaß aus? Und ich reichte meinen Brief hin und fiel ganz matt auf einen Sessel, man glaubte wunder, was er enthalte, es war eine alte Rechnung von 4 Fl. von dem alten Maler Robert aus Kassel, bei dem ich nichts gelernt habe; sie lachten mich alle aus, ich kann aber doch nicht lachen; denn ich hab ein bös Gewissen, ich weiß ja wenig, was Geist, Seele und Herz für Prozesse miteinander führen, warum hab ich Dir denn allerlei geschrieben, was ich nicht verantworten kann? Du bist nicht böse auf mich, wie könnte mein unmündig Geschwätz Dich beleidigen, aber Du antwortest nicht, weil ich ja doch nicht verstehe, was Du sagen könntest, und so hat mich mein Aberwitz um mein Glück gebracht, und wer weiß, wann Du wieder einlenkst. – Ach, Glück! Du läßt dich nicht meistern und nicht bilden, wo du erscheinst, da bist du immer eigentümlich und vernichtest durch deine Unschuld alles Planmäßige, alle Berechnung auf die Zukunft.

Unglück ist vielleicht die geheime Organisation des Glückes, ein flüssiger Demant, der zum Kristall anschließt, eine Krankheit der Sehnsucht, die zur Perle wird. O schreib mir bald.

Am 12. Januar 1810

Bettine

Goethe an Bettine

Das ist ein liebes, feines Kind, listig wie ein Füchschen, mit einer Glücksbombe fährst Du mir ins Haus, in der Du Deine Ansprüche und gerechte Klage versteckst. Das schmettert einem denn auch so nieder, daß man gar nicht daran denkt, sich zu rechtfertigen. – Die Weste, innen von weichem Samt, außen glatte Seide, ist nun mein Bußgewand, je behaglicher mir[230] unter diesem wohlgeeigneten Brustlatz wird, je bedrängter ist mein Gewissen, und wie ich gar nach zwei Tagen zufällig in die Westentasche fahre und da das Register meiner Sünden herausziehe, so bin ich denn auch gleich entschlossen, keine Entschuldigungen für mein langes Schweigen aufzusuchen. Dir selbst aber mache ich es zur Aufgabe, mein Schweigen bei Deinen so überraschenden Mitteilungen auf eine gefällige Weise auszulegen, die Deiner nie versiegenden Liebe, Deiner Treue für Gegenwärtiges und Vergangenes auf verwandte Weise entspricht. Über die Wahlverwandtschaften nur dies: der Dichter war bei der Entwickelung dieser herben Geschicke tief bewegt, er hat seinen Teil Schmerzen getragen, schmäle daher nicht mit ihm, daß er auch die Freunde zur Teilnahme auffordert. Da nun so manches Traurige unbeklagt den Tod der Vergangenheit stirbt, so hat sich der Dichter hier die Aufgabe gemacht, in diesem einen erfundnen Geschick wie in einer Grabesurne die Tränen für manches Versäumte zu sammeln. Deine tiefen, aus dem Geist und der Wahrheit entspringende Ansichten gehören jedoch zu den schönsten Opfern, die mich erfreuen, aber niemals stören können, ich bitte daher recht sehr, mit gewissenhafter Treue dergleichen dem Papier zu vertrauen und nicht allenfalls in Wind zu schlagen, wie bei Deinem geistigen Kommers und Überfluß an Gedanken leichtlich zu befahren ist. Lebe wohl und lasse bald wieder von Dir hören.

Goethe


Weimar, den 5. Februar 1810


Meine Frau mag Dir selbst schreiben, wie verlegen sie um ein Maskenkleid gewesen und wie erfreut sie bei Eröffnung der Schachtel war, es hat seinen herrlichen Effekt getan. Über der lieben Meline Heirat sage ich nichts, es macht einem nie wohl, wenn ein so schönes Kind sich weggibt, und der Glückwunsch, den man da anbringt, drückt einem nur auf dem Herzen.

An Goethe

Fahre fort, so liebreich mit mir zu sein, packe selbst zusammen, was Du mir schickst, mache selbst die Adresse aufs Paket, das alles freut mich, und Dein Brief, der allen Schaden vergütet, ja meine eignen Schwächen so sanft stützt, mich mir selbst wiedergibt, indem er sich meiner annimmt.

Nun, ich bin angeblasen von allen Launen, ich drücke die Augen zu und brumme, um nichts zu sehen und zu hören, keine Welt, keine Einsamkeit,

keinen Freund, keinen Feind, keinen Gott und endlich auch keinen Himmel.

Den Hofer haben sie in einer Sennhütte auf den Passeirer Bergen gefangen,[231] diese ganze Zeit bin ich diesem Helden mit Gebet heimlich nachgegangen, gestern erhalt ich einen Brief mit einem gedruckten Tiroler Klagelied: »Der Kommandant der Heldenschar, auf hoher Alp gefangen gar, findet viel Tränen in unseren Herzen.« Ach, dieser ist nicht unbeweint von mir, aber die Zeit ist eisern und macht jede Klage zu Schanden, so muß man auch das Ärgste fürchten, obschon es unmöglich ist. Nein, es ist nicht möglich, daß sie diesem sanften Helden ein Haar krümmen, der da für alle Aufopferung, die er und sein Land umsonst gemacht hatten, keine andre Rache nahm, als daß er in einem Brief an Speckbacher schrieb: »Deine glorreichen Siege sind alle umsonst, Österreich hat mit Frankreich Friede geschlossen und Tirol – vergessen.«

In meinem Ofen saust und braust der Wind und treibt die Glut in Flammen und brennt die alten bayrischen Tannen recht zu Asche zusammen, dabei hab ich denn meine Unterhaltung, wie es kracht und rumpelt und studiere zugleich Marpurgs Fugen, dabei tut mir denn gar wohl, daß das Warum nie beantwortet werden kann, daß man unmittelbare Herrschaft des Führers (Dux) annehmen muß, und daß der Gefährte sich anschmiegt, ach, wie ich mich gern an Dich anschmiegen möchte; wesentlich möchte ich ebenso Dir sein, ohne viel Lärm zu machen, alle Lebenswege sollten aus Dir hervorgehen und sich wieder in Dir schließen, und das wäre eine echte, strenge Fuge, wo dem Gefühl keine Forderung unbeantwortet bleibt, und wo sich der Philosoph nicht hineinmischen kann.

Ich will Dir beichten, will Dir alle meine Sünden aufrichtig gestehen, erst die, an welchen Du zum Teil schuld hast und die Du auch mitbüßen mußt, dann die, so mich am meisten drücken, und endlich jene, an denen ich sogar Freude habe.

Erstens: sage ich Dir zu oft, daß ich Dich liebe, ja, ich weiß gar nichts anders, wenn ich's hin- und herwende, es kömmt sonst nichts heraus.

Zweitens: beneide ich alle Deine Freunde, die Gespielen Deiner Jugend und die Sonne, die in Dein Zimmer scheint und Deine Diener, vorab Deinen Gärtner, der unter Deinem Kommando Spargelbeete anlegt.

Drittens: gönne ich Dir keine Lust, weil ich nicht dabei bin, wenn einer Dich gesehen hat, von Deiner Heiterkeit und Anmut spricht, das ist mir eben kein besonder Vergnügen; wenn er aber sagt, Du seist ernst, kalt, zurückhaltend usw. gewesen, das ist mir recht lieb. Viertens: vernachlässige ich alle Menschen um Deinetwillen, es gilt mir keiner etwas, aus ihrer Liebe mache ich mir gar nichts; ja, wer mich lobt, der mißfällt mir, das ist Eifersucht auf mich und Dich und eben kein Beweis von einem großen Herzen, und ist eine elende Natur, die auf einer Seite ausdürrt, wenn sie auf der andern blühen will.

Fünftens: hab ich eine große Neigung, die Welt zu verachten, besonders in denen, so Dich loben, alles, was Gutes über Dich gesagt wird, kann ich nicht hören, nur wenige einfache Menschen, denen kann ich's erlauben, daß sie über Dich sprechen, und das braucht nicht grade Lob zu sein, nein,[232] man kann sich ein bißchen über Dich lustig machen, und da kann ich Dir sagen, daß sich ein unbarmherziger Mutwille in mir regt, wenn ich die Sklavenketten ein bißchen abwerfen kann.

Sechstens: hab ich einen tiefen Unwillen in der Seele, daß Du es nicht bist, mit dem ich unter einem Dache wohne und dieselbe Luft einatme, ich fürchte mich in der Nähe fremder Menschen zu sein, in der Kirche suche ich mir einen Platz auf der Bank der Bettler, weil die am neutralsten sind, je vornehmer die Menschen, je stärker ist mein Widerwillen; angerührt zu werden, macht mich zornig, krank und unglücklich; so kann ich's auch in Gesellschaften auf Bällen nie lange aushalten, tanzen mag ich gern, wenn ich allein tanzen könnte, auf einem freien Platz, wo mich der Atem, der aus fremder Brust kömmt, nicht berührte. Was könnte das für einen Einfluß auf die Seele haben, nur neben dem Freund zu leben? – Um so schmerzlicher der Kampf gegen das, was geistig und leiblich ewig fremd bleiben muß.

Siebentens: wenn ich in Gesellschaft soll vorlesen hören, setze ich mich in eine Ecke und halte die Ohren heimlich zu, oder ich verliere mich über dem ersten besten Wort ganz in Gedanken, wenn denn einer etwas nicht versteht, so erwache ich aus einer andern Welt und maße mir an, die Erklärung darüber zu geben, und was andre für Wahnwitz halten, das ist mir verständlich und hängt zusammen mit einem innern Wissen, das ich nicht von mir geben kann. – Von Dir kann ich durchaus nichts lesen hören, noch selbst vorlesen, ich muß mit mir und Dir allein sein.

Achtens: kann ich gegen niemand fremd oder vornehm bleiben, wenn ich im mindesten unbequem bin, so werde ich ganz dumm; denn es scheint mir ungeheuer dumm, einander was weiszumachen. Auch daß sich der Respekt mehr in etwas Erlerntem, als in etwas Gefühltem äußert; ich meine, daß Ehrfurcht nur aus Gefühl der inneren Würde entspringen müsse. Dabei fällt mir ein, daß nahe bei München ein Dorf liegt, was Kultersheim heißt, auf einem Spaziergang dahin erklärte man mir, daß dieser Name von Kultursheim herrühre, weil man da dem Bauernstand eine höhere Bildung zu geben beabsichtigt habe; das Ganze hat sich jedoch auf den alten Fuß gesetzt, und diese gute Bauern, die dem ganzen Lande mit schönem Beispiel voranschreiten sollten, sitzen bei der Bierkanne und zechen um die Wette, das Schulhaus ist sehr groß und hat keine runde, sondern lauter viereckige Scheiben, doch liebt der Schulmeister die Dämmerung; er saß hinter dem Ofen, hatte ein blaues Schnupftuch über dem Kopf hängen, um sich vor den Fliegen zu schützen, die lange Pfeife war ihm entfallen, und er schlief und schnarchte, daß es widerhallte; die Schreibbücher lagen alle aufgehäuft vor ihm, um Vorschriften im Schönschreiben zu machen; – ich malte einen Storch, der auf seinem Nest steht, und schrieb darunter:

»Ihr Kinder lernt bauen euer Nest mit eigner Hand aufs allerbest. Die Tanne in dem Walde stolz, die fällt zu euerm Zimmerholz. Und dann, wenn alle[233] Wände stehn, müßt ihr euch nach 'ner Eich umsehn; daraus ihr schnitzelt Bank und Tisch, worauf ihr speist gebratnen Fisch. Das best Holz nehmt zu Bett und Wiegen für Frau und Kind, die ihr werd't kriegen, und lernt benützen Gottes Segen bei Sonnenschein und auch bei Regen. Dann steht ihr stolz auf eignem Hort wie der Storch auf seinem Neste dort. Der möge stets bei euch einkehren, um böses Schicksal abzuwehren. Dann lernt noch schreiben euern Namen, unter gerechte Sach, ich sage Amen. Das ist das echte Kultursheim, worauf ich machte diesen Reim.«

Ich flirrte jeden Augenblick zur Tür hinaus, aus Angst, der Schulmeister möge aufwachen, draußen machte ich meinen Reim und schlich wieder auf den Zehen herbei, um ihn mit einer einseitigen Feder, die wahrscheinlich mit dem Brodkneip zugeschnitten war, aufzuschreiben, zuletzt nahm ich das blaue Band von meinem Strohhut und machte eine schöne Schleife um das Buch, damit er's doch sehen möge; denn sonst hätte dies schöne Gedicht leicht unter dem Wust der Schreibbücher verloren gehen können. Vor der Tür saß Rumohr, mein Begleiter, und hatte unterdessen eine Schüssel mit saurer Milch ausgespeist, ich wollte nichts essen und auch mich nicht mehr aufhalten, aus Furcht, der Schulmeister könne aufwachen. Unter wegs sprach Rumohr sehr schön über den Bauernstand, über ihre Bedürfnisse, und wie das Wohl des Staats von dem ihrigen abhinge, und wie man ihnen keine Kenntnisse aufzwingen müsse, die sie nicht selbst in ihrem Beruf unmittelbar benützen könnten, und daß man sie zu freien Menschen bilden müsse, das heißt: zu Leuten, die sich alles selbst verschaffen, was sie brauchen. Dann sprach er auch über ihre Religion, und da hat er etwas sehr Schönes gesagt, er meinte nämlich, jedem Stand müsse das als Religion gelten, was sein höchster Beruf sei; des Bauern Beruf sei, das ganze Land vor Hungersnot zu schützen, hierin müsse ihm seine Wichtigkeit für den Staat, seine Verpflichtungen für denselben begreiflich gemacht werden, es müsse ihm ans Herz gelegt werden, welchen großen Einfluß er auf das Wohl des Ganzen habe, und so müsse er auch mit Ehrfurcht behandelt werden, daraus werde die Selbstachtung entstehen, die doch eigentlich jedem Menschen mehr gelte wie jeder andre Vorteil, und so würden die Opfer, die das Schicksal fordert, ungezwungen gebracht werden, wie die Mutter, die ihr eignes Kind nährt, auch demselben mit Freuden ihr letztes aufopfert; so würde das unmittelbare Gefühl dem Wohl des Ganzen wesentlich zu sein, gewiß jedes Opfer bringen, um sich diese Würde zu erhalten; keine Revolutionen würden dann mehr entstehen; denn der gewitzigte Staatsgeist in allen würde jeder gerechten Forderung vorgreifen, und das würde eine Religion sein, die jeder begreife, und wo das ganze Tagewerk ein fortwährendes Gebet sei, denn alles, was nicht in diesem Sinn geschehe, das sei Sünde; er sagte dies noch viel schöner und wahrer, ich bin nur dieser Weisheit nicht gewachsen und kann es nicht so wiedergeben.

So bin ich denn auf einmal von meiner Beichte abgekommen, ich wollte[234] Dir noch manches sagen, was man sündlich finden dürfte, wie daß ich Dein Gewand lieber habe wie meinen Nebenmenschen, daß ich die Stiege küssen möchte, auf der Deine Füße auf- und niedersteigen usw. – Dies könnte man Abgötterei nennen, oder ist es so, daß der Gott, der Dich belebt, auch an jeder Wand Deines Hauses hinschwebt? – Daß, wenn er in Deinen Mund und Augen spielt, er auch unter Deinen Füßen hingleitet und selbst in den Falten Deines Gewandes sich gefällt, daß, wenn er sich im Maskenzug in alle bunten Gestalten verwandelt, er wohl auch im Papier, in welches Du den Maskenzug einpackst, verborgen sein kann? Also, wenn ich's Papier küsse, so ist es das Geliebte in Dir, das sich mir zulieb auf die Post schicken ließ.

Adieu! Behalte Dein Kind lieb in trüben wie in hellen Tagen, da ich ewig und ganz Dein bin.

Bettine


Du hast mein Tagebuch erhalten, aber liest Du auch darin, und wie gefällt Dir's? –

Am 29. Februar

An Bettine

Liebe Bettine, ich habe mich schon wieder eines Versehens an Dir schuldig gemacht, daß ich Dir nicht den Empfang Deines Tagebuchs angezeigt habe, Du mußt glauben, daß ich eines so schönen Geschenkes nicht würdig bin, indessen kann ich Dir nicht mit Worten schildern, was ich darauf zu erwidern habe. Du bist ein einziges Kind, dem ich mit Freuden jede Erheiterung, jeden lichten Blick in ein geistiges Leben verdanke, dessen ich ohne Dich vielleicht nie wieder genossen haben würde; es bleibt bei mir verwahrt, an einem Ort, wo ich alle Deine lieben Briefe zur Hand habe, die so viel Schönes enthalten, wofür ich Dir niemals genug danken kann, nur das sage ich Dir noch, daß ich keinen Tag vergehen lasse, ohne drin zu blättern. An meinem Fenster wachsen, wohlgepflegt, eine Auswahl zierlicher ausländischer Pflanzen; jede neue Blume und Knospe, die mich am frühen Morgen empfängt, wird abgeschnitten und nach indischem Gebrauch als Opfergras in Dein liebes Buch eingestreut. Alles, was Du schreibst, ist mir eine Gesundheitsquelle, deren kristallne Tropfen mir Wohlsein geben, erhalte mir diese Erquickung, auf die ich meinen Verlaß habe.

Weimar, am 1. März 1810

Goethe[235]

An Goethe

Ach, lieber Goethe! Deine Zeilen kamen mir zu rechter Stunde, da ich eben nicht wußte, wohin mit aller Verzweiflung; zum erstenmal hab ich die Weltbegebenheiten verfolgt mit großer Treue für die Helden, die ihr Heiligtum verfochten; dem Hofer war ich nachgegangen auf jeder Spur, wie oft hat er nach des Tages Last und Hitze sich in der späten Nacht noch in die einsamen Berge verborgen und mit seinem reinen Gewissen beratschlagt, und dieser Mann, dessen Seele frei von bösen Fehlen, offen vor jedem lag als ein Beispiel von Unschuld und Heldentum, hat nun endlich am 20. Februar zur Bestätigung seines großen Schicksals den Tod erlitten; wie konnt es anders kommen, sollte er die Schmach mittragen? – Das konnt nicht sein, so hat es Gott am besten gemacht, daß er nach kurzer Pause seit dieser verklärenden Vaterlandsbegeisterung mit großer Kraft und Selbstbewußtsein, und nicht gegen sein Schicksal klagend, seinem armen Vaterland auf ewig entrissen ward. Vierzehn Tage lag er gefangen in dem Kerker bei Porta Molina, mit vielen andern Tirolern. Sein Todesurteil vernahm er gelassen und unerschüttert; Abschied ließ man ihn von seinen geliebten Landsleuten nicht nehmen, den Jammer und das Heulen der eingesperrten Tiroler übertönte die Trommel, er schickte ihnen durch den Priester sein letztes Geld und ließ ihnen sagen: er gehe getrost in den Tod und erwarte, daß ihr Gebet ihn hinüberbegleite. – Als er an ihren Kerkertüren vorbeischritt, lagen sie alle auf den Knien, beteten und weinten; auf dem Richtplatz sagte er: er stehe vor dem, der ihn erschaffen, und stehend wolle er ihm seinen Geist übergeben; ein Geldstück, was unter seiner Administration geprägt war, übergab er dem Korporal, mit dem Bedeuten: es solle Zeugnis geben, daß er sich noch in der letzten Stunde an sein armes Vaterland mit allen Banden der Treue gefesselt fühle. Dann rief er: »Gebt Feuer!« Sie schossen schlecht, zweimal nacheinander gaben sie Feuer, erst zum drittenmal machte der Korporal, der die Exekution leitete, mit dem dreizehnten Schuß seinem Leben ein Ende.

Ich muß meinen Brief schließen, was könnte ich Dir noch schreiben? Die ganze Welt hat ihre Farbe für mich verloren. Ein großer Mann sei Napoleon, so sagen hier alle Leute, ja äußerlich, aber dieser äußern Größe opfert er alles, was seine unplanetarische Laufbahn durchkreuzt. Unser Hofer, innerlich groß, ein heiliger deutscher Charakter, wenn Napoleon ihn geschützt hätte, dann wollte ich ihn auch groß nennen. – Und der Kaiser, konnte der nicht sagen, gib mir meinen Tiroler Helden, so geh ich Dir meine Tochter, so hätte die Geschichte groß genannt, was sie jetzt klein nennen muß.

Adieu! Daß Du mein Tagebuch zum Tempel einer indischen Gottheit erhebst, ist Prädestination. Von jenen lichten Waldungen des Äthers, von Sonnenwohnungen, vom vielgestaltigen Dunkel und einer bildlosen Klarheit, in der die tiefe Seele lebt und atmet, habe ich oft schon geträumt.[236]

An Rumohr konnt ich Deinen Gruß nicht bestellen, ich weiß nicht, nach welcher Seite er mit dem Winde davongestoben ist.

Landshut, den 10. März 1810

An Bettine

Liebe Bettine, es ist mir ein unerläßlich Bedürfnis, Deiner patriotischen Trauer ein paar Worte der Teilnahme zuzurufen und Dir zu bekennen, wie sehr ich mich von Deinen Gesinnungen mit ergriffen fühle. Lasse Dir nur das Leben mit seinen eigensinnigen Wendungen nicht allzusehr verleiden. Durch solche Ereignisse sich durchzukämpfen, ist freilich schwer, besonders mit einem Charakter, der soviel Ansprüche und Hoffnungen auf ein idealisches Dasein hat wie Du. – Indem ich nun Deinen letzten Brief zu den andern lege, so finde ich abermals mit diesem eine interessante Epoche abgeschlossen. Durch einen lieblichen Irrgarten zwischen philosophischen, historischen und musikalischen Ansichten hast Du mich zu dem Tempel des Mars geleitet, und überall behauptet sich Deine gesunde Energie, habe den herzlichsten Dank dafür und lasse mich noch ferner der Eingeweihte Deiner inneren Welt sein, und sei gewiß, daß die Treue und Liebe, die Dir dafür gebührt, Dir im Stillen gezollt wird.

19. März 1810

Goethe

An Goethe

Lieber Goethe! Vieltausend Dank für Deine zehn Zeilen, in denen Du Dich tröstend zu mir neigst, so mag denn diese Periode abgeschlossen sein; dieses Jahr von 1809 hat mich sehr turbiert; nun sind wir an einem Wendepunkt: in wenig Tagen verlassen wir Landshut und gehen über und durch manche Orte, die ich Dir nicht zu nennen weiß. – Die Studenten packen eben Savignys Bibliothek ein, man klebt Nummern und Zettel an die Bücher, legt sie in Ordnung in Kisten, läßt sie an einem Flaschenzug durchs Fenster hinab, wo sie unten von den Studenten mit einem lauten Halt empfangen werden, alles ist Lust und Leben, obschon man sehr betrübt ist, den geliebten Lehrer zu verlieren; Savigny mag so gelehrt sein, wie er will, so übertrifft seine kindliche Freundesnatur dennoch seine glänzendsten Eigenschaften, alle Studenten umschwärmen ihn, es ist keiner, der nicht die Überzeugung hätte, auch außer dem großen Lehrer noch seinen Wohltäter zu verlieren; so haben auch die meisten Professoren ihn lieb, besonders die Theologen. Sailer, gewiß sein bester Freund. Man sieht sich hier täglich und zwar mehr wie einmal, abends begleitet der Wirt vom Hause leichtlich seine Gäste mit angezündetem Wachsstock einen jeden[237] bis zu seiner Haustür, gar oft hab ich die Runde mitgemacht; heute war ich noch mit Sailer auf dem Berg, auf dem die Trausnitz steht, ein Schloß alter Zeit: Traue nicht. Die Bäume schälen ihre Knospen! Frühling! Die Sperlinge flogen scharenweis vor uns her, von Sailer hab ich Dir wenig erzählt, und doch war er mir der Liebste von allen. Im harten Winter gingen wir oft über die Schneedecke der Wiesen und Ackerfläche und stiegen miteinander über die Hecken von einem Zaun zum andern, und alles, was ich ihm mitteilte, daran nahm er gern teil, und manche Gedanken, die aus Gesprächen mit ihm hervorgingen, die hab ich aufgeschrieben, obschon sie in meinen Briefen nicht Platz finden, so sind sie doch für Dich, denn nie denke ich etwas Schönes, ohne daß ich mich darauf freue, es Dir zu sagen.

Zur Besinnung kann ich während dem Schreiben nicht kommen, der Studentenschwarm verläßt das Haus nicht mehr, seitdem Savignys Abreise in wenig Tagen bestimmt ist; eben sind sie vorbeigezogen an meiner Tür mit Wein und einem großen Schinken, den sie beim Packen verzehren, ich schenkte ihnen meine kleine Bibliothek, die sie eben auch einpacken wollten, da haben sie mir ein Vivat gebracht. – Abends bringen sie oft ein Ständchen mit Gitarren und Flöten, und das dauert oft bis nach Mitternacht, dabei tanzen sie um einen großen Springbrunnen, der vor unserm Hause auf dem Markt steht; ja, die Jugend kann sich aus allem einen Genuß machen. Die allgemeine Konsternation über Savignys Abreise hat sich bald in ein Jubelfest verwandelt; denn man hat beschlossen, zu Pferd und zu Wagen uns durch das Salzburgische zu begleiten, wer sich kein Pferd verschaffen kann, der geht zu Fuß voraus; nun freuen sich alle gar sehr auf den Genuß dieser letzten Tage, beim aufgehenden Frühling durch eine herrliche Gegend mit ihrem geliebten Lehrer zu reisen; auch ich erwarte mir schöne glückliche Tage, – ach, ich glaub, ich bin nah an dem Ziel, wo mein Leben am schönsten und herrlichsten ist. Sorgenfrei, voll süßem Feuer der Frühlingslust, in Erwartung herrlicher Genüsse, so klingen Ahnungstöne in meiner Brust, wenn das wahr wird, so muß es gewiß wahr werden, daß ich Dich bald begegne; ja, nach so vielem, was ich erlebt und Dir treulich mitgeteilt habe, wie kann es anders sein, da muß das Wiedersehen eine neue Welt in mir erschaffen. Wenn alle freudigen Hoffnungen in die Wirklichkeiten ausbrechen, wenn die Gegenwart die Finsternis der Ferne durch ihr Licht verscheucht, ach und mit einem Wort: wenn Gefühl und Blick Dich erfaßt und hält, da weiß ich wohl, daß mein Glück zu ungemeßnem Leben sich steigert. Ach, und es reißt mich mit Windesflügeln zu diesen höchsten Augenblicken, wenn auch bald die süßesten Genüsse scheidend fliehen, einmal muß doch wiederkehren zu festem Bund, was sich begehrt7.

Landshut, den 31. März 1810

Bettine
[238]

Wenn Du mir eine Zeile gönnen wolltest über Deinen Aufenthalt dieses Sommers, so bitte ich an Sailer in Landshut zu adressieren, dieser bleibt mit Savigny in Korrespondenz und wird mir am besten die Kleinodien Deiner Zeilen nachschicken.

An Bettine

Von Dir, liebe Bettine, habe ich sehr lange nichts gehört und kann meine Reise ins Karlsbad unmöglich antreten, ohne Dich nochmals zu begrüßen und Dich zu ersuchen, mir dorthin ein Lebenszeichen zu geben; möge ein guter Genius Dir diese Bitte ans Herz legen, da ich nicht weiß, wo Du bist, so muß ich schon meine Zuflucht zu höheren Mächten nehmen. Deine Briefe wandern mit mir, sie sollen mir dort Dein freundliches, liebevolles Bild vergegenwärtigen. Mehr sage ich nicht, denn eigentlich kann man Dir nichts geben, weil Du Dir alles entweder schaffst oder nimmst. Lebe wohl und gedenke mein.

