Ein und zwanzigster Auftritt.

[96] Herr von Wolf und die Vorigen, hernach die Fräule, Tomaso und der zweyte Rauchfangkehrer.


HERR VON WOLF mit einem erbrochenen Brief in der Hand, kömmt lachend aus des Fräuleins[96] Zimmer. Bruder Bär! – das ist zum krepiren. Lacht aus vollem Halse. Eben komm ich von einem Versprechen, welches zwischen der Fräule von Habicht, und einem Marchese Rauchfangkehrer vorbey gegangen ist. Lacht aus vollem Halse Bruder Bär! so hilf mir lachen. Lacht was er lachen kann.

Frau von Habicht ganz betroffen, betrachtet den vermummten Rauchfangkehrer vom Kopf bis zum Fusse.


HERR VON WOLF. Bruder Bär, so lache doch! Im beständigen Gelächter. Seye, hier ist sein Adelsbrief ohne Datum und ohne Jahrzahl.

HERR VON BÄR nimmt den Brief, übersieht ihn, und lacht gelassen. Gnädige Frau! hier ist die eigene Hand – es sind die nämlichen Worte – das ist der Brief von Euer Gnaden!

FRAU VON HABICHT. Wie? soll ich meinen Brief verlohren haben? Sie sucht in ihren Säcken, findet ihren Brief, hält ihn mit des Wolfs seinem zusammen, läßt plötzlich Beede fallen, und taummelt auf den Sessel hin. Himmel! ich bin hintergangen! – ich bin des Todtes!

Bär zieht ein Fläschgen aus der Tasche, und sucht sie zu erholen


HERR VON WOLF leichtfertig. Ich vermuthe ja nicht ein Urheber dieser Verstellung – – –

HERR VON BÄR ernsthaft. Herr Bruder! hier ist nicht mehr zu spassen. – Wie ist Ihnen gnädige Frau? – erholen Sie sich![97]

HERR VON WOLF betroffen, läuft zu dem Zimmer der Fräule, eröfnet die Thüre, und ruft. Fräulein Nannette! kommen Sie! kommen Sie! der Mama ist eine Uebligkeit zugegangen.

Fräule Nannette kömmt mit Meister Tomaso aus ihrem Zimmer, und der zweyte Rauchfangkehrer folget.


FRÄULE hochmüthig. Nu! – was giebts? Abseits zum Tomaso. Ihr ist gewiß aus Aergerniß übel worden, weil ich ihr den Marchesen weggefischet habe. Tomaso schupft die Achseln.

FRAU VON HABICHT etwas erholet. Ach! ich Unglückselige! – O Streich! – O Schande!

Die Fräule lacht abseits, und klascht in die Hände.


HERR VON BÄR abseits. Ich habe wahres Mitleiden bey ihrer Quaal.

FRAU VON HABICHT springt vom Sessel auf. Wo ist Volpin! der niederträchtige Betrüger?

HERR VON BÄR. Hier rückwärts steht er.

FRÄULE geschnäppig. Sie irren Monsieur Bär, er ist in meinem Zimmer. – Herr von Wolf! rufen Sie ihn.

Wolf winkt bey der Zimmerthüre, der Rauchfangkehrer kömmt heraus, und stellt sich den Anwesenden gegenüber.


FRÄULE betroffen. Was will dieses? – Zwey Volpin?

HERR VON WOLF spassend. Ja Euer Gnaden! zwey Marchesen Rauchfangkehrers. Zum ersten.[98] Heißt er Volpino? Er nickt den Kopf. und er heißt auch Volpino? Er nickt auch mit dem Kopfe. Charmant! die haben sich wirklich multiplicirt.

FRÄULE mit einem Geschrey. Ach! ich bin verlohren! Sie läuft wie unsinnig hin und her. Mama! dieses Versprechen ist ungültig, weil es Betrüger veranlasset haben.

FRAU VON HABICHT rasend. Wir sind mit Spitzbuben umschwärmt. Dieser schändliche Streich muß bey der Obrigkeit angezeiget, und von selber auf das schärfeste gezüchtiget werden.

TOMASO ernsthaft Meine gnädigen Frauen! nur keine Beleidigungen. Zu den zwey Rauchfangkehrern. Ihr zwey! marschirt in die Kuchel! Sie gehen ab. Nun meine Dames! hören Sie mich mit Geduld, ich werde ganz kurz seyn. – So viel ich von dem Hergange der ganzen Geschichte belehret bin, so fällt – alle Schuld auf ihren Hochmuth, auf ihren Eigensinn und auf Ihre muthwilligen Ränke, welche Sie unter sich selbst, und wider diese rechtschaffenen Herren angesponnen haben. – Ihr eigenes Gewissen wird Ihnen die Genugthuung absprechen, welche Sie wider diejenige bey der Obrigkeit zu erwirken hoffen, denen nichts anders übrig war, als Betrug mit Betrug abzuthun, und Gleiches mit Gleichem zu vergelten. – Rechten Sie nun wider Ihre eigene Thorheiten, wenn Sie doch das Gespött und Gelächter der ganzen Stadt werden wollen.

Frau von Habicht und die Fräule schlagen die Augen nieder, und stehen ganz beschämt da.
[99]

FRAU VON HABICHT abseits. Welche Strafe für meinen Uebermuth. Sie fängt an zu weinen.

FRÄULE abseits. Welche Quaal für meine Eitelkeit. Sie weint.

Gesang in Fünfen.


FRAU VON HABICHT gegen Hrn. von Bär.

Ach! wie schmerzt mich jener Eifer,

Der Sie so beleidigt hat:

FRÄULE gegen Hrn. von Wolf.

Ach! warum war ich nicht reifer,

Ich bereue meine That.

FRAU VON HABICHT UND FRÄULE, zusammen.

Dies Bekenntniß soll allein,

Ihnen Stoff zur Güte seyn.

HERR VON BÄR zur Frau von Habicht.

Nichts ist schwerer zu verzeihen,

Als der Meineid in der Lieb.

HERR VON WOLF zur Fräule.

Nichts ist härter zu erweichen,

Als ein Herz bey jenem Trieb.[100]

BÄR UND WOLF, zusammen.

Wenn die Rach' in Wuth der Waffen,

Ungetreue sucht zu straffen.

FRAU VON HABICHT ALLEIN für sich.

Ach! wie schmerzet mich mein Eifer,

FRÄULE ALLEIN für sich.

Ach! warum war ich nicht reifer

BEEDE ZUSAMMEN gegen ihre Liebhaber.

Dies Bekenntniß soll allein,

Ihnen Stof zur Güte seyn

TOMASO zum Wolf und Bär.

Im Vertrauen meine Herren,

Mich bewegen Ihre Zähren.


Wischt die Augen.


FRAU VON HABICHT zum Tomaso.

Liebster Vater! darf ichs wagen?

FRÄULE zum Tomaso.

Liebster Vater! darf ichs sagen?

BEEDE ZUSAMMEN zum Tomaso.

Für Ihr Fürwort ganz allein,

Will ich ewig dankbar seyn.


[101] Alle fünfe zusammen.


DIE DREY HERREN.

Ich fühl ganz in meinem Herzen,

Ihre Reue, Ihren Schmerzen:

DIE ZWEY FRAUEN.

Ich fühl ganz in meinem Herzen,

Meine Reue, meinen Schmerzen.


Quelle:
Antonio Salieri: Der Rauchfangkehrer. Wien 1781, S. 96-102.
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