Hugo Ball

Das Psychologietheater

[19] Es ist evident, daß alle Psychologie ein Sicheinfühlen in die fremde Existenz, ins Objekt, in den Gegenstand voraussetzt. Um etwas »Psychologisches«, etwas über die Seele einer Sache, eines Menschen, eines Unternehmens aussagen zu können, bedarf es einer Fähigkeit des Sicheinfühlens, des Besitzergreifens, des Sichselbstverlassens, die absolute schauspielerische Begabung voraussetzt. Ich behaupte: große Psychologen müssen notwendig große Schauspielernaturen sein. Psychologie und Schauspielerei sind aufs engste verknüpft (der Psychologe ist gezwungen, sein Objekt zu erleben, es persönlich zu durchdringen, es selber zu sein, bevor er etwas Wesentliches darüber aussagen kann). Die psychologische Epoche, die in Nietzsche, Dostojewski und Ibsen gipfelte, hat einen eminent schauspielerischen Untergrund. Mit dem Hochkommen dieser Epoche wird das Interesse für Theater und Schauspielkunst universal, setzt die Überschätzung des Theaters ein. (Siehe Richard Wagner. Siehe seinen Ausläufer Max Reinhardt. Brahms Ibsentheater.) Mit dem Durchschauen der Psychologie (mit dem Zeitalter der Psychoanalyse) schwindet auch das Interesse am Theater. Die großen Psychologen haben das Theater universal gemacht (der Fall Nietzsche-Wagner); auch die Schauspielerbegabung. Durch die Psychologie sind diese Dinge allgemein geworden. Wie etwa Freud die Hysterie zergliedert und damit einen Allgemeinzustand der Hysterie einleitet. Wir sehen das Theater nicht mehr als Spezialität. Wir sind's selber geworden. Wir brauchen nicht mehr in den obligatorischen Kunsttempel zu gehen. Wir nehmen das Schauspielern nicht mehr als Sensation. Und wenn wir gehen, gehen wir aus anderen Gründen. Vor allem: wir betrachten die Psychologie – psychologisch. Wir empfinden sie als plebejisch, pedantisch und unvornehm. Wir empfinden sie als ein Durchschnüffeln, Durchtasten, Durchstöbern eigener und fremder seelischer Angelegenheiten ohne Distanz; zur Wissenschaft erhoben widerlich. »Psychoanalyse« als eine Art resümierter Psychologie findet allenfalls noch unsere Billigung, wenn sie,[19] unter strengster Staatskontrolle, medizinisch fungiert. Psychologie (moralisch genommen) empfinden wir heute als eine Ausschweifung masochistischer Personen. Als ein Türhorchen der Senilität bei der ökonomischen Verwaltung unserer inneren Angelegenheiten; als ein Domestikenvergnügen, wenn man so sagen will. Wir hören Syllogismen und Wasserfälle von Phrasen, die den Kern nicht mehr treffen. Psychologie beispielsweise bei Ibsen ist uns beträchtlich zu einem Klatschsuchtsphänomen heruntergesunken. Wir sehen Brille, Lupe und Gelehrtenzopf hinter der »Seele« her (die nicht mehr existiert). So jemand sein sollte, der Seele hat, das ist seine Sache.

Jene »schauspielerische Urbegabung« aber erklären wir uns aus dem Druck, den Jahrhunderte bornierten Christentums auf die Knechtung der Körper und Geister verwandten. Wir erklären die psychologisch-schauspielerische Epoche der genannten Größen als lebendig gewordene Versatilität ganzer Generationen von Unterdrückten, die mit allen Mitteln der Verzweiflung und Verschlagenheit in andere Gestalt hinüber und durch sie aus ihrer eigenen herauswollten (es ergibt sich die Parallele zur Popularität des Weibes). Wir erklären »den Schauspieler« aus der Suprematie asketischer Orden, aus dem Fron und der Nachwirkung cäsarischer Papstnaturen; aus dem tausendjährigen Wutideal metaphysischer Fleischverachtung. Wir glauben, daß die gesamte Epoche heutiger Aufklärung als Reaktion gegen Moraldruck selber noch eine Moralidiosynkrasie sei (Wedekind). Wir stellen als Gegenideal, zwecks Überwindung, den Expressionismus auf, der gar kein Objekt mehr kennen will; der mit wahnsinniger Wollust die eigene Persönlichkeit wiederfindet und deren Diktatur ausruft in hintergründigster Selbstschöpfung. Theater als Abenteuer, als Weltreferat, als hoher Lyrismus. Wir lassen das Christentum gleiten. Die Psychologie anbei. Uns heute, die wir einander eine »Renaissance in Gesundheit und aristonischer Ungebrochenheit« versprechen, uns dämmert damit auch der römische Histrionenhaß wieder auf. Kein Vorurteil mehr gegen den Schauspieler als soziales Glied. Aber ein Achselzucken bei seiner »Verwandlungskunst«.[20]

Quelle:
Hugo Ball: Der Künstler und die Zeitkrankheit. Frankfurt a.M. 1984, S. 19-21.
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