Jena, den 10. Mai 1810

Goethe


Wien, den 15. Mai


Ein ungeheuerer Maiblumenstrauß durchduftet mein kleines Kabinett, mir ist wohl hier im engen kleinen Kämmerchen auf dem alten Turm, wo ich den ganzen Prater übersehe: Bäume und Bäume von majestätischem Ansehen, herrlicher grüner Rasen. Hier wohne ich im Hause des verstorbnen Birkenstock, mitten zwischen zweitausend Kupferstichen, ebensoviel Handzeichnungen, soviel hundert Aschenkrügen und hetrurischen Lampen, Marmorvasen, antiken Bruchstücken von Händen und Füßen, Gemälden, chinesischen Kleidern, Münzen, Steinsammlung, Meerinsekten, Ferngläser, unzählbare Landkarten, Pläne alter versunkener Reiche und Städte, kunstreich geschnitzte Stöcke, kostbare Dokumente und endlich das Schwert des Kaiser Carolus. Dies alles umgibt uns in bunter Verwirrung und soll grade in Ordnung gebracht werden, da ist denn nichts zu berühren und zu verstehen, die Kastanienallee in voller Blüte und die rauschende Donau, die uns hinüberträgt auf ihrem Rücken, da kann man es im Kunstsaal nicht aushalten, heute morgen um sechs Uhr frühstückten wir im Prater, rund umher unter gewaltigen Eichen lagerten Türken und Griechen, wie herrlich nehmen sich auf grünem Teppich diese anmutigen buntfarbigen Gruppen schöner Männer aus! Welchen Einfluß mag auch die Kleidung auf die Seele haben, die mit leichter Energie die Eigentümlichkeit dieser fremden Nationen hier in der frischen Frühlingsnatur zum Allgemeingültigen erhebt und die Einheimischen in ihrer farblosen Kleidung beschämt. Die Jugend, die Kindheit, beschauen sich immer noch in den[239] reifen Gestalten und Bewegungen dieser Südländer; sie sind kühn und unternehmend, wie die Knaben rasch und listig, doch gutmütig. Indem wir an ihnen vorübergingen, konnte ich nicht umhin, einen Pantoffel, der einem hingestreckten Türken entfallen war, unter meinen Füßen eine Strecke mit fortzuschlurren, endlich schleifte ich ihn ins Gras und ließ ihn da liegen; wir saßen und frühstückten, es währte nicht lange, so suchten die Türken den verlornen Pantoffel. Goethe, was mir das für eine geheime Lust erregte! Wie vergnügt ich war, sie über dies Wunder des verschwundenen Pantoffels staunen zu sehen; auch unsre Gesellschaft nahm Anteil daran, wo der Pantoffel geblieben sein möchte; nun wurde mir zwar Angst, ich möchte geschmält werden, allein der Triumph, den Pantoffel herbeizuzaubern, war zu schön, ich erhob ihn plötzlich zur allgemeinen Ansicht auf einer kleinen Gerte, die ich vom Baum gerissen hatte, nun kamen die schönen Leute heran und lachten und jubelten, da konnt ich sie recht in der Nähe betrachten, mein Bruder Franz war einen Augenblick beschämt, aber er mußte mitlachen, so ging alles noch gut.


17. Mai


Es sind nicht Lustpartien, die mich abhalten, Dir zu schreiben, sondern ein scharlachkrankes Kind meines Bruders, bei dem ich Tage und Nächte verbringe, und so vergeht die Zeit schon in die dritte Woche; von Wien hab ich nicht viel gesehen und von der Gesellschaft noch weniger, weil einem eine solche Krankheit eine Diskretion auflegt wegen Ansteckung. Der Graf Herberstein, der in meiner Schwester Sophie eine geliebte Braut verloren hat, hat mich mehrmals besucht und ist mit mir spazieren gegangen und hat mich alle Wege geführt, die er mit Sophie gewandert ist, da hat er mir sehr Schönes, Rührendes von ihr erzählt, es ist seine Freude, meiner Ähnlichkeit mit ihr nachzuspüren; er nannte mich gleich Du, weil er die Sophie auch so genannt hatte, manchmal, wenn ich lachte, wurde er blaß, »weil die Ähnlichkeit mit Sophie ihn frappierte«. Wie muß diese Schwester liebenswürdig gewesen sein, da sie jetzt noch im Herzen der Freunde so tiefe Spuren der Wehmut ließ. Bänder, Tassen, Locken, Blumen, Handschuhe, die zierlichsten Billete, Briefe, alle diese Andenken liegen in einem kleinen Kabinett umher zerstreut, er berührt sie gern und liest die Briefe oft, die freilich schöner sind als alles, was ich je in meinem Leben gelesen habe; ohne heftige Leidenschaft deutet jeder Ausdruck auf innige Freundlichkeit, nichts entgeht ihr, jeder Reiz der Natur dient ihrem Geist. O! Was ist Geist für ein wunderbarer Künstler, wär ich doch imstande, Dir von dieser geliebten Schwester einen Begriff zu geben, ja wär ich selbst imstande, ihre Liebenswürdigkeit zu fassen, alle Menschen, die ich hier sehe, sprechen mir von ihr, als wenn man sie erst vor kurzer Zeit verloren hätte, und Herberstein meinte, sie sei seine letzte und erste einzig wahre Liebe, dies alles bewegt mich, gibt mir eine Stimmung fürs Vergangene und Zukünftige, dämpft mein Feuer der Erwartung. Da denk ich an[240] den Rhein bei Bingen, wie da plötzlich seine lichte, majestätische Breite sich einengt zwischen düsteren Felsen, zischend und brausend sich durch Schluchten windet, und nie werden die Ufer wieder so ruhig, so kindlich schön, wie sie vor der Binger Untiefe waren; solche Untiefen stehen mir also bevor, wo sich der Lebensgeist durch schauerliche Schluchten winden muß. Mut! Die Welt ist rund, wir kehren zurück mit erhöhten Kräften und doppeltem Reiz, die Sehnsucht streut gleich beim Abschied schon den Samen der Wiederkehr; so bin ich nie von Dir geschieden, ohne zugleich mit Begeisterung der Zukunft zu gedenken, die mich in Deinen Armen wieder empfangen werde, so mag wohl alle Trauer um die Abgeschiednen ein bescheidner Vorgenuß einer zukünftigen Wiedervereinigung sein, gewiß, sonst würden keine solchen Empfindungen der Sehnsucht das Herz durchdringen.


20. Mai


Am Ende März war's wohl, wie ich Dir zum letztenmal von Landshut aus schrieb; ja, ich hab lange geschwiegen, beinah zwei Monate, heute erhielt ich durch Sailer von Landshut Deine liebe Zeilen vom 10. Mai, in denen Du mich mit Schmeichelworten ans Herz drückst, nun fällt mir's erst ein, was ich alles nachzuholen habe, denn jeder Weg, jeder Blick in die Natur hängt am Ende mit Dir zusammen. Landshut war mir ein gedeihlicher Aufenthalt, in jeder Hinsicht muß ich's preisen. Heimatlich die Stadt, freundlich die Natur, zutunlich die Menschen und die Sitten harmlos und biegsam; – kurz nach Ostern reisten wir ab, die ganze Universität war in und vor dem Hause versammelt, viele hatten sich zu Wagen und zu Pferde eingefunden, man wollte nicht so von dem herrlichen Freund und Lehrer scheiden, es ward Wein ausgeteilt, unter währendem Vivatrufen zog man zum Tor hinaus, die Reiter begleiteten das Fuhrwerk, auf einem Berg, wo der Frühling eben die Augen auftat, nahmen die Professoren und ernsten Personen einen feierlichen Abschied, die andern fuhren noch eine Station weiter, unterwegs trafen wir alle Viertelstunde noch auf Partien, die dahin vorausgegangen waren, um Savigny zum letztenmal zu sehen; ich sah schon eine Weile vorher die Gewitterwolken sich zusammenziehen, im Posthause drehte sich einer um den andern nach dem Fenster, um die Tränen zu verbergen. Ein junger Schwabe, Nußbaumer, die personifizierte Volksromanze, war weit vorausgelaufen, um dem Wagen noch einmal zu begegnen, ich werde das nie vergessen, wie er im Feld stand und sein kleines Schnupftüchelchen im Wind wehen ließ und die Tränen ihn hinderten aufzusehen, wie der Wagen an ihm vorbeirollte; die Schwaben hab ich lieb.

Mehrere der geliebtesten Schüler Savignys begleiteten uns bis Salzburg, der erste und älteste, Nepomuk Ringseis, ein treuer Hausfreund, hat ein Gesicht wie aus Stahl gegossen, alte Ritterphysiognomie, kleiner, scharfer Mund, schwarzer Schnauzbart, Augen, aus denen die Funken fahren, in[241] seiner Brust hämmert's wie in einer Schmiede, will vor Begeisterung zerspringen, und da er ein feuriger Christ ist, so möchte er den Jupiter aus der Rumpelkammer der alten Gottheiten vorkriegen, um ihn zu taufen und zu bekehren.

Der zweite, ein Herr von Schenk, hat weit mehr feine Bildung, hat Schauspieler kennen lernen, deklamiert öffentlich, war verliebt ganz glühend oder ist es noch, mußte seine Gefühle in Poesie ausströmen, lauter Sonette, lacht sich selbst aus über seine Galanterie, blonder Lockenkopf, etwas starke Nase, angenehm, kindlich, äußerst ausgezeichnet im Studieren. Der dritte, der Italiener Salvotti, schön im weiten grünen Mantel, der die edelsten Falten um seine feste Gestalt wirft, unstörbare Ruhe in den Bewegungen, glühende Regsamkeit im Ausdruck, läßt sich kein gescheit Wort mit ihm sprechen, so tief ist er in Gelehrsamkeit versunken. Der vierte, Freiherr von Gumpenberg, Kindesnatur, edlen Herzens, bis zur Schüchternheit still, um so mehr überrascht die Offenherzigkeit, wenn er erst Zutrauen gefaßt hat, wobei ihm denn unendlich wohl wird, nicht schön, hat ungemein liebe Augen, ein unzertrennlicher Freund des fünften, Freiberg, zwanzig Jahr alt, große männliche Gestalt, als ob er schon älter sei, ein Gesicht wie eine römische Gemme, geheimnisvolle Natur, verborgner Stolz, Liebe und Wohlwollen gegen alle, nicht vertraulich, verträgt die härtesten Anstrengungen, schläft wenig, guckt nachts zum Fenster hinaus nach den Sternen, übt eine magische Gewalt über die Freunde, obschon er sie weder durch Witz, noch durch entschiedenen Willen zu behaupten geneigt ist; aber alle haben ein unerschütterliches Zutrauen zu ihm, was der Freiberg will, das muß geschehen. Der sechste war der junge Maler Ludwig Grimm, von dem ich Dir mein Bildchen und die schönen radierten Studien nach der Natur geschickt habe, so lustig und naiv, daß man mit ihm bald zum Kind in der Wiege wird, das um nichts lacht, er teilte mit mir den Kutschersitz, von wo herab wir die ganze Natur mit Spott und Witz begrüßten; warum ich Dir diese alle so deutlich beschreibe? – Weil keiner unter ihnen ist, der nicht durch Reinheit und Wahrheit im allgemeinen Leben hervorleuchten würde, und weil sie Dir als Grundlagen zu schönen Charaktern in Deiner Welt dienen können; diese alle feiern Dein Andenken in treuem Herzen, Du bist wie der Kaiser, wo er hinkommt, jauchzen ihm die Untertanen entgegen.

Der Tagereisen waren zwei bis Salzburg, auf der ersten kamen wir bis Alt – Öttingen, wo das wundertätige Marienbild in einer düsteren Kapelle die Pilger von allen Seiten herbeilockt. Schon der ganze Platz umher und die äußern Mauern sind mit Votivtafeln gedeckt, es macht einen sehr ängstlichen Eindruck, die Zeugnisse schauerlicher Geschichte und tausendfachen Elendes gedrängt nebeneinander und über diese hin ein beständiges Ein- und Ausströmen der Wallfahrer mit bedrängenden Gebeten und Gelübden um Erhörung, jeden Tag des Jahres von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Früh morgens um vier Uhr beginnt der Gottesdienst mit Musik[242] und währt bis zur Nacht. Das Innere der Kapelle ist ganz mit schwarzem Samt überzogen, auch selbst das Gewölbe, und mehr durch Kerzenlicht als vom Tag erleuchtet, die Altäre von Silber, an den Wänden hängen silberne Glieder und Gebeine und viele silberne Herzen mit goldnen Flammen oder feurigen Wunden, – wie sonderbar, Goethe! Der Mensch! Er bringt seine Schmerzen als Opfer der Gottheit, und da mögen diese Schmerzen entstanden sein, woher sie wollen, in Gott wird alles göttlich; – Max von Bayern kniet in Lebensgröße auch von Silber auf den schwarzen Stufen des Altars, vor dem kohlrabenschwarzen Muttergottesbild, das ganz in Diamanten gekleidet ist, zwei Männerstimmen, von der dumpfen Orgel begleitet, singen ihr Hymnen, das stille Messelesen, die Menschen, die mit Tränen die Stufen des Altars küssen, viele tausend Seufzer aus allen Ecken, das macht den wunderlichsten Eindruck. Wo alle beten, sollt ich auch beten, dacht ich, aber nimmermehr, das Herz war in beständigem Klopfen; ich hatte vor der Tür einem Bettelmann einen Veilchenkranz abgekauft, da stand ein kleines Kind vor dem Altar mit blonden Locken, es sah mich so freundlich an und langte nach dem Kranz, den gab ich ihm, da warf es ihn auf den Altar; denn es war zu klein, um hinaufzureichen, der Kranz fiel grade zu den Füßen der Mutter Gottes, es war ein glücklicher Wurf, der machte mein Herz leicht. Der Strom der Pilger zog mich mit sich fort zur gegenüberstehenden Tür hinaus, ich wartete lange auf das Kind, ich hätte es so gern geküßt und wollte ihm eine kleine goldene Kette schenken, die ich am Hals trage, weil es mir ein so gutes Zeichen gegeben hatte für Dich, denn ich dachte grade in dem Augenblick, wo es mir den Kranz abnahm, an Dich, aber das Kindchen kam nicht heraus, der Wagen stand vor der Tür, ich schwang mich auf meinen Kutschersitz, auf jeder Station hatte ich einen andern Kameraden, der den Sitz mit mir teilte und zugleich mir seine Herzensangelegenheiten mitteilte, sie fingen immer so schüchtern davon an, daß mir bange ward, aber weit gefehlt, allemal war's eine andere, keinmal war ich's.

Unsre Reise ging durch einen Wald von Blüten, der Wind streute sie wie einen Regen nieder, die Bienen flogen nach den Blumen, die ich hinter's Ohr gesteckt hatte, gelt, das war angenehm! –


26. Mai


Von Salzburg muß ich Dir noch erzählen. Die letzte Station, vorher Laufen; diesmal saß Freiberg mit mir auf dem Kutschersitz, er öffnete lächelnd seinen Mund, um die Natur zu preisen, bei ihm ist aber ein Wort wie der Anschlag in einem Bergwerk, eine Schicht führt zur andern; es ging in einen fröhlichen Abend über, die Täler breiteten sich rechts und links, als wären sie das eigentliche Reich, das unendliche gelobte Land. Langsam wie Geister hob sich hie und da ein Berg und sank allmählich in seinem blitzenden Schneemantel wieder unter. Mit der Nacht waren wir in Salzburg, es war schauerlich, die glattgesprengten Felsen himmelhoch über den[243] Häusern hervorragen zu sehen, die wie ein Erdhimmel über der Stadt schwebten im Sternenlicht, – und die Laternen, die da all mit den Leutlein durch die Straßen fackelten, und endlich die vier Hörner, die schmetternd vom Kirchturm den Abendsegen bliesen, da tönte alles Gestein und gab das Lied vielfältig zurück. – Die Nacht hatte in dieser Fremde ihren Zaubermantel über uns geworfen, wir wußten nicht, wie das war, daß alles sich beugte und wankte, das ganze Firmament schien zu atmen, ich war über alles glücklich, Du weißt ja, wie das ist, wenn man aus sich selber, wo man so lange gesonnen und gesponnen, heraustritt ganz ins Freie.

Wie kann ich Dir nun von diesem Reichtum erzählen, der sich am andern Tag vor uns ausbreitete? – Wo sich der Vorhang allmählich vor Gottes Herrlichkeit teilet und man sich nur verwundert, daß alles so einfach ist in seiner Größe. Nicht einen, aber hundert Berge sieht man von der Wurzel bis zum Haupt ganz frei, von keinem Gegenstand bedeckt, es jauchzt und triumphiert ewig da oben, die Gewitter schweben wie Raubvögel zwischen den Klüften, verdunkeln einen Augenblick mit ihren breiten Fittichen die Sonne, das geht so schnell und doch so ernst, es war auch alles begeistert. In den kühnsten Sprüngen, von den Bergen herab bis zu den Seen, ließ sich der Übermut aus, tausend Gaukeleien wurden ins Steingerüst gerufen, so verlebten wir wie die Priesterschaft der Ceres bei Brot, Milch und Honig ein paar schöne Tage; zu ihrem Andenken wurde zuletzt noch ein Granatschmuck von mir auseinandergebrochen, jeder nahm sich einen Stein und den Namen eines Berges, den man von hier aus sehen konnte, und nennen sich die Ritter vom Granatorden, gestiftet auf dem Watzmann bei Salzburg.

Von da ging die Reise nach Wien, es trennten sich die Gäste von uns, bei Sonnenaufgang fuhren wir über die Salza, hinter der Brücke ist ein großes Pulvermagazin, hinter dem standen sie alle, um Savigny ein letztes Vivat zu bringen, ein jeder rief ihm noch eine Beteuerung von Lieb und Dank zu. Freiberg, der uns bis zur nächsten Station begleitete, sagte: »Wenn sie nur alle so schrien, daß das Magazin in die Luft sprengte, denn uns ist doch das Herz gesprengt«; und nun erzählte er mir, welch neues Leben durch Savigny aufgeblüht war, wie alle Spannung und Feindschaft unter den Professoren sich gelegt oder doch sehr gemildert habe, besonders aber sei sein Einfluß wohltätig für die Studenten gewesen, die weit mehr Freiheit und Selbstgefühl durch ihn erlangt haben. Nun kann ich Dir auch nicht genug beschreiben, wie groß Savignys Talent ist, mit jungen Leuten umzugehen; zuvörderst fühlt er eine wahre Begeisterung für ihr Streben, ihren Fleiß; eine Aufgabe, die er ihnen macht: wenn sie gut behandelt wird, so macht es ihn ganz glücklich, er möchte gleich sein Innerstes mit jedem teilen, er berechnet ihre Zukunft, ihr Geschick, und ein leuchtender Eifer der Güte erhellt ihnen den Weg, man kann von ihm wohl in dieser Hinsicht sagen, daß die Unschuld seiner Jugend auch der Geleitsengel seiner jetzigen Zeit ist, und das ist eigentlich sein Charakter, die Liebe zu[244] denen, denen er mit den schönsten Kräften seines Geistes und seiner Seele dient; ja, das ist wahrhaft liebenswürdig, und muß Liebenswürdigkeit nicht allein Größe bestätigen? – Diese naive Güte, mit der er sich allen gleichstellt bei seiner ästhetischen Gelahrtheit, macht ihn doppelt groß. Ach, liebes Landshut, mit deinen geweißten Giebeldächern und dem geplackten Kirchturm, mit deinem Springbrunnen, aus dessen verrosteten Röhren nur sparsam das Wasser lief, um den die Studenten bei nächtlicher Weile Sprünge machten und sanft mit Flöte und Gitarre akkompagnierten, und dann aus fernen Straßen singend ihre »Gute Nacht« ertönen ließen; wie schön war's im Winter auf der leichten Schneedecke, wenn ich mit dem siebzigjährigen Kanonikus Eixdorfer, meinem Generalbaßlehrer und vortrefflichen Bärenjäger, spazieren ging, da zeigte er mir auf dem Schnee die Spuren der Fischottern, und da war ich manchmal recht vergnügt und freute mich auf den andern Tag, wo er mir gewiß ein solches Tier auffinden wollte, und wenn ich denn am andern Tag kam, daß er mich versprochnermaßen auf die Otternjagd begleiten solle, da machte er Ausflüchte, heute seien die Ottern bestimmt nicht zu Hause; wie ich Abschied von ihm nahm, da gab er mir einen wunderlichen Segen, er sagte: »Möge ein guter Dämon Sie begleiten und das Gold und die Kleinodien, die Sie besitzen, allemal zu rechter Zeit in Scheidemünze verwandeln, womit Sie allein sich das erwerben können, was Ihnen fehlt.« Dann versprach er mir auch noch, er wolle mir einen Otternpelz zusammenfangen, und ich solle über's Jahr kommen, ihn holen. Ach, ich werde nicht wiederkommen in das liebe Landshut, wo wir uns freuten, wenn's schneite und nachts der Wind recht gestürmt hatte, so gut, als wenn die Sonne recht herrlich schien, wo wir alle einander so gut waren, wo die Studenten Konzerte gaben und in der Kirche höllisch musizierten und es gar nicht übelnahmen, wenn man ihnen davonlief.

Und nun ist weiter nichts Merkwürdiges auf der Reise bis Wien vorgefallen, außer daß ich am nächsten Morgen die Sonne aufgehen sah, ein Regenbogen drüber und davor ein Pfau, der sein Rad schlug.


Wien, am 28. Mai


Wie ich diesen sah, von dem ich Dir jetzt sprechen will, da vergaß ich der ganzen Welt, schwindet mir doch auch die Welt, wenn mich Erinnerung ergreift, – ja sie schwindet. Mein Horizont fängt zu meinen Füßen an, wölbt sich um mich, und ich stehe im Meer des Lichts, das von Dir ausgeht, und in aller Stille schweb ich gelassenen Flugs über Berg und Tal zu Dir. – Ach, lasse alles sein, mache Deine lieben Augen zu, leb in mir einen Augenblick, vergesse, was zwischen uns liegt, die weiten Meilen und auch die lange Zeit. – Von da aus, wo ich Dich zum letztenmal sah, sehe mich an; ständ ich doch vor Dir! – Könnt ich's Dir deutlich machen! Der tiefe Schauder, der mich schüttelt, wenn ich eine Weile der Welt mit zugesehen habe, wenn ich dann hinter mich sehe in die Einsamkeit und fühle, wie fremd mir[245] alles ist. Wie kömmt's, daß ich dennoch grüne und blühe in dieser Öde? – Wo kömmt mir der Tau, die Nahrung, die Wärme, der Segen her? – Von dieser Liebe zwischen uns, in der ich mich selbst so lieblich fühle. – Wenn ich bei Dir wär, ich wollte Dir viel wiedergeben für alles. – Es ist Beethoven, von dem ich Dir jetzt sprechen will, und bei dem ich der Welt und Deiner vergessen habe; ich bin zwar unmündig, aber ich irre darum nicht, wenn ich ausspreche (was jetzt vielleicht keiner versteht und glaubt), er schreitet weit der Bildung der ganzen Menschheit voran, und ob wir ihn je einholen? – Ich zweifle; möge er nur leben, bis das gewaltige und erhabene Rätsel, was in seinem Geiste liegt, zu seiner höchsten Vollendung herangereift ist, ja, möge er sein höchstes Ziel erreichen, gewiß, dann läßt er den Schlüssel zu einer himmlischen Erkenntnis in unseren Händen, die uns der wahren Seligkeit um eine Stufe näher rückt.

Vor Dir kann ich's wohl bekennen, daß ich an einen göttlichen Zauber glaube, der das Element der geistigen Natur ist, diesen Zauber übt Beethoven in seiner Kunst; alles, wessen er Dich darüber belehren kann, ist reine Magie, jede Stellung ist Organisation einer höheren Existenz, und so fühlt Beethoven sich auch als Begründer einer neuen sinnlichen Basis im geistigen Leben; Du wirst wohl herausverstehen, was ich sagen will, und was wahr ist. Wer könnte uns diesen Geist ersetzen? Von wem könnten wir ein Gleiches erwarten? – Das ganze menschliche Treiben geht wie ein Uhrwerk an ihm auf und nieder, er allein erzeugt frei aus sich das Ungeahnte, Unerschaffne, was sollte diesem auch der Verkehr mit der Welt, der schon vor Sonnenaufgang am heiligen Tagwerk ist und nach Sonnenuntergang kaum um sich sieht, der seines Leibes Nahrung vergißt und von dem Strom der Begeisterung im Flug an den Ufern des flachen Alltagslebens vorübergetragen wird; er selber sagte: »Wenn ich die Augen aufschlage, so muß ich seufzen; denn, was ich sehe, ist gegen meine Religion, und die Welt muß ich verachten, die nicht ahnt, daß Musik höhere Offenbarung ist als alle Weisheit und Philosophie, sie ist der Wein, der zu neuen Erzeugungen begeistert, und ich bin der Bacchus, der für die Menschen diesen herrlichen Wein keltert und sie geistestrunken macht, wenn sie dann wieder nüchtern sind, dann haben sie allerlei gefischt, was sie mit aufs Trockne bringen. – Keinen Freund hab ich, ich muß mit mir allein leben; ich weiß aber wohl, daß Gott mir näher ist wie den andern in meiner Kunst, ich gehe ohne Furcht mit ihm um, ich hab ihn jedesmal erkannt und verstanden, mir ist auch gar nicht bange um meine Musik, die kann kein bös Schicksal haben, wem sie sich verständlich macht, der muß frei werden von all dem Elend, womit sich die andern schleppen.« – Dies alles hat mir Beethoven gesagt, wie ich ihn zum erstenmal sah, mich durchdrang ein Gefühl von Ehrfurcht, wie er sich mit so freundlicher Offenheit gegen mich äußerte, da ich ihm doch ganz unbedeutend sein mußte; auch war ich verwundert; denn man hatte mir gesagt, er sei ganz menschenscheu und lasse sich mit niemand in ein Gespräch ein. Man fürchtete sich, mich[246] zu ihm zu führen, ich mußte ihn allein aufsuchen, er hat drei Wohnungen, in denen er abwechselnd sich versteckt, eine auf dem Lande, eine in der Stadt und die dritte auf der Bastei, da fand ich ihn im dritten Stock; unangemeldet trat ich ein, er saß am Klavier, ich nannte meinen Namen, er war sehr freundlich und fragte: ob ich ein Lied hören wolle, was er eben komponiert habe; – dann sang er scharf und schneidend, daß die Wehmut auf den Hörer zurückwirkte: »Kennst du das Land?« – »Nicht wahr, es ist schön«, sagte er begeistert, »wunderschön! Ich will's noch einmal singen«, er freute sich über meinen heiteren Beifall. »Die meisten Menschen sind gerührt über etwas Gutes, das sind aber keine Künstlernaturen, Künstler sind feurig, die weinen nicht«, sagte er. Dann sang er noch ein Lied von Dir, das er auch in diesen Tagen komponiert hatte: »Trocknet nicht Tränen der ewigen Liebe.« – Er begleitete mich nach Hause, und unterwegs sprach er eben das viele Schöne über die Kunst, dabei sprach er so laut und blieb auf der Straße stehen, daß Mut dazugehörte zuzuhören, er sprach mit großer Leidenschaft und viel zu überraschend, als daß ich nicht auch der Straße vergessen hätte, man war sehr verwundert, ihn mit mir in eine große Gesellschaft, die bei uns zum Diner war, eintreten zu sehen. Nach Tische setzte er sich unaufgefordert ans Instrument und spielte lang und wunderbar, sein Stolz fermentierte zugleich mit seinem Genie; in solcher Aufregung erzeugt sein Geist das Unbegreifliche, und seine Finger leisten das Unmögliche. Seitdem kommt er alle Tage, oder ich gehe zu ihm. Darüber versäume ich Gesellschaften, Galerien, Theater und sogar den Stephansturm. Beethoven sagt: »Ach, was wollen Sie da sehen! Ich werde Sie abholen, wir gehen gegen Abend durch die Allee von Schönbrunn.« Gestern ging ich mit ihm in einen herrlichen Garten, in voller Blüte, alle Treibhäuser offen, der Duft war betäubend; Beethoven blieb in der drückenden Sonnenhitze stehen und sagte: »Goethes Gedichte behaupten nicht allein durch den Inhalt, auch durch den Rhythmus eine große Gewalt über mich, ich werde gestimmt und aufgeregt zum Komponieren durch diese Sprache, die wie durch Geister zu höherer Ordnung sich aufbaut und das Geheimnis der Harmonien schon in sich trägt. Da muß ich denn von dem Brennpunkt der Begeisterung die Melodie nach allen Seiten hin ausladen, ich verfolge sie, hole sie mit Leidenschaft wieder ein, ich sehe sie dahinfliehen, in der Masse verschiedener Aufregungen verschwinden, bald erfasse ich sie mit erneuter Leidenschaft, ich kann mich nicht von ihr trennen, ich muß mit raschem Entzücken in allen Modulationen sie vervielfältigen, und im letzten Augenblick da triumphiere ich über den ersten musikalischen Gedanken, sehen Sie, das ist eine Symphonie; ja, Musik ist so recht die Vermittelung des geistigen Lebens zum sinnlichen. Ich möchte mit Goethe hierüber sprechen, ob der mich verstehen würde? – Melodie ist das sinnliche Leben der Poesie. Wird nicht der geistige Inhalt eines Gedichts zum sinnlichen Gefühl durch die Melodie? – Empfindet man nicht in dem Lied der Mignon ihre ganze sinnliche Stimmung durch die Melodie? Und erregt[247] diese Empfindung nicht wieder zu neuen Erzeugungen? – Da will der Geist zu schrankenloser Allgemeinheit sich ausdehnen, wo alles in allem sich bildet zum Bett der Gefühle, die aus dem einfachen musikalischen Gedanken entspringen, und die sonst ungeahnt verhallen würden; das ist Harmonie, das spricht sich in meinen Symphonien aus, der Schmelz vielseitiger Formen wogt dahin in einem Bett bis zum Ziel. Da fühlt man denn wohl, daß ein Ewiges, Unendliches, nie ganz zu Umfassendes in allem Geistigen liege, und obschon ich bei meinen Werken immer die Empfindung des Gelingens habe, so fühle ich einen ewigen Hunger, was mir eben erschöpft schien, mit dem letzten Paukenschlag, mit dem ich meinen Genuß, meine musikalische Überzeugung den Zuhörern einkeilte, wie ein Kind von neuem anzufangen. Sprechen Sie dem Goethe von mir, sagen Sie ihm, er soll meine Symphonien hören, da wird er mir recht geben, daß Musik der einzige unverkörperte Eingang in eine höhere Welt des Wissens ist, die wohl den Menschen umfaßt, daß er aber nicht sie zu fassen vermag. – Es gehört Rhythmus des Geistes dazu, um Musik in ihrer Wesenheit zu fassen, sie gibt Ahnung, Inspiration himmlischer Wissenschaften, und was der Geist sinnlich von ihr empfindet, das ist die Verkörperung geistiger Erkenntnis. – Obschon die Geister von ihr leben, wie man von der Luft lebt, so ist es noch ein anders, sie mit dem Geiste begreifen; – je mehr aber die Seele ihre sinnliche Nahrung aus ihr schöpft, je reifer wird der Geist zum glücklichen Einverständnis mit ihr. – Aber wenige gelangen dazu, denn so wie Tausende sich um der Liebe willen vermählen und die Liebe in diesen Tausenden sich nicht einmal offenbart, obschon sie alle das Handwerk der Liebe treiben, so treiben Tausende einen Verkehr mit der Musik und haben doch ihre Offenbarung nicht; auch ihr liegen die hohen Zeichen des Moralsinns zum Grunde wie jeder Kunst, alle echte Erfindung ist ein moralischer Fortschritt. – Sich selbst ihren unerforschlichen Gesetzen unterwerfen, vermöge dieser Gesetze den eignen Geist bändigen und lenken, daß er ihre Offenbarungen ausströme, das ist das isolierende Prinzip der Kunst; von ihrer Offenbarung aufgelöst werden, das ist die Hingebung an das Göttliche, was in Ruhe seine Herrschaft an dem Rasen ungebändigter Kräfte übt und so der Phantasie die höchste Wirksamkeit verleihet. So vertritt die Kunst allemal die Gottheit, und das menschliche Verhältnis zu ihr ist Religion, was wir durch die Kunst erwerben, das ist von Gott, göttliche Eingebung, die den menschlichen Befähigungen ein Ziel steckt, was er erreicht.

