Dritte Szene

[41] Staberl. Toloysky. Müller. Einige Bürger.


MÜLLER für sich. Eine dumme Geschichte! Doch mir geschieht recht! Warum wagte ich so viel für diese Gans! Was nun zu tun? Die Sache kann doch fatal ausgehen. Wenn ich nur entwischen könnte! Ha, da ist Staberl! Vielleicht geht der mir an die Hand. Laut. Herr Staberl, auf ein Wort!

STABERL. Was steht zu Befehl, Herr Arrestant?

MÜLLER. Kommen Sie da her, ich möchte Ihnen etwas im Vertrauen sagen.

STABERL. Nun, was soll's sein?

MÜLLER. Lassen Sie mich fort, ich kann das Aufsehen nicht leiden; begehrt mich die Behörde, so weiß man mich ja zu finden. Lassen Sie mich hinaus, wir trinken ein Glas Wein miteinander.

STABERL. Mir ist leid, das kommt nicht auf mich an, da ist der Wachkommandant, der hat zu reden.

MÜLLER. Wir brauchen den nicht, lassen Sie mich unter[41] einem Vorwand fort, und begleiten Sie mich. Wenn ich draußen bin, können Sie ja sagen, ich bin durchgewischt; was kann man Ihnen tun?

STABERL. Was? Ich soll Ihnen einen Gelegenheitsmacher abgeben? Was fällt Ihnen ein? Glauben Sie, ich bin ein solcher? Ja, wenn ich was davon hätte!

MÜLLER. Sie sollen etwas davon haben – hier sind 50 Gulden, noch mehr folgt nach!

STABERL. Ei, beileibe!

MÜLLER. Hier sind 100 Gulden, nehmen Sie!

STABERL. Ich laß mich nicht bestechen.

MÜLLER. Sie können sich nicht leichter 100 Gulden verdienen. Nehmen Sie dies als eine Entschädigung für die Versäumnis, die Sie auf Ihrem Wachtdienst erleiden.

STABERL doch etwas wankelmütig. Setzen Sie mir nicht so zu! Ich weiß gar nicht, was Sie wollen, mir hat noch mein Leben kein Mensch was angetragen und hab auch noch nichts genommen. Hören Sie – seien Sie nicht so zudringlich! Weich von mir, Satanas!

MÜLLER. Wie viele Parapluie müssen Sie machen, um 100 Gulden zu profitieren – hier haben Sie sie auf einen Griff.

STABERL. Es ist wahr; 100 Gulden wären freilich nicht übel!

MÜLLER. Nun also, führen Sie mich hinaus. Laut. Herr Unteroffizier, ich gehe auf einen Augenblick mit Herrn Staberl hinaus.

STABERL. Mit mir?

TOLOYSKY. Mit Ihnen? Was haben Sie hier zu befehlen? Das ist ein Arrestant, der bleibt hier! Wollen Sie die Gerechtigkeit hintergehen?

STABERL. Herr Wachkommandant, dieser Mensch tut mich mißbrauchen; ich habe kein Wort gesagt.

TOLOYSKY zu Müller. Sie bleiben hier und werden die Sache abwarten.

MÜLLER. Meine Herren, nehmen Sie Räson an und lassen Sie mich fort – ich verlange es nicht umsonst; hier sind 200 Gulden.

TOLOYSKY. Stecken Sie Ihr Geld ein, daraus wird nichts.

MÜLLER. Sie wissen ja, wo ich wohne; ich will ja nicht dem Gerichte, sondern nur dem Aufsehen entgehen, ich bitte, meine Herren, teilen Sie die Kleinigkeit, und retten Sie mich aus meiner fatalen Situation.[42]

TOLOYSKY. Stecken Sie Ihr Geld augenblicklich ein. Ein Wiener Bürger verkauft seine Pflicht um keinen Preis.

STABERL. Jawohl, daran hab ich auch schon gedacht.

MÜLLER. Herr Unteroffizier, die Verantwortung nehme ich auf mich.

TOLOYSKY. Reden Sie mit Kindern? Was können Sie verantworten? Zu Staberl lachend. Er, der Arrestant will die Wache exkusieren?

STABERL lacht auch. Nein, wie die Leute oft so dumm daherreden!

MÜLLER. Können Sie mir diese Bitte abschlagen?

TOLOYSKY. Schweigen Sie, oder Sie machen mich im Ernste böse. Glauben Sie, ein Wiener Bürger mißbraucht das Vertrauen, das Staat und Menschen in ihn setzen, oder läßt sich durch eitles Geschwätz betören? Wir sind da als Wachen und wissen den Wert und die Notwendigkeit als solche. Im Namen der Ordnung stehen wir, und da gilt es kein Geld, da gilt es bloß die Ehre unseres Dienstes. Aber wer konnte auch daran zweifeln als ein Mensch wie Sie. Nur Sie! Und nur Ihnen kann man diese Frechheit verzeihen.

