Fünfzehnte Szene

[16] Ein sehr tiefes Zimmer. Ein großer gedeckter Tisch, festlich aufgeputzt. Die sämtlichen Personen aus der vorigen Szene treten ein.


REDLICH. Stellt euch in Ordnung um den Tisch herum. Du gehörst heute in die Mitte, mein lieber Sohn, du bist Soldat, du hast den Ehrenplatz. – Ihr alle stellt euch um ihn herum. – Jetzt wird seine Gesundheit getrunken. Nehmt alle Gläser zur Hand – Heda, Herr Staberl, Ordnung! –

STABERL. Ich hab schon mein Glas.

REDLICH. Hoch lebe mein Ferdinand!

ALLE. Vivat!

REDLICH. Hoch lebe jeder Ehrenmann!

ALLE. Vivat!

REDLICH. Hoch leben die Soldaten, die schützen unser Gut und Blut –

ALLE. Vivat!

HANS geht auf Staberl los. Sag du mir einmal, warum schreist denn du nicht?

STABERL. Gleich per du – das ist grob!

HANS. Warum du nicht schreist, hab ich g'fragt –

STABERL. Nu, nu, nur nicht gleich so hitzig – ich kann ja nicht trinken und schreien zugleich – Er schreit. Vivat! Vivat! Vivat! Alle Leut sollen leben!

HANS. Ich hab dich nur fragen wollen, ob du etwa eine andere Meinung hast, wenn du unter ehrlichen Leuten stehst. Droht mit der Hand.

STABERL. Sei so gut, schlag mich nieder, dann lieg ich unter ehrlichen Leuten –

HANS. Merk dir's, wenn man rechtschaffenen Leuten ihre Gesundheit trinkt, dann mußt Vivat schreien, sonst kriegst eine aufs Dach.

STABERL. Bedank mich gar schön! Eh ich von dem Knopf eine Ohrfeige aushalt, schrei ich lieber einen ganzen Tag Vivat!

REDLICH. Jetzt, eh die Suppen kommt, hab ich noch einen guten, ehrlichen Einfall. Wir sind hier vergnügt beisammen, laßt uns auch auf die denken, die wegen Armut und Not[16] traurig sind. – Ich bin ein Wiener Bürger und mach für die Notleidenden eine Kollekte – hier sind hundert Gulden, wer folgt nach?

MEHRERE. Wir alle!

STABERL. Ich bin zwar ein guter Mensch, aber das ist kein guter Spaß!

EIN BÜRGER. Hier sind zehn Gulden.

EIN ANDERER. Hier sind fünf Gulden.

EIN DRITTER. Hier sind noch zehn Gulden.

TOLOYSKY. Hier sind noch fünf Gulden.

HANS. Da habt ihr ein Zweierl von mir. –

EIN VIERTER BÜRGER. Jeder nach seinen Kräften, hier sind auch zwei –

STABERL für sich. Nach meinen Kräften geb ich gar nichts – Sucht in den Taschen.

HANS. Nun, wie ist's, Parapluiemacher –

STABERL. Nun, so wart nur, ich schrei wieder Vivat, wenn's recht ist –

HANS. Nein, nichts da – hergeben mußt was – ich hab auch was 'geben.

STABERL. Bald könnt ich mich giften! Ich find grad nichts – mein Geld versteckt sich immer, wenn ich's brauch; grad so wie die Kinder vor dem Krampus. Sucht noch immer. Weißt was, Tiroler, ich erzähle eine schöne, rührende Geschichte von einem Menschen, der gern was 'geben hätte, aber nichts g'habt hat!

HANS. Nichts da! Droht ihm.

STABERL. Nun, da ist ein einspänniges Guldenzettel. Aber wenn die Notleidenden wieder zu Geld kommen, muß es mir ersetzt werden.

REDLICH zu Müller. Ist's Ihnen auch gefällig – Herr von –

STABERL. Apropos, Sie sind reich – geben Sie ein paar breite Erlösungsscheine her –

MÜLLER. Ohne Umstände gesagt, ich brauch mein Geld zu etwas anderm!

HANS. Gar nichts will der Herr geben und hat doch mitgetrunken?

REDLICH. Wie, Sie können mir diesen kleinen Wunsch versagen? Ich bitte ja nur um eine Kleinigkeit für Dürftige.

MÜLLER. Wenn Sie bitten?! Nu, ich kann ja, um Ihnen einen Namen zu machen, etwas tun.[17]

REDLICH. Was, mir einen Namen zu machen? – Jetzt juckt's mir in allen Gliedern – Herr, jetzt behalten Sie Ihr Sündengeld oder –

MÜLLER. Eine allerliebste Einladung, wo jeder bezahlen muß!

REDLICH. Frecher Mensch! Der Teufel hat dich eingeladen. – Jetzt zieh aus wie Schafleder, oder ich vergreife mich an dir!

STABERL zu Hans. Tiroler, den werfen wir 'naus!

HANS UND ALLE. Ja, hinaus mit ihm! Sie packen ihn.

STABERL flüchtet sich auf einen Stuhl. Müller wird hinausgeworfen, Staberl trinkt und schreit. Vivat, Tiroler, hörst du, Vivat!

REDLICH. Jetzt ist die Luft rein – jetzt bringt die Suppen. Und ihr, Dudler, macht eine Tafelmusik.


Es wird aufgetragen. Staberl bleibt im Vordergrund neben Käthchen mit einem Glase. Die andern ordnen sich. Die vier Tiroler stehen an der rechten Ecke und singen. Staberl wird während des Gesanges immer lustiger und dudelt selbst mit.


Jodlerquartett


Wenn brave Leut beisammen sein,

Da lebt sich's froh und gut,

Viel besser schmeckt ein Glasel Wein,

Und rascher wallt das Blut.


Ein ehrlich's Herz, ein braves Weib

Und recht ein heitrer Sinn,

Das bringt gewiß zu jeder Zeit

Den herrlichsten Gewinn.


Bei uns auf hohen Bergen ist

Das wahre Glück allein,

Der Mensch wie Gottes Felsen fest

Und wie die Luft so rein.


Drum kommt's zu uns ins Alpenland,

Wo d' Senn'rin freundlich lacht,

Und lernt's bei engern Überfluß

Daß's Herz nur glücklich macht.

STABERL. Vivat, Tiroler!


Ende des ersten Aufzugs.


Quelle:
Das Wiener Volkstheater in seinen schönsten Stücken. Leipzig 1960, S. 16-18.
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