Wir wissen nicht, was uns Erkenntnis verleihet; das fest verschloßne Samenkorn bedarf des feuchten, elektrisch warmen Bodens, um zu treiben, zu denken, sich auszusprechen. Musik ist der elektrische Boden, in dem der Geist lebt, denkt, erfindet. Philosophie ist ein Niederschlag ihres elektrischen Geistes; ihre Bedürftigkeit, die alles auf ein Urprinzip gründen will, wird durch sie gehoben, obschon der Geist dessen nicht mächtig ist, was er durch sie erzeugt, so ist er doch glückselig in dieser Erzeugung,[248] so ist jede echte Erzeugung der Kunst, unabhängig, mächtiger als der Künstler selbst, kehrt durch ihre Erscheinung zum Göttlichen zurück, hängt nur darin mit dem Menschen zusammen, daß sie Zeugnis gibt von der Vermittelung des Göttlichen in ihm.

Musik gibt dem Geist die Beziehung zur Harmonie. Ein Gedanke abgesondert, hat doch das Gefühl der Gesamtheit der Verwandtschaft im Geist; so ist jeder Gedanke in der Musik in innigster, unteilbarster Verwandtschaft mit der Gesamtheit der Harmonie, die Einheit ist.

Alles Elektrische regt den Geist zu musikalischer, fließender, ausströmender Erzeugung.

Ich bin elektrischer Natur. – Ich muß abbrechen mit meiner unerweislichen Weisheit, sonst möchte ich die Probe versäumen, schreiben Sie an Goethe von mir, wenn Sie mich verstehen, aber verantworten kann ich nichts und will mich auch gern belehren lassen von ihm.« – Ich versprach ihm, so gut ich's begreife, Dir alles zu schreiben. – Er führte mich zu einer großen Musikprobe mit vollem Orchester, da saß ich im weiten unerhellten Raum in einer Loge ganz allein; einzelne Streiflichter stahlen sich durch Ritzen und Astlöcher, in denen ein Strom bunter Lichtfunken hin und her tanzte, wie Himmelsstraßen mit seligen Geistern bevölkert.

Da sah ich denn diesen ungeheuren Geist sein Regiment führen. O Goethe! Kein Kaiser und kein König hat so das Bewußtsein seiner Macht, und daß alle Kraft von ihm ausgehe, wie dieser Beethoven, der eben noch im Garten nach einem Grund suchte, wo ihm denn alles herkomme; verstünd ich ihn so, wie ich ihn fühle, dann wüßt ich alles. Dort stand er, so fest entschlossen, seine Bewegungen, sein Gesicht drückten die Vollendung seiner Schöpfung aus, er kam jedem Fehler, jedem Mißverstehen zuvor, kein Hauch war willkürlich, alles war durch die großartige Gegenwart seines Geistes in die besonnenste Tätigkeit versetzt. – Man möchte weissagen, daß ein solcher Geist in späterer Vollendung als Weltherrscher wieder auftreten werde.

Gestern abend schrieb ich noch alles auf, heute morgen las ich's ihm vor, er sagte: »Hab ich das gesagt? – Nun dann hab ich einen Raptus gehabt«; er las es noch einmal aufmerksam und strich das oben aus und schrieb zwischen die Zeilen; denn es ist ihm drum zu tun, daß Du ihn verstehst.

Erfreue mich nun mit einer baldigen Antwort, die dem Beethoven beweist, daß Du ihn würdigst. Es war ja immer unser Plan, über Musik zu sprechen, ja ich wollte auch, aber durch Beethoven fühl ich nun erst, daß ich der Sache nicht gewachsen bin.

Bettine


Meine Adresse ist Erdberggasse im Birkenstockischen Hause, noch vierzehn Tage trifft mich Dein Brief.[249]

An Bettine

Dein Brief, herzlich geliebtes Kind, ist zur glücklichen Stunde an mich gelangt, Du hast Dich brav zusammengenommen, um mir eine große und schöne Natur in ihren Leistungen wie in ihrem Streben, in ihren Bedürfnissen, wie in dem Überfluß ihrer Begabtheit darzustellen, es hat mir großes Vergnügen gemacht, dies Bild eines wahrhaft genialen Geistes in mich aufzunehmen, ohne ihn klassifizieren zu wollen, gehört doch ein psychologisches Rechnungskunststück dazu, um das wahre Fazit der Übereinstimmung da herauszuziehen, indessen fühle ich keinen Widerspruch gegen das, was sich von Deiner raschen Explosion erfassen läßt; im Gegenteil möchte ich Dir für einen innern Zusammenhang meiner Natur, mit dem, was sich aus diesen mannigfaltigen Äußerungen erkennen läßt, einstweilen einstehen, der gewöhnliche Menschenverstand würde vielleicht Widersprüche darin finden, was aber ein solcher vom Dämon Besessener ausspricht, davor muß ein Laie Ehrfurcht haben, und es muß gleichviel gelten, ob er aus Gefühl oder aus Erkenntnis spricht, denn hier walten die Götter und streuen Samen zu künftiger Einsicht, von der nur zu wünschen ist, daß sie zu ungestörter Ausbildung gedeihen möge; bis sie indessen allgemein werde, da müssen die Nebel vor dem menschlichen Geist sich erst teilen. Sage Beethoven das Herzlichste von mir, und daß ich gern Opfer bringen würde, um seine persönliche Bekanntschaft zu haben, wo denn ein Austausch von Gedanken und Empfindungen gewiß den schönsten Vorteil brächte, vielleicht vermagst Du so viel über ihn, daß er sich zu einer Reise nach Karlsbad bestimmen läßt, wo ich doch beinah jedes Jahr hinkomme und die beste Muße haben würde, von ihm zu hören und zu lernen; ihn belehren zu wollen, wäre wohl selbst von Einsichtigern als ich Frevel, da ihm sein Genie vorleuchtet und ihm oft wie durch einen Blitz Hellung gibt, wo wir im Dunkel sitzen und kaum ahnen, von welcher Seite der Tag anbrechen werde.

Sehr viel Freude würde es mir machen, wenn Beethoven mir die beiden komponierten Lieder von mir schicken wollte, aber hübsch deutlich geschrieben, ich bin sehr begierig sie zu hören, es gehört mit zu meinen erfreulichsten Genüssen, für die ich sehr dankbar bin, wenn ein solches Gedicht früherer Stimmung mir durch eine Melodie (wie Beethoven ganz, richtig erwähnt) wieder aufs neue versinnlicht wird.

Schließlich sage ich Dir noch einmal den innigsten Dank für Deine Mitteilungen und Deine Art mir wohlzutun, da Dir alles so schön gelingt, da Dir alles zu belehrendem, freudigem Genuß wird, welche Wünsche könnten da noch hinzugefügt werden, als daß es ewig so fortwähren möge; ewig auch in Beziehung auf mich, der den Vorteil nicht verkennt, zu Deinen Freunden gezählt zu werden. Bleibe mir daher, was Du mit so großer Treue warst, sooft Du auch den Platz wechseltest und sich die Gegenstände um Dich her veränderten und verschönerten.[250]

Auch der Herzog grüßt Dich und wünscht, nicht ganz von Dir vergessen zu sein. Ich erhalte wohl noch Nachricht von Dir in meinem Karlsbader Aufenthalt bei den drei Mohren.

Am 6. Juni 1810

G.

An Goethe

Liebster Freund! Dem Beethoven hab ich Deinen schönen Brief mitgeteilt, soweit es ihm anging, er war voll Freude und rief: »Wenn ihm jemand Verstand über Musik beibringen kann, so bin ich's.« Die Idee, Dich im Karlsbad aufzusuchen, ergriff er mit Begeistrung, er schlug sich vor den Kopf und sagte: »Konnte ich das nicht schon früher getan haben? – Aber wahrhaftig, ich hab schon daran gedacht, ich hab's aus Timidität unterlassen, die neckt mich manchmal, als ob ich kein rechter Mensch wär, aber vor dem Goethe fürchte ich mich nun nicht mehr.« – Rechne daher darauf, daß Du ihn im nächsten Jahr siehst.

Nun antworte ich nur noch auf die letzten Punkte Deines Briefs, aus denen ich Honig sammle: Die Gegenstände um mich her verändern sich zwar, aber sie verschönern sich nicht, das Schönste ist ja doch, daß ich von Dir weiß, und mich würde nichts freuen, wenn Du nicht wärst, vor dem ich es aussprechen dürfte; und zweifelst Du daran, so ist Dir auch daran gelegen, und bin ich auch glücklicher, als mich alle gezählten und ungezählten Freunde je machen können. Mein Wolfgang, Du zählst nicht mit unter den Freunden, lieber will ich gar keinen zählen.

Den Herzog grüße, leg mich ihm zu Füßen, sag ihm, daß ich ihn nicht vergessen habe, auch keine Minute, die ich dort mit ihm erlebt habe. – Daß er mir erlaubte, auf dem Schemel zu sitzen, worauf sein Fuß ruhte, daß er sich seine Zigarre von mir anrauchen ließ, daß er meine Haarflechte aus den Krallen des bösen Affen befreite und gar nicht lachte, obschon es sehr komisch war, das vergesse ich gar nicht, wie er dem Affen so bittend zuredete; dann der Abend beim Souper, wo er dem Ohrenschlüpfer den Pfirsich hinhielt, daß er sich darin verkriechen sollte, und wie jemand anders das Tierchen vom Tisch herunterwarf, um es tot zu treten; er wendete sich zu mir und sagte: »So böse sind Sie nicht, das hätten Sie nicht getan!« – Ich nahm mich zusammen in dieser kitzligen Affäre und sagte: »Ohrenschlüpfer soll man bei einem Fürsten nicht leiden«; er fragte: »Hat man auch die zu meiden, die es hinter den Ohren haben, so muß ich mich vor Ihnen hüten«; auch die Promenade zu den jungen ausgebrüteten Enten, die ich mit ihm zählte, wo Du dazu kamst und über unsere Geduld Dich schon lange gewundert hattest, ehe wir fertig waren, und so könnte ich Dir Zug für Zug jeden Moment wieder herbeirufen, der mir in seiner Nähe gegönnt war. Wer ihm nah[251] sein darf, dem muß wohl werden, weil er jeden gewähren läßt und doch mit dabei ist, und die schönste Freiheit gestattet und nicht unwillig ist um die Herrschaft des Geistes und dennoch sicher ist, einen jeden durch diese großartige Milde zu beherrschen. Das mag ins Große und Allgemeine gehen, so wie ich's im Kleinen und Einzelnen erfahren habe. Er ist groß, der Herzog, und wächst dennoch, er bleibt sich selber gleich, gibt jeglichen Beweis, daß er sich überbieten kann. So ist der Mensch, der einen hohen Genius hat, er gleicht ihm, er wächst so lange, bis er eins mit ihm wird.

Danke ihm in meinem Namen, daß er an mich denkt, beschreibe ihm meine zärtliche Ehrfurcht. Wenn mir wieder beschert ist, ihn zu sehen, dann werde ich von seiner Gnade den möglichsten Ertrag ziehen. Morgen packen wir auf und gehen hin, wo lauter böhmische Dörfer sind. Wie oft hat mir Deine Mutter gesagt, wenn ich ihr allerlei Projekte machte: »Das sind lauter böhmische Dörfer«, nun bin ich begierig, ein böhmisches Dorf zu sehen. Beide Lieder von Beethoven sind hier beigelegt, die beiden andern sind von mir, Beethoven hat sie gesehen und mir viel Schönes darüber gesagt, daß wenn ich mich dieser Kunst gewidmet hätte, ich große Hoffnungen darauf bauen könnte; ich aber streife sie nur im Flug; denn meine Kunst ist Lachen und Seufzen in einem Säckelchen, und über die ist mir keine.

Adieu! Vieles hole ich noch nach im böhmischen Schloß Bukowan.

Bettine

An Goethe

Bukowan im Praginer Kreis: Juli


Wie bequem ist's, wie lieblich an Dich zu denken unter diesem Dach von Tannen und Birken, die den heißen Mittag in hoher Ferne halten. Die schweren Tannzapfen glänzen und funkeln mit ihrem Harze, wie tausend kleine Tagsterne, machen's droben nur noch heißer und hier unten kühler. Der blaue Himmel deckt mein hohes enges Haus; ich messe rücklings seine Ferne, wie er unerreichbar scheint, doch trug mancher schon den Himmel in der Brust; ist mir doch, als hab auch ich ihn in mir festgehalten einen Augenblick, diesen weitgedehnten über Berg und Tal hinziehenden: über alle Ströme Brücken; durch alle Felsen, Höhlen; über Stock und Stein in einem Strich fort, der Himmel über mir, bis dort an Dein Herz, da sinkt er mit mir zusammen.

Liegt es denn nur in der Jugend, daß sie so innig wolle, was sie will? – Bist Du nicht so? – Begehrst nicht nach mir? – Möchtest Du nicht zuweilen bei mir sein? – Sehnsucht ist ja doch die rechte Fährte, sie weckt ein höheres Leben, gibt helle Ahnung noch unerkannter Wahrheiten, vernichtet allen Zweifel und ist sie die sicherste Prophetin seines Glückes. Dir sind alle Reiche aufgetan, Natur, Wissenschaft und Kunst, aus allen[252] sind den Fragen Deiner Sehnsucht göttliche Wahrheiten zugeströmt. – Was hab ich? – Ich habe Dich auf tausend Fragen.

Hier in der tiefen Felsschlucht denk ich so allerlei; – ich hab mich einen halsbrechenden Weg heruntergewagt, wie werd ich wieder hinaufkommen an diesen glatten Felswänden, an denen ich vergeblich die Spur suche, wo ich herabgeglitten bin. – Selbstvertrauen ist Vertrauen auf Gott, er wird mich doch nicht stecken lassen! – Ich lieg hier unter frischen hohen Kräutern, die mir die heiße Brust kühlen, viele kleine Würmchen und Spinnen klettern über mich hinaus, alles wimmelt geschäftig um mich her. Die Eidechsen schlüpfen aus ihren feuchten Löchern und heben das Köpfchen und staunen mich an mit ihren klugen Augen und schlüpfen eilig zurück; sie sagen's einander, daß ich da bin; – ich der Liebling des Dichters – es kommen immer mehr und gucken.

Ach, schöner Sommernachmittag! Ich brauch nicht zu denken, der Geist sieht müßig hinauf in die kristallne Luft. – Kein Witz, keine Tugend, nackt und bloß ist die Seele, in der Gott sein Ebenbild erkennt.

Die ganze Zeit war Regenwetter, heute brennt die Sonne wieder. Nun lieg ich hier zwischen Steinen auf weichem Moos von vielen Frühlingen her, die jungen Tannen dampfen heißes Harz aus und rühren mit den Ästen meinen Kopf. Ich muß jedem Fröschchen nachgucken, mich gegen Heuschrecken und Hummeln wehren, dabei bin ich so faul – was soll ich mit Dir schwätzen, hier wo ein Hauch das Laub bewegt, durch das die Sonne auf meine geschloßnen Augenlider spielt? – Guter Meister! – Hör in diesem Lispeln, wie sehr Du meine Einsamkeit beglückst; der Du alles weißt und alles fühlst, und weißt, wie wenig die Worte dem innern Sinn gehorchen. – Wann soll ich Dich wiedersehen? – Wann? – Daß ich mich nur ein klein wenig an Dich anlehnen möge und ausruhen, ich faules Kind.

Bettine


Wie ich gestern aus meiner Faulheit erwachte und mich besann, da waren die Schatten schon lang geworden; ich mußte mich an den jungen Birkenstämmchen, die aus den Felsritzen wachsen, aus meiner Untiefe heraufschwingen, das Schloß Bukowan mit seinen roten Dächern und schönen Türmen sah ich nirgends, ich wußte nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte, und entschloß mich kurz, ein paar Ziegen nachzugehen, die brachten mich wieder zu Menschen, mit denen sie in einer Hütte wohnen, ich machte diesen verständlich, daß ich nach Bukowan wolle, sie begleiteten mich, der Tag ging schlafen, der Mond ging auf, ich sang, weil ich doch nicht mit ihnen sprechen konnte, nachher sangen sie wieder, und so kam ich am späten Abend an, ein paarmal hatte ich Angst, die Leute könnten mich irreführen, und war recht froh, wie ich in meiner kleinen Turmstube saß.

Ich bin übrigens nicht ohne Beschäftigung, so einsam es auch ist, an einem[253] Morgen hab ich mehrere Hundert kleine Backsteine gemacht, das Bauen ist meine Freude, mein Bruder Christian ist ein wahres Genie, er kann alles, eben ist das Modell einer kleinen Schmiede fertig geworden, das nun auch gleich im großen ausgeführt werden soll. Die Erfindungsgabe dieses Bruders ist ein unversiegbarer Quell, und ich bin sein bester Handlanger, soweit meine Kräfte reichen, mehrere ideale Gebäude stehen in kleinen Modellen um uns her in einem großen Saal, und da sind der Aufgaben so viele, die ich zu lösen habe, daß ich abends oft ganz müde bin, es hindert mich jedoch nicht, morgens den Sonnenaufgang auf dem Pedeetsch zu erwarten, ein Berg, der rund ist wie ein Backofen und hiervon den Namen trägt (denn Pedeetsch heißt auf Böhmisch Backofen), etwas erhöht über hundert seinesgleichen, die wie ein großes Lager von Zelten ihn umgeben, da seh ich denn abermals und abermals die Welt dem Licht erwachen; allein und einsam wie ich bin, kämpft's in meiner Seele, müßte ich länger hier bleiben, so schön es auch ist, ich könnt's nicht aushalten. Vor kurzem war ich noch in der großen Wienstadt, ein Treiben, ein Leben unter den Men schen, als ob es nie aufhören sollte, da wurden in Gemeinschaft die üppigen Frühlingstage verlebt, in schönen Kleidern ging man gesellig umher. Jeder Tag brachte neue Freude und jeder Genuß wurde eine Quelle interessanter Mitteilungen, über das alles hinaus ragte mir Beethoven, der große übergeistige, der uns in eine unsichtbare Welt einführte, und der Lebenskraft einen Schwung gab, daß man das eigne beschränkte Selbst zu einem Geisteruniversum erweitert fühlte. Schade, daß er nicht hier ist in dieser Einsamkeit, daß ich über seinem Gespräch das ewige Zirpen jener Grille vergessen möchte, die nicht aufhört mich zu mahnen, daß nichts außer ihrem Ton die Einsamkeit unterbricht. – Heute habe ich mich eine ganze Stunde exerziert, einen Kranz von Rosen mit dem Stock auf ein hohes steinernes Kreuz zu schwingen, das am Fahrweg steht, es war vergebens, der Kranz entblätterte, ich setzte mich ermüdet auf die Bank darunter, bis der Abend kam, und dann ging ich nach Hause. Kannst Du glauben, daß es mich sehr traurig machte, so einsam nach Hause zu gehen, und daß es mir war, als hänge ich mit nichts zusammen in der Welt, und daß ich unterwegs an Deine Mutter dachte, wenn ich im Sommer zum Eschenheimer Tor hereinkam vom weiten Spaziergang, da lief ich zu ihr hinauf, ich warf Blumen und Kräuter, alles, was ich gesammelt hatte, mitten in die Stube und setzte mich dicht an sie heran und legte den Kopf ermüdet auf ihren Schoß; sie sagte: »Hast du die Blumen so weit hergebracht, und jetzt wirfst du sie alle weg«, da mußte ihr die Lieschen ein Gefäß bringen, und sie ordnete den Strauß selbst, über jede einzelne Blume hielt sie ihre Betrachtung und sagte vieles, was mir so wohltätig war, als schmeichle mir eine liebe Hand; sie freute sich, daß ich alles mitbrachte, Kornähren und Grassamen und Beeren am Aste, hohe Dolden, schöngeformte Blätter, Käfer, Moose, Samendolden, bunte Steine, sie nannte es eine Musterkarte der Natur und[254] bewahrte es immer mehrere Tage; manchmal bracht ich ihr auserlesene Früchte und verbot ihr, sie zu essen, weil sie zu schön waren, sie brach gleich einen schöngestreiften Pfirsich auf und sagte: »Man muß allem Ding seinen Willen tun, der Pfirsich läßt mir nun doch keine Ruh, bis er verzehrt ist.« In allem, was sie tat, glaubt ich Dich zu erkennen, ihre Eigenheiten und Ansichten waren mir liebe Rätsel, in denen ich Dich erriet.

Hätt ich die Mutter noch, so wüßt ich, wo ich zu Hause wär, ich würde ihren Umgang allem andern vorziehen, sie machte mich sicher im Denken und Handeln, manchmal verbot sie mir etwas, wenn ich aber doch als meinem Eigensinn gefolgt war, verteidigte sie mich gegen alle, und da holte sie aus in ihrem Enthusiasmus wie der Schmied, der das glühende Eisen auf dem Amboß hat, sie sagte: »Wer der Stimme in seiner Brust folgt, der wird seine Bestimmung nicht verfehlen, dem wächst ein Baum aus der Seele, aus dem jede Tugend und jede Kraft blüht, und der die schönsten Eigenschaften wie köstliche Äpfel trägt, und Religion, die ihm nicht im Weg ist, sondern seiner Natur angemessen, wer aber dieser Stimme nicht horcht, der ist blind und taub und muß sich von andern hinführen lassen, wo ihre Vorurteile sie selbst hin verbannen. Ei«, sagte sie, »ich wollte ja lieber vor der Welt zuschanden werden, als daß ich mich von Philisterhand über einen gefährlichen Steig leiten ließ, am End ist auch gar nichts gefährlich als nur die Furcht selber, die bringt einem um alles.« Grad im letzten Jahr war sie am lebendigsten und sprach über alles mit gleichem Anteil, aus den einfachsten Gesprächen entwickelten sich die feierlichsten und edelsten Wahrheiten, die einem für das ganze Leben ein Talisman sein konnten; sie sagte: »Der Mensch muß sich den besten Platz erwählen, und den muß er behaupten sein Leben lang, und muß all seine Kräfte daran setzen, dann nur ist er edel und wahrhaft groß. Ich meine nicht einen äußern, sondern einen innern Ehrenplatz, auf den uns stets diese innere Stimme hinweist, könnten wir nur das Regiment führen in uns selbst, wie Napoleon das Regiment der Welt führt, da würde sich die Welt mit jeder Generation erneuern und über sich selbst hinausschwingen. So bleibt's immer beim Alten, weil's halt keiner in sich weiter treibt wie der vorige, und da langweilt man sich schon, wenn man auch eben erst angekommen ist, ja, man fühlt's gleich, wenn man's auch zum erstenmal hört, daß die Weisheit schon altes abgedroschnes Zeug ist.« – Ihre französische Einquartierung mußte ihr viel von Napoleon erzählen, da fühlte sie mit alle Schauer der Begeisterung; sie sagte: »Der ist der Rechte, der in allen Herzen widerhallt mit Entzücken, Höheres gibt es nichts, als daß sich der Mensch im Menschen fühlbar mache«, und so steigere sich die Seligkeit durch Menschen und Geister wie durch eine elektrische Kette, um zuletzt als Funken in das himmlische Reich überzuspringen. – Die Poesie sei dazu, um das Edle, Einfache, Große aus den Krallen des Philistertums zu retten, alles[255] sei Poesie in seiner Ursprünglichkeit, und der Dichter sei dazu, diese wieder hervorzurufen, weil alles nur als Poesie sich verewige; ihre Art zu denken hat sich mir so tief eingeprägt, ich kann mir in ihrem Sinn auf alles Antwort geben, sie war so entschieden, daß die allgemeine Meinung durchaus keinen Einfluß auf sie hatte, es kam eben alles aus so tiefem Gefühl, sie sagte mir oft, ihre Vorliebe für mich sei bloß aus der verkehrten Meinung andrer Leute entstanden, da habe sie gleich geahnet, daß sie mich besser verstehen werde. – Nun, ich werde mich noch auf alles besinnen; denn mein Gedächtnis wird mir doch nicht weniger treu sein wie mein Herz. Am Pfingstfest, in ihrem letzten Lebensjahr, da kam ich aus dem Rheingau, um sie zu besuchen, sie war freudig überrascht, wir fuhren ins Kirschenwäldchen; es war so schön Wetter, die Blüten wirbelten leise um uns herab wie Schnee, ich erzählte ihr von einem ähnlichen schönen Feiertag, wie ich erst dreizehn Jahr alt gewesen, da hab ich nachmittags allein auf einer Rasenbank gesessen, und da habe sich ein Kätzchen auf meinen Schoß in die Sonne gelegt und sei eingeschlafen, und ich bin sitzen geblieben, um sie nicht zu stören, bis die Sonne unterging, da sprang die Katze fort. Die Mutter lachte und sagte: »Damals hast du vom Wolfgang noch nichts gewußt, da hast du mit der Katze vorlieb genommen.«

Ja, hätte ich die Mutter noch! Mit ihr brauchte man nicht Großes zu erleben, ein Sonnenstrahl, ein Schneegestöber, der Schall eines Posthorns weckte Gefühle, Erinnerung und Gedanken. – Ich muß mich schämen vor Dir, daß ich so verzagt bin. Bist Du mir nicht gut und nimmst mich auf wie eine gute Gabe? – Und kann einer Gabe annehmen, der sich nicht hingibt der Gabe? – Und ist das Gabe, die nicht ganz und immerdar sich gibt? – Geht auch ein Schritt vorwärts, der nicht in ein neues Leben geht? – Geht einer rückwärts, der nicht mit dem ewigen Leben verfallen wäre? – Siehst Du, das ist ein sehr einfaches Rechenexempel, warum man nicht verzagen soll, weil das Ewige keine Grenze hat. Wer will der Liebe, wer kann dem Geist Grenzen setzen? – Wer hat je geliebt, der sich etwas vorbehalten habe? Vorbehalt ist Selbstliebe. Das irdische Leben ist Gefängnis, der Schlüssel zur Freiheit ist Liebe, sie führt aus dem irdischen Leben ins Himmlische. – Wer kann aus sich selbst erlöst werden ohne die Liebe? Die Flamme verzehrt das Irdische, um dem Geist grenzenlosen Raum zu gewinnen, der auffliegt zum Äther; der Seufzer, der sich in der Gottheit auflöst, hat keine Grenze. Nur der Geist hat ewige Wirkung, ewiges Leben, alles andre stirbt. Gute Nacht; gute Nacht, es ist um die Geisterstunde.

Dein Kind, das sich an Dich drängt aus Furcht vor seinen eignen Gedanken.[256]

An Bettine

Da Du in der Fülle interessanter Begebenheiten und Zerstreuungen der volkreichsten Stadt nicht versäumt hast, mir so reichhaltige Berichte zu senden, so wäre es unbillig, wenn ich jetzt in Deinen verborgnen Schlupfwinkel Dir nicht auch ein Zeichen meines Lebens und meiner Liebe dahinüber schickte. Wo steckst Du denn? – Weit kann es nicht sein; die eingestreuten Lavendelblüten in Deinem Brief ohne Datum waren noch nicht welk, da ich ihn erhielt, sie deuten an, daß wir einander vielleicht näher sind, als wir ahnen konnten. Versäume ja nicht bei Deinen allseitigen Treiben und wunderlichen Versuchen, der Göttin Gelegenheit einen Tempel aus gemachten Backsteinen zu errichten, und erinnere Dich dabei, daß man sie ganz kühn bei den drei goldnen Haaren ergreifen muß, um sich ihrer Gunst zu versichern. Eigentlich hab ich Dich schon hier, in Deinen Briefen, in Deinen Andenken und lieblichen Melodien und vor allem in Deinem Tagebuch, mit dem ich mich täglich beschäftige, um mehr und mehr Deiner reichen erhabenen Phantasie mächtig zu werden, doch möchte ich Dir auch mündlich sagen können, wie Du mir wert bist.