STABERL. Ja, der Herr Wachkommandant hat recht, und weil sich's gerade schickt, so muß ich Ihnen auch meine Meinung sagen. Warum haben Sie gesagt, ich müßte gar viele Parapluie machen, bis ich 100 Gulden profitierte? Wie können Sie das sagen? Verstehen Sie mein Metier? Sind Sie ein Parapluiemacher? Nichts verstehen Sie; nichts sind Sie; und nichts geht es sie an, ob ich viel oder wenig bei meiner regnerischen Kunst gewinne! Schaut's, da müßte man sich noch Grobheiten sagen lassen; ja, wenn ich nur was davon hätte! Sehr böse. Sie können mir gleich 1000 Gulden und weniger schenken, wenn ich diese Grobheit noch einmal anhören sollte – ich möchte sie nicht, ja schaun Sie mich nur an; ich möchte sie nicht.

MÜLLER hämisch. Nun, nun, ich bitte ja um Verzeihung.

TOLOYSKY. Wir brauchen von Ihnen weder Höflichkeiten noch Grobheiten.

STABERL. Gar nichts brauchen wir – verstanden? Gar nichts, nicht das geringste, verstehen Sie mich? Nicht einmal so viel, was auf eine Nähnadelspitz geht. Überhaupt ist hier nicht der Ort, wo man sagen tut, daß das dahier gewesen wäre, weder diesmals noch jemals, noch daß ein Gedanken[43] darauf zu machen wäre. Nein, au contraire, im Gegenteil! Das nehmen Sie sich zur Richtschnur, ein für allemal, zu jeder Zeit und ohne Anstand. – Nicht wahr, Herr Wachkommandant, ein für allemal, zu jeder Zeit und ohne Anstand. – Setzen Sie das in Ihren Rapport, daß ich es ihm schön gesagt habe, vielleicht findet mein hochherziges Benehmen Nacheiferung.

MÜLLER. Sorgen Sie nicht; doch belieben Sie nur einmal ruhig zu sein – weil Sie denn doch so dumm sind, Ihren Vorteil nicht einzusehen.

STABERL springt wütend auf. Was haben Sie gesagt? Herr, trauen Sie mir nicht; wir sind unser mehrere. Dumm! Dumm! Ein Bürgersmann und dumm, nein, jetzt geht mir das »Dumm« erst im Kopf herum. Herr Wachkommandant, ich bitte, halten Sie mich!

TOLOYSKY. Ruhig Freund! Dieser Mensch ist keiner Antwort wert, wir überlassen seine Züchtigung andern.

STABERL wild. Nein, über das »Dumm« muß ich selbst Satisfaktion haben! Potz Parapluie und Parasol, das leid ich nicht! Satisfaktion! Satisfaktion!

TOLOYSKY. Ruhig! Ich befehle es Ihnen.

STABERL. Ich bin ein kleiner Mensch, ich bin ein guter Mensch, wenn ich aber anfang, so bin ich ein Vieh! So ein Mensch, der nicht einmal weiß, was ein grünes Parapluie für eine Farb hat, der kann mich nicht beleidigen.

TOLOYSKY. Der Wachkommandant befiehlt.

STABERL. Und wenn die schwere Kavallerie kommt, so weich ich nicht zurück. Dumm! Dumm! Wer ist dumm! Was ist das für eine Red. So dumm, als Sie sind, bin ich auch und vielleicht noch dümmer. Ich bin etliche Jahre allhier Parapluiemacher – ich weiß Räson dahier; ich habe selbst gesehen, was Mensch ist dahier, allein darüber schweig ich nicht, wenn es mein Leben kosten sollte! Dumm! Dumm! Das können Sie hier nicht praktizieren dahier – Sie sind ein einfältiger Mensch in meinen Augen und, was Sie sind, bin ich schon lang gewesen. Ich hab Ihnen hier nichts zu befehlen, gar nichts! Einen solchen Menschen, wie Sie sind, kann ich auch noch vorstellen, wenn ich Zeit hab. Sie können mir nichts Reputierliches nachsagen, und wenn Sie mir nichts Reputierliches nachsagen können, so brauchen Sie mich auch nicht vor allen[44] Leuten dahier zu ästimieren; das haben Sie nicht nötig, denn ich zahle meinen Zins und Holz und Licht und laß mir nichts Reputierliches nachsagen.

TOLOYSKY sehr ernst und dominierend. Ich lasse Sie arretieren, wenn Sie nicht schweigen.

STABERL. Ja, wenn der Wachkommandant mir so helfen wollen, dann muß ich leider gehorchen. Er gibt sich ganz echauffiert zur Ruhe.


Quelle:
Das Wiener Volkstheater in seinen schönsten Stücken. Leipzig 1960, S. 41-45.
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