Eilftes Kapitel

Abreise der Fürstin nach Italien. Der Primaner wird ihr Schreiber

[395] Die kleine Tänzerin, die das Gedicht so artig mit schöner Bewegung und Stellung begleitete, hatte auch dessen Wirkung bestimmt; vielleicht wäre es sonst wie alle übrigen vorgelesen und vergessen worden. Der Minister bemerkte die allgemeine Heiterkeit, die es verbreitet hatte, und sagte dem Kammerjunker einen sehr wohlbestimmten Dank. Seine artige Erfindung wurde zur Veranlassung, daß die beiden reisenden Fürstinnen ihr Herz über Italien ausschütteten; sie kannten es, und hatten es in mehreren seiner Hauptorte und Gegenden, so weit es Frauen vergönnt, genossen; sie beschrieben die Luft so ungemein hell, die Jahreszeiten so sanft verschmolzen in einander, die Peterskirche so glänzend, den Vesuv so sprühend; sie ermunterten die Fürstin so beredt zur Reise, der Minister fügte so wohl gedachte Gründe hinzu, erzählte von seinen beiden Töchtern in der schönsten Gegend Siziliens, die es sich zur Pflicht machen würden, die Fürstin zu erheitern, daß der ganze Reiseplan noch denselben Abend entworfen und genehmigt wurde. Den Regierenden ist es so leicht, über die gewöhnlichen Beschwerlichkeiten solcher Unternehmungen hinwegzukommen, daß sie in solchen Plänen gewöhnlich viel bestimmter auf die Ausführung rechnen können: so wurde Tag und Stunde der Rückkehr ausgerechnet und die ganze Gesellschaft dazu eingeladen. Mancherlei[395] Hoffnungen und Kabalen der Hofleute, wer die Fürstin begleiten sollte, zerschnitt sie, indem sie niemand zu ihrer Gesellschaft, nur wenige zur Bedienung mit sich zu nehmen beschloß, um sich ganz in die fremde Welt einlassen zu müssen. Den fischköpfigen Primaner nahm sie auf Empfehlung des Ministers als Schreiber in ihre Dienste, dem Kammerjunker und der Mamsell schenkte sie Ringe für ihre Bemühung, beide schienen nicht sehr zufrieden. Einige Stunden der Nacht reichten hin dem Minister die nötigen Vollmachten, Anordnungen und Pläne einzuhändigen; die Schreiber hatten eine angestrengte Nacht. Als die Bürger ihre Laden öffneten, rollte die Fürstin in einem leichten Reisewagen durch die Gassen, ihre Kammerfrau neben ihr, ein Jäger und der Schreiber auf einem hinten angebrachten bequemen Sitze, der zugleich den Koffer sicherte; sie selbst hatte ein paar Muskedonner zu ihrer Verteidigung im Wagen anbringen lassen. Viele verdrießliche Gesichter sahen dem Wagen aus dem Schlosse nach, die armen Leute, die eben zur Arbeit gingen, beneideten das Glück jener, ruhig vor der Tür stehen zu können; wer ist mit seinem Verhältnisse ganz zufrieden? Niemand als ein Narr, denn einen Weisen, der das sagen könnte, hat noch niemand gefunden.

Wir wünschten, die Fürstin hätte vor dem Antritte ihrer Reise eine Unterredung gehört, die ich einmal zwischen einem Ausreisenden und einem Heimkehrenden belauscht habe.

Reisefluch

Der Heimkehrende


Ach was treibt der Erde Söhne

Sich zu suchen ferne Leiden?

Grüßen uns die schönsten Töne,

Klagen sie ihr schnelles Scheiden,

Und es schließet eine Stille

Unsrer Hoffnung reiche Fülle.


Der Ausreisende


In der Fremde stehen Tische,

Jungfrauen schwingen Rosenketten,

Lieblich wehet da die Frische,[396]

Und wer möcht sich da nicht betten,

Und wer bliebe wohl zu Hause

Von dem festlich hohen Schmause?


Der Heimkehrende


All ihr Wandrer, bleibt zu Hause,

Denn ihr sucht, was nicht zu finden,

Denn die Rose welkt beim Schmause

Und die Dornen euch umwinden,

Und zerreißt ihr nicht die andern,

Müßt ihr selbst zerrissen wandern.


Der Ausreisende


Dennoch treibt's mich zu den Bergen,

Aus der gleichen breiten Fläche,

Mich der Sonne zu verbergen

Und zu sehn den Quell der Bäche,

Und den Demant aufzufinden,

Der so selten in den Gründen.


Der Heimkehrende


Dort erstarrt der Liebe Atem,

Demant wird die flüssige Quelle,

Meinst du dann, du hast's erraten,

Wo des Demanthauses Schwelle,

Kommst vom Berge mit dem Eise,

Es zerschmilzt in Tränen leise.


Möge der Leser mit diesem Gefühle die Sinnbilder beschauen, welche beide Titel dieses Buches bezeichnen.

Die Reiseansichten der Fürstin würden vielleicht mehr Reiz haben, als diese ernsten Betrachtungen, sie schrieb aber gegen die Gewohnheit ihrer Schwestern auf Thronen sehr selten und immer nur das Notwendigste; sie sah mit Lust und Aufmerksamkeit, aber sie gab nicht gerne davon Rechenschaft, nur ein Gespräch konnte sie zur Ausführlichkeit bringen. Von ihrem ersten Eintritte in Italien hatte sie den beiden Fürstinnen etwas Schriftliches versprochen; der Brief wurde aber sehr kurz: sie erklärte darin, daß es eben das Herrlichste an ganz Italien sei, daß sich nichts davon eigentlich[397] mit Absicht beschreiben lasse; die Reisebeschreiber jenes Landes, die man bis dahin als sehr lebendig bewundert, selbst die Dichter scheinen dort ganz töricht, entweder zerfallen ihre Worte in lauter Flittern, die aufeinander gehäuft sind und keinen Überblick gestatten, oder sie werden so steif und ärmlich, als hätten sie statt des Landes eine plastische Landkarte, wie sie in der Schweiz aus Kraftmehl und Moos verfertigt werden, vor Augen gehabt. »Nur eure mündliche Erzählungen von schöner Wärme belebt, fallen mir hier zuweilen ein.« So schloß ihr Brief. Je mehr sie der göttlich verjüngenden Milde des Landes genoß, desto wunderlicher drängte sie das Verlangen nach einer ganz vertrauten Seele, in der das Vorübergehende einen Widerschein gebe, sie wünschte sich eine Freundin und hoffte sie in einer der Töchter des Grafen zu finden; darum eilte sie nach Sizilien, ungeachtet der Schreiber noch lange nicht alle alte Inschriften kopiert hatte; sein Tagebuch forderte beinahe schon einen Beiwagen. Es ist unmöglich, ergebener zu sein, als ihr dieser gute Junge anhing, jedes freundliche Wort, das sie ihm schenkte, lebte eine Ewigkeit in seinem Gedächtnisse; ihr reicher Geist wirkte ohne Absicht auf seine Ausbildung, doch müssen wir eingestehen, daß sie ihrem Alter zum Trotz so wohlerhalten frisch war, daß auch ihre Schönheit einigen Einfluß auf ihn haben mochte.

Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Romane und Erzählungen. Bde. 1–3, Band 1, München 1962–1965, S. 395-398.
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