Deine Weissagungen über Menschen und Dinge, über Vergangenheit und Zukunft sind mir lieb und nützlich, und ich verdiene auch, daß Du mir

das Beste gönnst. – Treues, liebevolles Andenken hat vielleicht einen bessern Einfluß auf Geschick und Geist als die Gunst der Sterne selbst, von denen wir ja doch nicht wissen, ob wir sie nicht den Beschwörungen schöner Liebe zu danken haben.

Von der Mutter schreib alles auf, es ist mir wichtig; sie hatte Kopf und Herz zur Tat wie zum Gefühl.

Was Du auf Deiner Reise gesehen und erfahren hast, schreib mir alles, lasse Dich die Einsamkeit nicht böslich anfallen, Du hast Kraft, ihr das

Beste abzugewinnen.

Schön wär's, wenn das liebe Böhmer Gebirg nun auch Deine liebe Erscheinung mir bescherte. Lebe wohl, liebstes Kind, fahre fort, mit mir zu leben, und lasse mich Deine lieben ausführlichen Briefe nicht missen.

Goethe

An Goethe

Dein Brief war ganz rasch da, ich glaubte, Deinen Atem noch darin zu erhaschen, noch eh ich ihn gelesen hatte, hab ich dem eine Falle gestellt, an der Landkarte bin ich auch gewesen. – Wenn ich heute von hier abreiste, so läg ich morgen früh zu Deinen Füßen; und wie ich an der weichen Molltonart Deines Schreibens erkenne, so würdest Du mich nicht lange da schmachten lassen, Du würdest mich bald ans Herz ziehen, und in stürmender Freude würde gleich Zimbeln und Pauken mit raschem[257] Wirbelschlag ein durch Mark und Bein dringendes Finale der süßen Ruhe vorangehen, die mich in Deiner Gegenwart beglückt. Wem entdeck ich's? – Die kleine Reise zu Dir? – Ach nein, ich sag's nicht, es versteht's doch keiner, wie selig es mich machen könnte, und dann ist es ja auch so allgemein, die Freude der Begeistrung zu verdammen, sie nennen es Wahnsinn und Verkehrtheit. – Glaub nicht, daß ich sagen dürfte, wie lieb ich Dich habe, was man nicht begreift, das findet man leicht toll, ich muß schweigen. Aber der herrlichen Göttin, die mit den Philistern ihr Spiel treibt, hab ich nach Deinem Wink und um meiner Ungeduld zu steuern, mit selbstgemachten Backsteinen schon den Grund zum Tempelchen gelegt. Hier male ich Dir den Grundriß: eine viereckige Halle in der Mitte ihrer vier Wände, Türen klein und schmal, innerhalb derselben eine zweite auf Stufen erhaben, die auch in der Mitte jeder Wand eine Tür hat; dieser Raum steht aber quer, also, daß die Ecken auf die vier Türen der äußeren Halle gerichtet sind; in diesem ein dritter viereckiger Raum, der auf Stufen erhöht liegt, nur eine Tür hat und wieder mit dem äußersten Raum gleich steht, die drei Ecken, welche sich durch den innersten Raum in dem zweiten abschneiden und durch große Öffnungen sich an denselben anschließen, während die vierte Ecke den Eingang zur Tür bildet, stellen die Gärten der Hesperiden dar, in der Mitte auf weichgepolstertem Thron die Göttin; nachlässig hingelehnt, schießt sie ohne Wahl nur spielend nach den goldnen Äpfeln der Hesperiden, die mit Jammer zusehen müssen, wie die vom Pfeil zufällig durchschoßnen Äpfel über die umwachte Grenze hinausfliegen. – O Goethe! Wer nun von außen die rechte Tür wählt und ohne langes Besinnen durch die Vorhallen grade zum innersten Tempel gelangt, den Apfel am fliegenden Pfeil kühn erhascht, wie glücklich ist der!

Die Mutter sagte: alle schönen Empfindungen des Menschengeistes, wenn sie auch auf Erden nicht auszuführen seien, so wären sie dem Himmel, wo alles ohne Leib, nur im Geist da sei, doch nicht verloren. Gott habe gesagt, es werde, und habe dadurch die ganze schöne Welt erschaffen, ebenso sei dem Menschen diese Kraft eingeboren, was er im Geist erfinde, das werde durch diese Kraft im Himmel erschaffen. Denn der Mensch baue sich seinen Himmel selbst, und seine herrlichen Erfindungen verzieren das ewige unendliche Jenseits; in diesem Sinne also baue ich unserer Göttin den schönen Tempel, ich bekleide seine Wände mit lieblichen Farben und Marmorbildern, ich lege den Boden aus mit bunten Steinen, ich schmücke ihn mit Blumen und erfülle durchwandelnd die Hallen mit dem Duft des Weihrauchs, auf den Zinnen aber bereite ich dem glückbringenden Storch ein bequemes Nest, und so vertreibe ich mir die ungeduldige Zeit, die mich aus einer Aufregung in die andere stürzt. – Ach, ich darf gar nicht hinhorchen in die Ferne wie sonst, wenn ich in der waldrauschenden Einsamkeit auf das Zwitschern der Vögel lauschte, um ihr Nestchen zu entdecken. Jetzt am hohen Mittag sitz ich allein im Garten und möchte[258] nur fühlen – nicht denken – was Du mir bist; da kommt leise der Wind, als käm er von Dir; er legt sich so frisch ans Herz – er spielt mit dem Staub zu meinen Füßen und jagt unter die tanzenden Mückchen, er streift mir die heißen Wangen, hält schmeichelnd den Brand der Sonne auf; am unbeschnittnen Rebengeländer hebt er die Ranken und flüstert in den Blättern, dann streift er eilend über die Felder, über die neigenden Blumen. Brachte er Botschaft? Hab ich ihn recht verstanden? – Ist's gewiß? Er soll mich tausendmal grüßen vom Freund, der gar nicht weit von hier meiner harrt, um mich tausendmal willkommen zu heißen? – Ach, könnt ich noch einmal ihn fragen! – Er ist fort; – laß ihn ziehen, zu andern, die auch sich sehnen, ich wende mich zu ihm, der allein mein Herz ergreift, mein Leben erneut mit seinem Geist, mit dem Hauch seiner Worte8.


Montag


Frag nur nicht nach dem Datum, ich habe keinen Kalender, und ich muß Dir gestehen, es ist, als ob sich's nicht schicke für meine Liebe, daß ich mich um die Zeit bekümmere. Ach Goethe! Ich mag nicht hinter mich sehen und auch nicht vor mich. Dem himmlischen Augenblick ist die Zeit ein Scharfrichter, das scharfe Schwert, das sie über ihm schwingt, seh ich mit scheuer Ahnung blitzen; nein, ich will nicht fragen nach der Zeit, wo ich fühle, daß die Ewigkeit mir den Genuß nicht über die Grenze des Augenblicks ausdehnen würde; aber doch, wenn Du wissen willst, über's Jahr vielleicht, – oder in späterer Zeit, wann es doch war, daß mich die Sonne braun gebrannt hat und ich's nicht spürte vor tiefem Sinnen an Dich; so merk es Dir, es ist grade, wo die Johannisbeeren reif sind, der spekulierende Geist des Bruders will sich in einem trefflichen Goose-beery vine versuchen, ich helfe keltern. Gestern abend im Mondlicht haben wir Traubenlese gehalten, da flogen unzählige Nachtfalter mir um den Kopf; wir haben eine ganze Welt träumerischer Geschöpfe aufgestört bei dieser nächtlichen Ernte, sie waren ganz irre geworden. Wie ich in mein Zimmer kam, fand ich unzählige, die das Licht umschwärmten, sie dauerten mich, ich wollte ihnen wieder hinaushelfen, ich hielt lange das Licht vors Fenster und habe die halbe Nacht mit zugebracht, es hat mich keine Mühe verdrossen. Goethe, habe doch auch Geduld mit mir, wenn ich Dich umschwärme und von den Strahlen Deines Glanzes mich nicht trennen will, da möchtest Du mir wohl auch gern nach Hause leuchten.

Bettine


Dienstag


Heute morgen hat der Christian, der auch Arzneiwissenschaft treibt, eine zahme Wachtel kuriert, die in meinem Zimmer herumläuft und krank war, er versuchte ihr einen Tropfen Opium einzuflößen, unversehens[259] trat er auf sie, daß sie ganz platt und tot dalag. Er faßte sie rasch und ribbelte sie mit beiden Händen wieder rund, da lief sie hin, als wenn ihr nichts gefehlt hätte, und die Krankheit ist auch vorbei, sie macht sich gar nicht mehr dick, sie frißt, sie säuft, badet sich und singt, alles staunt die Wachtel an.


Mittwoch


Heute gingen wir aufs Feld, um die Wirkung einer Maschine zu sehen, mit der Christian bei großer Dürre die Saaten wässern will; ein sich weit verbreitender Perlenregen spielte in der Sonne und machte uns viel Vergnügen. Mit diesem Bruder geh ich gern spazieren, er schlendert so vor mir her und findet überall was Merkwürdiges; er kennt das Leben der kleinen Insekten und ihre Wohnungen, und wie sie sich nähren und mehren; alle Pflanzen nennt er und kennt ihre Abkunft und Eigenschaften, manchmal bleibt er den ganzen Tag auf einem Fleck liegen und simuliert, wer weiß, was er da alles denkt, in keiner Stadt gäb's so viel zu tun, als was seine Erfindsamkeit jeden Augenblick ausheckt; bald hab ich beim Schmied, bald bei dem Zimmermann oder Maurer subtile Geschäfte für ihn, bei dem einen zieh ich den Blasbalg, bei dem andern halte ich Schnur und Richtmaß. Mit der Nähnadel und Schere muß ich auch eingreifen; eine Reisemütze hat er erfunden, deren Zipfel sich in einen Sonnenschirm ausbreitet, und einen Reisewagen rund wie eine Pauke, mit Lämmerfell ausgeschlagen, der von selbst fährt; Gedichte macht er auch, ein Lustspiel hat er gemacht zum Lachen für Mund und Herz; auf der Flöte bläst er in die tiefe Nacht hinein selbstgemachte, sehr schöne brillante Variationen, die im ganzen Praginer Kreis widerhallen. Er lehrt mich reiten und das Pferd regieren wie ein Mann; er läßt mich ohne Sattel reiten und wundert sich, daß ich sitzen bleib im Galopp. Der Gaul will mich nicht fallen lassen, er kneipt mich in den Fuß zum Scherz und daß ich Mut haben soll, er ist vielleicht ein verwünschter Prinz, dem ich gefall. Fechten lehrt mich der Christian auch, mit der linken Hand und mit der rechten, und nach dem Ziel schießen nach einer großen Sonnenblume, das lern ich alles mit Eifer, damit mein Leben doch nicht gar zu dumm wird, wenn's wieder Krieg gibt; heute abend waren wir auf der Jagd und haben Schmetterlinge geschossen, zwei hab ich getroffen auf einen Schuß.

So geht der Tag rasch vorüber, erst fürchtete ich vor Zeitüberfluß allzulange Briefe zu schreiben oder Dich mit spekulativen Gedanken über Gott und Religion zu behelligen, weil ich in Landshut viel in der Bibel gelesen habe und in Luthers Schriften. Jetzt ist mir alles so rund wie die Weltkugel, wo denn gar nichts zu bedenken ist, weil wir nirgendwo herunterfallen können. Deine Lieder singe ich im Gehen in der freien Natur, da finden sich die Melodien von selbst, die meiner Erfindung den rechten Rhythmus geben; in der Wildnis mach ich bedeutende Fortschritte,[260] das heißt, kühne Sätze von einer Klippe zur andern. Da hab ich einen kleinen Tummelplatz von Eichhörnchen entdeckt, unter einem Baum lagen eine große Menge dreieckiger Nüsse, auf dem Baum saßen zum wenigsten ein Dutzend Eichhörnchen und warfen mir die Schalen auf den Kopf, ich blieb still unten liegen und sah durch die Zweige ihren Ballettsprüngen und mimischen Tanz zu, was man mit so großem Genuß verzehren sieht, das macht einem auch unwiderstehlichen Appetit, ich habe ein ganzes Tuch voll dieser Nüsse, die man Bucheckern nennt, gesammelt und die ganze Nacht daran geknuspert wie die Eichhörnchen; wie schön speisen die Tiere des Waldes, wie anmutig bewegen sie sich dabei, und wie beschreibt sich in ihren Bewegungen der Charakter ihrer Nahrungsmittel. Man sieht der Ziege gleich an, daß sie gerne säuerliche Kräuter frißt, denn sie schmatzt. Die Menschen seh ich nicht gerne essen, da fühl ich mich beschämt. Der Geruch aus der Küche, wo allerlei bereitet wird, kränkt mich, da wird gesotten und gebraten und gespickt; Du weißt vielleicht nicht, was das ist? – Das ist eine gewaltig große Nähnadel, in die wird Speck eingefädelt, und damit wird das Fleisch der Tiere benäht, da setzen sich die vornehmen, gebildeten Männer, die den Staat regieren, an die Tafel und kauen in Gesellschaft. In Wien, wie sie den Tirolern Verzeihung für die Revolution ausgemacht haben, die sie doch selbst angezettelt hatten, und haben den Hofer an die Franzosen verkauft, das ist alles bei Tafel aus gemacht worden, mit trunknem Mut ließ sich das ohne sonderliche Gewissensbisse einrichten.

Die Diplomaten haben zwar die List des Teufels, der Teufel hat sie aber doch zum besten, das sieht man an ihren närrischen Gesichtern, auf denen der Teufel alle ihre Intrigen abmalt. In was liegt denn die höchste Würde als nur im Dienst der Menschheit, welche herrliche Aufgabe für den Landesherrn, daß alle Kinder kommen und flehen: »Gib uns unser täglich Brot!« – Und daß er sagen kann: »Da habt! Nehmt alles, denn ich bedarf nur, daß ihr versorgt seid«, ja wahrlich! Was kann einer für sich haben wollen als alles nur für andre zu haben, das wäre der beste Schuldentilger; aber den armen Tirolern haben sie doch ihre Schulden nicht bezahlt. Ach, was geht mich das alles an, der Bote geht ab, und nun hab ich Dir nichts geschrieben von vielem, was ich Dir sagen wollte, ach wenn es doch käme, daß ich Dir bald begegnete, was gewiß werden wird, ja, es muß wahr werden. Dann wollen wir alle Welthändel sein lassen und wollen jede Minute gewissenhaft verwenden9.

Bettine

An Bettine

Töplitz


Deine Briefe, allerliebste Bettine, sind von der Art, daß man jederzeit glaubt, der letzte sei der interessanteste. So ging mir's mit den Blättern, die[261] Du mitgebracht hattest, und die ich am Morgen Deiner Abreise fleißig las und wieder las. Nun aber kam Dein letztes, das alle die andern übertrifft10. Kannst Du so fortfahren, Dich selbst zu überbieten, so tue es, Du hast so viel mit Dir genommen, daß es wohl billig ist, etwas aus der Ferne zu senden. Gehe Dir's wohl!

Goethe


Deinen nächsten Brief muß ich mir unter gegenüberstehender Adresse erbitten, wie ominös! O weh! Was wird er enthalten?


Durch Herrn Hauptmann von Verlohren in Dresden.

An Goethe

Berlin, am 17. Oktober


Beschuldige mich nicht, daß ich so viel mit mir fortgenommen habe; denn wahrlich, ich fühle mich so verarmt, daß ich mich nach allen Seiten umsehe nach etwas, an das ich mich halten kann; gib mir etwas zu tun, wozu ich kein Tageslicht brauche, kein Zusammensein mit den Menschen, und was mir Mut gibt, allein zu sein. Dieser Ort gefällt mir nicht, hier sind keine Höhen, von denen man in die Ferne schauen könnte.


Am 18.


Ich stieg einmal auf einen Berg. – Ach! – was mein Herz beschwert? – sind Kleinigkeiten, sagen die Menschen. – Zusammenhängend schreiben? Ich könnte meiner Lebtag die Wahrheit nicht hervorbringen; seitdem wir in Töplitz zusammengesessen haben, was soll ich Dir noch lang schreiben, was der Tag mit sich bringt, das Leben ist nur schön, wenn ich mit Dir bin. – Nein, ich kann Dir nichts Zusammenhängendes erzählen, buchstabier Dich durch wie damals durch mein Geschwätz. Schreib ich denn nicht immer, was ich schon hunderttausendmal gesagt habe? – Die da von Dresden kamen, erzählten mir viel von Deinen Wegen und Stegen, grad als wollten sie sagen: »Dein Hausgott war auf anderer Leute Herd zu Gast und hat sich da gefallen.« Z... hat Dein Bild überkommen und hat es wider sein graubraunes Konterfei gestützt; ich seh in die Welt, und in diesem tausendfältigen Narrenspiegel seh ich häufig Dein Bild, das von Narren geliebkost wird. Du kannst doch wohl denken, daß dies mir nicht erfreulich ist. Du und Schiller, Ihr wart Freunde, und Eure Freundschaft hatte eine Basis im Geisterreich; aber Goethe, diese nachkömmlichen Bündnisse, die gemahnen mich grad wie die Trauerschleppe einer erhabenen vergangenen Zeit, die durch allen Schmutz des gemeinen Lebens nachschleppt. – Wenn ich mich bereite, Dir zu schreiben, und denke so in mich hinein, da fallen mir allemal die einzelnen Momente meines[262]

Lebens ein, die so ruhig, so auffaßlich in mich hereingeklungen haben, wie allenfalls einem Maler ähnliche Momente in der Natur wieder erscheinen, wenn er mit Lust etwas malt; so gedenke ich jetzt der Abenddämmerung im heißen Monat August, wie Du am Fenster saßest und ich vor Dir stand, und wie wir die Rede wechselten, ich hatte meinen Blick wie ein Pfeil scharf Dir ins Auge gedrückt, und so blieb ich drin haften und bohrte mich immer tiefer und tiefer ein, und wir waren beide stille, und Du zogst meine aufgelösten Haare durch die Finger. Ach Goethe, da fragtest Du, ob ich künftig Deiner gedenken werde beim Licht der Sterne, und ich hab es Dir versprochen; jetzt haben wir Mitte Oktober, und schon oft hab ich nach den Sternen gesehen und habe Deiner gedacht, es überläuft mich kalter Schauer, und Du, der meinen Blick dahin gebannt hat, denke doch, wie oft ich noch hinaufblicken werde, so schreib es denn auch täglich neu in die Sterne, daß Du mich liebst, damit ich nicht verzweifeln muß, sondern daß mir Trost von den Sternen niederleuchtet, jetzt, wo wir nicht beieinander sind. Vorm Jahr um diese Zeit, da ging ich an einem Tag weit spazieren und blieb auf einem Berg sitzen, da oben spielte ich mit dem glitzernden Sand, den die Sonne beschien und knipste den Samen aus den verdorrten Stäudchen, bei mit Nebel kämpfender Abendröte ging ich und übersah alle Lande, ich war frei im Herzen; denn meine Liebe zu Dir macht mich frei. – So was beengt mich zuweilen, wie damals die erfrischende Luft mich kräftig, ja beinah gescheut machte, daß ich nicht immer geh, immer wandre unter freiem Himmel und mit der Natur spreche. Ein Sturmwind nimmt in größter Schnelle ganze Täler ein, alles berührt er, alles bewegt er, und der es empfindet, wird von Begeistrung ergriffen. Die gewaltige Natur läßt keinen Raum und bedarf keinen Raum, was sie mit ihrem Zauberkreis umschlingt, das ist hereingebannt. O Goethe, Du bist auch hineingebannt, in keinem Wort, in keinem Hauch Deiner Gedichte läßt sie Dich los. – Und wieder muß ich vor dieser Menschwerdung niederknien und muß Dich lieben und begehren wie alle Natur. –

Da wollt ich Dir noch viel sagen, ward abgerufen, und heute am 29. Oktober komme ich wieder zum Schreiben. – Es ist halt überall ruhig oder vielmehr öde. Daß die Wahrheit sei, dazu gehört nicht einer; aber daß die Wahrheit sich an ihnen bewähre, dazu gehören alle Menschen. Mann! Dessen Fleisch und Bein so von der Schönheit Deiner Seele durchdrungen ist, wie darf ich Leib und Seele so beisammen lieb haben! – Oft denk ich bei mir, ich möchte besser und herrlicher sein, damit ich doch die Ansprüche an Dich rechtfertigen könnte, aber kann ich's? – Dann muß ich an Dich denken, Dich vor mir sehen, und habe nichts, wenn mir die Liebe nicht als Verdienst gelten soll? – Solche Liebe ist nicht unfruchtbar. – Und doch darf ich nicht nachdenken, ich könnte mir den Tod daran holen, ist was daran gelegen? – Jawohl! Ich hab eine Wiege in Deinem Herzen, und wer mich da herausstiehlt, sei es Tod oder Leben, der raubt[263] Dir ein Kind. Ein Kopfkissen möcht ich mit Dir haben, aber ein hartes; sag es niemand, daß ich so bei Dir liegen möchte, in tiefster Ruhe an Deiner Seite. Es gibt viele Auswege und Durchgänge in der Welt, einsame Wälder und Höhlen, die kein Ende haben, aber keiner ist so zum Schlaf, zum Wohlsein eingerichtet als nur der Schoß Gottes; ich denk mir's da breit und behaglich, und daß einer mit dem Kopf auf des andern Brust ruhe, und daß ein warmer Atem am Herzen hinstreife, was ich mir so sehr wünsche zu fühlen, Deinen Atem.

Bettine

An Bettine

Lücke in der Korrespondenz


Nun bin ich, liebe Bettine, wieder in Weimar ansässig und hätte Dir schon lange für Deine lieben Blätter11 danken sollen, die mir alle nach und nach zugekommen sind, besonders für Dein Andenken vom 27. August. Anstatt nun also Dir zu sagen, wie es mir geht, wovon nicht viel zu sagen ist, so bring ich eine freundliche Bitte an Dich. Da Du doch nicht aufhören wirst, mir gern zu schreiben, und ich nicht aufhören werde, Dich gern zu lesen, so könntest Du mir noch nebenher einen Gefallen tun. Ich will Dir nämlich bekennen, daß ich im Begriff bin, meine Bekenntnisse zu schreiben, daraus mag nun ein Roman oder eine Geschichte werden, das läßt sich nicht voraussehen, aber in jedem Fall bedarf ich Deiner Beihilfe. Meine gute Mutter ist abgeschieden und so manche andre, die mir das Vergangne wieder hervorrufen könnten, das ich meistens vergessen habe. Nun hast Du eine schöne Zeit mit der teuern Mutter gelebt, hast ihre Märchen und Anekdoten wiederholt vernommen und trägst und hegst alles im frischen belebenden Gedächtnis. Setze Dich also nur gleich hin und schreibe nieder, was sich auf mich und die Meinigen bezieht, und Du wirst mich dadurch sehr erfreuen und verbinden. Schicke von Zeit zu Zeit etwas und sprich mir dabei von Dir und Deiner Umgebung. Liebe mich bis zum Wiedersehn.

Weimar, am 25. Oktober 1810

G.


Am 4. November


Du hast doch immer eine Ursache, mir zu schreiben, ich hab aber nichts behalten, noch in Betracht gezogen als nur das Ende: »Liebe mich bis zum Wiedersehn.« Hättest Du diese letzten Worte nicht hingesetzt, so hätt ich vielleicht noch Rücksicht genommen aufs Vorhergehende; diese einzige Freundlichkeit hat mich überschwemmt, hat mich gefangen gehalten[264] in tausend süßen Gedanken von gestern abend an bis wieder heut abend. Aus dem allen kannst Du schließen, daß mir Dein Brief ungefähr vor vierundzwanzig Stunden frische Luft ins Zimmer gebracht hat. Nun war ich aber seitdem wie ein Dachs, dem die Winterwelt zu schlecht ist, und habe mich in den warmen Boden meiner eignen Gedanken vergraben. Was Du verlangst, hat für mich immer den Wert, daß ich es der Gabe würdig achte; ich gebe daher die Nahrung, das Leben zweier regen Jahre gern in Dein Gewahrsam, es ist wenig in bezug auf viel, aber unendlich, weil es einzig ist; Du selber könntest Dich vielleicht wundern, daß ich Dinge in den Tempel eintrug und mein Dasein durch sie weihte, die man doch allerorten findet; an jeder Hecke kann man in der Frühlingszeit Blüten abbrechen; aber wie, lieber Herr! So unscheinbar die Blüte auch ist, wenn sie nun nach Jahren immer noch duftet und grünt? – Deine Mutter gebar Dich in ihrem siebzehnten Jahr, und im sechsundsiebzigsten konnte sie alles noch mitleben, was in Deinen ersten Jahren vorging, und sie besäte das junge Feld, das guten Boden, aber keine Blumen hatte, mit diesen ewigen Blüten; und so kann ich Dir wohl gefallen, da ich gleichsam ein duftender Garten dieser Erinnerungen bin, worunter Deiner Mutter Zärtlichkeit die schönste Blüte ist, und – darf ich's sagen? – meine Treue die gewaltigste. – Ich trug nun schon früher Sorge darum, daß, was bei der Mutter so kräftig Wurzeln schlug und bei mir Blüten trieb, endlich auch in süßer Frucht vom hohen Stamm an die Erde niederrollen möchte. Nun höre! – Da lernte ich in München einen jungen Arzt kennen, verbranntes, von Blattern zerrissenes Gesicht, arm wie Hiob, fremd mit allen, große ausgebreitete Natur, aber grade darum in sich fertig und geschlossen, konnte den Teufel nicht als das absolut Böse erfassen, aber wohl als einen Kerl mit zwei Hörnern und Bocksfüßen (natürlich an den Hörnern läßt sich einer packen, wenn man Courage hat), der Weg seiner Begeisterung ging nicht auf einer Himmels-, aber wohl auf einer Hühnerleiter in seine Kammer, allwo er auf eigne Kosten mit armen Kranken darbte und freudig das Seinige mit ihnen teilte, seine junge, enthusiastische Kunst an ihnen gedeihen machte; – er war stumm durch Krankheit bis in sein viertes Jahr, ein Donnerschlag löste ihm die Zunge, mit fünfzehn Jahren sollte er Soldat werden; dafür, daß er des Generals wildes Pferd zähmte, gab ihn dieser frei, dadurch, daß er einen Wahnwitzigen kurierte, bekam er eine kleine unbequeme Stelle in München, in dieser Lage lernte ich ihn kennen, bald ging er bei mir aus und ein, dieser gute Geist, reich an Edelmut, der außerdem nichts hatte als seine Einsamkeit; nach beschwerlicher Tageslast, aus hilfreicher Leidenschaft lief er oft noch abends spät meilenweite Strecken, um die gefangnen Tiroler zu begegnen und ihnen Geld zuzustecken, oder er begleitete mich auf den Schneckenturm, wo man die fernen Alpen sehen kann, da haben wir überlegt, wenn wir Nebel oder rötlichen Schein am Himmel bemerkten, ob's Feuer sein könnte, da hab ich ihm auch oft meine Pläne[265] mitgeteilt, daß ich hinüber möchte zu den Tirolern, da haben wir auf der Karte einen Weg ausstudiert, und ich sah es ihm auf dem Gesicht geschrieben, daß er nur meiner Befehle harre.

So war's, da in Augsburg die pestartigen Lazarette sich häuften und in kurzer Zeit die Ärzte mit den Kranken wegrafften; mein junger Eisbrecher wanderte hin, um Last und Gefahr einem alten Lehrer abzunehmen, der Familienvater war, er ging mit schwerer Ahnung, ich gab ihm ein Sacktuch, alten Wein und das Versprechen, zu schreiben, zum Abschied. Da wurde denn überlegt und all des Guten gedacht, was sich während dieser kurzen Bekanntschaft ereignet hatte, und da wurde überdacht, daß meine Worte über Dich, mein liebendes Wissen von Dir und der Mutter, ein heiliger Schatz sei, der nicht verloren gehen solle, in der äußern Schale der Armut würde ein solches Kleinod am heiligsten bewahrt sein, und so kam's, daß meine Briefe mit den einzelnen Anekdoten Deiner Jugend erfüllt waren, deren eine jede wie Geister zu rechter Zeit eintrat, und Laune und Verdruß verscheuchten. – Der Zufall, uns der geheiligte, trägt auf seinen tausendfach beladenen Schwingen auch diese Briefe, und vielleicht wird es so, daß, wenn Fülle und Üppigkeit einst sich wieder durch das mißhandelte Fruchtland empordrängen, auch er die goldne Frucht niederschüttelt ins allgemeine Wohl.

Manches habe ich schon in dermaliger Zeit mit wenig Worten gedeutet, mehr zu Dir darüber sprechend, da ich Dich noch nicht kannte, nicht gesehen hatte, oder auch war ich mit dem Senkblei tief in eignes Wohl und Weh eingedrungen. – Verstehst Du mich? – Da Du mich liebst? – Willst Du so, daß ich Dir die ehemalige Zeit vortrage, wo, so wie mir Dein Geist erschien, ich mich meiner eignen Geistigkeit bemächtigte, um ihn zu fassen, zu lieben? – Und warum sollte ich nicht schwindeln vor Begeisterung, ist denn das mögliche Hinabstürzen so furchtbar? – Wie der Edelstein, vom einsamen Strahl berührt, tausendfache Farben ihm entgegenspiegelt, so auch wird Deine Schönheit vom Strahl der Begeisterung allein beleuchtet, tausendfach bereichert.

Nur erst, wenn alles begriffen ist, kann das Etwas seinen vollen Wert erweisen, und somit begreifst Du mich, wenn ich Dir erzähle, daß das Wochenbett Deiner Mutter, worin sie Dich zur Welt brachte, blaugewürfelte Vorhänge hatte. Sie war damals achtzehn Jahre alt und ein Jahr verheiratet, hier bemerkte sie, Du würdest wohl ewig jung bleiben, und Dein Herz würde nie veralten, da Du die Jugend der Mutter mit in den Kauf habest. Drei Tage bedachtest Du Dich, eh Du ans Weltlicht kamst und machtest der Mutter schwere Stunden. Aus Zorn, daß Dich die Not aus dem eingebornen Wohnort trieb und durch die Mißhandlung der Amme kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen. Sie legten Dich in einen sogenannten Fleischarden und bäheten Dir die Herzgrube mit Wein, ganz an Deinem Leben verzweifelnd. Deine Großmutter stand hinter dem Bett, als Du zuerst die Augen aufschlugst, rief sie hervor: »Rätin, er lebt!« »Da[266] erwachte mein mütterliches Herz und lebte seitdem in fortwährender Begeisterung bis zu dieser Stunde!« sagte sie mir in ihrem fünfundsiebzigsten Jahre. Dein Großvater, der der Stadt ein herrlicher Bürger und damals Syndikus war, wendete stets Zufall und Unfall zum Wohl der Stadt an, und so wurde auch Deine schwere Geburt die Veranlassung, daß man einen Geburtshelfer für die Armen einsetzte. »Schon in der Wiege war er den Menschen eine Wohltat«, sagte die Mutter, sie legte Dich an ihre Brust, allein Du warst nicht zum Saugen zu bringen, da wurde Dir eine Amme gegeben. An dieser hat er mit rechtem Appetit und Behagen getrunken, da es sich nun fand, sagte sie, daß ich keine Milch hatte, so merkten wird bald, daß er gescheiter gewesen war wie wir alle, da er nicht an mir trinken wollte.

Siehst Du, nun bist Du einmal geboren, nun kann ich schon immer ein wenig pausieren, nun bist Du einmal da, ein jeder Augenblick ist mir lieb genug, um dabei zu verweilen, ich mag den zweiten nicht herbei rufen, daß er mich vom ersten verdränge. – Wo Du bist, ist Lieb und Güte, wo Du bist Natur! – Jetzt wart ich's erst ab, daß Du mir wieder schreibest: »Nun, erzähl weiter.« Dann werd ich erst fragen: Nun, wo sind wir denn geblieben? – Und dann werd ich Dir erzählen von Deinen Großeltern, von Deinen Träumen, Schönheit, Stolz, Liebe usw. Amen.

Rätin, er lebt! Das Wort ging mir immer durch Mark und Bein, so oft es die Mutter im erhöhten Freudenton vortrug.


Das Schwert der Gefahr

Hängt oft an einem Haar,

Aber der Segen einer Ewigkeit

Liegt oft in einem Blick der Gnade bereit


kann man bei Deiner Geburt wohl sagen.

Bettine


P.S.

Schreib bald, Herzenskind, dann wirst Du auch bald wachsen, in die liebsten Jahre kommen, wo Dein Mutwille Dich allen gefährlich machte und über alle Gefahr hinweghob. – Soll ich Dir bekennen, daß dieses Geschäft mir Schmerzen macht, und daß die tausend Gedanken sich um mich herlagern, als wollten sie mich für ewig gefangennehmen?

Zelter läutet und bummelt mir Deine Lieder vor wie eine Glocke, die von einem faulen Küster angeläutet wird, es geht immer Bim und zu spät wieder Bam. Sie fallen alle übereinander her, Zelter über Reichard, dieser über Hummel, dieser über Righini und dieser wieder über den Zelter; es könnte ein jeder sich selbst ausprügeln, so hätte er immer dem andern einen größeren Gefallen getan, als wenn er ihn zum Konzert eingeladen hätte. Nur die Toten sollen sie mir ruhen lassen und den Beethoven, der gleich bei seiner Geburt auf ihr Erbteil Verzicht getan hat.[267]

Das gilt aber alles nichts... Lieber Freund! Wer Dich lieb hat wie ich, der singt Dich im tiefsten Herzen, das kann aber keiner mit so breiten Knochen und so langer Weste.

Schreib bald, schreib gleich, wenn Du wüßtest, wie in einem einzigen Wort von Dir oft ein schwerer Traum gelöst wird! – Ruf mir nur zu: »Kind, ich bin ja bei Dir!« Dann ist alles gut. Tu es.

Würde es Dich nicht interessieren, Briefe, die Du an Jugendfreunde geschrieben, wieder zu bekommen? – Schreib darüber, sie könnten Dich doch wohl um so lebhafter in die damalige Zeit versetzen, und derselben zum Teil habhaft zu werden, wäre doch auch nicht unmöglich, antworte mir, lieber Freund, unterdessen will ich keinen Tag vergehen lassen, ohne an Deiner Aufgabe zu arbeiten.

An Bettine

Hier die Duette! In diesem Augenblick habe ich nicht mehr Fassung und Ruhe als Dir zu sagen: fahre fort, so lieb und anmutig zu sein. Laß mich nun bald taufen! Adieu.

12. November 1810

G.

Mein teuerster Freund!

Ich kenne Dich nicht! Nein, ich kenne Dich nicht! Ich kann Deine Worte mißverstehen, ich kann mir Sorgen um Dich machen, da Du doch Freiheit hast über aller Sklaverei, da doch Dein Antlitz nie vom Unglück überschattet war, und ich kann Furcht haben bei dem edelsten Gastfreund des Glückes? – Die wahre Liebe hat kein Bekümmernis. Ich habe mir oft vorgenommen, daß ich Dich viel zu heilig halten will als elende Angst um Dich zu hegen, und daß Du in mir nur Trost und Freude hervorbringen sollst. Sei es, wie es mag, hab ich Dich auch nicht, so hab ich Dich doch, – und nicht wahr, in meinen Briefen, da fühlst Du, daß ich Wahrheit rede? Da hast Du mich, – und ich? – Weissagend verfolge ich die Züge Deiner Feder, die Hand, die mir gnädig ist, hat sie geführt, das Auge, das mir wohl will, hat sie übersehen, und der Geist, der so vieles, so Verschiednes umfängt, hat sich eine Minute lang ausschließlich zu mir gewendet – da hab ich Dich, – soll ich Dir einen Kommentar hierzu machen? – Ein Augenblick ist ein schicklicherer Raum für eine göttliche Erscheinung als eine halbe Stunde – der Augenblick, den Du mir schenkst, macht mich seliger als das ganze Leben.

Heute am 24. hab ich die Duetten erhalten mit den wenigen Zeilen von Dir, die mich aufs Geratewohl irreführten, es war mir, als könntest Du krank[268] sein, oder – ich weiß nicht, was ich mir alles dachte, aber daran dachte ich nicht, daß Du in jenem Augenblick, bloß, weil Dein Herz so voll war, so viel in wenig Worten ausdrücken könntest, und endlich, für Dich ist ja nichts zu fürchten, nichts zu zittern. Aber wenn auch! – Weh mir, wenn ich Dir nicht freudig folgen könnte, wenn meine Liebe den Weg nicht fände, der Dir immer so nah ist, wie mein Herz dem Deinigen ist und war.

Bettine


Hierbei schicke ich Dir Blätter mit allerlei Geschichten und Notizen aus Deinem und der Mutter Leben. Es ist die Frage, ob Du es wirst brauchen können, schreib mir, ob Dir mehr erforderlich ist, in diesem Fall müßte ich das Notizbuch zurückerhalten, was ich hier mitschicke, ich glaub aber gewiß, daß Du besser und mehr darin finden wirst, als ich noch hinzusetzen könnte. Verzeih alles Überflüssige, wozu denn wohl am ersten die Tintenkleckse und ausgestrichenen Worte gehören.

An Goethe

Die Himmel dehnen sich so weit vor mir, alle Berge, die ich je mit stillem Blick maß, heben sich so unermeßlich, die Ebenen, die noch eben mit dem glühenden Rand der aufgehenden Sonne begrenzt waren, sie haben keine Grenzen mehr. In die Ewigkeit hinein. – Will denn sein Leben so viel Raum haben? –

Von seiner Kindheit: wie er schon mit neun Wochen ängstliche Träume gehabt, wie Großmutter und Großvater, Mutter und Vater und die Amme um seine Wiege gestanden und lauschten, welche heftige Bewegungen sich in seinen Mienen zeigten, und wenn er erwachte, in ein sehr betrübtes Weinen verfallen, oft auch sehr heftig geschrien hat, so daß ihm der Atem entging und die Eltern für sein Leben besorgt waren; sie schafften eine Klingel an, wenn sie merkten, daß er im Schlaf unruhig ward, klingelten und rasselten sie heftig, damit er bei dem Aufwachen gleich den Traum vergessen möge; einmal hatte der Vater ihn auf dem Arm und ließ ihn in den Mond sehen, da fiel er plötzlich wie von etwas erschüttert, zurück und geriet so außer sich, daß ihm der Vater Luft einblasen mußte, damit er nicht ersticke. – »Diese kleinen Zufälle würde ich in einem Zeitraum von sechszig Jahren vergessen haben«, sagte die Mutter, »wenn nicht sein fortwährendes Leben mir dies alles geheiligt hätte; denn soll ich die Vorsehung nicht anbeten, wenn ich bedenke, daß ein Leben damals von einem Lufthauch abhing, das sich jetzt in tausend Herzen befestigt hat? – Und mir ist es nun gar das einzige, denn Du kannst wohl denken, Bettine, daß Weltbegebenheiten mich nicht sehr anfechten, daß[269] Gesellschaften mich nicht erfüllen. Hier in meiner Einsamkeit, wo ich die Tage nacheinander zähle und keiner vergeht, daß ich nicht meines Sohnes gedenke, und alles ist mir wie Gold.«

Er spielte nicht gern mit kleinen Kindern, sie mußten denn sehr schön sein. In einer Gesellschaft fing er plötzlich an zu weinen und schrie: »Das schwarze Kind soll hinaus, das kann ich nicht leiden«, er hörte auch nicht auf mit Weinen, bis er nach Haus kam, wo ihn die Mutter befragte über die Unart, er konnte sich nicht trösten über des Kindes Häßlichkeit. Damals war er drei Jahr alt. – Die Bettine, welche auf einem Schemel zu Füßen der Frau Rat saß, machte ihre eignen Glossen darüber und drückte der Mutter Knie ans Herz.

Zu der kleinen Schwester Cornelia hatte er, da sie noch in der Wiege lag, schon die zärtlichste Zuneigung, er trug ihr alles zu und wollte sie allein nähren und pflegen und war eifersüchtig, wenn man sie aus der Wiege nahm, in der er sie beherrschte, da war sein Zorn nicht zu bändigen, er war überhaupt viel mehr zum Zürnen wie zum Weinen zu bringen.

Die Küche im Haus ging auf die Straße, an einem Sonntag morgen, da alles in der Kirche war, geriet der kleine Wolfgang hinein und warf alles Geschirr nacheinander zum Fenster hinaus, weil ihn das Rappeln freute und die Nachbarn, die es ergötzte, ihn dazu aufmunterten; die Mutter, die aus der Kirche kam, war sehr erstaunt, die Schüsseln alle herausfliegen zu sehen, da war er eben fertig und lachte so herzlich mit den Leuten auf der Straße, und die Mutter lachte mit.

Oft sah er nach den Sternen, von denen man ihm sagte, daß sie bei seiner Geburt eingestanden haben, hier mußte die Einbildungskraft der Mutter oft das Unmögliche tun, um seinen Forschungen Genüge zu leisten, und so hatte er bald heraus, daß Jupiter und Venus die Regenten und Beschützer seiner Geschicke sein würden; kein Spielwerk konnte ihn nun mehr fesseln, als das Zahlbrett seines Vaters, auf dem er mit Zahlpfennigen die Stellung der Gestirne nachmachte, wie er sie gesehen hatte; er stellte dieses Zahlbrett an sein Bett und glaubte sich dadurch dem Einfluß seiner günstigen Sterne näher gerückt; er sagte auch oft zur Mutter sorgenvoll: »Die Sterne werden mich doch nicht vergessen und werden halten, was sie bei meiner Wiege versprochen haben?« – Da sagte die Mutter: »Warum willst du denn mit Gewalt den Beistand der Sterne, da wir andre doch ohne sie fertig werden müssen«, da sagte er ganz stolz: »Mit dem, was andern Leuten genügt, kann ich nicht fertig werden«; damals war er sieben Jahr alt.

Sonderbar fiel es der Mutter auf, daß er bei dem Tod seines jüngern Bruders Jakob, der sein Spielkamerad war, keine Träne vergoß, er schien vielmehr eine Art Ärger über die Klagen der Eltern und Geschwister zu haben, da die Mutter nun später den Trotzigen fragte, ob er den Bruder nicht lieb gehabt habe, lief er in seine Kammer, brachte unter dem Bett hervor eine Menge Papiere, die mit Lektionen und Geschichtchen beschrieben[270] waren; er sagte ihr, daß er dies alles gemacht habe, um es dem Bruder zu lehren.

Die Mutter glaubte auch sich einen Anteil an seiner Darstellungsgabe zuschreiben zu dürfen, »denn einmal«, sagte sie, »konnte ich nicht ermüden zu erzählen, so wie er nicht ermüdete zuzuhören; Luft, Feuer, Wasser und Erde stellte ich ihm unter schönen Prinzessinnen vor, und alles, was in der ganzen Natur vorging, dem ergab sich eine Bedeutung, an die ich bald selbst fester glaubte als meine Zuhörer, und da wir uns erst zwischen den Gestirnen Straßen dachten, und daß wir einst Sterne bewohnen würden, und welchen großen Geistern wir da oben begegnen würden, da war kein Mensch so eifrig auf die Stunde des Erzählens mit den Kindern wie ich, ja, ich war im höchsten Grad begierig, unsere kleinen eingebildeten Erzählungen weiterzuführen, und eine Einladung, die mich um einen solchen Abend brachte, war mir immer verdrießlich. Da saß ich, und da verschlang er mich bald mit seinen großen schwarzen Augen, und wenn das Schicksal irgendeines Lieblings nicht recht nach seinem Sinn ging, da sah ich, wie die Zornader an der Stirn schwoll, und wie er die Tränen verbiß. Manchmal griff er ein und sagte, noch eh ich meine Wendung genommen hatte: »Nicht wahr, Mutter, die Prinzessin heiratet nicht den verdammten Schneider, wenn er auch den Riesen totschlägt«; wenn ich nun Halt machte und die Katastrophe auf den nächsten Abend verschob, so konnte ich sicher sein, daß er bis dahin alles zurechtgerückt hatte, und so ward mir denn meine Einbildungskraft, wo sie nicht mehr zureichte, häufig durch die seine ersetzt; wenn ich denn am nächsten Abend die Schicksalsfäden nach seiner Angabe weiter lenkte und sagte: »Du hast's geraten, so ist's gekommen«, da war er Feuer und Flamme, und man konnte sein Herzchen unter der Halskrause schlagen sehen. Der Großmutter, die im Hinterhause wohnte, und deren Liebling er war, vertraute er nun allemal seine Ansichten, wie es mit der Erzählung wohl noch werde, und von dieser erfuhr ich, wie ich seinen Wünschen gemäß weiter im Text kommen solle, und so war ein geheimes diplomatisches Treiben zwischen uns, das keiner an den andern verriet; so hatte ich die Satisfaktion, zum Genuß und Erstaunen der Zuhörenden, meine Märchen vorzutragen, und der Wolfgang, ohne je sich als den Urheber aller merkwürdigen Ereignisse zu bekennen, sah mit glühenden Augen der Erfüllung seiner kühn angelegten Pläne entgegen und begrüßte das Ausmalen derselben mit enthusiastischem Beifall.« Diese schönen Abende, durch die sich der Ruhm meiner Erzählungskunst bald verbreitete, so daß endlich alt und jung daran teilnahm, sind mir eine sehr erquickliche Erinnerung. Das Welttheater war nicht so reichhaltig, obschon es die Quelle war zu immer neuen Erfindungen, es tat durch seine grausenhafte Wirklichkeit, die alles Fabelhafte überstieg, für's erste der Märchenwelt Abbruch, das war das Erdbeben von Lissabon; alle Zeitungen waren davon erfüllt, alle Menschen argumentierten in wunderlicher Verwirrung, kurz,[271] es war ein Weltereignis, das bis in die entferntesten Gegenden alle Herzen erschütterte; der kleine Wolfgang, der damals im siebenten Jahr war, hatte keine Ruhe mehr; das brausende Meer, das in einem Nu alle Schiffe niederschluckte und dann hinaufstieg am Ufer, um den ungeheuern königlichen Palast zu verschlingen, die hohen Türme, die zuvörderst unter dem Schutt der kleinern Häuser begraben wurden, die Flammen, die überall aus den Ruinen heraus endlich zusammenschlagen und ein großes Feuermeer verbreiten, während eine Schar von Teufeln aus der Erde hervorsteigt, um allen bösen Unfug an den Unglücklichen auszuüben, die von vielen tausend zugrunde Gegangnen noch übrig waren, machten ihm einen ungeheuren Eindruck. Jeden Abend enthielt die Zeitung neue Mär, bestimmtere Erzählungen, in den Kirchen hielt man Bußpredigten, der Papst schrieb ein allgemeines Fasten aus, in den katholischen Kirchen waren Requiem für die vom Erdbeben Verschlungenen. Betrachtungen aller Art wurden in Gegenwart der Kinder vielseitig besprochen, die Bibel wurde aufgeschlagen, Gründe für und wider behauptet, dies alles beschäftigte den Wolfgang tiefer, als einer ahnen konnte, und er machte am Ende eine Auslegung davon, die alle an Weisheit übertraf.

Nachdem er mit dem Großvater aus einer Predigt kam, in welcher die Weisheit des Schöpfers gleichsam gegen die betroffne Menschheit verteidigt wurde, und der Vater ihn fragte, wie er die Predigt verstanden habe, sagte er: »Am Ende mag alles noch viel einfacher sein, als der Prediger meint, Gott wird wohl wissen, daß der unsterblichen Seele durch böses Schicksal kein Schaden geschehen kann.« – Von da an warst Du wieder oben auf, doch meinte die Mutter, daß Deine revolutionären Aufregungen bei diesem Erdbeben später beim Prometheus wieder zum Vorschein gekommen seien.

Laß mich Dir noch erzählen, daß Dein Großvater zum Gedächtnis Deiner Geburt einen Birnbaum in dem wohlgepflegten Garten vor dem Bockenheimer Tor gepflanzt hat, der Baum ist sehr groß geworden, von seinen Früchten, die köstlich sind, hab ich gegessen und – Du würdest mich auslachen, wenn ich Dir alles sagen wollte. Es war ein schöner Frühling, sonnig und warm, der junge hochstämmige Birnbaum war über und über bedeckt mit Blüten, nun war's, glaub ich, am Geburtstag der Mutter, da schafften die Kinder den grünen Sessel, auf dem sie abends, wenn sie erzählte, zu sitzen pflegte, und der darum der Märchensessel genannt wurde, in aller Stille in den Garten, putzten ihn auf mit Bändern und Blumen, und nachdem Gäste und Verwandte sich versammelt hatten, trat der Wolfgang als Schäfer gekleidet mit einer Hirtentasche, aus der eine Rolle mit goldnen Buchstaben herabhing, mit einem grünen Kranz auf dem Kopf unter den Birnbaum und hielt eine Anrede an den Sessel, als den Sitz der schönen Märchen, es war eine große Freude, den schönen bekränzten Knaben unter den blühenden Zweigen zu sehen, wie er im Feuer der Rede, welche er mit großer Zuversicht hielt, aufbrauste. Der[272] zweite Teil dieses schönen Festes bestand in Seifenblasen, die im Sonnenschein, von Kindern, welche den Märchenstuhl umkreisten, in die heitere Luft gehaucht, von Zephir aufgenommen und schwebend hin und her geweht wurden; sooft eine Blase auf den gefeierten Stuhl sank, schrie alles: »Ein Märchen! ein Märchen!« Wenn die Blase, von der krausen Wolle des Tuches eine Weile gehalten, endlich platzte, schrien sie wieder: »Das Märchen platzt.« Die Nachbarsleute in den angrenzenden Gärten guckten über Mauer und Verzäunung und nahmen den lebhaftesten Anteil an diesem großen Jubel, so daß dies kleine Fest am Abend in der ganzen Stadt bekannt war. Die Stadt hat's vergessen, die Mutter hat's behalten und es sich später oft als eine Weissagung Deiner Zukunft ausgelegt.

Nun, lieber Goethe, muß ich Dir bekennen, daß es mir das Herz zusammenschnürt, wenn ich Dir diese einzelnen Dinge hintereinander hinschreibe, die mit tausend Gedanken zusammenhängen, welche ich Dir weder erzählen noch sonst deutlich machen kann, denn Du liebst Dich nicht wie ich, und Dir muß dies wohl unbedeutend erscheinen, während ich keinen Atemzug von Dir verlieren möchte. – Daß vieles sich nicht verwindet, wenn's einmal empfunden ist, daß es immer wiederkehrt, ist nicht traurig; aber daß die Ufer ewig unerreichbar bleiben, das schärft den Schmerz. – Wenn mir Deine Liebe zu meiner Mutter durchklingt und ich überdenke das Ganze, dies Zurückhalten, dies Verbrausen der Jugend auf tausend Wegen, – es muß sich ja doch einmal lösen. – Mein Leben: was war's anders als ein tiefer Spiegel des Deinigen, es war liebende Ahnung, die alles mit sich fortzieht, die mir von Dir Kunde gab; so war ich Dir nachgekommen ans Licht, und so werd ich Dir nachziehen ins Dunkel. – Mein lieber Freund, der mich nimmermehr verkennt! – Sieh ich löse mir das Rätsel auf mancherlei schöne Weise; aber, »frag nicht, was es ist, und laß das Herz gewähren«, sag ich mir hundertmal.

Ich seh um mich emporwachsen Pflanzen seltner Art, sie haben Stacheln und Duft, ich mag keine berühren, ich mag keine missen. Wer sich ins Leben hereinwagt, der kann nur sich wieder durcharbeiten in die Freiheit; und ich weiß, daß ich Dich einst noch festhalten werde und mit Dir sein und in Dir sein, das ist das Ziel meiner Wünsche, das ist mein Glaube.

Leb wohl, sei gesund und laß Dir ein einheimischer Gedanke sein, daß Du mich wiedersehen wollest, vieles möcht ich vor Dir aussprechen.

24. November

An Goethe

Schön wie ein Engel warst Du, bist Du und bleibst Du, so waren auch in Deiner frühesten Jugend aller Augen auf Dich gerichtet. Einmal stand jemand am Fenster bei Deiner Mutter, da Du eben über die Straße herkamst[273] mit mehreren andern Knaben, sie bemerkten, daß Du sehr gravitätisch einherschrittst, und hielten Dir vor, daß Du Dich mit Deinem Gradehalten sehr sonderbar von den andern Knaben auszeichnetest. – »Mit diesem mache ich den Anfang«, sagtest Du, »später werd ich mich noch mit allerlei auszeichnen«; »und das ist auch wahr geworden«, sagte die Mutter.

Einmal zur Herbstlese, wo denn in Frankfurt am Abend in allen Gärten Feuerwerke abbrennen und von allen Seiten Raketen aufsteigen, bemerkte man in den entferntesten Feldern, wo sich die Festlichkeit nicht hin erstreckt hatte, viele Irrlichter, die hin und her hüpften, bald auseinander, bald wieder eng zusammen, endlich fingen sie gar an, figurierte Tänze aufzuführen, wenn man nun näher drauf los kam, verlosch ein Irrlicht nach dem andern, manche taten noch große Sätze und verschwanden, andere blieben mitten in der Luft und verloschen dann plötzlich, andere setzten sich auf Hecken und Bäume, weg waren sie, die Leute fanden nichts, gingen wieder zurück, gleich fing der Tanz von vorne an; ein Lichtlein nach dem andern stellte sich wieder ein und tanzte um die halbe Stadt herum. Was war's? – Goethe, der mit vielen Kameraden, die sich Lichter auf die Hüte gesteckt hatten, da draußen herumtanzte.

Das war Deiner Mutter eine der liebsten Anekdoten, sie konnte noch manches dazu erzählen, wie Du nach solchen Streichen immer lustig nach Hause kamst und hundert Abenteuer gehabt usw. – Deiner Mutter war gut zuhören! –

In seiner Kleidung war er nun ganz entsetzlich eigen, ich mußte ihm täglich drei Toiletten besorgen, auf einen Stuhl hing ich einen Überrock, lange Beinkleider, ordinäre Weste, stellte ein Paar Stiefel dazu, auf den zweiten einen Frack, seidne Strümpfe, die er schon angehabt hatte, Schuhe usw., auf den dritten kam alles vom Feinsten nebst Degen und Haarbeutel, das erste zog er im Hause an, das zweite, wenn er zu täglichen Bekannten ging, das dritte zum Gala; kam ich nun am andern Tag hinein, da hatte ich Ordnung zu stiften, da standen die Stiefeln auf den feinen Manschetten und Halskrausen, die Schuhe standen gegen Osten und Westen, ein Stück lag da, das andre dort; da schüttelte ich den Staub aus den Kleidern, legte frische Wäsche hin, brachte alles wieder ins Geleis; wie ich nun so eine Weste nehme und sie am offnen Fenster recht herzhaft in die Luft schwinge, fahren mir plötzlich eine Menge kleiner Steine ins Gesicht, darüber fing ich an zu fluchen, er kam hinzu, ich zanke ihn aus, die Steine hätten mir ja ein Aug aus dem Kopf schlagen können; – »nun es hat Ihr ja kein Aug ausgeschlagen, wo sind denn die Steine, ich muß sie wiederhaben, helf Sie mir sie wieder suchen«, sagte er; nun muß er sie wohl von seinem Schatz bekommen haben, denn er bekümmerte sich gar nur um die Steine, es waren ordinäre Kieselsteinchen und Sand, daß er den nicht mehr zusammenlesen konnte, war ihm ärgerlich, alles was noch da war, wickelte er sorgfältig in ein Papier und trug's fort, den Tag vorher war er in Offenbach gewesen, da war ein Wirtshaus zur Rose, die Tochter hieß das schöne [274] Gretchen, er hatte sie sehr gern, das war die erste, von der ich weiß, daß er sie lieb hatte.

Bist Du böse, daß die Mutter mir dies alles erzählt hat? Diese Geschichte habe ich nun ganz ungemein lieb. Deine Mutter hat sie mir wohl zwanzigmal erzählt, manchmal setzte sie hinzu, daß die Sonne ins Fenster geschienen habe, daß Du rot geworden seist, daß Du die aufgesammelten Steinchen fest ans Herz gehalten und damit fortmarschiert, ohne auch nur eine Entschuldigung gemacht zu haben, daß sie ihr ins Gesicht geflogen. Siehst Du, was die alles gemerkt hat, denn so klein die Begebenheit schien, war es ihr doch eine Quelle von freudiger Betrachtung über Deine Raschheit, funkelnde Augen, pochend Herz, rote Wangen usw. – Es ergötzte sie ja noch in ihrer späten Zeit. – Diese und die folgende Geschichte haben mir den lebhaftesten Eindruck gemacht, ich seh Dich in beiden vor mir, in vollem Glanz Deiner Jugend. An einem hellen Wintertag, an dem Deine Mutter Gäste hatte, machtest Du ihr den Vorschlag, mit den Fremden an den Main zu fahren. »Mutter, Sie hat mich ja doch noch nicht Schlittschuhe laufen sehen, und das Wetter ist heut so schön« usw. – Ich zog meinen karmoisinroten Pelz an, der einen langen Schlepp hatte und vorn herunter mit goldnen Spangen zugemacht war, und so fahren wir denn hinaus, da schleift mein Sohn herum wie ein Pfeil zwischen den andern durch, die Luft hatte ihm die Backen rot gemacht, und der Puder war aus seinen braunen Haaren geflogen, wie er nun den karmoisinroten Pelz sieht, kommt er herbei an die Kutsche und lacht mich ganz freundlich an, – »nun, was willst du?« sag ich. »Ei Mutter, Sie hat ja doch nicht kalt im Wagen, geb Sie mir Ihren Sammetrock«, – »du wirst ihn doch nicht gar anziehen wollen«, – »freilich will ich ihn anziehen.« – Ich zieh halt meinen prächtig warmen Rock aus, er zieht ihn an, schlägt die Schleppe über den Arm, und da fährt er hin, wie ein Göttersohn auf dem Eis; Bettine, wenn du ihn gesehen hättest!! – So was Schönes gibt's nicht mehr, ich klatschte in die Hände vor Lust! Mein Lebtag seh ich noch, wie er den einen Brückenbogen hinaus und den andern wieder herein lief, und wie da der Wind ihm den Schlepp lang hinten nachtrug, damals war Deine Mutter mit auf dem Eis, der wollte er gefallen.

Nun, bei dieser Geschichte kann ich wieder sagen, was ich Dir in Töplitz sagte: daß es mich immer durchglüht, wenn ich an Deine Jugend denke, ja es durchglüht mich auch, und ich hab einen ewigen Genuß daran. – Wie freut es einem, den Baum vor der Haustür, den man seit der Kindheit kennt, im Frühjahr wieder grünen und Blüten gewinnen zu sehen; – wie freut es mich, da Du mir ewig blühst, wenn zuzeiten Deine Blüten eine innigere höhere Farbe ausstrahlen und ich in lebhafter Erinnerung mein Gesicht in die Kelche hineinsenke und sie ganz einatme. –

Am 28. November

Bettine[275]

An Goethe

Ich weiß, daß Du alles, was ich Dir von Dir erzähle, nicht wirst brauchen können, ich hab in einer einsamen Zeit über diesen einzelnen Momenten geschwebt wie der Tau auf den Blumen, der im Sonnenschein ihre Farben spiegelt. Noch immer seh ich Dich so verherrlicht, aber mir ist's unmöglich, es Dir darstellend zu beweisen, Du bist bescheiden und wirst's auf sich beruhen lassen, Du wirst mir's gönnen, daß Deine Erscheinung grade mich anstrahlte; ich war die Einsame, die durch Zufall oder vielmehr durch bewußtlosen Trieb zu Deinen Füßen sich einfand. – Es kostet mir Mühe, und ich kann nur ungenügend darlegen, was so eng mit meinem Herzen verbunden ist, das doch einmal in meiner Brust wohnt und sich nicht so ganz ablöst. – Indessen bedurft es nur ein Wort von Dir, daß ich diese Kleinodien rauh und ungeglättet, wie ich sie empfing, wieder in Deinen ungeheueren Reichtum hereinwerfe; was in die Stirn, die liebendes Denken geründet hat, in meinen Blick, der mit Begeistrung auf Dich gerichtet war, in die Lippen, die von diesem Liebesgeist gerührt zu Dir sprachen, hierdurch eingeprägt ward, das kann ich nicht wiedergeben, es entschwebt, wie der Ton der Musik entschwebt und für sich besteht in dem Augenblick, da sie aufgeführt wird.

Jeder Anekdote, die ich hinschreibe, möchte ich ein Lebewohl zurufen; – die Blumen sollen abgebrochen werden, damit sie noch in ihrer Blüte ins Herbarium kommen. So hab ich mir's nicht gedacht, da ich Dir in meinem vorletzten Brief meinen Garten so freundlich anbot, lächelst Du? – Du wirst doch alles überflüssige Laub absondern und des Taus noch des Sonnenscheins nicht mehr achten, der außer meinem Territorium nicht mehr drauf ruht. – Der Schütze wird nicht müde, tausend und tausend Pfeile zu versenden, der nach der Liebe zielt. Er spannt abermal, zieht die Senne bis ans Aug heran, blickt scharf und zielt scharf; und Du! Sieh diese verschoßnen Pfeile, die zu Deinen Füßen hinsinken, gnädig an und denke, daß ich mich nicht zurückhalten kann, – Dir ewig dasselbe zu sagen. – Und berührt Dich ein solcher Pfeil niemals, auch nur ein kleines wenig? –

Dein Großvater war ein Träumender und Traumdeuter, es ward ihm vieles über seine Familie durch Träume offenbar, einmal sagte er einen großen Brand, dann die unvermutete Ankunft des Kaisers voraus; dieses war zwar nicht beachtet worden, doch hatte es sich in der Stadt verbreitet und erregte allgemeines Staunen, da es eintraf. Heimlich vertraute er seiner Frau, ihm habe geträumt, daß einer der Schöffen ihm sehr verbindlicherweise seinen Platz angeboten habe, nicht lange darauf starb dieser am Schlag, seine Stelle wurde durch die goldne Kugel Deinem Großvater zuteil. Als der Schultheiß gestorben war, wurde noch in später Nacht durch den Ratsdiener auf den andern Morgen eine außerordentliche Ratsversammlung angezeigt, das Licht in seiner Laterne war abgebrannt, da rief der Großvater aus seinem Bette: »Gebt ihm ein neues Licht, denn der Mann hat ja doch die[276] Mühe bloß für mich.« Kein Mensch hatte diese Worte beachtet, er selbst äußerte am andern Morgen nichts und schien es vergessen zu haben, seine älteste Tochter (Deine Mutter) hatte sich's gemerkt und hatte einen festen Glauben dran, wie nun der Vater ins Rathaus gegangen war, steckte sie sich nach ihrer eignen Aussage in einen unmenschlichen Staat und frisierte sich bis an den Himmel. In dieser Pracht setzte sie sich mit einem Buch in der Hand im Lehnsessel ans Fenster. Mutter und Schwestern glaubten, die Schwester Prinzeß (so wurde sie wegen ihrem Abscheu vor häuslicher Arbeit und Liebe zur Kleiderpracht und Lesen genannt) sei närrisch, sie aber versicherte ihnen, sie würden bald hinter die Bettvorhänge kriechen, wenn die Ratsherren kommen würden, ihnen wegen dem Vater, der heute zum Syndikus erwählt werde, zu gratulieren, da nun die Schwestern sie noch wegen ihrer Leichtgläubigkeit verlachten, sah sie vom hohen Sitz am Fenster den Vater im stattlichen Gefolge vieler Ratsherren daherkommen; »versteckt euch«, rief sie, »dort kommt er und alle Ratsherren mit«, keine wollt es glauben, bis eine nach der andern den unfrisierten Kopf zum Fenster hinaus steckte und die feierliche Prozession daherschreiten sah, liefen alle davon und ließen die Prinzeß allein im Zimmer, um sie zu empfangen. Diese Traumgabe schien auf die eine Schwester fortgeerbt zu haben, denn gleich nach Deines Großvaters Tod, da man in Verlegenheit war, das Testament zu finden, träumte ihr, es sei zwischen zwei Brettchen im Pult des Vaters zu finden, die durch ein geheimes Schloß verbunden waren, man untersuchte das Pult und fand alles richtig. Deine Mutter aber hatte das Talent nicht, sie meinte, es komme von ihrer heitern, sorglosen Stimmung und ihrer großen Zuversicht zu allem Guten, grade dies mag wohl ihre prophetische Gabe gewesen sein, denn sie sagte selbst, daß sie in dieser Beziehung sich nie getäuscht habe.

Deine Großmutter kam einst nach Mitternacht in die Schlafstube der Töchter und blieb da bis am Morgen, weil ihr etwas begegnet war, was sie vor Angst sich nicht zu sagen getraute, am andern Morgen erzählte sie, daß etwas im Zimmer geraschelt habe wie Papier, in der Meinung, das Fenster sei offen und der Wind jage die Papiere von des Vaters Schreibpult im anstoßenden Studierzimmer umher, sei sie aufgestanden, aber die Fenster seien geschlossen gewesen. Da sie wieder im Bett lag, rauschte es immer näher und näher heran mit ängstlichem Zusammenknittern von Papier, endlich seufzte es tief auf und noch einmal dicht an ihrem Angesicht, daß es sie kalt anwehte, darauf ist sie vor Angst zu den Kindern gelaufen; kurz hiernach ließ sich ein Fremder melden, da dieser nun auf die Hausfrau zuging und ein ganz zerknittertes Papier ihr darreichte, wandelte sie eine Ohnmacht an. Ein Freund von ihr, der in jener Nacht seinen herannahenden Tod gespürt, hatte nach Papier verlangt, um der Freundin in einer wichtigen Angelegenheit zu schreiben, aber noch ehe er fertig war, hatte er, vom Todeskrampf ergriffen, das Papier gepackt, zerknittert und damit auf der Bettdecke hin und her gefahren, endlich zweimal tief aufgeseufzt,[277] und dann war er verschieden; obschon nun das, was auf dem Papiere geschrieben war, nichts Entscheidendes besagte, so konnte sich die Freundin doch vorstellen, was seine letzte Bitte gewesen, Dein edler Großvater nahm sich einer kleinen Waise jenes Freundes, die keine rechtlichen Ansprüche an sein Erbe hatte, an, ward ihr Vormund, legte eine Summe aus eignen Mitteln für sie an, die Deine Großmutter mit manchem kleinen Ersparnis mehrte.

Seit diesem Augenblick verschmähte Deine Mutter keine Vorbedeutungen noch Ähnliches, sie sagte: »Wenn man es auch nicht glaubt, so soll man es auch nicht leugnen oder gar verachten«, das Herz werde durch dergleichen tief gerührt. Das ganze Schicksal entwickle sich oft an Begebenheiten, die so unbedeutend erscheinen, daß man ihrer gar nicht erwähne, und innerlich so gelenk und heimlich arbeiten, daß man es kaum empfinde; »noch täglich«, sagte sie, »erleb ich Begebenheiten, die kein andrer Mensch beachten würde, aber sie sind meine Welt, mein Genuß und meine Herrlichkeit; wenn ich in einen Kreis von langweiligen Menschen trete, denen die aufgehende Sonne kein Wunder mehr ist, und die sich über alles hinaus glauben, was sie nicht verstehen, so denk ich in meiner Seele: ja, meint nur, ihr hättet die Welt gefressen, wüßtet ihr, was die Frau Rat heute alles erlebt hat!« Sie sagte mir, daß sie sich in ihrem ganzen Leben nicht mit der ordinären Tagsweise habe begnügen können, daß ihr starker Geist auch wichtige und tüchtige Begebenheiten habe verdauen wollen, und daß ihr dies auch in vollem Maße begegnet sei, sie sei nicht allein um ihres Sohnes willen da, sondern der Sohn auch um ihrentwillen; und sie könne sich wohl ihres Anteils an Deinem Wirken und an Deinem Ruhm versichert halten, indem sich ja auch kein vollendeteres und erhabeneres Glück denken lasse, als um des Sohnes willen allgemein so geehrt zu werden; sie hatte recht, wer braucht das noch zu beleuchten, es versteht sich von selbst. So entfernt Du von ihr warst, so lange Zeit auch: Du warst nie besser verstanden als von ihr; während Gelehrte, Philosophen und Kritiker Dich und Deine Werke untersuchten, war sie ein lebendiges Beispiel, wie Du aufzunehmen seist. Sie sagte mir oft einzelne Stellen aus Deinen Büchern vor, so zu rechter Zeit, so mit herrlichem Blick und Ton, daß in diesen auch meine Welt anfing, lebendigere Farbe zu empfangen, und Geschwister und Freunde dagegen in die Schattenseite traten. Das Lied: »O laß mich scheinen, bis ich werde« legte sie herrlich aus, sie sagte, daß dies allein schon beweisen müsse, welche tiefe Religion in Dir sei, denn Du habest den Zustand darin beschrieben, in dem allein die Seele wieder sich zu Gott schwingen könne, nämlich ohne Vorurteile, ohne selbstische Verdienste aus reiner Sehnsucht zu ihrem Erzeuger; und daß die Tugenden, mit denen man glaube, den Himmel stürmen zu können, lauter Narrenspossen seien, und daß alles Verdienst vor der Zuversicht der Unschuld die Segel streichen müsse, diese sei der Born der Gnade, der alle Sünde abwasche, und jedem Menschen sei diese Unschuld eingeboren und[278] sei das Urprinzip aller Sehnsucht nach einem göttlichen Leben; auch in dem verwirrtesten Gemüt vermittele sich ein tiefer Zusammenhang mit seinem Schöpfer, in jener unschuldigen Liebe und Zuversicht, die sich trotz aller Verirrungen nicht ausrotten lasse, an diese solle man sich halten, denn es sei Gott selber im Menschen, der nicht wolle, daß er in Verzweiflung aus dieser Welt in jene übergehe, sondern mit Behagen und Geistesgegenwart, sonst würde der Geist wie ein Trunkenbold hinüberstolpern und die ewigen Freuden durch sein Lamento stören, und seine Albernheit würde da keinen großen Respekt einflößen, da man ihm erst den Kopf wieder müsse zurechtsetzen. Sie sagte von diesem Lied, es sei der Geist der Wahrheit mit dem kräftigen Leib der Natur angetan, und nannte es ihr Glaubensbekenntnis, die Melodien waren elend und unwahr gegen den Nachdruck ihres Vortrags und gegen das Gefühl, was in vollem Maße aus ihrer Stimme hervorklang. Nur wer die Sehnsucht kennt; ihr Auge ruhte dabei auf dem Knopf des Katharinenturms, der das letzte Ziel der Aussicht war, die sie vom Sitz an ihrem Fenster hatte, die Lippen bewegten sich herb, die sie am End immer schmerzlich-ernst schloß, während ihr Blick in die Ferne verloren glühte, es war, als ob ihre Jugendsinne wieder anschwellen, dann drückte sie mir wohl die Hand und überraschte mich mit den Worten: »Du verstehst den Wolfgang und liebst ihn.« – Ihr Gedächtnis war nicht allein merkwürdig, es war sehr herrlich; der Eindruck mächtiger Gefühle entwickelte sich in seiner vollen Gewalt bei ihren Erinnerungen, und hier will ich Dir die Geschichte, die ich Dir schon in München mitteilen wollte, und die so wunderbar mit ihrem Tode zusammenhing, als Beispiel ihres großen Herzens hinschreiben, so einfach wie sie mir selbst es erzählt hat. Eh ich ins Rheingau reiste, kam ich, um Abschied zu nehmen, sie sagte, indem sich ein Posthorn auf der Straße hören ließ, daß ihr dieser Ton immer noch das Herz durchschneide, wie in ihrem siebenzehnten Jahre, damals war Karl VII., mit dem Zunamen der Unglückliche, in Frankfurt, alles war voll Begeisterung über seine große Schönheit, am Karfreitag sah sie ihn im langen schwarzen Mantel zu Fuß mit vielen Herren und schwarzgekleideten Pagen die Kirchen besuchen. »Himmel, was hatte der Mann für Augen; wie melancholisch blickte er unter den gesenkten Augenwimpern hervor! – Ich verließ ihn nicht, folgte ihm in alle Kirchen, überall kniete er auf der letzten Bank unter den Bettlern und legte sein Haupt eine Weile in die Hände, wenn er wieder emporsah, war mir's allemal wie ein Donnerschlag in der Brust; da ich nach Hause kam, fand ich mich nicht mehr in die alte Lebensweise, es war, als ob Bett, Stuhl und Tisch nicht mehr an dem gewohnten Ort ständen, es war Nacht geworden, man brachte Licht herein, ich ging ans Fenster und sah hinaus auf die dunklen Straßen, und wie ich die in der Stube von dem Kaiser sprechen hörte, da zitterte ich wie Espenlaub, am Abend in meiner Kammer legte ich mich vor meinem Bett auf die Knie und hielt meinen Kopf in den Händen wie er, es war nicht anders, wie wenn ein großes Tor[279] in meiner Brust geöffnet wär; meine Schwester, die ihn enthusiastisch pries, suchte jede Gelegenheit, ihn zu sehen, ich ging mit, ohne daß einer ahnte, wie tief es mir zu Herzen gehe, einmal, da der Kaiser vorüberfuhr, sprang sie auf einen Prallstein am Wege und rief ihm ein lautes Vivat zu, er sah heraus und winkte freundlich mit dem Schnupftuch, sie prahlte sich sehr, daß der Kaiser ihr so freundlich gewinkt habe, ich war aber heimlich überzeugt, daß der Gruß mir gegolten habe, denn im Vorüberfahren sah er noch einmal rückwärts nach mir; ja beinah jeden Tag, wo ich Gelegenheit hatte, ihn zu sehen, ereignete sich etwas, was ich mir als ein Zeichen seiner Gunst auslegen konnte, und am Abend, in meiner Schlafkammer, kniete ich allemal vor meinem Bett und hielt den Kopf in meinen Händen, wie ich von ihm am Karfreitag in der Kirche gesehen hatte, und dann überlegte ich, was mir alles mit ihm begegnet war, und so baute sich ein geheimes Liebeseinverständnis in meinem Herzen auf, von dem mir unmöglich war zu glauben, daß er nichts davon ahne, ich glaubte gewiß, er habe meine Wohnung erforscht, da er jetzt öfter durch unsere Gasse fuhr wie sonst und allemal heraufsah nach den Fenstern und mich grüßte. O, wie war ich den vollen Tag so selig, wo er mir am Morgen einen Gruß gespendet hatte; da kann ich wohl sagen, daß ich weinte vor Lust. – Wie er einmal offne Tafel hielt, drängte ich mich durch die Wachen und kam in den Saal, statt auf die Galerie. Es wurde in die Trompeten gestoßen, bei dem dritten Stoß erschien er in einem roten Sammetmantel, den ihm zwei Kammerherren abnahmen, er ging langsam mit etwas gebeugtem Haupt. Ich war ihm ganz nah und dachte an nichts, daß ich auf dem unrechten Platz wäre, seine Gesundheit wurde von allen anwesenden großen Herren getrunken, und die Trompeten schmetterten drein, da jauchzte ich laut mit, der Kaiser sah mich an, er nahm den Becher, um Bescheid zu tun und nickte mir, ja, da kam mir's vor, als hätte er den Becher mir bringen wollen, und ich muß noch heute daran glauben, es würde mir zuviel kosten, wenn ich diesen Gedanken, dem ich so viel Glückstränen geweint habe, aufgeben müßte, warum sollte er auch nicht, er mußte ja wohl die große Begeistrung in meinen Augen lesen; damals im Saal bei dem Geschmetter der Pauken und Trompeten, die den Trunk, womit er den Fürsten Bescheid tat, begleiteten, ward ich ganz elend und betäubt, so sehr nahm ich mir diese eingebildete Ehre zu Herzen, meine Schwester hatte Mühe, mich hinauszubringen an die frische Luft, sie schmälte mit mir, daß sie wegen meiner des Vergnügens verlustig war, den Kaiser speisen zu sehen, sie wollte auch, nachdem ich am Röhrbrunnen Wasser getrunken, versuchen, wieder hineinzukommen, aber eine geheime Stimme sagte mir, daß ich an dem, was mir heute beschert geworden, mir solle genügen lassen, und ging nicht wieder mit; nein, ich suchte meine einsame Schlafkammer auf und setzte mich auf den Stuhl am Bett und weinte dem Kaiser schmerzlich süße Tränen der heißesten Liebe, am andern Tag reiste er ab, ich lag früh morgens um vier Uhr in meinem Bett, der Tag fing eben an zu grauen,[280] es war am 17. April, da hörte ich fünf Posthörner blasen, das war er, ich sprang aus dem Bett, vor übergroßer Eile fiel ich in die Mitte der Stube und tat mir weh, ich achtete es nicht und sprang ans Fenster, in dem Augenblick fuhr der Kaiser vorbei, er sah schon nach meinem Fenster, noch eh ich es aufgerissen hatte, er warf mir Kußhände zu und winkte mir mit dem Schnupftuch, bis er die Gasse hinaus war. Von der Zeit an habe ich kein Posthorn blasen hören, ohne dieses Abschieds zu gedenken, und bis auf den heutigen Tag, wo ich den Lebensstrom seiner ganzen Länge nach durchschifft habe und eben im Begriff bin, zu landen, greift mich sein weitschallender Ton noch schmerzlich an, und wo so vieles, worauf die Menschen Wert legen, rund um mich versunken ist, ohne daß ich Kummer darum habe. Soll man da nicht wunderliche Glossen machen, wenn man erleben muß, daß eine Leidenschaft, die gleich im Entstehen eine Chimäre war, alles Wirkliche überdauert und sich in einem Herzen behauptet, dem längst solche Ansprüche als Narrheit verpönt sind? Ich hab auch nie Lust gehabt, davon zu sprechen, es ist heute das erstemal. Bei dem Fall, den ich damals vor übergroßer Eile tat, hatte ich mir das Knie verwundet, an einem großen Brettnagel, der etwas hoch aus den Dielen hervorstand, hatte ich mir eine tiefe Wunde über dem rechten Knie geschlagen, der scharfgeschlagne Kopf des Nagels bildete die Narbe als einen sehr feinen regelmäßigen Stern, den ich oft darauf ansah während den vier Wochen, in denen bald darauf der Tod des Kaisers mit allen Glocken jeden Nachmittag eine ganze Stunde eingeläutet wurde, ach, was hab ich da für schmerzliche Stunden gehabt, wenn der Dom anfing zu läuten mit der großen Glocke, es kamen erst so einzelne mächtige Schläge, als wanke er trostlos hin und her, nach und nach klang das Geläut der kleinen Glocken und der ferneren Kirchen mit, es war, als ob alle über den Trauerfall seufzten und weinten; und die Luft war so schauerlich, es war gleich bei Sonnenuntergang, da hörte es wieder auf zu läuten, eine Glocke nach der andern schwieg, bis der Dom, so wie er angefangen hatte zu klagen, auch die allerletzten Töne in die Nachtdämmerung seufzte; damals war die Narbe über meinem Knie noch ganz frisch, ich betrachtete sie jeden Tag und erinnerte mich dabei an alles.«

Deine Mutter zeigte mir ihr Knie, über dem das Mal in Form eines sehr deutlichen regelmäßigen Sternes ausgebildet war, sie reichte mir die Hand zum Abschied und sagte mir noch in der Tür, sie habe niemals hiervon mit jemand gesprochen als nur mit mir; wie ich kaum im Rheingau war, schrieb ich mir aus der Erinnerung so viel wie möglich mit ihren eignen Worten alles auf, denn ich dachte gleich, daß Dich dies gewiß einmal interessieren müsse, nun hat aber der Mutter Tod dieser kindlichen Liebesgeschichte, von der ich mir denken kann, daß sie kein edles männliches Herz, viel weniger den Kaiser würde haben ungerührt gelassen, eine herrliche Krone aufgesetzt und sie zu etwas vollendet Schönem gestempelt. – Im September wurde mir ins Rheingau geschrieben, die Mutter sei nicht wohl, ich beeilte meine Rückkehr, mein erster Gang war zu ihr, der Arzt[281] war grade bei ihr, sie sah sehr ernst aus, als er weg war, reichte sie mir lächelnd das Rezept hin und sagte: »Da lese, welche Vorbedeutung mag das haben, ein Umschlag von Wein, Myrrhen, Öl und Lorbeerblättern, um mein Knie zu stärken, das mich seit diesem Sommer anfing zu schmerzen, und endlich hat sich Wasser unter der Narbe gesammelt, du wirst aber sehen, es wird nichts helfen mit diesen kaiserlichen Spezialien von Lorbeer, Wein und Öl, womit die Kaiser bei der Krönung gesalbt werden. Ich seh das schon kommen, daß das Wasser sich nach dem Herzen ziehen wird, und da wird es gleich aus sein«; sie sagte mir Lebewohl und sie wolle mir sagen lassen, wenn ich wiederkommen solle; ein paar Tage darauf ließ sie mich rufen, sie lag zu Bett, sie sagte: »Heute lieg ich wieder zu Bett wie damals, als ich kaum sechszehn Jahr alt war, an derselben Wunde«; ich lachte mit ihr hierüber und sagte ihr scherzweise viel, was sie rührte und erfreute; da sah sie mich noch einmal recht feurig an, sie drückte mir die Hand und sagte: »Du bist so recht geeignet, um mich in dieser Leidenszeit aufrecht zu halten, denn ich weiß wohl, daß es mit mir zu Ende geht.« Sie sprach noch ein paar Worte von Dir, daß ich nicht aufhören sollte, Dich zu lieben, und ihrem Enkel solle ich zu Weihnachten noch einmal die gewohnten Zuckerwerke in ihrem Namen senden, zwei Tage drauf, am Abend, wo ein Konzert in ihrer Nähe gegeben wurde, sagte sie: »Nun will ich im Einschlafen an die Musik denken, die mich bald im Himmel empfangen wird«, sie ließ sich auch noch Haare abschneiden und sagte, man solle sie mir nach ihrem Tode geben nebst einem Familienbild von Seekatz, worauf sie mit Deinem Vater, Deiner Schwester und Dir als Schäfer gekleidet in anmutiger Gegend abgemalt ist, am andern Morgen war sie nicht mehr, sie war nächtlich hinübergeschlummert.

Das ist die Geschichte, die ich Dir schon in München versprochen hatte, jetzt, wo sie niedergeschrieben ist, weiß ich nicht, wie Du sie aufnehmen wirst, mir war sie immer als etwas ganz Außerordentliches vorgekommen, und ich habe bei ihr so manche Gelübde getan.

Von Deinem Vater erzählte sie mir auch viel Schönes, er selbst war ein schöner Mann, sie heiratete ihn ohne bestimmte Neigung, sie wußte ihn auf mancherlei Weise zum Vorteil der Kinder zu lenken, denen er mit einer gewissen Strenge im Lernen zusetzte, doch muß er auch sehr freundlich gegen Dich gewesen sein, da er stundenlang mit Dir von zukünftigen Reisen sprach und Dir Deine Zukunft so glanzvoll wie möglich ausmalte, von einem großen Hausbau, den Dein Vater unternahm, erzählte die Mutter auch und wie sie Dich da als junges Kind oft mit großen Sorgen habe auf den Gerüsten herumklettern sehen. Als der Bau beendigt war, der Euer altes rumpeliges Haus mit Windeltreppen und ungleichen Etagen in eine schöne anmutige Wohnung umschuf, in der wertvolle Kunstgegenstände mit Geschmack die Zimmer verzierten, da richtete der Vater mit großer Umständlichkeit eine Bibliothek ein, bei der Du beschäftigt wurdest. Über Deines Vaters Leidenschaft zum Reisen erzählte die Mutter sehr viel.[282]

Seine Zimmer waren mit Landkarten, Planen von großen Städten behängt, und während Du die Reisebeschreibung vorlasest, spazierte er mit dem Finger darauf herum, um jeden Punkt aufzusuchen, dies sagte weder Deiner Ungeduld noch dem eilfertigen Temperament der Mutter zu, Ihr sehntet Euch nach Hindernissen solcher langweiligen Winterabende, die denn endlich auch durch die Einquartierung eines französischen Kommandanten in die Prachtstuben völlig unterbrochen wurden, hierdurch war nichts gebessert, der Vater war nicht zu trösten, daß seine kaum eingerichtete Wohnung, die ihm so manches Opfer gekostet hatte, der Einquartierung preisgegeben war, daraus erwuchs mancherlei Not, die Deine Mutter trefflich auszugleichen verstand; ein paar Blätter mit Notizen schicke ich noch mit, ich kann sie nicht besser ausmalen, Dir aber können sie wohl zur Wiederaufweckung von tausenderlei Dingen dienen, die Du dann auch wieder in ihrem Zusammenhang finden wirst, die Liebesgeschichten aus Offenbach mit einem gewissen Gretchen, die nächtlichen Spaziergänge und was dergleichen mehr, hat Deine Mutter nie im Zusammenhang erzählt, und Gott weiß, ich hab mich auch gescheut, danach zu fragen.

Bettine

An Goethe

Was mich so lange gefangen hielt, war die Musik, ungeschnittne Federn, schlechtes Papier, dicke Tinte, es treffen immer viel Umstände zusammen. Am 4. Dezember war kalt und schauerlich Wetter, es wechselte ab im Schneien, Regnen und Eisen – – – – – – – – – – was hab ich nun besseres zu tun, als Dein Herz warmzuhalten, die Unterweste hab ich so schmeichelnd warm gemacht als mir nur möglich. Denk an mich.

Ich habe des Fürsten Radziwill seine Musik aus dem »Faust« gehört, das Lied vom Schäfer ist so einzig lebendig darstellend, kurz, alle löbliche Eigenschaften besitzend, daß es gewiß nimmermehr so trefflich kann komponiert werden. Das Chor: »Drinnen sitzt einer gefangen«, es geht einem durch Mark und Bein. – Das Chor der Geister, wo Faust einschlummert, herrlich! Man hört den Polen durch, ein Deutscher hätt es nicht so angefangen, um so reizender. Es muß so leicht vorgetragen werden wie fliegende Spinnweb in den Sommerabenden.

Zelter ist manchmal bei uns, ich suche herauszubringen, was er ist. Ungeschliffen ist er zwar, recht und unrecht hat er auch, Dich liebzuhaben behauptet er auch, er möchte der Welt dienen und führt Klage, daß sie sich's nicht will gefallen lassen, und daß er alle Weisheit für sich behalten muß. Einen Standpunkt hat er sich erwählt, von dem aus er sie von oben herab beschaut. Und der Welt ist's einerlei, daß er mit den Krähen auf der Zinne[283] sitzt und sie sich auf ihren Gemeinplätzen tummeln sieht. An der Liedertafel ist er Cäsar und freut sich seiner Siege, in der Singakademie ist er Napoleon und jagt durch sein Machtwort alles in Schrecken, und seine Truppen gehen mit Zuversicht durch dick und dünn; zum Glück ist gesungen nicht gehauen und gestochen. Seine Leibgarde, der Baß, hat den Katarrh. In der Welt, in der Gesellschaft und auf Reisen, da ist er Goethe, und zwar ein recht menschlicher, voll herablassender Güte, er wandelt, er steht, wirft ein kurzes Wort hin, nickt freundlich zu unbedeutenden Dingen, hält die Hände auf den Rücken, das macht sich alles; nur zuweilen speit er aus, und zwar herzhaft, das trifft nicht, da geht die ganze Illusion zum Teufel.

Die Verwirrung, die das Magische in jeder Kunst bei den Philistern veranlaßt, ist bei der Musik auf den höchsten Grad gestiegen; Zelter zum Beispiel läßt nichts die Maut passieren, was er nicht schon versteht, und eigentlich ist das doch nur Musik, was grade da beginnt, wo der Verstand nicht mehr ausreicht, und die ewig vernichtenden Quergeister, die es so gut meinen, wenn sie zuvörderst das Verständliche in der Kunst fordern: daß die nicht begreifen, daß sie das höchste Element einer göttlichen Sprache herabwürdigen, wenn sie es nur mit dem ausfüllen, was sie verstehen, indem sie ja doch nur das Gemeine verstehen, und daß sie höhere Offenbarung nie erfahren, wenn sie ewig gescheiter sein wollen, wie ihre Botschafter, die Phantasie und die Begeistrung. Obschon in der Musik die Zauberformeln ewig lebendig sind, so spricht sie der Philister, vor Schreck sie nicht zu verstehen, oft nur halb, oft rückwärts aus, und nun stehen die sonst so beweglichen, blitzenden, naßkalt, langwierig, beschwerlich und freilich unverständlich im Weg.

Dagegen ist der Begeisterte ein anderer: mit heimlicher Zuversicht lauscht er und wird eine Welt gewahr, sie läßt sich nicht definieren, sie kann dem Gemüt wohl ihre Wirkung, aber nicht ihren Ursprung mitteilen, daher die plötzliche reife Erscheinung des Genies, das lang in ungebundner Selbstbeschauung zerstreut war, nun in sich selbst erhöht, hervorbricht ans Tageslicht, unbekümmert, ob die Ungeweihten es verstehen, da es mit Gott spricht (Beethoven). So steht's mit der Musik, das Genie kann nicht offenbar werden, weil die Philister nichts anerkennen, als was sie verstehen. – Wenn ich mir da meinen Beethoven denke, der, den eignen Geist fühlend, freudig ausruft: »Ich bin elektrischer Natur, und darum mache ich so herrliche Musik!«

Viele Sinne zu einer Erscheinung des Geistes. Stetes lebhaftes Wirken des Geistes auf die Sinne (Menschen), ohne welche kein Geist, keine Musik.

Wollust, ins Vergangne zu schauen wie durch Kristall, Einsicht der Beherrschung, der Tragung, der Erregung des Geistes; – nimmermehr in der Musik, was verklungen ist, hatte seinen eignen Tempel. Der ist mit ihm versunken, Musik kann nur ewig neu erstehen.

Sonderbares Schicksal der Musiksprache, nicht verstanden zu werden. Daher immer die Wut gegen das, was noch nicht gehört war, daher der Ausdruck:[284] »Unerhört.« Dem Genie in der Musik steht der Gelehrte in der Musik allemal als ein Holzbock gegenüber (Zelter muß vermeiden, dem Beethoven gegenüberzustehen), das Bekannte verträgt er, nicht weil er es begreift, sondern weil er es gewohnt ist wie der Esel den täglichen Weg. Was kann einer noch, wenn er auch alles wollte, solang er nicht mit dem Genius sein eignes Leben führt, da er nicht Rechenschaft zu geben hat und die Gelehrsamkeit ihm nicht hineinpfuschen darf. Die Gelehrsamkeit versteht ja doch nur höchstens, was schon da war, aber nicht, was da kommen soll, er kann die Geister nicht lösen vom Buchstaben, vom Gesetz. Jede Kunst steht eigenmächtig da, den Tod zu verdrängen, den Menschen in den Himmel zu führen; aber wo sie die Philister bewachen und als Meister lossprechen, da steht sie mit geschornem Haupt, beschämt, was freier Wille, freies Leben sein soll, ist Uhrwerk. Und da mag nun einer zuhören, glauben und hoffen, es wird doch nichts draus. Nur durch Wege konnte man dazu gelangen, die dem Philister verschüttet sind, Gebet, Verschwiegenheit des Herzens im stillen Vertrauen auf die ewige Weisheit, auch in dem Unbegreiflichen. – Da stehen wir an den unübersteiglichen Bergen, und doch: da oben nur lernt man die Wollust des Atmens verstehen.

Der Frau das kleine Andenken mit meinem Glückwunsch zum neuen Jahr. Dem Hrn. R. die ungemachte Weste, seine Vollkommenheit hat mich in Töplitz zu sehr geblendet, als daß ich mir das rechte Maß hätte denken können, die Vorstecknadeln seien hier zu geschmacklos, als daß ich ihm eine hätte schicken mögen, aber lauter und lauter Vergißmeinnicht in der Weste! – Er mag nicht wenig stolz darauf sein. Sollte sein Geschmack noch nicht soweit gebildet sein, dies schön zu finden, so soll er nur auf mein Wort glauben, daß ihn alle Menschen darum beneiden werden; noch muß ich erinnern, daß sie als Unterweste getragen wird. Nun, er wird mir gewiß schreiben und wird sich bedanken. – Und Du? – hm. Du Einziger, der mir den Tod bitter macht! –

Bettine


Grüß doch die Frau recht herzlich von mir, – es ist ihr doch niemand so von Herzen gut wie ich.

Adieu Magnetberg. – Wollt ich auch da – und dorthin die Fahrt lenken, an Dir würden alle Schiffe scheitern.


Adieu einzig Erbteil meiner Mutter.

Adieu Brunnen, aus dem ich trinke.


An Bettine

Du erscheinst von Zeit zu Zeit, liebe Bettine, als ein wohltätiger Genius, bald persönlich, bald mit guten Gaben. Auch diesmal hast Du viel Freude angerichtet, wofür Dir der schönste Dank von allen abgetragen wird. – – – – – – – – – – – – – – –[285]

Daß Du mit Zeltern manchmal zusammen bist, ist mir lieb, ich hoffe immer noch, Du wirst Dich noch besser in ihn finden, es könnte mir viel Freude machen. Du bist vielseitig genug, aber auch manchmal ein recht beschränkter Eigensinn, und besonders, was die Musik betrifft, hast Du wunderliche Grillen in Deinem Köpfchen erstarren lassen, die mir insofern lieb sind, weil sie Dein gehören, deswegen ich Dich auch keineswegs deshalb meistern noch quälen will; im Gegenteil, wenn ich Dir ein unverhohlnes Bekenntnis machen soll, so wünsch ich Deine Gedanken über Kunst überhaupt wie über die Musik mir zugewendet. In einsamen Stunden kannst Du nichts Bessers tun als Deinem lieben Eigensinn nachhängen und ihn mir trauen, ich will Dir auch nicht verhehlen, daß Deine Ansichten trotz allem Absonderlichen einen gewissen Anklang in mir haben, und so manches, was ich in früherer Zeit wohl auch in feinem Herzen getragen, wieder anregen, was mir denn in diesem Augen blick sehr zustatten kommt; bei Dir wäre sehr zu wünschen, was die Weltweisen als die wesentlichste Bedingung der Unsterblichkeit fordern, daß nämlich der ganze Mensch aus sich heraustreten müsse ans Licht. Ich muß Dir doch auf's dringendste anempfehlen, diesen weisen Rat so viel wie möglich nachzukommen, denn obschon ich nicht glaube, daß hierdurch alles Unverstandne und Rätselhafte genügend gelöst würde, so wären doch wohl die erfreulichsten Resultate davon zu erwarten.

Von den guten Musiksachen, die ich Dir verdanke, ist schon gar manches einstudieret und wird oft wiederholt. Überhaupt geht unsre kleine musikalische Anstalt diesen Winter recht ruhig und ordentlich fort.

Von mir kann ich Dir wenig sagen, als daß ich mich wohl befinde, welches denn auch sehr gut ist. Für lauter Äußerlichkeiten hat sich von ihnen nichts entwickeln können. Ich denke, das Frühjahr und einige Einsamkeit wird das Beste tun. Ich danke Dir zum schönsten für das Evangelium juventutis, wovon Du mir einige Perikopen gesendet hast. Fahre fort von Zeit zu Zeit, wie es Dir der Geist eingibt.

Und nun lebe wohl und habe nochmals Dank für die warme Glanzweste. Meine Frau grüßt und dankt zum schönsten. Riemer hat wohl schon selbst geschrieben. Jena, wo ich mich auf vierzehn Tage hinbegeben.

Den 11. Januar 1811

G.

An Goethe

Also ist mein lieber Freund allein! – Das freut mich, daß Du allein bist, Denke meiner! – Lege die Hand an die Stirne und denke meiner, daß ich auch allein bin. In beiliegenden Blättern der Beweis, daß meine Einsamkeit mit Dir erfüllt ist, ja, wie sollte ich anders zu solchen Anschauungen kommen, als indem ich mich in Deine Gegenwart denke.[286]

Ich habe eine kalte Nacht verwacht, um meinen Gedanken nachzugehen, weil Du so freundlich alles zu wissen verlangst, ich hab doch nicht alles aufschreiben können, weil diese Gedanken zu flüchtig sind. Ach ja, Goethe, wenn ich alles aufschreiben wollte, wie wunderlich würde das sein. Nimm vorlieb, ergänze Dir alles in meinem Sinn, in dem Du ja doch zu Hause bist. Du und kein andrer hat mich je gemahnt, Dir meine Seele mitzuteilen, und ich möchte Dir nichts vorenthalten, darum möcht ich aus mir heraus ans Licht treten, weil Du allein mich erleuchtest.

Beiliegende Blätter geschrieben in der Montagnacht.

Über Kunst. Ich hab sie nicht studiert, weiß nichts von ihrer Entstehung, ihrer Geschichte, ihrem Standpunkt. Wie sie einwirkt, wie die Menschen sie verstehen, das scheint mir unecht.

Die Kunst ist Heiligung der sinnlichen Natur, hiermit sag ich alles, was ich von ihr weiß. Was geliebt wird, das soll der Liebe dienen, der Geist ist das geliebte Kind Gottes, Gott erwählt ihn zum Dienst der sinnlichen Natur, das ist die Kunst. Offenbarung des Geistes in den Sinnen ist die Kunst. Was Du fühlst, das wird Gedanke und was Du denkst, was Du zu erdenken strebst, das wird sinnliches Gefühl. Was die Menschen in der Kunst zusammentragen, was sie hervorbringen, wie sie sich durcharbeiten, was sie zu viel oder zu wenig tun, das möchte manchen Widerspruch erdulden, aber immer ist es ein Buchstabieren des göttlichen Es werde.

Was kann uns ergreifen an der Darstellung einer Gestalt, die sich nicht regt, die den Moment ihrer geistigen Tendenz nicht zu entwickeln vermag? – Was kann uns durchdringen in einer gemalten Luftschicht, in welcher die Ahnung des steigenden Lichts nie erfüllt wird? – Was bewegt uns zu heimatlichem Sehnen in der gemalten Hütte sogar? Was zu dem vertraulichen Hinneigen zum nachgeahmten Tiere? – Wenn es nicht eine Sanktion des keimenden Geistes der Erzeugung ist!

Ach, was fragst Du nach der Kunst, ich kann Dir nichts Genügendes sagen? Frage nach der Liebe, die ist meine Kunst, in ihr soll ich darstellen, in ihr soll ich mich fassen und heiligen.

Ich fürchte mich vor Dir, ich fürche mich vor dem Geist, den Du in mir aufstehen heißest, weil ich ihn nicht aussprechen kann. Du sagst in Deinem Brief, der ganze Mensch müsse aus sich heraustreten ans Licht; nie hat dies einfache untrügliche Gebot mir früher eingeleuchtet, jetzt aber, wo Deine Weisheit mich ans Licht fordert, was hab ich da aufzuweisen, als nur Verschuldungen gegen diesen inneren Menschen; siehe da! Er war mißhandelt und unterdrückt. – Ist aber dieses Hervortreten des innern Menschen ans Licht nicht die Kunst? – Dieser innere Mensch, der ans Licht begehrt, daß ihm Gottes Finger die Zunge löse, das Gehör entbinde, alle Sinne erwecke, daß er empfange und ausgebe! – Und ist hier die Liebe nicht allein Meisterin und wir ihre Schüler in jedem Werke, das wir durch ihre Inspiration vollbringen?

Kunstwerke sind zwar allein das, was wir Kunst nennen, durch was wir[287] die Kunst zu erkennen und zu genießen glauben. Aber soweit die Erzeugung Gottes in Herz und Geist erhaben ist über die Begriffe und Mitteilungen, die wir uns von ihm machen, über die Gesetze, die von ihm unter uns im zeitlichen Leben gelten sollen, ebenso erhaben ist die Kunst über das, was die Menschen unter sich von ihr geltend machen. Wer sie zu verstehen wähnt, der wird nicht mehr leisten, als was der Verstand beherrscht. Wessen Sinne aber ihrem Geist unterworfen sind, der hat die Offenbarung.

Alles Erzeugnis der Kunst ist Symbol der Offenbarung, und da hat oft der auffassende Geist mehr teil an der Offenbarung als der erzeugende. – Die Kunst ist Zeugnis, daß die Sprache einer höheren Welt deutlich in der unsern vernommen wird, und wenn wir sie auslegen zu wollen uns nicht vermessen, so wird sie selbst die Vorbereitung jenes höheren Geisteslebens in uns bewirken, von dem sie die Sprache ist. Es ist nicht nötig, daß wir sie verstehen, aber daß wir an sie glauben. Der Glaube ist der Same, durch den ihr Geist in uns aufgeht, so wie durch ihn alle Weisheit aufgeht, da er der Same ist einer unsterblichen Welt. Da das höchste Wunder wahr ist, so muß wohl alles, was dazwischen liegt, eine Annäherung zur Wahrheit sein, und nur der richtende Menschengeist führt in die Irre. Was kann und darf uns billiger Weise noch wundern als unsre eigne Kleinheit? – Alles ist Vater und Sohn und heiliger Geist; der irdischen Weisheit Grenze sind die sternebeschienenen Menschlein, die von ihrem Lichte fabeln. – Die Wärme Deines Blutes ist Weisheit, denn die Liebe gibt das Leben allein. Die Wärme Deines Geistes ist Weisheit, denn die Liebe belebt den Geist allein; wärme mein Herz durch Deinen Geist, den Du mir einhauchst, so hab ich den Geist Gottes, der nur allein vermag's.

Diese kalte Nacht hab ich zugebracht am Schreibtisch, um das Evangelium juventutis weiterzuführen, und habe viel gedacht, was ich nicht sagen kann.

Die Vorratskammer der Erfahrung hat Vorteile aufgespeichert, diese benützen zu können nach Bedürfnis, ist Meisterschaft; sie auf den Schüler überzutragen, ist Belehrung; hat der Schüler alles erfaßt und versteht er es anzuwenden, so wird er losgesprochen; dies ist die Schule, durch welche die Kunst sich fortpflanzt. Ein so Losgesprochener ist einer, dem alle Irrwege zwar offen stehn, aber nicht der rechte. Aus der langgewohnten Herberge, in die die Lehre der Erfahrung ihn eingepfercht hatte, entlassen, ist die Wüste des Irrtums seine Welt, aus der er nicht herauszutreten vermag, jeder Weg, den er ergreift, ist ein einseitiger Pfad des Irrtums; des göttlichen Geistes bar, durch Vorurteile verleitet, sucht er seine Kunstgriffe in Anwendung zu bringen, hat er sie alle an seinem Gegenstand durchgesetzt, so hat er ein Kunstwerk hervorgebracht. Mehr hat noch nie das Bestreben eines durch die Kunstschule gebildeten Künstlers erworben. Wer je zu etwas gekommen ist in der Kunst, der hat seiner Kunstgriffe vergessen, dessen Fracht von Erfahrungen hat Schiffbruch gelitten, und[288] die Verzweiflung hat ihn am rechten Ufer landen lassen. Was aus solcher gewaltsamen Epoche hervorgeht, ist zwar oft ergreifend, aber nicht überzeugend, weil der Maßstab des Urteils und des Begriffs immer nur jene Erfahrungen und Kunstgriffe sind, die nicht passen, wo das Erzeugnis nicht durch sie vermittelt ist; dann auch weil das Vorurteil der errungenen Meisterschaft nicht zuläßt, daß etwas sei, was nicht in ihm begriffen ist, und so die Ahnung einer höheren Welt ihm verschlossen bleibt. Die Erfindung dieser Meisterschaft wird gerechtfertigt durch den Grundsatz: »Es ist nichts neues, alles ist vor der Imagination erfunden.« Ihre Erzeugnisse teilen sich in den Mißbrauch des Erfundenen zu neuen Erfindungen, in das Scheinerfinden, wo das Kunstwerk nicht den Gedanken in sich trägt, sondern seine Entbehrung durch die Kunstgriffe und Erfahrung der Kunstschule vermittelt sind, und in die Erzeugungen, die so weit gehen, als dem Gedanken durch Bildung erlaubt ist, etwas zu fassen. Je klüger, je abwägender, je fehlerfreier, je sicherer, desto wohlverstandener, von und für die Menge, und dies nennen wir Kunstwerke.

Wenn wir eines Helden Standbild machen, wir kennen seine Lebensverhältnisse, verbinden diese mit der Genugtuung der Ehre auf eine gebildete Weise, ein jeder einzelne Teil enthält einen harmonischen Begriff seiner Individualität, das Ganze entspricht dem Maße der Erfahrung im Schönen, so sind wir hinlänglich befriedigt. – Dies ist aber nicht die Aufgabe des Kunstwerks, die durch das Genie gefördert wird; diese ist nicht befriedigend, sondern überwältigend, sie ist nicht der Repräsentant einer Erscheinung, sondern die Offenbarung des Genies selbst, in der Erscheinung. Ihr werdet nicht sagen: »Dies ist das Bild eines Mannes, der ein Held war«, sondern: »Dies ist die Offenbarung des Heldentums, das sich in diesem Kunstwerk verkörperte.« Zu solcher Aufgabe gehört nicht Berechnung, sondern Leidenschaft, oder vielmehr Erleiden einer göttlichen Gewalt. Und welcher Künstler das Heldentum (ich nehme es als Repräsentant jeder Tugend, denn jede Tugend ist lediglich Sieg) so darstellt, daß es die Begeistrung, die seine Erscheinung ist, mitteilt: der ist dieser Tugend nicht allein fähig, sondern sie ist schon in ihm wiedergeboren. In der bildenden Kunst steht der Gegenstand fest wie der Glaube, der Geist des Menschen umwandelt ihn wie der Begriff; Erkenntnis im Glauben bildet das Kunstwerk, welches erleuchtet.

In der Musik ist die Erzeugung selbst ein Wandeln der göttlichen Erkenntnis, die in den Menschen hereinleuchtet ohne Gegenstand, und der Mensch selbst ist die Empfängnis. – In allem ist ein Verein der Liebe, ein Ineinanderfügen geistiger Kräfte. Jede Erregung wird Sprache, Aufforderung an den Geist; – er anwortet: – und dies ist Erfindung. Dies also ist die geheime Grundlage der Erfindung: das Vermögen des Geistes, auf eine Frage zu antworten, die nicht einen bestimmten Gegenstand zur Aufgabe hat, sondern die vielleicht bewußtlose Tendenz der Erzeugung ist.[289]

Alle Regungen geistiger Ereignisse des Lebens nach außen haben einen solchen tief verborgnen Grund; so wie der Lebensatem sich in die Brust senkt, um aufs neue Atem zu schöpfen, so senkt sich der erzeugende Geist in die Seele, um aufs neue in die höhere Region ewiger Schöpfungskraft aufzusteigen.

Die Seele atmet durch den Geist, der Geist atmet durch die Inspiration, und die ist das Atmen der Gottheit.

Das Aufatmen des göttlichen Geistes ist Schöpfen, Erzeugen; das Senken des göttlichen Atems ist Gebären und Ernähren des Geistes, – so erzeugt, gebärt und ernährt sich das Göttliche im Geist; so, durch den Geist in der Seele, so durch die Seele in dem Leib. Der Leib ist die Kunst, – sie ist die sinnliche Natur, ins Leben des Geistes erzeugt.

In der Künstlersprache heißt es: Es kann nichts neues erfunden werden, alles ist schon vorher dagewesen; ja! Wir können auch nur im Menschen erfinden, außer ihm gibt es nichts, denn da ist der Geist nicht, denn Gott selbst hat keine andere Herberge als den Geist des Menschen. Der Erfinder ist die Liebe. Da nur das Umfassen der Liebe das Dasein gründet, so liegt außer diesem Umfaßten kein Dasein, kein Erfundenes. – Das Erfinden ist nur ein Gewahrwerden, wie der Geist der Liebe in dem von ihr begründeten Da sein waltet.

Der Mensch kann nicht erfinden, sondern nur sich selbst empfinden, nur auffassen, erkennen, was der Geist der Liebe zu ihm spricht, wie er sich in ihm nährt und ihn durch sich belehrt. – Außer diesem Gewahrwerden der göttlichen Liebe, in Sprache der Erkenntnis umsetzen: ist keine Erfindung.

Wie könnte der Geist nun erfinden wollen, da nur er das Erfundene ist, da die Entfaltung seines Lebens nur die Entwicklung der Leidenschaft ist, die ihm einzuflößen der göttlichen Liebe Genuß und Nahrung ist, da sein Atem nur das Verzehren dieser Leidenschaft ist, und da seine Erzeugnisse nur das Verkörpern dieser Leidenschaft sind.

Also das Dasein ist das Umfassen der Liebe, das Geliebtsein. Das Erfinden, das Aussprechen ist das Einflößen ihrer Leidenschaft in den menschlichen Geist. Die Schönheit aber ist der Spiegel ihrer Seligkeit, die sie in der Befriedigung ihrer Leidenschaft hat. – Die Seligkeit der Liebe spiegelt sich in dem Geist, den sie erzeugt, den sie mit Leidenschaft durchdringt, daß er sie begehre; dieses Begehren zu befriedigen, erzeugt ihren Genuß, dieses Mitgefühl ihres Genusses, ihrer Seligkeit, spricht der Geist durch Schönheit aus. Die Schönheit verkörpert sich durch den liebenden Geist, der die Form mit Leidenschaft durchdringt, so wie die Liebe die selbsterschaffene Form des Geistes durchdringt. Dann spricht nachher die sinnliche Form die Schönheit des Geistes aus, wie der von Leidenschaft erfüllte Geist die Schönheit der Liebe ausspricht. – Und so ist die Schönheit der irdischen Form der Spiegel der Seligkeit des liebenden Geistes, wie die Schönheit der Seele der Spiegel der Seligkeit der liebenden Gottheit ist.[290]

Mein Freund glaubt vielleicht, ich sei mondsüchtig, da wir heute Vollmond haben, ich glaub's auch.


Den 1. August 1817


Nicht geahndet hab ich es, daß ich je wieder so viel Herz fassen würde an Dich zu schreiben, bist Du es denn? oder ist es nur meine Erinnerung, die sich so in der Einsamkeit zu mir lagert und mich allein mit ihren offnen Augen anblickt? Ach, wie vielmal hab ich in solchen Stunden Dir die Hand dargeboten, daß Du die Deinigen hineinlegen möchtest, daß ich sie beide an meine Lippen drücken könnte. – Ich fühl es jetzt wohl, daß es nicht leicht war, mich in meiner Leidenschaftlichkeit zu ertragen, ja ich ertrage mich selbst nicht, und mit Schauder wende ich mich von all den Schmerzen, die die Betrachtung in mir aufwühlt.

Warum aber gerad heute, nachdem Jahre vorüber sind, nachdem Stunden verwunden sind, wo ich mit Geistern zu kämpfen hatte, die mich zu Dir hin mahnten? Heute bedachte ich es, daß vielleicht auch du nie eine Liebe erfahren habest, die bis ans End gewährt habe, heute hatte ich die Haare in Händen, die Deine Mutter sich abschnitt, um sie mir als ein Zeichen ihrer Liebe nach ihrem Tode reichen zu lassen, und da faßte ich Herz, einmal will ich Dich noch rufen, was kann mir widerfahren, wenn Du nicht hörst?

Die Leute gehen jetzt häufig in die Kirche, sie gehen zum Abendmahl, sie sprechen viel von ihrem Freund und Herrn, von dem Sohn ihres Gottes;

ich habe nicht einmal den Freund bewahrt, den ich mir selbst erwählte, mein Mund hat sich geschlossen über ihn, als ob ich ihn nicht kenne, ich habe das Richtschwert der Zunge über ihm blitzen sehen und hab es nicht abgewehrt, siehst Du, so wenig Gutes ist in mir, da ich doch damals so gewiß besser sein wollte als alle, die so sind.

Mir träumte vor drei Jahren, ich erwache aus einem ruhigen Schlaf auf Deinen Knien sitzend, an einer langen gedeckten Tafel, Du zeigtest mir ein Licht, was tief herabgebrennt war und sagtest: »So lange hab ich dich an meinem Herzen schlafen lassen, alle Gäste sind von der Tafel weggegangen, ich allein bin, um deine Ruhe nicht zu stören, sitzengeblieben, nun werfe mir nicht mehr vor, daß ich keine Geduld mit dir habe« – ja wahrlich, das träumte ich, ich wollte Dir damals schreiben, aber eine Bangigkeit, die mir bis in die Fingerspitzen ging, hielt mich davon ab; nun grüße ich Dich nochmals durch alle Nacht der Vergangenheit und drücke die Wunden wieder zu, die ich so lange nicht zu beschauen wagte, und warte ab, ob Du mich auch noch hören willst, eh ich Dir mehr erzähle.

Bettine


Den Tag, an dem ich dies geschrieben, geriet das Komödienhaus in Brand, ich ging nach dem Platz, wo Tausende mit mir dies unerhörte Schauspiel genossen, die wilden Flammendrachen rissen sich vom Dache los und ringelten[291] sich nieder oder wurden von Windstößen zerrissen, die Hitze hatte die schon tröpfelnden Wolken verzehrt oder zerteilt, und man konnte durch die rote Glut ruhig ins Antlitz der Sonne sehen, der Rauch wurde zum rötlichen Schleier. Das Feuer senkte sich in die innern Gemächer und hüpfte von außen hier und dort auf dem Rand des Gebäudes umher, das Gebälke des Daches war in einem Nu in sich hereingestürzt, und das war herrlich; nun muß ich Dir auch erzählen, daß es währenddem in mir jubelte, ich glühte mit, der irdische Leib verzehrte sich, und der unechte Staat verzehrte sich mit, man sah durch die geöffnete Türe, durch die dunkeln toten Mauern alle Fenster schwarz, den Vorhang des Theaters brennend niederstürzen, nun war das Theater im Augenblick ein Feuermeer, jetzt ging ein leises Knistern durch alle Fenstern, und sie waren weg, ja, wenn die Geister solcher Elemente einmal die Flügel aus den Ketten los haben, dann machen sie es arg. In dieser andern Welt, in der ich nun stand, – dachte ich an Dich, den ich schon so lange verlassen hatte; Deine Lieder, die ich lange nicht gesungen hatte, zuckten auf meinen Lippen, ich allein vielleicht unter den Tausenden, die da standen, die schauderten, die jammerten, ich allein fühlte in seliger einsamer Begeisterung, wie feuerfest Du bist – ein Rätsel hatte sich gelöst, deutlicher und besser konnte der Schmerz, der oft in früheren Zeiten in meiner Brust wühlte, nicht erläutert werden, ja es war gut, mit diesem Hause brannte ein dumpfes Gebäude nieder, frei und licht ward's in meiner Seele, und die Vaterlandsluft wehte mich an, – noch eins will ich Dir davon erzählen: in den ersten Nachmittagsstunden schon hatte das Feuer seine Rolle im Innern ausgespielt, wie der Mond aufging, hüpften die kleinen Flammengeister spielend in die Fenstermauern, in den Verzierungen tanzend lichteten sie die geschwärzten Masken. Am dritten Tag schlug die Flamme aus den tiefgehöhlten Balkenlöchern. Gelt, mehr läßt sich nicht erwarten, – willst Du mir nun über all diesen Schutt die Hand wieder reichen, willst Du bis ans End mich warm und liebend für Dich wissen, so sag ein Wort, aber bald, denn ich habe Durst.

Seit den langen Jahren hab ich das Schreiben verlernt, die Gedanken arbeiten sich auf ungeebnetem Weg durch, und doch denk ich mich noch wie den schäumenden Becher in Deiner Hand, aus dem Du gern nippen magst.

Wenn das beigefügte Blatt noch seine Farbe hat, so kannst Du sehen, welche Farbe meine Liebe zu Dir hat, denn immer kommt's mir vor, als ob's grad so innig rot und so ruhig, und der goldne Samenstaub auch, so ist Dein Bett in meinem Herzen bereitet, verschmähe es nicht. Meine Adresse ist Georgen-Straße Nr. 17.[292]

An Goethe

Weimar, den 29. Oktober 1821


Mit Dir hab ich zu sprechen! – Nicht mit dem, der mich von sich gestoßen, der Tränen nicht geachtet und karg keinen Fluch wie keinen Segen zu spenden hat, vor dem weichen die Gedanken zurück. Mit Dir Genius! Hüter und Entzünder! Der mit gewaltigen Schwingen oft die Flamme aus der versunknen Asche wieder emporwehte, mit Dir, der es mit heimlichem Entzücken genoß, wenn der jugendliche Quell brausend, empörend über Gefels sich den Weg suchte zur ruhigen Bucht zu Deinen Füßen, da es mir genügte, Deine Knie zu umfassen.

Aug in Aug! Einzig Leben! Keine Begeistrung, die über Dich geht! – Die Seligkeit, gesehen zu sein und Dich zu sehen! –

Ob ich Dich liebte? – Das fragst Du? – Macht Ihr es aus über unsern Häuptern, Ihr Schwingenbegabte. – Glaub an mich! – Glaub an einen heißen Trieb, – Lebenstrieb will ich ihn nennen, – so sing ich Deinem träumenden Busen vor. – Du träumst, Du schläfst! Und ich träume mit.

Ja, die damalige Zeit ist jetzt ein Traum, der Blitz der Begeistrung hatte schnell Dein irdisch Gewand verzehrt, und ich sah Dich, wie Du bist, ein Sohn der Schönheit, jetzt ist's ein Traum.

Ich hatte mich selbst, ein ernstes stilles schauerliches Geheimnis Dir opfernd zu Füßen zu legen, still und tief verborgen wie der unreife Same in seiner Hülle. An Dir, an Deiner vergebenden Liebe sollte er reifen; jeden unwillkürlichen Fehl, jede Sünde wollt ich eingestehn, ich wollte sie wegsaugen aus Deinen Augen mit meinem tränenbeladenen Blick, mit meinem Lächeln; aus Deinem Bewußtsein mit der Glut meines Herzens, die Du nicht zum zweitenmal findest, – aber dies alles ist nun ein Traum.

Zehn Jahre der Einsamkeit haben sich über meinem Herzen aufgebaut, haben mich getrennt von dem Quell, aus dem ich Leben schöpfte, keiner Worte hab ich mich seitdem wieder bedient, alles war versunken, was ich gefühlt und geahnt hatte. Mein letzter Gedanke war: »Es wird wieder eine Zeit kommen, in der ich sein werde, denn für diesmal haben sie meine Sinne begraben und mein Herz verhüllt.«

Diese zukünftige Zeit, o Freund! schwebt über mir hin gleich den Winden der Wüste, die so manches Dasein mit leichtem Flugsand verscharren, und es wird mich keine Stimme wieder erwecken, außer der Deinen, – und das bleibt wohl auch nur ein Traum? –

Damals betete ich oft um das einzige, daß ich Deinen letzten Atemzug küssen dürfe, denn ich wollte gern Deine auffliegende Seele mit meinen Lippen berühren; ja Goethe! – Zeiten, die ihr vorüber seid, wendet euch am fernen Horizont noch einmal nach mir her, ihr tragt das Bild meiner Jugendzeit in dichte Schleier gehüllt.

Nein! Du kannst doch nicht sein, was Du jetzt bist: hart und kalt wie Stein! – Sei es immer für diese Welt, für diese verrinnende Zeiten, aber dort, wo die Gewölke sich in triumphierenden Fahnen aufrollen, unter denen[293] Deine Lieder zu dem Thron aufsteigen, wo Du ihr Schöpfer, und Schöpfer Deiner Welt, ruhest, nachdem Du das Werk Deiner Tage geschaffen, zum Leben geschaffen; da laß mich mit Dir sein um meiner Liebe willen, die mir von geschäftigen Geistern jener höheren Welt zugetragen ward, wie der Honig dem wilden Fruchtbaum in den hohlen Stamm von tausend geschäftigen Bienen eingeimpft wird, der dann, ob auch nicht aus sich selber, dennoch einen köstlicheren Schatz in sich bewahrt als der Baum, der edle Früchte trägt. Ja, laß das wilde Reis seine Wurzeln mit den Deinen verstricken, verzehre es, wenn Du es nicht dulden magst.

Jawohl! Ich bin zu heftig, siehe da, der Damm ist verschüttet, welchen Gewohnheit baut, und Ungewohntes überströmt Herz und Papier. Ja ungewohnte Tränen, ihr überströmt mein Gesicht, das heute die Sonne sucht und vor Tränen nicht sieht, und auch nicht, weil sie mir heute nicht scheinen will.


Den 23. November


Alle Blumen, die noch im Garten stehen, einsammeln, Rosen und frische Trauben noch in der späten Jahreszeit zusammenbringen, ist kein unsittlich Geschäft und verdient nicht den Zorn dessen, dem sie angeboten sind. Warum soll ich mich fürchten vor Dir? – Daß Du mich zurückgestoßen hast mit der Hand, die ich küssen wollte, das ist schon lange her, und heut bist Du anders gesinnt. – Dem Becher, aus dem Du heute getrunken, sei dieser Strauß in den Kelch gepflanzt, er übernachte diese letzte Blumen, er sei ein Grab diesen Blumen, morgen wirf den Strauß weg und fülle den Becher nach Gewohnheit. – So hast Du mir's auch gemacht, Du hast mich weggeworfen aus dem Gefäß, das Du an die Lippen zu setzen gewohnt bist.


Den 24.


Eine Zeitlang flattert die Seele am Boden, aber bald schwebt sie aufwärts in den kühlenden Äther. Schönheit ist Äther! – Sie kühlt, – nicht entflammt. – Die Schönheit erkennen, das ist die wahre Handlung der Liebe. – Liebe ist kein Irrtum, aber ach! der Wahn, der sie verfolgt. – Du siehst, ich will einen Eingang suchen mit Dir zu sprechen, aber wenn ich auch auf Kothurnen schreite – der Leib ist zu schwach, den Geist zu tragen, – beladne Äste schleifen die Früchte am Boden. Ach! Bald werden diese Träume ausgeflammt haben.


Den 29. Juni 1822


Du siehst an diesem Papier, daß es schon alt ist, und daß ich's schon lang mit mir herumtrage, ich schrieb's im vorigen Jahr, gleich nachdem ich Dich verlassen hatte. Es war mir plötzlich, als wollen alle Gedanken mit mir zusammenbrechen, ich mußte aufhören zu schreiben; doch ruft von Zeit zu Zeit eine Stimme, daß ich Dir noch alles sagen soll. Ich geh aufs Land, da will ich womöglich den Blick über dies Erdenleben hinaustragen, ich[294] will ihn in Nebel hüllen, daß er nichts gewahr werde außer Dir. – Außer der Sonne, die den Tautropfen in sich fasset, soll er nichts fassen. Jede Blüte, die sich dem Lichte öffnet, fasset einen Tautropfen, der das Bild der wärmenden belebenden Kraft aufnimmt; aber Stamm und Wurzel sind belastet mit der finsteren, festen Erde; und wenn die Blüte keine Wurzel hätte, so hätte sie wohl Flügel. –

Heute ist so warm, heute sei ergeben in die Gedanken, die Dir dies Papier bringt. Zeit und Raum laß weichen zwischen unsern Herzen, und wenn's so ist, dann hab ich keine Bitte mehr, denn da muß das Herz verstummen.

Bettine


Von Goethes Hand auf diesen Brief geschrieben:

»Empfangenden 4. Juli 1822«

An Goethe

Schon oft hab ich mich im Geist vorbereitet, Dir zu schreiben, aber Gedanken und Empfindungen, wie die Sprache sie nicht ausdrücken kann, erfüllen die Seele, und sie vermag nicht, ihr Schweigen zu brechen.

So ist denn die Wahrheit eine Muse, die das Kunstgebilde ihrer Melodien zwar in dem, den sie durchschreitet, harmonisch begründet, nicht aber sie erklingen läßt. – Wenn alles irdische Bedürfnis schweigt, alles irdische Wissen verstummt, dann erst hebt sie ihrer Gesänge Schwingen. – Liebe! Trieb aller Begeistrung, erneut das Herz, macht die Seele kindlich und unbefleckt. Wie oft ist mein Herz unter der Schlummerdecke des Erdenlebens erwacht, begabt mit dieser mystischen Kraft, sich zu offenbaren; der Welt war ich erstorben, die Seele ein Mitlauter der Liebe, und daher mein Denken, mein Fühlen, ein Aufruf an Dich: Komm! Sei bei mir! Finde mich in diesem Dunkel! – Es ist mein Atem, der um Deine Lippen spielt, der Deine Brust anfliegt; – so dachte ich aus der Ferne zu Dir, und meine Briefe trugen Dir diese Melodien zu; es war mein einzig Begehren, daß Du meiner gedenken mögest, und so wie in Gedanken ich immer zu Deinen Füßen lag, Deine Knie umfassend, so wollte ich, daß Deine Hand segnend auf mir ruhe. Dies waren die Grundakkorde meines Geistes, die in Dir ihre Auflösung suchten. – Da war ich, was allein Seligkeit ist: ein Element von Gewalten höherer Natur durchdrungen, meine Füße gingen nicht, sie schwebten der Zukunftsfülle entgegen über die irdischen Pfade hinaus; meine Augen sahen nicht, sie erschufen die Bilder meiner seligsten Genüsse; und was meine Ohren von Dir vernahmen, das war Keim des ewigen Lebens, der vom Herzen aus mit fruchtender Wärme gehegt ward. Sieh, ich durcheile mit diesen Erinnerungen die Vergangenheit. Zurück! Von Klippe zu Klippe abwärts, ins Tal einsamer Jugend; hier Dich findend,[295] das bewegte Herz an Deiner Brust beschwichtigend, fühl ich mich zu dieser Begeistrung aufgeregt, mit der der Geist des Himmels in menschlicher Empfindung sich offenbart.

Dich auszusprechen wär wohl das kräftigste Insiegel meiner Liebe, ja es bewiese als ein Erzeugnis göttlicher Natur meine Verwandtschaft mit Dir. Es wär ein gelöstes Rätsel, gleich dem lange verschloßnen Bergstrom, der endlich zum Lichte sich drängt, den ungeheuren Sturz mit wollüstiger Begeistrung erleidend, in einem Lebensmoment, durch welchen, nach welchem ein höheres Dasein beginnt. – Du Vernichter, der Du den freien Willen von mir genommen, Du Erzeuger, der Du die Empfindung des Erwachens in mich geboren; mit tausend elektrischen Funken aus dem Reiche heiliger Natur mich durchzuckt. Durch Dich hab ich das Gewinde der jungen Rebe lieben lernen, auf ihre bereiften Früchte fielen meiner Sehnsucht Tränen. Das junge Gras hab ich um Deinetwillen geküßt, die offne Brust um Deinetwillen dem Tau geboten, um Deinetwillen hab ich gelauscht, wenn der Schmetterling und die Biene mich umschwärmten. Denn Dich wollte ich empfinden in dem heiligsten Kreis Deiner Genüsse. O Du! im Verborgnen mit der Geliebten spielend! Mußte ich, die das Geheimnis erlauscht hatte, nicht liebetrunken werden?

Ahnest Du die Schauer, die mich durchbebten, wenn die Bäume ihren Duft und ihre Blüten auf mich schüttelten? – Da ich dachte, empfand und fest glaubte, es sei Dein Kosen mit der Natur, Dein Genießen ihrer Schönheit, ihr Schmachten, ihr Hingeben an Dich, die diese Blüten von den bewegten Zweigen löse und sie leise niederwirble in meinen Schoß. O ihr Spiegelnächte des Mondes! Wie hat an euerm Himmelsbogen mein Geist sich ausgedehnt! Da entnahm der Traum das irdische Bewußtsein, und wieder erwachend war die Welt mir fremd. Im Herannahen der Gewitter ahnete ich den Freund. Das Herz empfand ihn, der Atem strömte ihm zu, freudig löste sich das gebundne Leben unter dem Kreuzen der Blitze und dem Rollen der Donner.

Die Gabe des Eros ist die einzige genialische Berührung, die den Genius weckt; aber die andern, die den Genius in sich entbehren, nennen sie Wahnsinn. Die Begabten aber entschwingen sich mit dem fern hintreffenden Pfeil dem Bogen des Gottes, und ihre Lust und ihre Liebe hat ihr Ziel erreicht, wenn sie mit solchem göttlichen Pfeil zu den Füßen des Geliebten niedersinkt. – Es halte einen solchen Pfeil heilig und bewahre ihn im Busen als ein Kleinod, wer zu seinen Füßen ihn findet, denn er ist ein Doppelgeschenk des Eros, da ein Leben, im Schwung solchen Pfeiles, ihm geweihet verglüht. Und nun sage ich auch Dir: achte mich als ein solches Geschenk, das Deiner Schönheit ein Gott geweihet habe, denn mein Leben ist für Dich einem höheren versöhnt, dem irdischen verglüht; und was ich Dir in diesem Leben noch sage, ist nur das Zeugnis, was der zu Deinen Füßen erstreckte Pfeil Dir gibt.

Was im Paradiese erquickender, der Himmelsbeseligung entsprechender[296] sei: Ob Freunde wieder finden und umgebende Fülle seliger Geister, oder allein die Ruhe genießen, in welcher der Geist sich sammelt, in stiller Betrachtung schwebend über dem, was Liebe in ihm erzeugt habe, das ist mir keine Frage; denn ich eile unzerstreut an den einsamsten Ort, und dort das Anlitz in die betenden Hände verbergend, küsse ich die Erscheinung dessen, was mein Herz bewegt.

Ein König wandelte durch die Reihen des Volkes, und wie Ebbe und Flut es erheischen, so trug die Woge der Gemeinheit ihn höher, aber ein Kind, vom Strahl seiner Augen entzündet, ergriff den Saum seines Gewandes und begleitete ihn bis zu den Stufen des Thrones, dort aber drängte das berauschte Volk den unschuldigen, ungenannten, unberatnen Knaben zurück hinter der Philister aufgepflanzte Fahnenreihe. – Jetzt harret er auf die einsame Stätte des Grabes, da wird er die Mauern um den Opferaltar hochbauen, daß kein Wind die Flamme verlösche, während sie, der Asche des Geliebten zu Ehren, die dargebrachten Blumen in Asche verwandelt. Aber Natur! Bist du es, die den Aufgelösten verbirgt? – Nein! nein! Denn die Töne, die der Leier entschweben, sind dem Lichte erzeugt und der Erde entnommen, und wie das Lied, entschwebt auch der geliebte Geist in die Freiheit höherer Regionen, und je unermeßlicher die Höhe, je endloser die Tiefe dessen, der liebend zurückbleibt, wenn nicht der befreite Geist ihn erkennt, ihn berührt, ihn weihet im Entfliehen.

Und so mir, o Goethe, wird die Verzweiflung den Busen durchschneiden, wenn, am einsamsten Orte verweilend, ich dem Genuß Deiner Betrachtung mich weihe, und die Natur um mich her wird ein Kerker, der mich allein umschließt, wenn Du ihm entschwebt bist, ohne daß Dein Geist, der Inhalt meiner Liebe mich berührt habe. O tue dem nicht also, sei nicht meiner Begeistrung früher erstorben, lasse das Geheimnis der Liebe noch einmal zwischen uns erblühen; ein ewiger Trieb ist außer den Grenzen der irdischen Zeit, und so ist meine Empfindung zu Dir ein Urquell der Jugend, der da erbrauset in seiner Kraft und sich fortreißt mit erneuten Lebensgluten bis an das Ende.

Und so ist es Mitternacht geworden bei dem Schreiben und Bedenken dieser letzten Zeilen, sie nennen es die Silvesternacht, in der die Menschen einen Augenblick das Fortrücken der Zeit wahrnehmen. Nun bei dieser Erschütterung, die dem Horn des Nachtwächters ein grüßendes Zeichen entlockt, beschwöre ich Dich: denke von diesen geschriebenen Blättern, daß sie wie alle Wahrheit wiederkehren aus vergangner Zeit. Es liegt hier nicht ein bloßes Erinnern, sondern eine innige Verbindung mit jener Zeit zum Grund. Wie der Zauberstab, der sich aus dem Strahl liebender Augen bildet und den Geliebten aus der Ferne berührt, so bricht sich der Lichtstrahl jener frühen Zeit an meiner Erinnerung und wird zum Zauberstab an meinem Geist. Eine Empfindung unmittelbarer Gewißheit, meines eigensten wahrhaftesten Lebens Ansicht, ist für mich diese Berührung aus der Vergangenheit; und während Schicksal und Welt nur wie Phantome im[297] Hintergrund nie wahrhaften Einfluß auf mich hatten, so hat der Glaube, als sei ich Dir näher verwandt, als habe Dein Sehen, Dein Hören, Dein Fühlen einen Augenblick meinem Einfluß sich ergeben, allein mir zur Versicherung meiner selbst verholfen. Der Weg zu Dir ist die Erinnerung, durch sie wirke ich an einer Gemeinschaft mit Dir, sie ist mir Erscheinung und Gegenerscheinung; Geistergespräch, Mitteilung und Zuneigung, und was mir damals ein Rätsel war, daß ich bei zärtlichem Gespräch mehr den Bewegungen Deiner Züge lauschte, als Deinen Worten, daß ich Deine Pulsschläge, Dein Herzklopfen zählte, die Schwere und Tiefe Deines Atems berechnete, die Linien an den Falten Deiner Kleider betrachtete, ja den Schatten, den Deine Gestalt warf, mit Geisterliebe in mich einsog, das ist mir jetzt kein Rätsel mehr, sondern Offenbarung, durch die mir Deine Erscheinung um so fühlbarer wird und die auch mein Herz bei der Erinnerung zum Klopfen und den Atem zum Seufzen bewegt.

Sieh! An den Stufen der Verklärung, wo sich alle willkürliche Tätigkeit des Geistes niederbeugen läßt von irdischer Schwere, keine Liebe, keine Bewunderung ihre Flügel versucht, um die Nebel zu durchdringen, in die der Scheidende sich einhüllt, und die zwischen hier und jenseits aufsteigen, bin ich in liebender Ahnung Dir schon vorangeeilt, und während Freunde, Kinder und Schützlinge, und das Volk, das Dich seinen Dichter nennt, die Seele zum Abschied bereitend, Dir in feierlichem Zug langsam nachschreitet, schreite, fliege, jauchze ich bewillkommend Dir entgegen, die Seele in den Duft der Wolken tauchend, die Deine Füße tragen, aufgelöst in die Atmosphäre Deiner Beseligung; ob wir uns in diesem Augenblick verstehen, mein Freund! Der noch den irdischen Leib trägt, dieser Leib, der seinen Geist, ein Urquell der Grazie, ausströmte über mich, mich heiligte, verwandelte, der mich anbeten lehrte die Schönheit im Gefühl, der diese Schönheit als einen schützenden Mantel über mich ausbreitete und mein Leben unter dieser Verhüllung in einen heiligen Geheimniszustand erhgb, ob wir uns verstehen, will ich nicht fragen in diesem Augenblick tiefster Rührung. Sei bewegt, wie ich es bin; laß mich erst ausweinen, Deine Füße in meinen Schoß verbergend, dann ziehe mich herauf ans Herz, gib Deinem Arm noch einmal die Freiheit, mich zu umfassen, lege die segnende Hand auf das Haupt, das sich Dir geweihet hat, überströme mich mit Deinem Blick, nein! mehr! verdunkle, verberge Deinen Blick in meinem, und es wird mir nicht fehlen, daß Deine Lippen die Seele auf den meinen als Dein Eigentum besiegeln. Dies ist, was ich diesseits von Dir verlange.

Im Schoße der Mitternacht, umlagert von den Prospekten meiner Jugend; das hingebendste Bekenntnis aller Sünden, deren Du mich zeihen willst im Hinterhalt, den Himmel der Versöhnung im Vorgrund, ergreife ich den Becher mit dem Nachttrunke und leere ihn auf Dein Wohl, indem ich bei dem dunkeln Erglühen des Weines auf kristallnem Rande der herrlichen Wölbung Deiner Augen gedenke.
[298]

Am 1. Januar


Der herrlichen Wölbung Deiner Augen gedenkend auch heute am ersten Tag des Jahres, da ich so unwissend bin wie am ersten Tag meines Lebens, denn nichts hab ich gelernt, und keine Künste hab ich versucht, und keiner Weisheit bin ich mir bewußt; allein der Tag, an dem ich Dich gesehen habe, hat mich verständigt mit dem, was Schönheit ist. Nichts spricht überzeugender von Gott, als wenn er selbst aus der Schönheit spricht, so ist denn selig, wer da siehet, denn er glaubt; seit diesem Tag hab ich nichts gelernt, wo ich nicht durch Erleuchtung belehrt wurde. Der Erwerb des Wissens und der Künste schien mir tot und nicht zu beneiden, Tugend, die nicht die höchste Wollust ist, währt nur kurz und mühselig, bald glaubt der Strebende sie zu erfassen, bald eilt er der Fliegenden nach, bald ist sie ihm entschwunden, und er ist's zufrieden, da er der Mühe überhoben wird, sie zu erwerben. So seh ich denn auch die Künstler vergnügt mit der Geschicklichkeit, während der Genius entfliehet, sie messen einander und finden das Maß ihrer eignen Größe immer am höchsten und ahnen nicht, daß eine ungemeßne Begeistrung zum kleinsten Maßstab des Genies gehöre. – Dies alles hab ich bei Gelegenheit, da Deine Statue von Marmor soll verfertigt werden, recht sehr empfunden, die bedächtige vorsichtige Logik eines Bildhauers läßt keiner Begeistrung die Vorhand, er bildet einen toten Körper, der nicht einmal durch die rechtskräftige Macht des erfinderischen Geistes sanktioniert wird. Der erfundne Goethe konnte nur so dargestellt werden, daß er zugleich einen Adam, einen Abraham, einen Moses, einen Rechtsgelehrten oder auch einen Dichter bezeichnet; keine Individualität.

Indessen wuchs mir die Sehnsucht, auch einmal nach dem heiligen Ideal meiner Begeistrung Dich auszusprechen; beifolgende Zeichnung gebe Dir einen Beweis von dem, was Inspiration vermag ohne Übung der Kunst, denn ich habe nie gezeichnet oder gemalt, sondern nur immer den Künstlern zugesehen und mich gewundert über ihre beharrliche Ausdauer in der Beschränkung, indem sie nur das achten, was einmal Sprachgebrauch in der Kunst geworden, und wohl das bekannte gedankenlose Wort achten, nie aber den Gedanken, der erst das Wort heiligen soll. Kein herkömmlicher Prozeß kann den Geist und den Propheten und den Gott in einem ewigen Frieden in dem Kunstwerk vereinen. Der Goethe, wie ich ihn hier mit zitternder Hand, aber mit feuriger mutiger Anschauung gezeichnet habe, weicht schon vom graden Weg der Bildhauer ab, denn er senkt sich unmerklich nach jener Seite, wo die im Augenblick der Begeistrung vernachlässigte Lorbeerkrone in der losen Hand ruht. Die Seele von höherer Macht beherrscht, die Muse in Liebesergüssen beschwörend, während die kindliche Psyche das Geheimnis seiner Seele durch die Leier ausspricht, ihr Füßchen findet keinen andern Platz, sie muß sich auf dem Deinen den höheren Standpunkt erklettern; die Brust bietet sich den Strahlen der Sonne, den Arm, dem der Kranz anvertraut ist, haben wir mit der Unterlage des Mantels[299] weich gebettet. Der Geist steigt im Flammenhaar über dem Haupt empor, umringt von einer Inschrift, die Du verstehen wirst, wenn Du mich nicht mißverstehst; sie ist auf die verschiedenste Art ausgelegt worden und immer so, daß es Deinem Verhältnis zum Publikum entsprach, ich habe einesteils damit ausdrücken wollen: »Alles, was ihr mit euren leiblichen Augen nicht mehr erkennt, ist über das Irdische hinaus dem Himmlischen zuteil geworden«, ich habe noch was anders sagen wollen, was Du auch empfinden wirst, was sich nicht aussprechen läßt; kurz, diese Inschrift liegt mir wie Honig im Munde, so süß finde ich sie, so meiner Liebe ganz entsprechend. – Die kleinen Genien in den Nischen am Rande des Sessels, die aber mehr wie kleine ungeschickte Bengel geraten sind, haben ein jeder ein Geschäft für Dich, sie keltern Dir den Wein, sie zünden Dir Feuer an und bereiten das Opfer, sie gießen Öl auf die Lampe bei Deinem Nachtwachen, und der hinter Deinem Haupt lehrt auf der Schalmei die jungen Nachtigallen im Neste besser singen. Mignon an Deiner rechten Seite im Augenblick, wo sie entsagt (ach und ich mit ihr für diese Welt, mit so tausend Tränen so tausendmal dies Lied aussprechend und die immer wieder aufs neue erregte Seele wehmütig beschwichtigend), dies erlaube, daß ich dieser meiner Liebe zur Apotheose den Platz gegeben; jenseits, die meinen Namen trägt im Augenblick, wo sie sich überwerfen will, nicht gut geraten, ich hab sie noch einmal gezeichnet, wo sie auf dem Köpfchen steht, da ist sie gut gelungen. Konntest Du diesseits so fromm sein, so dürftest Du jenseits wohl so naiv sein, es gehört zusammen. – Unten am Sockel hab ich, ein Frankfurter Kind wie Du, meiner guten Stadt Frankfurt Ehre erzeugt: an beiden Seiten des Sockels, die Du nicht siehst, sollen Deine Werke eingegraben werden, von leichtem, erhabnem Lorbeergesträuch überwachsen, der sich hinter den Pilastern hervordrängt und den Frankfurter Adler an der Vorderseite reichlich umgibt und krönt; hinten können die Namen und Wappen derjenigen eingegraben werden, die dieses Monument verfertigen lassen. Dies Monument, so wie ich's mir in einer schlaflosen Nacht erdacht habe, hat den Vorteil, daß es Dich darstellt und keinen andern, daß es in sich fertig ist, ohne Nebenwerke Deine Weihe aussprechend, daß es die Liebe der Frankfurter Bürger ausspricht und auch das, was ihnen durch Dich zuteil geworden; und dann liegt noch das Geheimnis der Verklärung, die Deine sinnliche, wie Deine geistige Natur, Dein ganzes Leben lang vor aller Gemeinheit bewahrt hat, darin. Gezeichnet mag es schlecht sein, und wie könnte es auch anders, da ich Dir nochmals versichern kann, daß ich nie gezeichnet habe, um so überzeugter wirst Du von der Wahrhaftigkeit meiner Inspiration sein, die es gewaltsam im Zornesfeuer gegen den Mangel an Beschaulichkeit in dem Künstler, der dies der Welt heilige Werk vollenden soll, hervorgebracht hat. Wenn überlegt würde, wie bedeutend die Vergangenheit die Zukunft durchstrahlen soll in einem solchen Monument, wie die Jugend einst, die Dich nicht selbst gesehen, mit feurigem Auge an diesem nachgebildeten Antlitz hängen wird, so würden die Künstler[300] wohl den heiligen Geist auffordern, ihnen beizustehen, statt auf ihrem akademischen Eigensinn mit eitler Arroganz loszuhämmern. Ich zum wenigsten rufe den heiligen Geist an, daß er Zeugnis gebe, daß er mir hier beigestanden, und daß er Dir eingebe, es mit vorurteilslosem Blick, wo nicht von Güte gegen mich übervorteilt, zu beschauen. Ich habe eine Durchzeichnung an Bethmann geschickt, auf dessen Bitte ich es gewagt habe, die Erfindung, die ich bei seinem Hiersein gemacht, zu zeichnen. Ist es nicht zu viel gefordert, wenn ich Dich bitte, mir den Empfang des Bildes mit wenigen Worten anzuzeigen?

Am 11. Januar 1824

Bettine[301]

Quelle:
Bettina von Arnim: Werke und Briefe. Bde. 1–5, Band 2, Frechen 1959, S. 165-303.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Goethes Briefwechsel mit einem Kinde
Goethe's Briefwechsel Mit Einem Kinde (1-3); Seinem Denkmal
Goethes Briefwechsel Mit Einem Kinde
Werke I. Goethes Briefwechsel mit einem Kinde
Goethes Briefwechsel mit einem Kinde
Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Buchempfehlung

Reuter, Christian

L'Honnête Femme oder Die Ehrliche Frau zu Plißine

L'Honnête Femme oder Die Ehrliche Frau zu Plißine

Nachdem Christian Reuter 1694 von seiner Vermieterin auf die Straße gesetzt wird weil er die Miete nicht bezahlt hat, schreibt er eine Karikatur über den kleinbürgerlichen Lebensstil der Wirtin vom »Göldenen Maulaffen«, die einen Studenten vor die Tür setzt, der seine Miete nicht bezahlt.

40 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon