[3] Am folgenden Tage kamen um sechs Uhr zwei Wagen, die das Volk in seiner drastischen Redeweise ›Salatkutschen‹ nennt, in schneller Fahrt aus der ›Force‹, um die Richtung nach der ›Conciergerie‹ beim Justizpalast einzuschlagen.
Es gibt wenig Spaziergänger, die diesem rollenden Gefängnis noch nicht begegnet wären; aber obwohl die meisten Bücher einzig für die Pariser geschrieben werden, werden Fremde sich zweifellos freuen, hier eine Schilderung dieses furchtbaren Apparats unserer Kriminalpolizei zu finden. Wer weiß? Vielleicht wird die russische, deutsche oder österreichische Polizei, vielleicht werden die Behörden der Länder, die noch keine Salatkutsche kennen, sie sich zunutze machen; und in mehreren fremden Ländern wird die Nachahmung der Transportweise sicherlich eine Wohltat für die Gefangenen bedeuten.
Dieser häßliche Wagen mit dem gelben Wagenkasten, der auf zwei Rädern ruht und innen mit Blech verkleidet ist, zerfällt in zwei Abteilungen. Vorn befindet sich eine mit Leder überzogene Bank, die mit einem Spritzleder bedeckt ist. Das ist der offene Teil der Salatkutsche; er ist bestimmt für einen Gerichtsdiener und einen Gendarmen. Ein starkes, netzartiges Eisengitter trennt dieses Kabriolett, denn das ist es gewissermaßen, in der ganzen Höhe und Breite des Wagens von der zweiten Abteilung, in der sich wie in den Omnibussen zu beiden Seiten des Wagenkastens je eine Holzbank hinzieht; auf diese beiden Bänke setzen sich die Gefangenen; sie kommen mit Hilfe eines Trittes durch einen fensterlosen Wagenschlag am hintern Ende hinein. Der Beiname, ›Salatkutsche‹ kommt daher, daß ursprünglich der Wagen auf allen Seiten nur aus einem Gitterwerk bestand, so daß man die Gefangenen deutlich sehen konnte, wenn sie wie Salatköpfe im Korb durcheinandergeschüttelt wurden. Der größeren [4] Sicherheit halber folgt, um jedem Zufall vorzubeugen, diesem Wagen ein berittener Gendarm; vor allem, wenn Leute darin zum Richtplatz geführt werden, die zum Tode verurteilt worden sind. Ein Ausbruch ist also unmöglich. Da der Wagen innen mit Blech ausgelegt ist, läßt er sich mit keinem Werkzeug durchbohren, zumal die Gefangenen im Augenblick ihrer Verhaftung oder ihrer Eintragung in die Gefangenenliste höchstens noch Uhrfedern besitzen können, die wohl geeignet sind, Gitterstangen zu durchsägen, aber glatten Flächen gegenüber machtlos bleiben. So ist denn auch die durch die erfinderische Pariser Polizei vervollkommnete Salatkutsche schließlich zum Vorbild für den Zellenwagen geworden, der die Sträflinge ins Bagno bringt und der an die Stelle des grauenhaften Karrens getreten ist, jener Schmach vergangener Zivilisationen, den freilich auch eine Manon Lescaut geziert hatte.
Man befördert in der Salatkutsche die Angeklagten zunächst aus den verschiedenen Untersuchungsgefängnissen der Hauptstadt in den Justizpalast, damit sie dort vom Untersuchungsrichter verhört werden. In der Gefängnissprache nennt man das ›zur Untersuchung gehen‹. Später führt man die Angeklagten aus denselben Gefängnissen noch einmal zur Aburteilung in den Palast, doch nur, wenn es sich um eine Anklage vor dem Zuchtpolizeigericht handelt; sobald es sich, wie man im Gericht sagt, um einen ›Schwerverbrecher‹ dreht, überführt man sie aus den Untersuchungsgefängnissen in die Conciergerie, das Gerichtsgebäude des Seine-Departements. Schließlich werden in der Salatkutsche auch die zum Tode Verurteilten von Bicêtre zum Sankt-Jakobs-Tor gebracht; dort finden seit der Julirevolution die Hinrichtungen statt. Dank den Bemühungen der Philanthropisten machen diese Unglücklichen nicht mehr die Folter der früheren Überführung von der Conciergerie zum Richtplatz durch, die auf einem [5] Karren vor sich ging, wie ihn die Holzhändler benutzen. Dieser Karren wird heute nur noch zum Rücktransport vom Schafott benutzt. Ohne eine solche Erklärung würde man ein Wort nicht mehr verstehen, das ein berühmter Verurteilter zu seinem Mitschuldigen sagte, als er in die Salatkutsche stieg: ›Jetzt ist es nur noch Sache der Pferde!‹ Es ist nicht möglich, bequemer zur Hinrichtung zu kommen, als man heute in Paris hinfährt.
In diesem Augenblick dienten die beiden Salatkutschen, die so früh hatten heraus müssen, ausnahmsweise dazu, zwei Angeklagte aus dem Untersuchungsgefängnis der Force in die Conciergerie zu überführen; und jeder dieser Angeklagten hatte eine Salatkutsche für sich.
Neun Zehntel der Leser, ja auch noch neun Zehntel des letzten Zehntels der Leser kennen sicherlich die beträchtlichen Unterschiede nicht, die zwischen folgenden Worten liegen: verdächtig, beschuldigt, angeklagt, gefangen; Gewahrsam, Untersuchungsgefängnis und Strafgefängnis; daher werden denn auch alle wahrscheinlich unter Staunen hören, daß es sich da um unser ganzes Strafgesetz handelt, dessen kurze und verständliche Erklärung ihnen gleich gegeben werden soll, und zwar ebensosehr um sie zu unterrichten, wie um die Entwicklung dieser Geschichte klarzumachen. Wenn man übrigens erfährt, daß die erste Salatkutsche Jakob Collin enthielt, die zweite aber Lucien, der in wenigen Stunden vom First sozialer Größe bis zum Kerker hinabgestiegen war, so wird die Neugier zur Genüge geweckt sein. Die Haltung der beiden Genossen war charakteristisch. Lucien von Rubempré versteckte sich, um den Blicken zu entgehen, die die Vorübergehenden auf das Gitter des unheimlichen und verhängnisvollen Wagens warfen, während er seine Fahrt durch die Rue Saint-Antoine nahm, um durch die Rue du Martroi und die Arcade Saint-Jean, die man damals passieren mußte, [6] wenn man den Rathausplatz durchqueren wollte, die Kais zu erreichen. Heute bildet jene Arkade die Einfahrt zum Hotel des Seinepräfekten im ungeheuren Stadtpalast. Der verwegene Verbrecher dagegen schmiegte das Gesicht an das Gitter des Wagens, und zwar genau zwischen dem Gerichtsdiener und dem Gendarmen, die ihrer Salatkutsche sicher waren und miteinander plauderten.
Die Julitage des Jahres 1830 und ihr furchtbarer Sturm haben die früheren Ereignisse mit ihrem Lärm so sehr zugedeckt, das politische Interesse nahm Frankreich während der sechs letzten Monate dieses Jahres so sehr in Anspruch, daß sich heute niemand mehr oder kaum noch jemand jener privaten, gerichtlichen oder finanziellen Katastrophen entsinnt, so seltsam sie auch waren, wie sie die jährliche Zeche der Pariser Neugier bilden und wie sie auch in den ersten sechs Monaten dieses Jahres nicht fehlten. Es ist also nötig, eigens darauf aufmerksam zu machen, wie sehr Paris momentan in Aufregung geriet, als sich die Nachricht von der Verhaftung eines spanischen Priesters, der bei einer Kurtisane gefunden worden sei, und von der des eleganten Lucien von Rubempré, des Verlobten der Fräulein von Grandlieu, verbreitete, den man in dem kleinen Dorf Grez auf der Straße nach Italien verhaftet habe; beide seien sie eines Mordes angeklagt, dessen Erträgnis sich auf sieben Millionen belaufe! Der Skandal dieses Prozesses schwächte ein paar Tage lang das fabelhafte Interesse ab, das die letzten Wahlen unter Karl X. weckten.
Zunächst war dieser Kriminalprozeß zum Teil die Folge einer Klage des Barons von Nucingen. Dann erregte Luciens Verhaftung in dem Augenblick, als er Privatsekretär des ersten Ministers werden sollte, Aufsehen in der höchsten Pariser Gesellschaft. In jedem Pariser Salon entsann sich mehr als ein junger Mann, daß er Lucien [7] beneidet hatte, als er von der schönen Herzogin von Maufrigneuse ausgezeichnet wurde, und alle Frauen wußten, daß er eben jetzt Frau von Sérizy interessierte, die Frau eines der ersten Männer des Staates. Schließlich genoß die Schönheit des Opfers in den verschiedenen Gesellschaften, aus denen Paris besteht, einer merkwürdigen Berühmtheit: in der großen Gesellschaft, in der Finanzwelt, in der Gesellschaft der Kurtisanen, in der Gesellschaft der jungen Leute und bei den Literaten. Seit zwei Tagen sprach also ganz Paris von diesen beiden Verhaftungen. Der Untersuchungsrichter, Herr Camusot, dem die Angelegenheit zugefallen war, sah in ihr eine Möglichkeit der Beförderung, und um mit jeder nur erdenklichen Beschleunigung vorgehen zu können, hatte er angeordnet, daß die beiden Angeklagten von der Force in die Conciergerie überführt werden sollten, sowie Lucien von Rubempré aus Fontainebleau angekommen wäre. Da der Abbé Carlos nur zwölf Stunden, Lucien nur eine halbe Nacht in der Force zugebracht hatte, so ist es nicht nötig, dieses Gefängnis zu schildern, das man seither völlig umgemodelt hat; und was die Einzelheiten der Aufnahme angeht, so wären sie nur eine Wiederholung dessen, was sich in der Conciergerie abspielen sollte.
Aber bevor wir uns auf das furchtbare Drama der Untersuchung in diesem Strafprozeß einlassen, ist es, wie gesagt, unentbehrlich, den normalen Gang eines derartigen Prozesses zu schildern. Zunächst wird man seine verschiedenen Entwicklungsstufen in Frankreich wie im Ausland dann leichter verstehen, und ferner werden alle, die die Ordnung des Strafprozesses, wie sie die Gesetzgeber unter Napoleon festgestellt haben, nicht kennen, sie zu würdigen wissen. Es ist das um so wichtiger, als dieses schöne und große Werk in diesem Augenblick durch das sogenannte Besserungssystem mit der Vernichtung bedroht wird.
[8] Ein Verbrechen wird begangen. Wenn die Verbrecher auf frischer Tat ertappt werden, so werden die ›Beschuldigten‹ in den nächsten Polizeigewahrsam geführt und in jener Zelle untergebracht, die das Volk die ›Geige‹ nennt, vermutlich, weil man dort Musik macht: man schreit und weint. Von dort aus werden die Beschuldigten dem Polizeikommissar vorgeführt, der mit der Untersuchung beginnt und sie freilassen kann, wenn ein Irrtum vorliegt; schließlich werden die Beschuldigten in das Präfekturgefängnis gebracht, wo die Polizei sie dem Staatsanwalt und dem Untersuchungsrichter zur Verfügung stellt; und diese beiden kommen, je nach der Schwere des Falles mehr oder minder schnell benachrichtigt, und verhören die Leute, die sich in vorläufiger Haft befinden. Je nach Art der Mutmaßungen erläßt dann der Untersuchungsrichter einen Haftbefehl und läßt die Beschuldigten im Untersuchungsgefängnis unterbringen. Paris hat drei Untersuchungsgefängnisse: Sainte-Pélagie, die Force und die Madelonnettes.
Man beachte den Ausdruck ›die Beschuldigten‹. Unser Kodex hat im Strafrecht drei wesentliche Unterscheidungen geschaffen: die Beschuldigung, die Untersuchungshaft, die Anklage. Solange der Haftbefehl nicht unterschrieben ist, sind die vermutlichen Urheber eines Verbrechens oder eines schweren Vergehens ›Beschuldigte‹; unter der Last des Haftbefehls werden sie zu Untersuchungsgefangenen; Untersuchungsgefangene bleiben sie, solange die Untersuchung dauert. Wenn die Untersuchung abgeschlossen ist, werden sie, sobald das Gericht beschlossen hat, die [9] Hauptverhandlung gegen den Untersuchungsgefangenen zu eröffnen, zu Angeklagten, genauer: nachdem das Gericht zweiter Instanz auf Antrag des Staatsanwalts bestätigt hat, daß genügende Verdachtsmomente vorliegen, um ihn vor ein Schwurgericht zu stellen. So machen die eines Verbrechens Verdächtigten drei verschiedene Zustände durch, sie gehen durch drei Siebe, ehe sie vor der sogenannten Landesjustiz erscheinen. Im ersten Zustand steht den Unschuldigen noch eine Fülle von Hilfsmitteln rechtlich zur Verfügung: das Publikum, die Wache und die Polizei. Im zweiten Zustand stehen sie vor einem Beamten, sie werden den Zeugen gegenübergestellt und in Paris von einer Gerichtskammer, in der Provinz von einem ganzen Gericht unter Anklage gestellt. Im dritten Zustand erscheinen sie vor zwölf Räten, und im Falle eines Rechtsirrtums oder eines Formfehlers kann der Angeklagte nach alledem noch beim Kassationshof die Rückverweisung vor das Schwurgericht beantragen. Die Jury weiß nicht, wieviel Volks-, Verwaltungs- und Gerichtsautoritäten sie ins Gesicht schlägt, wenn sie einen Angeklagten freispricht. Daher scheint es wenigstens uns in Paris – von den andern Gerichtssprengeln reden wir hier nicht – fast unmöglich, daß ein Unschuldiger sich je auf die Anklagebank vor dem Schwurgericht setzen sollte.
Der Strafgefangene ist der Verurteilte. Unser Strafrecht hat Untersuchungsgefängnisse, Gerichtsgefängnisse und Strafgefängnisse geschaffen; es sind das gerichtliche Unterscheidungen, die denen eines Untersuchungsgefangenen, eines Angeklagten und eines Verurteilten entsprechen. Das Haftgefängnis vollstreckt eine leichte Strafe zur Sühne eines geringen Vergehens; aber das Strafgefängnis vollstreckt eine Leibesstrafe, die unter Umständen entehrend ist. Wer also heute das Besserungssystem einführen will, stößt ein wundervolles Strafrecht um, in dem die Strafen [10] in überlegener Weise abgestuft sind; und er wird dahin kommen, daß er kleine Vergehen fast ebenso schwer bestraft wie große Verbrechen. Man wird übrigens in den ›Erzählungen aus der Napoleonischen Sphäre‹ (siehe ›Eine dunkle Begebenheit‹) die merkwürdigen Unterschiede vergleichen können, die zwischen dem Strafkodex vom Brumaire des Jahres IV und dem des Napoleonischen Kodex herrschen, der jenen ersetzte.
In der Mehrzahl der großen Prozesse werden die Beschuldigten wie in diesem sofort zu Untersuchungsgefangenen. Der Richter erläßt auf der Stelle den Haftbefehl. In der Tat werden in der größeren Zahl der Fälle die Beschuldigten entweder flüchtig, oder sie werden auf der Stelle überrascht. Daher waren denn auch, wie man gesehen hat, die Polizei, die hier nur ein Werkzeug der Vollstreckung ist, und die Justiz mit der Geschwindigkeit des Blitzes in Esthers Wohnung erschienen. Selbst wenn keine Motive der Rache vorgelegen hätten, wie Corentin sie der Kriminalpolizei ins Ohr geflüstert hatte, so war doch noch die Anzeige des Barons von Nucingen über einen Diebstahl von siebenhundertfünfzigtausend Franken vorhanden.
In dem Augenblick, als der erste Wagen, der Jakob Collin enthielt, die Arcade Saint-Jean, eine enge und düstere Durchfahrt, erreichte, zwang den Postillon ein Hindernis, unter der Arkade halt zu machen. Die Augen des Untersuchungsgefangenen blitzten wie zwei Karfunkel durch das Gitter, obwohl er es noch am Abend zuvor dem Direktor der Force durch die Maske eines Sterbenden hatte als notwendig erscheinen lassen, einen Arzt zu rufen. Die Augen waren in dieser Minute frei, denn weder der Gendarm noch der Gerichtsdiener wandten sich, um nach ›ihrem Kunden‹ zu sehen; und diese flammenden Augen redeten eine so deutliche Sprache, daß ein geschickter [11] Untersuchungsrichter, wie zum Beispiel Herr Popinot, in dem Kirchenschänder den Sträfling erkannt haben würde. Wirklich achtete Jakob Collin, seit die Salatkutsche das Tor der Force hinter sich hatte, auf alles am Wege. Trotz der schnellen Fahrt überflog er mit gierigem, umfassendem Blick die Häuser vom höchsten Stockwerk an bis zum Erdgeschoß. Er sah alle Vorübergehenden und analysierte sie. Gott durchschaut seine Schöpfung in ihren Mitteln und ihrem Ziel nicht genauer, als dieser Mensch die geringsten Nuancen in der Masse der Dinge und der Menschen unterschied. Mit einer Hoffnung bewaffnet, wie der letzte der Horatier mit seinem Schwert bewaffnet war, so wartete er auf Hilfe. Jedem anderen außer diesem Macchiavelli des Bagnos wäre die Verwirklichung dieser Hoffnung als so etwas Unmögliches erschienen, daß er mechanisch alles mit sich hätte machen lassen, wie es die Schuldigen tun. Keiner von ihnen denkt in der Lage, in die die Pariser Polizei und Justiz den Untersuchungsgefangenen bringen, an Widerstand, am wenigsten jene, die wie Lucien und Jakob Collin in strengem Einzelgewahrsam gehalten werden. Man kann sich die plötzliche Vereinsamung eines Untersuchungsgefangenen nicht vorstellen: die Gendarmen, die ihn verhaften, der Kommissar, der ihn verhört, jene, die ihn ins Gefängnis bringen, die Wächter, die ihn ins ›Loch‹ führen – man nennt es buchstäblich so –, jene, die ihn am Arm fassen, um ihn in die Salatkutsche zu heben, kurz all diese Wesen, die ihn vom Augenblick seiner Verhaftung an umgeben, sind stumm oder merken sich seine Worte, um sie der Polizei oder den Richtern zu wiederholen. Diese absolute Scheidewand, die auf so einfache Weise zwischen die ganze Welt und den Untersuchungsgefangenen geschoben wird, hat einen vollständigen Umsturz seiner Fähigkeiten, eine ungeheure Bedrücktheit des Geistes zur Folge, und zwar [12] vor allem dann, wenn es ein Mensch ist, der durch sein Vorleben noch nicht mit den Schritten, die die Justiz unternimmt, vertraut ist. Der Zweikampf zwischen dem Schuldigen und dem Richter ist um so furchtbarer, als die Justiz das Schweigen der Mauern und die unbestechliche Gleichgültigkeit ihrer Agenten zu Helfern hat.
Jakob Collin oder Carlos Herrera – es ist nötig, ihm je nach den Umständen den einen oder den andern Namen zu geben – aber kannte das Wesen der Polizei, des Kerkers und der Justiz schon von langer Hand her. Daher hatte denn auch dieser Koloß der List und Verderbtheit alle Kräfte seines Geistes und alle Hilfsmittel seiner Mimik aufgeboten, um täuschend die Überraschung, die Einfalt eines Unschuldigen zu spielen, während er den Beamten zugleich die Komödie seines Todeskampfes gab. Wie man gesehen hat, hatte ihm Asien, jene gelehrte Locusta, ein Gift gegeben, das genau abgestimmt war, um den Schein einer tödlichen Krankheit zu erwecken. Die Wirksamkeit des Herrn Camusot, die des Polizeikommissars und die forschende Regsamkeit des Staatsanwalts waren also durch die Wirksamkeit, die Regsamkeit eines Schlaganfalls lahmgelegt worden.
»Er hat sich vergiftet!« hatte Herr Camusot ausgerufen, entsetzt über die Leiden des angeblichen Priesters, als man ihn unter grauenhaften Krämpfen aus der Mansarde herabgetragen hatte. Vier Agenten hatten den Abbé Carlos nur mit vieler Mühe über die Treppe in Esthers Schlafzimmer schaffen können, in dem sich die Richter und die Gendarmen versammelt hatten. »Das war das Beste, was er tun konnte, wenn er schuldig ist,« hatte der Staatsanwalt erwidert. »Halten Sie ihn tatsächlich für krank? ...« hatte der Polizeikommissar gefragt.
Die Polizei zweifelt stets an allem. Diese drei Beamten hatten, wie man sich denken kann, flüsternd gesprochen; [13] aber Jakob Collin hatte aus ihren Gesichtszügen erraten, um was sich ihre Mitteilungen drehten; und er hatte das ausgenutzt, um das summarische Verhör, das man im Augenblick einer Verhaftung immer vornimmt, unmöglich oder gänzlich bedeutungslos zu machen; er hatte Phrasen gestammelt, in denen sich das Spanische und das Französische in einer Weise verbanden, daß sie Unsinn ergaben.
In der Force hatte diese Komödie zunächst einen um so vollständigeren Erfolg davongetragen, als der ›Chef der Sicherheit‹ (Abkürzung für: Chef der Sicherheitspolizeibrigade), Bibi-Lupin, der Jakob Collin ehedem in der bürgerlichen Pension der Frau Vauquer verhaftet hatte, mit einer Mission in der Provinz beauftragt war, während ihn ein Agent vertrat, den man Bibi-Lupin zum Nachfolger bestimmt hatte und dem der Sträfling unbekannt war.
Bibi-Lupin, selbst ein Sträfling und ein Genosse Jakob Collins im Bagno, war sein persönlicher Feind. Diese Feindschaft entsprang Streitigkeiten, in denen Jakob Collin stets die Oberhand behalten hatte, und der von Betrüg-den-Tod über seine Gefährten ausgeübten Gewalt. Schließlich war Jakob Collin in Paris zehn Jahre hindurch die Vorsehung der freigelassenen Sträflinge, ihr Führer, ihr Ratgeber und ihr Schatzmeister und daher Bibi-Lupins Gegner gewesen.
Obwohl er also in Einzelhaft genommen wurde, zählte er auf die verständnisvolle und absolute Ergebenheit Asiens, seines rechten Arms, und vielleicht auch Paccards, seines linken Arms; denn er schmeichelte sich mit dem Gedanken, diesen sorgsamen Leutnant seinen Befehlen wieder gehorsam zu finden, sobald er nur die gestohlenen siebenhundertfünfzigtausend Franken in Sicherheit gebracht hatte. Das war der Grund der übermenschlichen Aufmerksamkeit, mit der er alles auf seinem Wege [14] beachtete. Seltsam! Diese Hoffnung sollte sich vollkommen erfüllen.
Die beiden gewaltigen Mauern der Arcade Saint-Jean waren bis zu einer Höhe von sechs Fuß mit einer dauernden Schmutzschicht überkleidet, die aus den Spritzern der Gosse stammte; – die Fußgänger hatten damals, um sich vor dem unablässigen Hin und Her der Wagen und dem Spritzen der Karren zu schützen, nichts als die von den Radnaben seit langem angestoßenen Prellsteine. Mehr als einmal hatte dort die Karre eines Fuhrmanns unaufmerksame Leute zermalmt. So sah es lange Zeit in vielen Quartieren von Paris aus. Eine Einzelheit wird die Enge der Arkade vor Augen führen und erklären, wie leicht es war, sie zu sperren. Es brauchte nur ein Fiaker vom Richtplatz aus einbiegen zu wollen, während eine Gemüsehändlerin ihren kleinen Handwagen voller Äpfel durch die Rue du Martroi schob, so veranlaßte schon ein dritter Wagen, der hinzukam, eine Stauung. Die Fußgänger brachten sich erschreckt in Sicherheit, indem sie einen Prellstein suchten, der sie vor den alten Radnaben sichern konnte, denn diese Radnaben waren damals so maßlos lang, daß es eines Gesetzes bedurfte, um sie kürzer zu machen.
Als also die Salatkutsche ankam, war die Arkade von einer jener Gemüsehändlerinnen versperrt, deren Typus um so merkwürdiger ist, als es von ihm noch heute, trotz der wachsenden Zahl der Obstläden, einige Exemplare in Paris gibt. Sie glich so sehr der Straßenhändlerin, daß selbst ein Schutzmann, wenn diese Einrichtung damals schon getroffen gewesen wäre, sie trotz ihrer unheimlichen Physiognomie, die das Ver brechen verriet, hätte umherziehen lassen, ohne nach ihrem Gewerbeschein zu fragen. Der Kopf, der mit einem scheußlichen, zerfetzten baumwollenen Taschentuch bedeckt war, starrte von rebellischen [15] Strähnen, deren Haare den Borsten des Wildschweins glichen. Der rote, faltige Hals erweckte Grauen, und das Brusttuch verdeckte eine von der Sonne, dem Staub und dem Schmutz gebräunte Haut nicht völlig. Das Kleid war wie ein Teppich. Die Schuhe schnitten Grimassen, daß man glauben konnte, sie machten sich über das Gesicht lustig, das ebenso große Löcher aufwies wie das Kleid. Und ein Brustlatz! ... Ein Pflaster wäre weniger schmutzig gewesen. Auf zehn Schritte mußte dieser wandelnde, übelriechende Lumpen den Geruchssinn empfindlicher Leute beleidigen. Die Hände hatten hundert Ernten hinter sich! Entweder kam diese Frau von einem Hexensabbat her oder aus einem Bettlergefängnis. Und was für Blicke erst! Was für eine verwegene Intelligenz, welches verhaltene Leben, als sich die magnetischen Strahlen ihrer Augen und derer Jakob Collins begegneten, um einen Gedanken auszutauschen.
»Platz da, altes Lausspital!« rief der Postillon mit heiserer Stimme. »Willst mich wohl gleich zermalmen, du Henkershusar!« erwiderte sie; »deine Ware ist nicht soviel wert wie meine!« Und indem die Händlerin versuchte, sich zwischen zwei Prellsteine zu drücken, damit der Wagen passieren konnte, versperrte sie den Weg genau so lange, wie sie brauchte, um ihren Plan auszuführen. ›O Asien! ...‹ sagte Jakob Collin bei sich selber, denn er erkannte seine Helferin auf der Stelle; ›dann geht alles gut.‹
Der Postillon tauschte immer noch Liebenswürdigkeiten mit Asien aus, und die Wagen sammelten sich in der Rue du Martroi.
»Ahe! ... Pecaire fermati. Souni là. Vedrem! ...« rief die Alte in jenem wilden Tonfall, wie er den Straßenhändlerinnen eigen ist; sie entstellen ihre Worte so sehr, daß sie zu Onomatopöien werden, wie nur Pariser sie verstehen.
[16] Im Wirrwarr der Straße und unter dem Geschrei aller Kutscher, die mittlerweile warteten, achtete niemand auf diesen wilden Ruf, der von der Händlerin auszugehen schien. Aber die Laute, die Jakob Collin deutlich hörte, warfen ihm in einem verabredeten Dialekt, der aus korrumpiertem Italienisch und Provenzalisch bestand, diesen furchtbaren Satz ins Ohr: »Dein armer Kleiner ist gefangen; aber ich bin da, um über euch zu wachen. Du wirst mich wiedersehen ...«
Mitten in der unendlichen Freude, die ihm sein Triumph über die Justiz einflößte, denn er hoffte jetzt, mit der Außenwelt in Verbindung bleiben zu können, traf Jakob Collin ein Rückschlag, der jeden anderen als ihn getötet hätte. ›Lucien verhaftet! ...‹ sagte er bei sich selber. Und er wäre fast ohnmächtig geworden. Diese Nachricht war für ihn furchtbarer als eine Abweisung der eingelegten Revision, wenn er zum Tode verurteilt gewesen wäre.
Jetzt, wo die beiden Salatkutschen über die Kais rollen, erfordert das Interesse dieser Geschichte ein paar Worte über die Conciergerie, die die Zeit ausfüllen werden, bis sie sie erreichen.
Die Conciergerie, ein historischer Name, ein furchtbares Wort, doch als Ding noch furchtbarer, ist eng verknüpft mit den französischen Revolutionen und vor allem mit denen von Paris. Sie hat die meisten der großen Verbrecher beherbergt. Wenn sie von allen Pariser Baudenkmälern das interessanteste ist, so ist sie auch das unbekannteste – wenigstens für die, die den oberen Klassen der Gesellschaft angehören; aber trotz des gewaltigen Interesses dieser historischen Abschweifung soll sie ebenso rasch vor sich gehen, wie die Salatkutschen fahren.
Wo wäre der Pariser, der Fremde oder der Provinziale, wenn sie auch nur zwei Tage in Paris gewesen sind, der nicht die schwarzen Gemäuer gesehen hätte, die von [17] den drei starken Türmen mit den Spitzdächern flankiert werden, von denen zwei paarweise dicht nebeneinander stehen: jenen düstern und geheimnisvollen Schmuck des Quai des Lunettes? Dieser Kai beginnt am Fuß des Pont au Change und erstreckt sich bis zum Pont Neuf. Ein viereckiger Turm, genannt der Uhrturm, von dem herab das Signal der Bartholomäusnacht gegeben wurde, ein Turm, der fast ebenso hoch ist wie der von Saint-Jacques-la-Boucherie, markiert den Justizpalast und bildet die Ecke dieses Kais. Diese vier Türme, diese Mauern sind mit jenem schwärzlichen Leichentuch überkleidet, wie es in Paris alle nach Norden gerichteten Fassaden annehmen. Etwa in der Mitte des Kais beginnen mit einer engen Arkade die geheimen Bauten, deren Lage die Errichtung des Pont Neuf unter Heinrich IV. bestimmte. Die Place Royale war nur eine Wiederholung der Place Dauphine. Es ist dasselbe Architektursystem, Ziegelstein mit Rahmen aus verzahnten Quadern. Diese Arkade und die Rue de Harlay bezeichnen im Westen die Grenzen des Palastes. Ehemals hing die Polizeipräfektur, das Hotel der ersten Parlamentspräsidenten, mit dem Palast zusammen. Die Oberrechnungskammer und das Obersteuergericht ergänzten dort die höchste Rechtsprechung, die des Souveräns. Man sieht, daß vor der Revolution der Justizpalast jene Abgeschlossenheit hatte, die man heute herzustellen sucht.
Dieses Viereck, diese Insel von Häusern und Monumenten, auf der sich die Sainte-Chapelle befindet, das herrlichste Juwel im Schmuckkästchen des heiligen Ludwig, dieser Raum ist das Heiligtum von Paris; er ist der geweihte Platz, seine Bundeslade. Und zunächst war dieser Raum für sich allein die ganze Stadt, denn das Gebiet der Place Dauphine war eine Wiese, die zum Krongut gehörte; dort befand sich ein Walzwerk, wo Geld geprägt wurde. Daher der Name der Rue de la Monnaie für die [18] Straße, die zum Pont Neuf führt. Daher auch der Name des einen der drei runden Türme, des zweiten, der die Tour d'Argent heißt; und dieser Name scheint zu beweisen, daß man zuerst in ihm das Geld geprägt hat. Das berühmte Walzwerk, das man auf den alten Plänen von Paris sieht, wäre demnach wahrscheinlich später erbaut, als man nicht mehr im Palast selber prägte, und vermutlich verdankte es sein Entstehen einer Vervollkommnung in der Kunst der Münze. Der erste Turm, der sich fast an die Tour d'Argent anlehnt, heißt die Tour de Montgomery. Der dritte, der kleinste, aber am besten erhaltene von den dreien, denn er hat auch seine Zinnen bewahrt, heißt die Tour Bonbec. Die Sainte-Chapelle und diese vier Türme – einschließlich des Uhrturmes – umschreiben ausgezeichnet den Umriß, den Perimeter, wie ein Katasterbeamter sagen würde, des Palastes von der Zeit der Merowinger an bis zum ersten Hause von Valois; aber für uns stellt dieser Palast infolge seiner Umwandlungen des genauern die Epoche des heiligen Ludwig dar.
Karl V. überließ den Palast als erster dem Parlament, einer damals neu geschaffenen Einrichtung, und zog selbst unter dem Schutz der Bastille in das berühmte Hôtel Saint-Pol, an das man später den Palais des Tournelles anbaute. Dann kehrte unter den letzten Valois die königliche Familie ins Louvre zurück, das ihre erste Bastille gewesen war. Die erste Wohnung der französischen Könige, der Palast des heiligen Ludwig, der kurzweg den Namen ›des Palastes‹ bewahrt hat, um ›den‹ Palast an sich zu bezeichnen, ist jetzt ganz und gar begraben unter dem Justizpalast; er bildet seine Keller, denn er war wie die Kathedrale in die Seine gebaut worden, und zwar so sorgfältig, daß der Fluß selbst bei Hochwasser kaum ihre ersten Stufen bedeckte. Etwa zwanzig Fuß unter [19] dem Quai de l'Horloge liegen jetzt diese tausendjährigen Bauten. Die Wagen rollen auf dem Niveau der Kapitäle jener starken Säulen der drei Türme, deren Höhe ehemals mit der Eleganz des Palastes in Einklang gestanden haben muß, als sie noch malerisch über dem Wasser standen; denn noch heute nehmen diese Türme es an Höhe mit den höchsten Monumenten von Paris auf. Wenn man diese ungeheure Stadt von der Höhe der Laterne des Pantheon herab betrachtet, so ist der Palast mit der Sainte-Chapelle noch immer das, was unter so viel Monumenten den monumentalsten Eindruck macht. Dieser Palast unserer Könige, auf den man tritt, wenn man den ungeheuren Vorsaal des Gerichts durchschreitet, war ein Wunder der Architektur; er ist es für die verständnisvollen Augen des Dichters, der ihn studiert, wenn er die Conciergerie untersucht, noch heute. Ach! Die Conciergerie ist eingedrungen in den Palast der Könige. Es blutet einem das Herz, wenn man sieht, wie man Zellen, Nischen, Gänge, Wohnungen, Säle ohne Licht und Luft in diese große Komposition hineingeschnitten hat, in der das Byzantinische, das Romanische und das Gotische, diese drei Gesichter der alten Kunst, durch die Architektur des zwölften Jahrhunderts vereinigt wurden. Dieser Palast ist für die erste Epoche der Geschichte der französischen Baukunst, was das Schloß von Blois für die Geschichte ihrer zweiten Epoche ist. Wie man zu Blois in einem Hof das Schloß der Grafen von Blois, das Ludwigs XII., das Franz' I. und das Gastons bewundern kann, so findet man innerhalb desselben Umkreises in der Conciergerie den Charakter der ersten Geschlechter und in der Sainte-Chapelle die Architektur des heiligen Ludwig. Ihr Stadträte, wenn ihr Millionen hergebt, so stellt den Architekten einen oder zwei Dichter zur Seite, wenn anders ihr die Wiege von Paris, die Wiege der Könige retten wollt, während ihr [20] euch überlegt, wie ihr Paris und eurem höchsten Gerichtshof einen Frankreichs würdigen Palast zu geben vermögt! Es ist das eine Frage, die ein paar Jahre lang überlegt sein will, ehe man irgend etwas beginnt. Noch ein oder zwei Gefängnisbauten gleich dem der Roquette, und der Palast des heiligen Ludwig ist gerettet.
An vielen Wunden leidet heute dieses riesenhafte Monument, das gleich einem jener vorsintflutlichen Tiere im Gips von Montmartre unter dem Palast und dem Kai vergraben liegt; aber die größte Wunde ist die, daß es als Conciergerie dienen muß! Man versteht dieses Wort. In den ersten Zeiten der Monarchie wurden die großen Schuldigen – denn die Bauern und Bürger unterstanden städtischer oder ritterschaftlicher Rechtsprechung –, wurden die Inhaber der großen oder kleinen Lehen dem König zugeführt und in der Conciergerie in Haft gehalten. Da man nur wenig solcher großen Schuldigen verhaftete, so genügte die Conciergerie für die Rechtsprechung des Königs. Es ist schwer, die Baustelle der ersten Conciergerie genau zu erkunden. Da jedoch die Küchen des heiligen Ludwig noch vorhanden sind und heute das ausmachen, was man die ›Souricière‹ nennt, so ist anzunehmen, daß die ursprüngliche Conciergerie da lag, wo sich vor 1825 die Conciergerie des Parlaments befand, nämlich unter der Arkade rechts von der großen Außentreppe, die zum zweitinstanzlichen Gericht hinaufführt. Dort kamen bis 1825 die Verurteilten heraus, wenn sie zum Tode gingen. Dort kamen alle großen Verbrecher, alle Opfer der Politik heraus, die Marschallin von Ancre wie die Königin von Frankreich, Semblançay wie Malesherbes, Damien wie Danton, Desrues wie Castaing. Das Zimmer Fouquiertinvilles war wie das Zimmer des heutigen Staatsanwalts so gelegen, daß der öffentliche Ankläger die Leute, die das Revolutionsgericht [21] verurteilt hatte, auf ihren Karren vorbeiziehen sehen konnte. Dieser Mensch, der zum Schwert geworden war, konnte so einen letzten Blick auf seine Opfer werfen.
Seit 1825 hat unter dem Ministerium des Herrn von Peyronnet im Palast ein großer Wandel stattgefunden. Das alte Portal der Conciergerie, hinter dem die Zeremonien der Aufnahme und der letzten Toilette vor sich gingen, wurde geschlossen und dorthin verlegt, wo es sich heute befindet: zwischen den Uhrturm und die Tour de Montgomery, auf einen inneren Hof, den eine Arkade markiert. Links befindet sich die Souricière, rechts das Portal. Die Salatkutschen fahren in diesen ziemlich unregelmäßigen Hof hinein; sie können sich dort aufhalten, können wenden und sich im Fall einer Meuterei dort versammeln, geschützt gegen jeden Anschlag durch das starke Gitter des Arkadentores; ehemals hatten sie nicht die mindeste Möglichkeit, sich in dem engen Raum, der die große Außentreppe vom rechten Flügel des Palastes trennt, zu bewegen. Heute nimmt die Conciergerie, die kaum für die Angeklagten ausreicht – man müßte dort für dreihundert Menschen, Männer und Frauen, Platz haben –, nur noch bei seltenen Gelegenheiten Untersuchungsgefangene oder Strafgefangene auf; eine solche Ausnahme führte Jakob Collin und Lucien dorthin. Ausnahmsweise dulden die Behörden dort Schuldige aus der höchsten Gesellschaft, die schon genügend durch einen Spruch des Geschwornengerichts entehrt sind und über alle Grenzen hinaus bestraft wären, wenn sie ihre Strafe zu Melun oder zu Poissy abzubüßen hätten. Ouvrard zog den Aufenthalt in der Conciergerie dem in Sainte-Pélagie vor. Gegenwärtig verbüßen der Notar Lehon und der Fürst von Bergues ihre Gefangenschaft dort, und zwar vermöge einer willkürlichen, aber sehr menschlichen Nachsicht.
[22] Im allgemeinen werden die Untersuchungsgefangenen, sei es, wenn sie, nach dem Fachausdruck, zur Untersuchung gehen, sei es, wenn sie vor dem Zuchtpolizeigericht erscheinen sollen, von den Salatkutschen direkt in die Souricière eingeliefert. Die Souricière, die dem Portal gegenüber liegt, setzte sich aus einer gewissen Menge von Zellen zusammen, die in die Küchen des heiligen Ludwig eingebaut sind; dort warten die Gefangenen, die man aus ihren Gefängnissen geholt hat, auf die Stunde, in der das Gericht zusammentritt oder in der ihr Untersuchungsrichter eintrifft. Die Souricière wird im Norden vom Kai begrenzt, im Osten vom Wachtgebäude der Munizipalgarde, im Westen vom Hof der Conciergerie und im Süden von einem ungeheuren gewölbten Saal – sicherlich dem ehemaligen Festsaal –, der noch keine Bestimmung hat. Oberhalb der Souricière erstreckt sich ein inneres Wachtlokal, das durch ein Fenster den Blick über den Hof der Conciergerie beherrscht; es ist das Lokal der Departementsgendarmerie, und die Treppe mündet dahinein. Wenn die Stunde der Aburteilung kommt, so rufen hier die Gerichtsdiener die Untersuchungsgefangenen auf; die Gendarmen steigen in gleicher Zahl mit den Untersuchungsgefangenen hinab, jeder Gendarm nimmt einen von ihnen unterm Arm; und so gepaart steigen sie die Treppe hinauf, durchschreiten das Wachtlokal und kommen durch lange Gänge in einen Raum neben dem Saal, in dem die berühmte sechste Kammer des Gerichts tagt, der die Rechtsprechung des Zuchtpolizeigerichts obliegt. Es ist der Weg, den auch die Angeklagten entlang gehen, wenn sie sich aus der Conciergerie zum Schwurgericht begeben oder aus ihm zurückkehren.
Im großen Vorsaal bemerkt man zwischen der Tür der ersten Kammer des erstinstanzlichen Gerichts und der Freitreppe, die zur sechsten führt, auf der Stelle, wenn [23] man auch zum erstenmal hindurchgeht, einen türlosen Durchgang ohne jeden architektonischen Schmuck: ein wahrhaft unedles viereckiges Loch. Von da aus kommen die Richter und die Advokaten in jene Gänge, in das Wachtlokal und steigen dann in die Souricière und zum Portal der Conciergerie hinab. All die Zimmer der Untersuchungsrichter liegen in verschiedenen Stockwerken in diesem Teil des Palastes. Man erreicht ihn über scheußliche Treppen hinweg: ein Labyrinth, in dem sich alle, denen der Palast nicht bekannt ist, fast immer verirren. Die Fenster dieser Zimmer blicken zum Teil auf den Kai, zum Teil auf den Hof der Conciergerie. 1830 blickten auch einige Zimmer der Untersuchungsrichter auf die Rue de la Barillerie.
Wenn nun im Hof der Conciergerie eine Salatkutsche sich nach links wendet, so bringt sie Untersuchungsgefangene in die Souricière; wendet sie sich nach rechts, so liefert sie Angeklagte in die Conciergerie ein. Nach dieser Seite hin also wurde der Wagen gelenkt, in dem Jakob Collin sich befand, denn man sollte ihn am Portal abliefern. Nichts ist grauenhafter. Verbrecher wie Besucher sehen zwei schmiedeeiserne Gitter, die durch einen Zwischenraum von etwa sechs Fuß voneinander getrennt sind, und die sich stets nur nacheinander öffnen; dort wird auf alles so peinlich geachtet, daß selbst die Leute, denen eine Besuchserlaubnis erteilt worden ist, erst diesen Raum zwischen den Gittern durchschreiten müssen, ehe sich der Schlüssel im Schloß umdreht. Selbst die Untersuchungsrichter, ja die Staatsanwälte kommen nicht herein, ohne sich legitimiert zu haben. Und da spreche man noch von der Möglichkeit eines Verkehrs oder eines Ausbruchs! ... Der Direktor der Conciergerie wird ein Lächeln auf den Lippen tragen, vor dem der verwegenste Romandichter in seinen Unternehmungen wider die Wahrscheinlichkeit [24] den Zweifel fallen läßt. Man kennt in den Annalen der Conciergerie nur den Ausbruch La Valettes; aber die Gewißheit allerhöchster Nachsicht, die heute erwiesen ist, hat, wenn nicht die Aufopferung der Gattin, so doch die Gefahr eines Mißerfolgs verhindert. Wer an Ort und Stelle über das Wesen der Hindernisse urteilt, wird, und sei er ein noch so großer Freund des Wunderbaren, anerkennen, daß diese Hindernisse zu allen Zeiten unüberwindlich waren, wie sie es noch heute sind. Keine Worte können die Kraft der Mauern und Gewölbe malen, man muß sie sehen. Obgleich das Pflaster des Hofes schon niedriger liegt als das des Kais, so muß man doch, wenn man das Portal passiert, noch mehrere Stufen hinabsteigen, um in einen ungeheuren gewölbten Saal zu gelangen, dessen gewaltige Mauern mit prachtvollen Säulen geschmückt und von der Tour de Montgomery, die heute einen Teil der Wohnung des Direktors der Conciergerie ausmacht, und der Tour d'Argent flankiert sind, die heute den Wächtern, Pförtnern oder Schließern, wie man sie nun nennen will, als Schlafgebäude dient. Die Zahl jener Angestellten ist nicht so hoch, wie man sich wohl denkt; es sind ihrer zwanzig; ihr Schlafraum und ihr Bettzeug unterscheidet sich nicht von dem der ›Pistole‹. Dieser Name kommt ohne Zweifel daher, daß die Gefangenen ehemals für diese Unterkunft wöchentlich eine Pistole zahlten; die Nacktheit der Räume erinnert an die kalten Mansarden, wie alle großen Leute ohne Vermögen sie in Paris zunächst bewohnen. Links von diesem ungeheuren Eingangssaal liegt die Kanzlei der Conciergerie, eine Art Bureau, das durch Glasscheiben abgetrennt ist; dort sitzen der Direktor und sein Kanzlist; dort befinden sich die Aufnahmeregister. Da wird der Untersuchungsgefangene [25] oder der Angeklagte eingetragen, beschrieben und durchsucht; da wird die Frage der Unterbringung entschieden, deren Lösung vom Geldbeutel des Gastes abhängt. Gegenüber vom Portal dieses Saales sieht man eine Glastür; sie führt in einen Sprechraum, in dem Verwandte und Advokaten durch ein Fenster mit doppeltem Holzgitter mit den Angeklagten sprechen können. Dieses Sprechzimmer erhält sein Licht von dem Gefängnishof her, dem inneren Spaziergang, auf dem die Angeklagten zu bestimmten Stunden Luft schöpfen und sich Bewegung machen.
Der große Saal, der durch das zweifelhafte Licht dieser beiden Türen erhellt wird, denn das einzige Fenster, das auf den Anfahrtshof führt, wird vollständig von der Kanzlei in Anspruch genommen, die es umrahmt, zeigt den Blicken eine Beleuchtung und eine Atmosphäre, die vollkommen mit den von der Einbildungskraft vorgefaßten Bildern im Einklang steht. Das Ganze wirkt um so erschreckender, als man parallel mit den Türmen, der Tour d'Argent und der Tour de Montgomery, jene geheimnisvollen, gewölbten, furchtbaren, lichtlosen Krypten erkennt, die das Sprechzimmer umgeben und zu den Kerkern der Königin, der Frau Elisabeth und den sogenannten Geheimzellen führen. Dieses Labyrinth von Quadern ist, nachdem es die Feste des Königreichs gesehen hat, zum Kellergeschoß des Gerichtspalastes geworden. Von 1825 bis 1832 nahm man in diesem ungeheuren Saal zwischen einem großen Ofen, der ihn heizt, und dem ersten Gitter die Zeremonie der Toilette vor. Noch jetzt schreitet man nicht ohne Zittern über diese Fliesen, die die Erschütterung und das Geständnis so vieler letzter Blicke aufgefangen haben.
Um seinen scheußlichen Wagen zu verlassen, bedurfte der Sterbende der Hilfe zweier Gendarmen, die ihn jeder [26] unter je einem Arm packten, ihn stützten und wie ohnmächtig in die Kanzlei trugen. Der Sterbende hob, als er so dahingeschleppt wurde, die Blicke in einer Weise zum Himmel, daß er dem vom Kreuze genommenen Heiland glich. Sicherlich zeigt Jesus auf keinem Gemälde ein leichenhafteres, entstellteres Gesicht, als dieser falsche Spanier es tat; er schien bereit, den Atem aufzugeben. Als er in der Kanzlei saß, wiederholte er mit versagender Stimme die Worte, die er seit seiner Verhaftung an jeden richtete: »Ich berufe mich auf Seine Exzellenz den spanischen Gesandten ...« »Das«, erwiderte der Direktor, »können Sie dem Herrn Untersuchungsrichter sagen ...« »Ah, Jesus!« rief Jakob Collin stöhnend. »Kann ich nicht ein Brevier bekommen? ... Wird man mir immer noch einen Arzt verweigern? ... Ich habe keine zwei Stunden mehr zu leben.«
Da Carlos Herrera in strengen Einzelgewahrsam gebracht werden sollte, so war es unnötig, ihn zu fragen, ob er auf die Wohltat der Pistole Anspruch machte, das heißt auf das Recht, eins jener Zimmer zu bewohnen, in denen man den einzigen Luxus genießt, den die Justiz erlaubt. Diese Zimmer liegen am Ende des Gefängnishofes, von dem später die Rede sein wird. Der Gerichtsdiener und der Kanzlist erfüllten gemeinsam und phlegmatisch die Formalitäten der Aufnahme.
»Herr Direktor,« sagte Jakob Collin in geradebrechtem Französisch, »ich liege im Sterben, Sie sehen es. Sagen Sie diesem Herrn Richter, wenn Sie es können, sagen Sie es vor allem so bald wie möglich, daß ich als eine Gunst erflehe, was ein Verbrecher am meisten fürchten müßte, nämlich vor ihm erscheinen zu dürfen, sowie er eintrifft; denn meine Leiden sind wirklich unerträglich; und sowie ich ihn sehe, muß jeder Irrtum sich aufklären ...«
[27] Es ist eine allgemeine Regel, daß alle Verbrecher von Irrtum reden. Man gehe ins Bagno und befrage die Verurteilten, sie sind fast stets das Opfer eines Justizirrtums. Daher entlockt denn auch dieses Wort allen, die mit Untersuchungsgefangenen, Angeklagten und Verurteilten in Berührung kommen, ein unmerkliches Lächeln.
»Ich kann mit dem Untersuchungsrichter über Ihr Begehren sprechen,« erwiderte der Direktor. »Ich werde Sie segnen! ...« erwiderte der falsche Spanier, indem er die Augen gen Himmel hob.
Sowie Carlos Herrera aufgenommen war, ergriff ihn an jedem Arm ein Munizipalgardist; ein Aufseher, dem der Direktor die Einzelzelle bezeichnete, in der der Untersuchungsgefangene unterzubringen war, begleitete sie, und so wurde er durch das unterirdische Labyrinth der Conciergerie in eine, was gewisse Philanthropen auch sagen mögen, sehr trockene Zelle geführt, die jedoch keine Möglichkeit eines Verkehrs offen ließ.
Als er verschwunden war, sahen sich der Direktor des Gefängnisses, sein Kanzlist, der Gerichtsdiener und die Gendarmen an, als wollten sie einander nach ihrer Meinung fragen; und auf allen Gesichtern malte sich der Zweifel; aber beim Anblick des zweiten Untersuchungsgefangenen verfielen die Zuschauer von neuem in ihre gewohnte Ungewißheit, die unter einer gleichgültigen Miene verborgen wird. Wenn nicht außerordentliche Umstände vorliegen, so sind die Beamten der Conciergerie wenig neugierig, denn die Verbrecher sind für sie das, was für die Friseure die Kunden sind. Daher gehen denn auch all die Förmlichkeiten, vor denen die Einbildungskraft sich entsetzt, einfacher vonstatten als bei einem Bankier die Geldgeschäfte, und oft wird die Höflichkeit besser gewahrt. Lucien zeigte die Maske des niedergeschlagenen Schuldigen, denn er ließ alles mit sich geschehen, er hielt mechanisch still. [28] Seit Fontainebleau dachte der Dichter über seinen Zusammenbruch nach, und er sagte sich, daß die Stunde der Sühne geschlagen hatte. Er war blaß und abgezehrt und hatte keine Ahnung von dem, was seit seiner Abreise bei Esther vorgefallen war; er wußte, daß er der vertraute Gefährte eines ausgebrochenen Sträflings war: und diese Lage genügte, ihm Katastrophen vorzuspiegeln, die schlimmer waren als der Tod. Wenn sein Gedanke einen Plan erzeugte, so war es der des Selbstmordes. Er wollte um jeden Preis der Schmach entgehen, die er wie die Bilder eines schmerzvollen Traumes vor sich sah.
Jakob Collin wurde als der gefährlichere der beiden Untersuchungsgefangenen in eine Zelle gebracht, die ganz aus Quadern gebaut war und ihr Licht aus einem jener kleinen inneren Höfe bezog, wie man sie im Umkreis des Palastes findet; sie lag in dem Flügel, in dem der Staatsanwalt sein Zimmer hat. Dieser kleine Hof dient für die Abteilung der Frauen als Spaziergang. Lucien wurde auf demselben Wege in eine Zelle geführt, die den Pistolen benachbart war, denn nach den vom Untersuchungsrichter gegebenen Befehlen nahm der Direktor ein wenig Rücksicht auf ihn.
Im allgemeinen machen sich Leute, die niemals mit den Gerichten zu tun haben werden, die schwärzesten Vorstellungen über die Einzelhaft. Die Vorstellung von der Kriminalgerichtsbarkeit ist immer noch nicht frei von den alten Begriffen der ehemaligen Folter, der Ungesundheit der Gefängnisse, der kalten Steinmauern, aus denen Tränen sickern, der Grobheit der Schließer und der schlechten Ernährung, jener obligatorischen Zutaten des Dramas; aber es ist nicht unnötig, hier einmal zu sagen, daß diese Übertreibungen nur auf dem Theater vorhanden sind; Richter und Anwälte und alle, die die Gefängnisse aus [29] Neugier besuchen oder sie studieren, lächeln darüber. Lange war es furchtbar. Es ist sicher, daß unter dem alten Obergericht, in den Jahrhunderten Ludwigs XIII. und Ludwigs XIV., die Angeklagten wirr durcheinander in eine Art Zwischenstock über dem alten Portal geworfen wurden. Die Gefängnisse waren auch eins der Verbrechen der Revolution von 1789, und es genügt, den Kerker der Königin und den der Frau Elisabeth zu sehen, um einen tiefen Abscheu vor den ehemaligen Formen der Gerichtsbarkeit zu empfinden. Aber heute hat die Philanthropie, wenn sie der Gesellschaft auch unberechenbaren Schaden angetan hat, doch den Einzelwesen einigen Nutzen gebracht. Wir verdanken unsern Strafkodex Napoleon; und er wird in höherem Grade als der Zivilkodex, der in einigen Punkten dringend der Reform bedürftig ist, eins der größten Monumente dieser so kurzen Regierung bleiben. Dieses neue Strafrecht schüttete einen ganzen Abgrund voll Leiden zu. Daher kann man auch, abgesehen von den grauenhaften moralischen Foltern, denen die Angehörigen der oberen Klassen ausgesetzt sind, wenn sie sich in den Händen der Gerichtsbarkeit sehen, behaupten, daß die Handhabung dieser Macht von einer Milde und einer Einfachheit ist, die nur um so größer erscheinen, als sie unerwartet sind. Der Beschuldigte und der Untersuchungsgefangene wohnen sicherlich nicht wie zu Hause; aber alles Notwendige findet man in den Pariser Gefängnissen. Übrigens nimmt die Schwere der Empfindungen, denen man sich überläßt, den Nebendingen des Lebens ihre gewöhnliche Bedeutung. Nie leidet der Körper. Der Geist ist in einem so erregten Zustand, daß jedes Unbehagen, jede Brutalität – wenn man sie in dem Milieu, in dem man sich befindet, antrifft – leicht zu ertragen wäre. Man muß zugeben, daß der Unschuldige, zumal in Paris, schnell in Freiheit gesetzt wird.
[30] Lucien fand also, als er seine Zelle betrat, das genaue Abbild des ersten Zimmers vor, das er im Hotel Cluny in Paris bewohnt hatte. Ein Bett, ähnlich dem der armseligeren Logierhäuser des Quartier latin, Stühle mit geflochtenem Strohsitz, ein Tisch und ein paar Geräte bildeten die Einrichtung einer jener Kammern, in denen man oft zwei Angeklagte vereinigt, wenn sie sich ruhig benehmen und ihre Verbrechen, Fälschungen oder Bankrotte, nicht weiter beunruhigen. Diese Ähnlichkeit zwischen seinem unschuldsvollen Ausgangspunkt und dem Ziel, der letzten Stufe der Schmach und Erniedrigung, drängte sich einem letzten Aufblitzen seiner poetischen Ader so stark ins Bewußtsein, daß der Unglückliche in Tränen ausbrach. Er weinte vier Stunden lang, scheinbar empfindungslos wie eine Steinfigur, in Wirklichkeit aber leidend unter all seinen gestürzten Hoffnungen, getroffen in all seinen zermalmten sozialen Eitelkeiten, in seinem vernichteten Stolz, in all den verschiedenen Ichs, die der Ehrgeizige, der Liebhaber, der Glückliche, der Dandy, der Pariser, der Dichter, der Lüstling und der Bevorrechtigte darstellten. Alles war bei diesem Ikarussturz in ihm zerbrochen.
Carlos Herrera seinerseits schweifte, sowie er allein war, in seiner Zelle umher wie der weiße Bär des Jardin des Plantes in seinem Käfig. Er untersuchte sorgfältig die Tür und überzeugte sich, daß, abgesehen von dem Guckloch, keine Öffnung darin angebracht war. Er prüfte alle Mauern, sah sich die Fensterblende an, durch deren Schlund ein schwaches Licht herabfiel, und sagte bei sich selber: ›Ich bin in Sicherheit!‹
Er setzte sich in einen Winkel, wo ihn das Auge eines Aufsehers von dem vergitterten Guckloch aus nicht sehen konnte. Dann nahm er die Perücke ab und löste schnell ein Papier, das auf ihrem Boden saß. Die Seite [31] dieses Papiers, die auf dem Kopf gelegen hatte, war so fettig, daß es die innere Oberfläche der Perücke zu sein schien. Wenn Bibi-Lupin auf den Gedanken gekommen wäre, diese Perücke abzunehmen, um die Identität des Spaniers mit Jakob Collin festzustellen, so hätte er dieses Papier nicht beargwöhnt, so sehr schien es zur Arbeit des Perückenmachers zu gehören. Die andere Seite des Papiers war noch weiß und sauber genug, um ein paar Zeilen aufzunehmen. Die schwierige und vorsichtige Arbeit des Loslösens war schon in der Force begonnen worden; zwei Stunden hätten dazu nicht genügt, er hatte bereits den vorigen Tag zur Hälfte darauf verwandt. Der Gefangene schnitt zunächst von diesem kostbaren Papier einen Streifen von etwa acht bis zehn Millimeter Breite ab und teilte ihn in mehrere Stücke; dann legte er seinen Papiervorrat, nachdem er die Schicht von Gummiarabikum, mit deren Hilfe er die Klebkraft wieder herstellen konnte, befeuchtet hatte, in sein sonderbares Magazin zurück. In einer Strähne seines Haares suchte er einen jener Bleistifte, die so fein sind wie eine Nadel und deren neuerliche Erfindung man der Schweiz verdankte; er war dort mit Leim befestigt; er brach sich ein Stück ab, das lang genug war, um damit zu schreiben, und klein genug, um es im Ohr zu verbergen. Nachdem Jakob Collin diese Vorbereitungen mit der Geschwindigkeit und Sicherheit aller alten Sträflinge – sie sind behend wie die Affen – getroffen hatte, setzte er sich auf den Rand seines Bettes und begann, sich seine Anweisungen für Asien zu überlegen; denn er war überzeugt, daß er sie auf seinem Wege treffen würde, so sehr zählte er auf das Genie dieser Frau.
›In meinem vorläufigen Verhör‹, sagte er bei sich selber, ›habe ich den Spanier gespielt, der schlecht Französisch spricht, sich auf seinen Gesandten beruft, diplomatische Vorrechte geltend macht und nicht versteht, was man ihn [32] fragt; all das wohl unterbrochen von Schwächeanfällen, Pausen und Seufzern, kurz von allen Schnurren eines Sterbenden. Bleiben wir auf diesem Gebiet! Meine Papiere sind in Ordnung. Asien und ich, wir werden doch wohl Herrn Camusot aufessen! Er ist nicht allzu stark. Denken wir also an Lucien; es handelt sich darum, ihm Mut zu machen; wir müssen auf jeden Fall zu diesem Kind durchdringen und ihm einen Feldzugsplan vorschreiben; sonst liefert er sich und mich aus und verdirbt alles! ... Vor seinem Verhör muß man ihm das eingetrichtert haben. Dann brauche ich Zeugen, die mir meinen Priesterstand bestätigen!‹
Das war die moralische und physische Verfassung der beiden Gefangenen, deren Schicksal in diesem Augenblick von Herrn Camusot abhing, dem Untersuchungsrichter der ersten Instanz im Seinedepartement; er war während der Zeit, die der Strafkodex ihm zuwies, der unumschränkte Richter über die kleinsten Einzelheiten in ihrem Dasein; denn er allein konnte erlauben, daß der Geistliche und der Arzt der Conciergerie, oder wer es auch war, mit ihnen in Verbindung trat.
Keine menschliche Macht, weder der König noch der Justizminister noch der Ministerpräsident, kann in die Befugnisse eines Untersuchungsrichters eingreifen; nichts kann ihn aufhalten, nichts ihm Vorschriften machen. Er ist ein Souverän, der einzig seinem Gewissen und dem Gesetz untersteht. In diesem Augenblick, in dem Philosophen, Philanthropen und Publizisten unablässig damit beschäftigt sind, alle sozialen Gewalten zu brechen, ist auch die Macht, die unsere Gesetze den Untersuchungsrichtern geben, zum Gegenstand von Angriffen geworden, die um so furchtbarer sind, als diese Macht sie fast rechtfertigt, weil sie, sagen wir es, ungeheuer ist. Nichtsdestoweniger muß für jeden verständigen Menschen diese[33] Macht unangefochten bleiben; man kann in gewissen Fällen die Ausübung durch weitgehende Vorsicht mildern; aber die Gesellschaft, die schon durch die Verständnislosigkeit und Schwäche der Jury – einer erhabenen und höchsten Einrichtung, in der die Ämter nur ausgewählten Notabilitäten übertragen werden dürften – so stark erschüttert worden ist, würde vom Verderben bedroht sein, wenn man diese Säule bräche, die unser ganzes Strafrecht stützt. Die Untersuchungshaft ist eine jener furchtbaren, notwendigen Einrichtungen, deren soziale Gefahr durch eben ihre Heilkraft aufgewogen wird. Übrigens ist ein Mißtrauen gegen die Rechtsprechung der Beginn der sozialen Auflösung. Man vernichte die Einrichtung, man baue sie auf anderer Grundlage wieder auf; man verlange wie vor der Revolution von den Richtern ungeheure Vermögensgarantien; aber, man glaube mir, macht nicht aus der Rechtsprechung ein Abbild der Gesellschaft, um ihrer zu spotten! Heute hat der Richter, der bezahlt wird wie ein anderer Beamter, der meistens arm ist, seine ehemalige Würde vertauscht mit einem Amtsstolz, der all denen unerträglich scheint, die man ihm gleichgestellt hat; denn der Amtsstolz ist eine Würde, die keine Stützpunkte hat. Darin liegt der Fehler der gegenwärtigen Einrichtung. Wenn Frankreich in zehn Sprengel eingeteilt wäre, so könnte man den Richterstand heben, indem man von den Richtern ein großes Vermögen verlangt; bei sechsundzwanzig Sprengeln ist das nicht möglich. Die einzige Verbesserung, die man in der Ausübung der dem Untersuchungsrichter anvertrauten Macht verlangen kann, ist die Ehrenrettung des Untersuchungsgefängnisses. Die Untersuchungshaft dürfte keinerlei Wandel in die Gewohnheiten der Individuen bringen. Die Untersuchungsgefängnisse müßten in Paris so erbaut, möbliert und angelegt werden, daß sie die Vorstellungen des Publikums [34] von der Lage der Untersuchungsgefangenen von Grund aus wandelten. Das Gesetz ist gut und notwendig; aber seine Handhabung ist schlecht, und die Leute beurteilen die Gesetze nach der Art, wie sie gehandhabt werden. Die öffentliche Meinung Frankreichs verurteilt in einem unerklärlichen Widerspruch die Untersuchungsgefangenen und rehabilitiert die Angeklagten. Vielleicht ist das das Ergebnis des wesentlich tadelsüchtigen Geistes des Franzosen. Diese Inkonsequenz des Pariser Publikums war eins der Motive, die zur Katastrophe dieses Dramas führten; sie war sogar, wie man sehen wird, eins der mächtigsten. Um die furchtbaren Szenen, die sich im Zimmer eines Untersuchungsrichters abspielen, zu verstehen, um die gegenseitige Lage der beiden kriegführenden Parteien, der Untersuchungsgefangenen und der Justiz, ganz zu erkennen – denn ihr Kampf dreht sich um das Geheimnis, das jene gegen die Neugier des Richters verteidigen, den man in der Gefängnissprache so treffend ›den Neugierigen‹ nennt –, darf man nie vergessen, daß die Untersuchungsgefangenen nichts von all dem ahnen, was die sieben oder acht Publikums sagen, die das Publikum ausmachen, nichts von all dem, was die Richter und die Polizei von den Einzelheiten des Verbrechens wissen, noch von dem Wenigen, was die Zeitungen darüber veröffentlichen. Daher bedeutet es, wenn man einem Gefangenen eine Nachricht zukommen läßt, wie Jakob Collin sie soeben durch Asien über Luciens Verhaftung erhalten hatte, etwa soviel, wie wenn man einem Ertrinkenden einen Strick zuwirft. Man wird daher sehen, wie ein Anschlag mißglückt, der den Sträfling ohne diese Mitteilung sicherlich zugrunde gerichtet hätte. Nachdem diese Voraussetzungen einmal festgestellt sind, werden die wenigst leicht zu rührenden Leute vor dem erschrecken, was diese drei Ursachen der Angst zur Folge haben: Abschließung, Schweigen und Gewissensbisse.
[35] Herr Camusot, der Schwiegersohn eines der Diener des königlichen Kabinetts, der schon zu bekannt ist, als daß es nötig wäre, seine Verbindungen und seine Stellung zu beleuchten, befand sich in diesem Augenblick in betreff der Untersuchung, die ihm anvertraut worden war, in einer Ratlosigkeit, die der Carlos Herreras fast gleich war. Noch eben Präsident eines Gerichtshofes im Sprengel, war er dieser Stellung entrissen und zum Richter in Paris ernannt worden, zu einer der umworbensten Stellungen im ganzen Richterstand, und zwar vermöge der Empfehlung der berühmten Herzogin von Maufrigneuse, deren Gatte als Prügelknabe des Dauphins und Oberst eines der Kavallerieregimenter der königlichen Garde beim König ebenso hoch in der Gunst stand, wie sie bei der ›gnädigen Frau‹. Durch einen winzigen Dienst, der aber für die Herzogin von höchster Bedeutung war und den er ihr zur Zeit der Anklage wegen Fälschung, die damals ein Bankier in Alençon gegen den jungen Grafen von Esgrignon erhob, geleistet hatte (siehe in den ›Kleineren Erzählungen‹ ›Das Antiquitätenkabinett‹), war er aus einem einfachen Provinzrichter zum Präsidenten geworden und aus einem Präsidenten zum Untersuchungsrichter in Paris. Während der achtzehn Monate, die er jetzt im wichtigsten Gericht des Königreichs saß, hatte er sich schon auf die Empfehlung der Herzogin von Maufrigneuse hin in den Gesichtskreis einer nicht weniger mächtigen Dame, der Marquise d'Espard, vorwagen können; doch ohne Erfolg. Lucien konnte, wie wir zu Beginn dieser Szene gesagt haben, um sich an Frau d'Espard, die ihren Gatten entmündigen lassen wollte, zu rächen, dem Oberstaatsanwalt und dem Grafen von Sérizy über den wahren Sachverhalt die Augen öffnen. Als diese beiden mächtigen Männer sich den Freunden des Marquis d'Espard anschlossen, war die Frau nur vermöge der Milde ihres Gatten einem Tadel von seiten des[36] Gerichts entgangen. Als nun die Marquise d'Espard am Tage zuvor von Luciens Verhaftung hörte, hatte sie ihren Schwager, den Chevalier d'Espard, zu Frau Camusot geschickt. Frau Camusot hatte sich auf der Stelle zu der berühmten Marquise begeben. Vor dem Diner kam sie wieder nach Hause und nahm in ihrem Schlafzimmer ihren Mann beiseite.
»Wenn du diesen kleinen Gecken Lucien von Rubempré vors Schwurgericht bringen kannst und man seine Verurteilung durchsetzt, so wirst du königlicher Rat am Gericht der zweiten Instanz ...« »Wieso?« »Frau d'Espard möchte es erleben, daß der Kopf dieses armen jungen Menschen fällt. Es lief mir kalt über den Rücken, als ich den Haß einer hübschen Frau reden hörte.« »Mische dich nicht in die Angelegenheiten des Justizpalastes,« erwiderte Camusot seiner Frau. »Ich, mich hineinmischen!« entgegnete sie. »Uns hätte ein Dritter hören können, und er hätte nicht gewußt, um was es sich handelte. Die Marquise und ich, wir waren alle beide ebenso entzückend heuchlerisch, wie du es in diesem Augenblick gegen mich bist. Sie wollte mir für deine guten Dienste in ihrer Sache danken und sagte, trotz des Mißerfolges sei sie dafür erkenntlich. Sie sprach mir von der furchtbaren Vollmacht, die das Gesetz euch gebe. Es ist furchtbar, einen Menschen aufs Schafott schicken zu müssen; aber den! ... Das wäre nur Gerechtigkeit! ... usw. Sie beklagte, daß es mit einem so schönen jungen Menschen, den ihre Cousine, Frau du Châtelet, nach Paris geführt habe, eine so schlimme Wendung genommen hätte. ›Dahin‹, sagte sie, ›führen schlechte Frauen wie diese Coralie und diese Esther junge Leute, die verderbt genug sind, den unsaubern Gewinn mit ihnen zu teilen!‹ Kurz, schöne Tiraden über die Barmherzigkeit und die Religion! Frau du Châtelet habe ihr gesagt, [37] Lucien verdiene tausendmal den Tod, denn er habe seine Schwester und seine Mutter fast getötet ... Sie sprach von einer Vakanz am Gericht der zweiten Instanz, sie kenne den Justizminister. ›Ihr Gatte, gnädige Frau, hat eine schöne Gelegenheit, sich auszuzeichnen!‹ sagte sie zum Schluß ... Nun, also.« »Wir zeichnen uns tagtäglich aus, indem wir unsere Pflicht tun,« sagte Camusot. »Du wirst es weit bringen, wenn du überall Richter bist, selbst deiner Frau gegenüber,« rief Frau Camusot. »Sieh, ich hatte dich für einen Tropf gehalten; heute bewundere ich dich ...« Der Richter hatte jenes Lächeln auf den Lippen, das nur Richter kennen und das ebenso seinen besonderen Charakter hat wie das der Tänzerinnen.
»Gnädige Frau, darf ich eintreten?« fragte die Kammerfrau. »Was wollen Sie?« fragte die Herrin. »Gnädige Frau, die erste Zofe der Frau Herzogin von Maufrigneuse war hier, während die gnädige Frau fort waren, und sie bittet die gnädige Frau im Namen ihrer Herrin, alles stehen und liegen zu lassen und ins Hotel Cadignan zu kommen.« »Man soll mit dem Diner warten,« sagte die Frau des Richters, da sie sich überlegte, daß der Kutscher des Fiakers, der sie nach Hause gefahren hatte, noch auf seine Bezahlung wartete.
Sie setzte ihren Hut wieder auf, stieg wieder in den Wagen und war in zwanzig Minuten im Hotel Cadignan. Frau Camusot, die durch die kleine Pforte eingeführt wurde, blieb zehn Minuten lang allein in einem Boudoir, das neben dem Schlafzimmer der Herzogin lag; die Herzogin erschien strahlend, denn sie wollte nach Saint-Cloud aufbrechen, wohin eine Einladung des Hofes sie rief.
»Meine Kleine, unter uns, zwei Worte genügen.« »Ja, Frau Herzogin.« »Lucien von Rubempré ist verhaftet; Ihr Gatte hat die Untersuchung. Ich bürge für die Unschuld des armen Kindes; er muß innerhalb von vierundzwanzig [38] Stunden frei sein. Das ist nicht alles. Es will jemand Lucien heimlich in seinem Gefängnis sehen; Ihr Gatte kann, wenn er will, zugegen sein, wenn er sich nicht bemerklich macht ... Ich bin denen, die mir dienen, treu, das wissen Sie. Der König erhofft viel vom Mut seiner Richter, denn er wird sich bald in ernsten Verhältnissen befinden; ich werde Ihren Gatten ins Licht rücken; ich werde ihn als einen Mann empfehlen, der dem König ergeben bleibt, und müßte er seinen Kopf aufs Spiel setzen. Unser Camusot wird zunächst königlicher Rat, dann erster Präsident, einerlei, wo ... Adieu ... man erwartet mich, Sie entschuldigen mich, nicht wahr? Sie verpflichten nicht nur den Generalstaatsanwalt, der sich in dieser Angelegenheit nicht aussprechen kann: Sie retten auch einer Frau, die dahinsiecht, das Leben, der Frau von Sérizy. Also wird es Ihnen nicht an Stützen fehlen ... Also Sie sehen, wie sehr ich Ihnen vertraue, ich brauche Ihnen nicht erst zu empfehlen, daß Sie ... Sie wissen ja!« Sie legte einen Finger auf die Lippen und verschwand.
›Und ich habe ihr nicht einmal sagen können, daß die Marquise d'Espard Lucien auf dem Schafott sehen will! ...‹ dachte die Frau des Richters, als sie zu ihrem Wagen zurückkehrte.
Sie kam in einer solchen Angst nach Hause, daß der Richter, als er sie erblickte, fragte: »Amelie, was hast du?« »Wir stehen zwischen zwei Feuern!«
Sie berichtete ihrem Gatten von ihrer Unterredung mit der Herzogin, doch flüsterte sie ihm alles ins Ohr, so sehr fürchtete sie, das Zimmermädchen möchte an der Tür lauschen.
»Welche von beiden ist die Mächtigere?« sagte sie zum Schluß. »Die Marquise hat dich bei ihrem dummen Antrag auf Entmündigung ihres Gatten fast kompromittiert, während wir der Herzogin alles verdanken. Die eine hat [39] mir unbestimmte Versprechungen gemacht, während die andere sagte: Sie werden erst königlicher Rat, dann erster Präsident! ... Gott bewahre mich davor, daß ich dir einen Rat geben sollte! Ich werde mich nicht in die Angelegenheiten des Palastes mischen; aber ich muß dir getreulich berichten, was man am Hofe sagt und was sich dort vorbereitet ...« »Du weißt nicht, Amelie, was mir der Polizeipräfekt heute morgen geschickt hat, und noch dazu durch wen! Durch einen der wichtigsten Männer der politischen Polizei des Königreichs, durch den Bibi-Lupin der Politik, der mir sagte, daß der Staat geheime Interessen an diesem Prozeß habe. Laß uns essen und in die Varietés gehen ... Wir wollen heute abend in der Stille des Arbeitszimmers über all das reden, denn ich werde deine Klugheit brauchen; die des Richters genügt vielleicht nicht ...«
Neun Zehntel der Richter werden leugnen, daß die Frau in solchen Lagen Einfluß auf den Gatten haben kann; aber wenn es eine der größten sozialen Ausnahmen ist, so kann man doch beobachten, daß sie vorkommt, wenn auch nur gelegentlich. Der Richter gleicht darin dem Priester, vor allem in Paris, wo man die Elite des Richterstandes findet; er redet selten von den Angelegenheiten des Palastes, wenn es sich nicht um bereits erledigte Dinge handelt. Die Frauen tun nicht nur so, als wüßten sie niemals etwas, sie haben auch alle genug Schicklichkeitsgefühl, um zu erraten, daß sie ihrem Gatten schaden würden, wenn sie es sich merken ließen, daß sie über irgendein Geheimnis unterrichtet sind. Nichtsdestoweniger haben bei den großen Gelegenheiten, wo es sich je nach dieser oder jener Entscheidung um ihre Beförderung handelt, viele Frauen wie Amelie bei der Überlegung des Richters mitgeholfen. Schließlich hängen diese Ausnahmen, die um so leichter zu leugnen sind, als sie immer unbekannt bleiben, völlig von der Art ab, wie der [40] Kampf der zwei Charaktere im Schoße des Haushalts verlaufen ist. Nun beherrschte Frau Camusot ihren Gatten vollständig. Als alles im Hause schlief, setzten der Richter und seine Frau sich an den Schreibtisch, auf dem der Richter die Akten des Prozesses bereits geordnet hatte.
»Das sind die Notizen, die der Polizeipräfekt mir hat zustellen lassen; übrigens auf meine Bitte,« sagte Camusot.
»Der Abbé Carlos Herrera.
Dieses Individuum ist sicherlich ein gewisser Jakob Collin, genannt Betrüg-den-Tod, dessen letzte Verhaftung bis ins Jahr 1819 zurückgeht; sie wurde vorgenommen im Hause einer Frau Vauquer, die in der Rue Neuve Sainte-Geneviève eine bürgerliche Pension besaß, in der er unter dem Namen Vautrin wohnte.«
Am Rande las man in der Handschrift des Polizeipräfekten:
»Bibi-Lupin, dem Chef der Sicherheit, ist telegraphisch Befehl erteilt worden, auf der Stelle zurückzukehren, um eine Konfrontation vorzunehmen; denn er kennt Jakob Collin persönlich, da er ihn 1819 unter Mitwirkung eines Fräulein Michonneau verhaftet hat.« –
»Die Pensionäre, die im Hause Vauquer wohnten, leben noch und können geladen werden, um die Identität festzustellen.
Der angebliche Carlos Herrera ist der intime Freund und Ratgeber des Herrn Lucien von Rubempré, dem er drei Jahre hindurch beträchtliche Summen geliefert hat, die offenbar aus Diebstählen stammten.
Diese Solidarität wird, wenn man die Identität des angeblichen Spaniers mit Jakob Collin feststellen kann, über den Herrn Lucien von Rubempré das Urteil fällen.
Der plötzliche Tod des Agenten Peyrade ist die Folge einer Vergiftung, die Jakob Collin, Rubernpré oder ihre [41] Helfershelfer ausgeführt haben. Das Motiv dieses Mordes liegt darin, daß der Agent diesen beiden geschickten Verbrechern seit langem auf der Spur war.«
Am Rande zeigte der Richter auf diesen Satz, den der Polizeipräfekt selbst geschrieben hatte:
»Dies auf Grund meines persönlichen Wissens; und ich habe die Beweise dafür, daß der Herr Lucien von Rubempré mit Seiner Herrlichkeit dem Grafen von Sérizy und dem Herrn Generalstaatsanwalt ein unwürdiges Spiel getrieben hat.«
»Was sagst du dazu, Amelie?« »Es ist beängstigend! ...« erwiderte die Frau des Richters. »Lies doch weiter!«
»Die Verwandlung Jakob Collins in den spanischen Priester ist das Ergebnis irgendeines Verbrechens, das geschickter begangen ist als das, vermöge dessen Cogniard sich zum Grafen von Sankt Helena machte.«
»Lucien von Rubempré.
Lucien Chardon, Sohn eines Apothekers in Angoulême, verdankt, da seine Mutter eine geborene von Rubempré war, einer Ordonnanz des Königs das Recht, den Namen ›von Rubempré‹ zu führen. Diese Ordonnanz ist erlassen worden auf die Bitte der Frau Herzogin von Maufrigneuse und des Herrn Grafen von Sérizy.
182. ist dieser junge Mann ohne alle Existenzmittel nach Paris gekommen, und zwar im Gefolge der Frau Gräfin Sixtus du Châtelet, damals Frau von Bargeton, einer Cousine der Frau d'Espard.
Im Undank gegen Frau von Bargeton hat er in ehelicher Gemeinschaft mit einer Fräulein Coralie, einer verstorbenen Schauspielerin des Gymnase, gelebt, die um seinetwillen Herrn Camusot, einen Seidenhändler der Rue des Bourdonnais, verlassen hatte.
[42] Als er bald darauf ins Elend geriet, weil die Zuschüsse, die diese Schauspielerin ihm gab, nicht ausreichten, stellte er seinen ehrenwerten Schwager, einen Drucker zu Angoulême, aufs schwerste bloß, indem er falsche Wechsel ausgab, für deren Zahlung David Séchard während eines kurzen Aufenthalts besagten Luciens in Angoulême verhaftet wurde.
Diese Angelegenheit führte zur Flucht Rubemprés, der plötzlich mit dem Abbé Carlos Herrera wieder in Paris auftauchte.
Ohne irgendwelche bekannte Existenzmittel hat der Herr Lucien von Rubempré während der drei ersten Jahre seines zweiten Aufenthalts in Paris etwa dreihunderttausend Franken ausgegeben, die er nur von dem angeblichen Abbé Carlos Herrera erhalten haben kann; aber auf Grund welchen Anspruchs?
Er hat außerdem in letzter Zeit mehr als eine Million auf den Ankauf der Güter von Rubempré verwandt, um eine Bedingung zu erfüllen, die man ihm für seine Heirat mit Fräulein Klotilde von Grandlieu gestellt hatte. Der Abbruch dieser Verlobung ist die Folge davon, daß die Familie von Grandlieu, der der Herr von Rubempré gesagt hatte, er habe diese Summen von seinem Schwager und seiner Schwester erhalten, bei den ehrenwerten Ehegatten Séchard Erkundigungen einziehen ließ, und zwar durch den Anwalt Derville; sie wußten jedoch nicht nur nichts von jenen Erwerbungen, sondern hielten Lucien sogar noch für außerordentlich verschuldet.
Übrigens besteht die Erbschaft, die den Ehegatten Séchard zugefallen ist, in Immobilien; und das bare Geld belief sich nach ihrer Erklärung nur auf zweihunderttausend Franken.
Lucien lebte insgeheim mit Esther Gobseck zu sammen; es ist also sicher, daß all die verschwenderischen Aufwendungen [43] des Barons von Nucingen, des Gönners dieser jungen Dame, besagtem Lucien zugeflossen sind.
Lucien und sein Genosse, der Sträfling, haben sich vor der Welt länger halten können als Cogniard, weil sie ihre Mittel aus der Prostitution besagter Esther bezogen, die ehemals unter Polizeiaufsicht stand.« –
Trotz der Wiederholungen, die diese Notizen in den Bericht über das Drama bringen, war es nötig, sie wörtlich anzuführen, um klarzumachen, welche Rolle die Polizei in Paris spielt. Die Polizei hat, wie man es übrigens schon aus der über Peyrade eingeforderten Notiz ersehen konnte, fast stets zuverlässige Akten über alle Familien und Einzelwesen, deren Leben verdächtig und deren Handlungsweise tadelnswert ist. Sie ist stets genau über alle Abweichungen vom geraden Wege unterrichtet. Dieses allgemeine Notizbuch, diese Bilanz der Gewissen wird ebenso sorgfältig geführt, wie die Bank von Frankreich ihre Bilanz über die Vermögensstände führt. Genau wie die Bank jede kleine Zahlungsverzögerung notiert, wie sie jeden Kredit abwägt, jeden Kapitalisten einschätzt und seine Transaktionen mit ihrem Blick verfolgt, so macht es die Polizei mit der Ehrlichkeit der Bürger. Dabei hat wie im Palast die Unschuld nichts zu fürchten; jene Wirksamkeit erstreckt sich nur auf die Fehltritte. Wie hoch eine Familie auch gestellt sein mag, so könnte sie sich doch nicht gegen diese soziale Vorsehung sichern. Dabei ist ihre Diskretion ebenso groß wie ihre Macht und ihre Ausdehnung. Die ungeheure Menge von Protokollen der Polizeikommissare, von Berichten, Notizen, Akten, dieser Ozean von Auskünften schläft regungslos, tief und ruhig wie das Meer. Wenn ein Krankheitssymptom ausbricht, wenn sich ein Vergehen oder ein Verbrechen erhebt, so wendet sich die Rechtsprechung an die Polizei; und gibt es Akten über die Beschuldigten, so nimmt der Richter alsbald Kenntnis [44] von ihnen. Diese Akten, in denen das Vorleben analysiert wird, sind nur Auskünfte, die innerhalb der Mauern des Palastes ersterben; die Rechtsprechung kann von ihnen keinen gesetzmäßigen Gebrauch machen; sie läßt sich aufklären und bedient sich ihrer, weiter nichts. Diese Blätter zeigen gewissermaßen die Rückseite der Stickerei des Verbrechens, seine ersten und fast immer unbekannten Ursachen. Keine Jury würde daran glauben, das ganze Land würde sich in Empörung erheben, wenn man sich in der mündlichen Verhandlung vor dem Schwurgericht darauf berufen wollte. Kurz, sie enthalten die Wahrheit, die wie immer und überall in ihrem Brunnen zu bleiben verurteilt ist. Es gibt in Paris keinen Richter, der nicht nach zwölfjähriger Praxis wüßte, daß das Schwurgericht und das Zuchtpolizeigericht die Hälfte all jener Gemeinheiten verbergen, die gleichsam das Bett sind, auf dem das Verbrechen seit langem gebrütet hat; keinen Richter, der nicht zugestände, daß die Rechtsprechung nur die Hälfte der begangenen Attentate bestraft. Wenn das Publikum wissen könnte, wie weit die Verschwiegenheit der Polizeibeamten, die doch immerhin ein Gedächtnis haben, geht, es würde diese wackern Leute ebensosehr verehren wie die Cheverus. Man hält die Polizei für verschlagen, für macchiavellistisch: sie ist von höchster Güte; nur lauscht sie auf die Leidenschaften in ihren Paroxismen, sie nimmt Denunziationen entgegen und hebt alle ihre Notizen auf. Furchtbar ist sie nur auf der einen Seite. Was sie für die Justiz tut, das tut sie auch für die Politik. Aber in der Politik ist sie ebenso grausam, ebenso parteiisch wie die ehemalige Inquisition.
»Lassen wir das,« sagte der Richter, indem er die Notizen wieder in das Aktenheft legte, »das ist ein Geheimnis zwischen der Polizei und der Rechtsprechung; der Richter wird schon sehen, wieviel das wert ist; aber Herr und [45] Frau Camusot haben davon niemals etwas erfahren.« »Mußt du mir das erst noch wiederholen?« fragte Frau Camusot. »Lucien ist schuldig,« fuhr der Richter fort, »aber wessen?« »Ein Mann, der von der Herzogin von Maufrigneuse, von der Gräfin von Sérizy, von Klotilde von Grandlieu geliebt wird, ist nicht schuldig,« erwiderte Amelie; »der andere muß alles getan haben.« »Aber Lucien ist mitschuldig!« rief Camusot. »Willst du mir glauben?« sagte Amelie. »Gib den Priester der Diplomatie zurück, deren schönste Zierde er ist; mache diesen kleinen Elenden unschuldig und suche andere Schuldige ...« »Wie du vorgehst! ...« erwiderte der Richter lächelnd. »Die Frauen laufen quer durch die Gesetze ans Ziel wie die Vögel, die in der Luft nichts aufhält.« »Aber,« fuhr Amelie fort, »sei er nun Diplomat oder Sträfling, der Abbé Carlos wird dir schon jemanden bezeichnen, durch den du dich aus der Verlegenheit ziehen kannst.« »Ich bin nur die Mütze, du bist der Kopf,« sagte Camusot zu seiner Frau. »Nun also, die Beratung ist geschlossen, komm und umarme deine Melie, es ist ein Uhr ...«
Und Frau Camusot ging zu Bett, indem sie ihren Gatten zurückließ, damit er für die Verhöre, die er am folgenden Tage mit den beiden Untersuchungsgefangenen vornehmen sollte, seine Papiere und seine Gedanken ordnen konnte.
Während also die beiden Salatkutschen Jakob Collin und Lucien in die Conciergerie brachten, durchquerte der Untersuchungsrichter nach seinem Frühstück Paris zu Fuß, wie es der Einfachheit der Sitten entsprach, die sich die Pariser Richter zu eigen gemacht haben, um sich in sein Arbeitszimmer zu begeben, wo bereits alle Akten des Prozesses eingetroffen waren. Und zwar auf folgende Weise.
Alle Untersuchungsrichter haben einen Kanzlisten, eine Art vereidigten Gerichtssekretärs, deren Geschlecht sich [46] ohne Belohnungen und Ermutigungen fortpflanzt und ausgezeichnete Leute hervorbringt, die von Natur unverbrüchliches Schweigen bewahren. Im Palast ist seit der Gründung des Parlaments bis auf den heutigen Tag kein Beispiel einer von den Kanzlisten der Untersuchungsrichter begangenen Indiskretion bekannt geworden. Gentil hat die von Luise von Savoyen Semblançay erteilte Quittung verkauft, ein Schreiber des Kriegsministeriums hat Czernitschef den Plan des russischen Feldzugs verkauft; all diese Verräter waren mehr oder minder reich. Hingegen genügen die Aussicht auf eine Stellung im Palast, in einer Kanzlei und das Amtsgewissen, um den Kanzlisten eines Untersuchungsrichters zum glücklichen Rivalen des Grabes zu machen; denn seit die Chemie ihre Fortschritte gemacht hat, ist selbst das Grab indiskret geworden. Dieser Beamte ist die Feder des Richters. Viele Leute werden es verstehen, wenn man die Achse einer Maschine bleibt, aber sie werden sich fragen, wie man deren Schraubenmutter sein mag; aber die Schraubenmutter ist glücklich; vielleicht hat sie Angst vor der Maschine? Camusots Kanzlist, ein Mensch von zweiundzwanzig Jahren namens Coquart, war frühmorgens gekommen, um alle Akten und die Notizen des Richters zu holen, und er hatte in seinem Arbeitszimmer schon alles vorbereitet, als der Richter noch die Kais entlang schlenderte, sich die Kuriositäten in den Läden ansah und sich selber fragte:
›Was soll man mit einem so schlauen Burschen wie Jakob Collin anfangen, vorausgesetzt, daß er es ist? Der Chef der Sicherheit wird ihn wiedererkennen; ich muß tun, als täte ich, was meines Amtes ist, und wäre es nur um der Polizei willen! Ich sehe so viel Unmöglichkeiten, daß es das beste wäre, die Marquise und die Herzogin aufzuklären, indem ich ihnen die Polizeiakten zeigte; [47] dabei würde ich noch meinen Vater rächen, dem Lucien Coralie genommen hat ... Wenn ich so schwarze Verbrecher bloßstelle, wird meine Geschicklichkeit bekannt, und Lucien wird bald von seinen Freunden verleugnet werden. Nun, das Verhör wird darüber entscheiden.‹
Er trat, angelockt von einer Boulle-Uhr, in einen Kuriositätenladen. ›Mein Gewissen nicht belügen und den beiden großen Damen einen Dienst erweisen, das ist ein Meisterwerk der Gewandtheit,‹ dachte er. »Ah, Sie auch da, Herr Oberstaatsanwalt,« sagte Camusot mit lauter Stimme, »Sie suchen Medaillen?« »Das ist eine Liebhaberei fast aller Juristen,« erwiderte lachend der Graf von Granville, »der Rückseiten wegen.« Und nachdem er ein paar Minuten den Laden betrachtet hatte, als beende er seine Prüfung, führte er Camusot am Kai entlang, ohne daß Camusot an mehr als einen Zufall glauben konnte.
»Sie werden heute morgen Herrn von Rubempré verhören,« sagte der Oberstaatsanwalt. »Der arme junge Mann! Ich hatte ihn gern ...« »Es liegt vieles gegen ihn vor,« sagte Camusot. »Ja, ich habe die Polizeiakten gesehen; aber sie stammen zum Teil von einem Agenten, der nichts mit der Präfektur zu tun hat, von dem berüchtigten Corentin, einem Menschen, der mehr Unschuldigen den Hals abgeschnitten hat, als Sie Schuldige aufs Schafott schicken werden, und ... Aber dieser Schlingel ist Ihnen nicht erreichbar. Ohne das Gewissen eines Richters, wie Sie es sind, beeinflussen zu wollen, kann ich mich doch nicht enthalten, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn Sie die Überzeugung gewinnen können, Lucien habe von dem Testament dieses Mädchens nichts gewußt, daraus folgen würde, daß er an ihrem Tode kein Interesse hatte, denn sie gab ihm fabelhaft viel Geld ...« »Wir haben die Gewißheit, daß er während der Vergiftung [48] dieser Esther abwesend war,« sagte Camusot. »Er lauerte in Fontainebleau auf den Wagen des Fräuleins von Grandlieu und der Herzogin von Lenoncourt.« »Oh,« bemerkte der Oberstaatsanwalt, »er hoffte immer noch so sicher auf seine Heirat mit Fräulein von Grandlieu – ich habe es von der Herzogin von Grandlieu selber –, daß man unmöglich annehmen kann, ein so geistreicher Bursche werde alles durch ein unnötiges Verbrechen aufs Spiel setzen.« »Ja,« sagte Camusot, »vor allem, wenn diese Esther ihm alles gab, was sie verdiente ...« »Derville und Nucingen sagen, sie sei gestorben, ohne etwas von der Erbschaft zu wissen, die ihr seit langem zugefallen war,« fügte der Oberstaatsanwalt hinzu. »Aber woran glauben denn Sie?« fragte Camusot. »Denn irgend etwas liegt doch vor.« »An ein von den Dienstboten begangenes Verbrechen,« erwiderte der Oberstaatsanwalt. »Unglücklicherweise«, bemerkte Camusot, »entspricht es ganz dem Lebenswandel Jakob Collins – denn der spanische Priester ist sicherlich der entsprungene Sträfling –, die siebenhundertfünfzigtausend Franken, die den Erlös der von Nucingen geschenkten dreiprozentigen Rente darstellen, zu stehlen ...« »Sie werden alles abwägen, mein lieber Camusot; seien Sie vorsichtig. Der Abbé Carlos Herrera hängt mit der Diplomatie zusammen ... aber ein Gesandter, der ein Verbrechen beginge, würde natürlich in seiner Amtseigenschaft keinen Schutz finden. Ist er der Abbé Carlos Herrera oder nicht? Das ist die wichtigste Frage ...« Und Herr von Granville grüßte wie ein Mensch, der keine Antwort wünscht.
›Der will also Lucien auch retten?‹ dachte Camusot, als er über den Quai des Lunettes ging, während der Oberstaatsanwalt durch die Cour de Harlay in den Palast eintrat.
Als Camusot den Hof der Conciergerie erreichte, sprach er bei dem Direktor dieses Gefängnisses vor und führte [49] ihn in die Mitte des Pflasters, wo kein Ohr sie hören konnte.
»Mein lieber Herr, tun Sie mir den Gefallen und gehen Sie in die Force, um sich bei Ihrem Kollegen zu erkundigen, ob er etwa in der angenehmen Lage ist, augenblicklich ein paar Sträflinge dort zu haben, die zwischen 1810 und 1815 im Bagno von Toulon waren. Wir werden sie auf einige Tage aus der Force hierherbringen lassen, und Sie werden mir sagen, ob der angebliche spanische Priester von ihnen als Jakob Collin, genannt Betrüg-den-Tod, erkannt wird.« »Schön, Herr Camusot; aber Bibi-Lupin ist eingetroffen ...« »Ah, schon!« rief der Richter aus. »Er war in Melun. Man hat ihm gesagt, es handle sich um Betrüg-den-Tod, er lächelte vor Vergnügen, und er erwartet Ihre Befehle ...« »Schicken Sie ihn mir.«
Der Direktor der Conciergerie konnte jetzt dem Untersuchungsrichter Jakob Collins Bitte vortragen, indem er seinen beklagenswerten Zustand schilderte. »Ich hatte die Absicht, ihn zuerst zu verhören,« versetzte der Richter; »freilich nicht wegen seines Gesundheitszustandes. Ich habe heute morgen einen Brief des Direktors der Force erhalten: nun hat dieser Bursche, der angeblich seit vierundzwanzig Stunden im Todeskampf liegt, so gut geschlafen, daß man in seine Zelle eindringen konnte, ohne daß er den Arzt hörte, den der Direktor der Force hatte holen lassen; was beweist, daß sein Gewissen ebenso gut ist wie sein Befinden. Ich werde an diese Krankheit nur glauben, um das Spiel meines Burschen zu studieren,« sagte Herr Camusot lächelnd. »Man lernt jeden Tag bei den Untersuchungsgefangenen und den Angeklagten,« bemerkte der Direktor der Conciergerie.
Die Polizeipräfektur hängt mit der Conciergerie zusammen, und die Richter können, ebenso wie auch der Gefängnisdirektor, vermöge der Kenntnis jener unterirdischen [50] Gänge mit größter Schnelligkeit dorthin kommen. So erklärt sich die wunderbare Leichtigkeit, mit der der öffentliche Ankläger und die Vorsitzenden des Schwurgerichts während der Sitzung gewisse Auskünfte erhalten können. Und als Herr Camusot die Treppe erstiegen hatte, die zu seinem Zimmer führte, fand er oben also Bibi-Lupin schon vor; er war durch den Vorsaal herbeigeeilt.
»Welch ein Eifer!« sagte der Richter lächelnd. »Ah, falls er es ist,« erwiderte der Chef des Sicherheitsdienstes, »so werden Sie auf dem Gefängnishof einen furchtbaren Tanz erleben, wenn Retourpferde (in der Bagnosprache: ehemalige Sträflinge) vorhanden sind.« »Und weshalb?« »Betrüg-den-Tod ist mit der Sparkasse durchgebrannt, und ich weiß, daß sie geschworen haben, ihn zu vertilgen.« ›Sie‹ waren die Sträflinge, deren Schatz Betrüg-den-Tod seit zwanzig Jahren anvertraut worden war; wie man weiß, hatte Lucien ihn verzehrt. »Könnten Sie noch Zeugen seiner letzten Verhaftung ausfindig machen?« »Geben Sie mir zwei Zeugenladungen, und ich bringe sie Ihnen noch heute.« »Coquart,« sagte der Richter, während er sich die Handschuhe auszog und Stock und Hut in einen Winkel trug, »füllen Sie nach den Angaben des Herrn Agenten zwei Ladungen aus.«
Er blickte in den Spiegel des Kamins, auf dessen Sims statt der Uhr eine Waschschüssel und eine Wasserkanne standen. Ferner auf der einen Seite eine Flasche voll Wasser mit einem Glas, auf der andern eine Lampe. Der Richter schellte. Nach einigen Minuten kam der Gerichtsdiener.
»Habe ich schon Leute da?« fragte er den Gerichtsdiener, der die Zeugen in Empfang zu nehmen, ihre Ladungen zu prüfen und die Reihenfolge ihres Eintreffens festzustellen hatte. »Ja, Herr Camusot.« »Nehmen Sie die Namen auf und bringen Sie mir die Liste.«
[51] Die Untersuchungsrichter, die mit ihrer Zeit geizen müssen, sind bisweilen gezwungen, mehrere Untersuchungen zugleich zu führen. Deshalb müssen die Zeugen oft so lange in dem Zimmer warten, in dem sich die Gerichtsdiener aufhalten und in dem die Glocken der Untersuchungsrichter widerhallen.
»Nachher«, sagte Camusot zu seinem Gerichtsdiener, »werden Sie mir den Abbé Carlos Herrera holen.« »Ah, er spielt den Spanier, den Priester, hat man mir gesagt. Bah, das macht er Collet nach, Herr Camusot,« rief der Chef des Sicherheitsdienstes. »Es ist alles schon dagewesen,« erwiderte Camusot.
Und der Richter unterschrieb zwei jener furchtbaren Ladungen, die jedermann besorgt machen, selbst die unschuldigsten Zeugen, wenn die Gerichtsbarkeit sie so unter Androhung schwerer Strafen im Fall des Ungehorsams zum Erscheinen auffordert.
In diesem Augenblick war Jakob Collin bereits seit etwa einer halben Stunde mit seiner gründlichen Überlegung fertig, und er stand unter Waffen. Nichts kann das Bild von dieser Gestalt aus dem Volk, das sich im Kampf mit den Gesetzen befindet, besser abrunden als die wenigen Zeilen, die er auf seine fettigen Papiere geschrieben hatte.
Der Inhalt des ersten war der folgende; denn geschrieben war er in der zwischen Asien und ihm vereinbarten Sprache:
»Geh zur Herzogin von Maufrigneuse oder zu Frau von Sérizy; die eine oder die andere muß Lucien vor seinem Verhör sprechen und ihm einliegendes Papier zu lesen geben. Schließlich mußt Du Europa und Paccard finden; diese beiden Diebe müssen meiner Befehle harren und bereit sein, die Rolle zu spielen, die ich ihnen vorschreiben werde.«
»Laufe zu Rastignac, sag ihm von seiten dessen, dem er auf dem Opernball begegnet ist, er müsse kommen und [52] bezeugen, daß der Abbé Carlos Herrera in nichts dem Jakob Collin gleicht, der bei der Vauquer verhaftet wurde.«
»Das gleiche beim Doktor Bianchon durchsetzen.«
»Die beiden ›Lucien-Weiber‹ in diesem Sinne arbeiten lassen.«
Auf dem einliegenden Papier stand in gutem Französisch:
»Lucien, gib über mich nichts zu. Ich muß für Dich der Abbé Carlos Herrera sein. Das ist nicht nur Deine Rechtfertigung, sondern noch ein wenig Haltung, und Du hast auch sieben Millionen, außer der geretteten Ehre.«
Diese beiden Papiere klebte er auf der Schriftseite so zusammen, daß man glauben mußte, es sei ein Stück desselben Blattes; dann wurden sie mit einer jenen eigenen Kunst zusammengerollt, die im Bagno von den Mitteln und Wegen zur Freiheit geträumt haben. Das Ganze nahm die Form und die Konsistenz einer dicken Fettkugel an, ähnlich jenen Wachskugeln, die sparsame Frauen an die Nähnadeln setzen, wenn das Öhr zerbrochen ist.
›Wenn ich als erster zur Untersuchung gehe, so sind wir gerettet; wenn es aber der Kleine ist, so ist alles verloren,‹ sagte er während des Wartens.
Dieser Augenblick war so grausam, daß dem starken Menschen weißer Schweiß auf die Stirn trat. In dieser Weise erriet dieser fabelhafte Mann in seiner Sphäre des Verbrechens die Wahrheit, wie Molière es in der Sphäre der dramatischen Dichtung, Cuvier bei den Geheimnissen der Schöpfung tat. Das Genie ist bei allen Dingen Intuition. Unterhalb dieses Phänomens entspringen bemerkenswerte Werke dem Talent. Darin besteht der Unterschied zwischen den Leuten ersten Ranges und denen zweiten Ranges. Das Verbrechen kennt gleichfalls seine genialen Menschen. Jakob Collin fand sich, als er gefangen war, mit der ehrgeizigen Frau Camusot und mit [53] Frau von Sérizy zusammen, deren Liebe unter dem Schlag der furchtbaren Katastrophe, die Lucien in den Abgrund riß, von neuem erwacht war. Das war der höchste Ansturm der menschlichen Intelligenz gegen den stählernen Panzer der Gerichtsbarkeit.
Als Jakob Collin das schwere Eisen der Schlösser und Riegel an seiner Tür kreischen hörte, nahm er die Maske des Sterbenden wieder vor. Ihm half dabei die berauschende Empfindung der Freude, die das Geräusch der Schuhe des Aufsehers auf dem Gang in ihm weckte. Er wußte nicht, durch welche Mittel Asien ihren Weg zu ihm finden würde; aber er rechnete damit, sie jetzt zu treffen, vor allem, seit er in der Arcade Saint-Jean ihr Versprechen erhalten hatte.
Asien war nach dieser glücklichen Begegnung auf den Richtplatz zurückgekehrt. Vor 1830 war jener ganze Teil des Kais zwischen dem Pont d'Arcole und dem Pont Louis-Philippe noch so, wie die Natur ihn geschaffen hatte, nur den gepflasterten Fahrweg ausgenommen, der übrigens geneigt angelegt war. Daher konnte man auch bei Überschwemmungen im Boot an den Häusern entlang und in die abfallenden Straßen hineinfahren, die zum Fluß hinunterführten. Auf diesem Kai waren selbst die Erdgeschosse um einige Stufen erhöht. Wenn das Wasser den Fuß der Häuser bespülte, fuhren die Wagen durch die furchtbare Rue de la Mortellerie, die heute ganz und gar niedergelegt worden ist, um das Rathaus zu vergrößern. Es war also für die falsche Obsthändlerin ein leichtes, den kleinen Wagen rasch bis unten ans Ufer zu schieben und dort zu verbergen, bis die wirkliche Händlerin, die übrigens den Erlös ihres Pauschalverkaufs in einer jener furchtbaren Schenken der Rue de la Mortellerie vertrank, wiederkam, um ihn sich dort zu holen, wo die Käuferin ihn zurückzulassen versprochen hatte. Eben vollendete man [54] die Verbreiterung des Quai Pelletier; der Eingang zum Bauplatz wurde von einem Invaliden bewacht, und der seiner Obhut anvertraute Karren lief keinerlei Gefahr.
Asien nahm alsbald auf dem Rathausplatz einen Fiaker und sagte zu dem Kutscher: »Zum Trödelmarkt, und Karriere; es gibt was zu verdienen!«
Eine Frau in Asiens Kleidung konnte sich, ohne die geringste Neugier zu wecken, in der ungeheuren Halle verlieren, in der sich alle Lumpen von Paris aufschichten, in der tausend Hausierer wimmeln und in der zweihundert Trödlerinnen schwätzen. Die beiden Untersuchungsgefangenen waren kaum aufgenommen worden, so ließ sie sich schon in einem kleinen und feuchten Zwischenstock über einem jener grauenhaften Läden, in denen man alle von Schneiderinnen und Schneidern gestohlenen Stoffreste verkauft, umkleiden; dieser Laden gehörte einem alten Mädchen, das ›die Romette‹ hieß, ein Name, der sich von ihrem Vornamen Jeromette herleitete. Die Romette war für die Kleiderhändlerinnen, was diese in der Not für die sogenannten anständigen Frauen sind: eine Wucherin für hundert Prozent.
»Mein Kind,« sagte Asien, »es handelt sich darum, mich herauszustaffieren. Ich muß mindestens eine Baronin des Faubourg Saint-Germain sein. Und vor allen Dingen schneller!« fuhr sie fort; »ich stehe mit den Füßen in siedendem Öl. Du weißt, welche Kleider mir passen. Her mit dem Schminktopf; suche mir ›feine‹ Spitzen und gib mir die auffallendsten Kinkerlitzchen. Schick die Kleine nach einem Fiaker; er soll an der Hintertür warten.« »Jawohl, gnädige Frau,« erwiderte das alte Mädchen mit der Unterwürfigkeit und dem Eifer einer Dienerin, die vor ihrer Herrin steht. Wenn diese Szene einen Zeugen gehabt hätte, er hätte leicht gesehen, daß die Frau, die sich unter dem Namen Asiens verbarg, hier zu Hause war.
[55] »Man bietet mir Diamanten an ...« sagte die Romette, während sie Asien frisierte. »Sind sie gestohlen?« »Ich glaube.« »Nun, wieviel du auch dabei verdienen kannst, liebes Kind, du mußt es dir versagen. Wir haben eine Weile die Neugierigen zu fürchten.«
Man versteht jetzt, wie Asien schon eine Viertelstunde, bevor der Richter eintraf, eine Ladung in der Hand, im Vorsaal des Justizpalastes sein konnte, wo sie sich durch die Gänge und über die Treppen leiten ließ, die zu den Untersuchungsrichtern führen, und nach Herrn Camusot fragte.
Asien sah sich selber nicht mehr ähnlich. Nachdem sie das Gesicht der alten Händlerin wie eine Schauspielerin abgewaschen, Rot und Weiß aufgelegt hatte, hatte sie auch den Kopf noch in eine wundervolle blonde Perücke gesteckt. Gekleidet wie eine Dame des Faubourg Saint-Germain, die ihren verlorenen Hund sucht, so schien sie vierzig Jahre alt zu sein, denn sie verbarg ihr Gesicht unter einem wundervollen Schleier aus schwarzen Spitzen. Ein scharf geschnürtes Korsett stützte ihre Köchinnenfigur. Sie trug sehr gute Handschuhe und einen etwas starken Rückenwulst; und sie strömte den Geruch von Puder ›à la maréchale‹ aus. Während sie mit einer Tasche spielte, die einen goldenen Bügel aufwies, teilte sie ihre Aufmerksamkeit zwischen den Mauern des Palastes, die sie offenbar zum erstenmal durchirrte, und der Leine eines hübschen ›Kingsdogs‹. Eine solche Witwe mußte den Scharen im schwarzen Amtskleid in der Vorhalle bald auffallen.
Außer den unbeschäftigten Advokaten, die diesen Saal mit ihrem Amtskleid fegen und ihre großen Kollegen bei ihren Vornamen nennen – wie die großen Herren es unter sich tun –, um anzudeuten, daß sie zur Aristokratie des Standes gehören, sieht man oft geduldige junge Leute, [56] die sich in den Dienst der Anwälte stellen und hier um einer Sache willen stehen und warten, die als letzte angesetzt worden ist, aber vielleicht schon früher verhandelt wird; wenn nämlich die Advokaten in den früher angesetzten Sachen auf sich warten lassen. Es würde ein merkwürdiges Bild ergeben, wenn man die Unterschiede zwischen den verschiedenen schwarzen Amtskleidern malen wollte, die, immer zu dritt, bisweilen zu viert, in diesem ungeheuren Saal spazierengehen und durch ihre Unterhaltungen das ungeheure Summen hervorrufen, das beständig in diesem Saal hallt; aber es wird erst in der Studie Platz finden, die die Advokaten von Paris schildern soll. Asien hatte auf die Müßiggänger des Palastes gezählt; sie lachte sich wegen einiger Scherze, die sie hörte, ins Fäustchen, und schließlich gelang es ihr, die Aufmerksamkeit Massols auf sich zu lenken, eines jungen pflichtgemäß anwesenden Anwalts, den die ›Gerichtszeitung‹ mehr in Anspruch nahm als seine Klienten und der einer so gut parfümierten und so reich gekleideten Frau lachend seine Dienste zur Verfügung stellte.
Asien nahm eine Fistelstimme an, um diesem liebenswürdigen Herrn auseinanderzusetzen, daß sie der Ladung eines Richters namens Camusot folgte. »Ah, in der Sache Rubempré.« Der Prozeß hatte schon seinen Namen. »Oh, es handelt sich nicht um mich – um meine Kammerfrau, ein Mädchen mit dem Beinamen Europa, das ich vierundzwanzig Stunden gehabt habe und das die Flucht ergriff, als sie sah, daß mir mein Pförtner dieses gestempelte Papier brachte.«
Und wie alle alten Frauen, deren Leben mit Schwätzereien am Kamin verstreicht, machte sie, von Massol gedrängt, Parenthesen und berichtete, wie unglücklich sie mit ihrem ersten Gatten, einem der drei Direktoren der Assignatenkasse, gewesen sei. Sie konsultierte den jungen [57] Advokaten darüber, ob sie mit ihrem Schwiegersohn, dem Grafen von Gross-Narp, der ihre Tochter so unglücklich mache, einen Prozeß beginnen sollte, und ob das Gesetz ihn ermächtige, über ihr Vermögen zu verfügen. Massol konnte trotz seiner Bemühungen nicht herausbekommen, ob die Ladung der Herrin oder der Kammerfrau galt. Im ersten Augenblick hatte er sich damit begnügt, einen Blick auf dieses Aktenstück zu werfen, dessen Formular so wohlbekannt ist; denn um der Zeitersparnis willen ist es vorgedruckt, und die Kanzlisten der Untersuchungsrichter haben nur noch die Lücken auszufüllen, die für die Namen und die Wohnungen der Zeugen, für die Stunde der Ladung usw. ausgespart sind. Asien ließ sich den Palast erklären, den sie genauer kannte als der Advokat selbst. Und schließlich fragte sie ihn, um welche Zeit dieser Herr Camusot käme.
»Nun, im allgemeinen beginnen die Untersuchungsrichter ihre Verhöre gegen zehn Uhr.« »Es ist Viertel vor zehn,« sagte sie, indem sie auf eine hübsche kleine Uhr blickte, ein wahres Meisterwerk der Goldschmiedekunst, bei dessen Anblick Massol dachte: ›Wo zum Teufel der Reichtum sich doch einnistet!‹
In diesem Augenblick war Asien bis zu jenem dunkeln Saal gelangt, der auf den Hof der Conciergerie blickt und in dem sich die Gerichtsdiener aufhalten. Als sie durchs Fenster hin das Portal erblickte, rief sie aus: »Was für große Mauern sind das da?« »Das ist die Conciergerie.« »Ah, die Conciergerie, in der unsere arme Königin ... Oh, ich möchte so gern ihren Kerker sehen! ...« »Das ist nicht möglich, Frau Baronin,« erwiderte der Advokat, an dessen Arm die falsche Witwe ging; »da muß man eine Erlaubnis haben, die sehr schwer zu erlangen ist.« »Man hat mir gesagt,« fuhr sie fort, »Ludwig XVIII. habe selbst die lateinische Inschrift verfaßt, die sich im Kerker Marie [58] Antoinettes befindet.« »Jawohl, Frau Baronin.« »Ich wollte, ich könnte Lateinisch, um die Worte dieser Inschrift zu studieren!« erwiderte sie. »Glauben Sie, daß Herr Camusot mir die Erlaubnis geben kann?« »Das geht ihn nichts an; aber er kann Sie begleiten ...« »Und seine Verhöre?« fragte sie. »Oh,« versetzte Massol, »die Untersuchungsgefangenen können warten.« »Ach ja, sie sind dann Untersuchungsgefangene, natürlich!« rief Asien naiv. »Aber ich kenne Herrn von Granville, Ihren Oberstaatsanwalt ...«
Dieser Ausruf hatte eine magische Wirkung auf die Gerichtsdiener und den Advokaten. »Ah, Sie kennen den Herrn Oberstaatsanwalt?« sagte Massol, dem der Gedanke kam, sich den Namen und die Adresse der Klientin, die der Zufall ihm verschaffte, zu notieren. »Ich sehe ihn oft bei Herrn von Sérizy, seinem Freund. Frau von Sérizy ist durch die Ronquerolles mit mir verwandt ...«
»Aber wenn die gnädige Frau in die Conciergerie hinuntergehen will,« sagte ein Gerichtsdiener, »so könnte sie ...« »Ja,« sagte Massol.
Und die Gerichtsdiener ließen den Advokaten und die Baronin hinuntergehen; und bald befanden sie sich in dem kleinen Wachtlokal, in das die Treppe aus der Souricière einmündet, einem Lokal, das Asien genau kannte und das, wie man gesehen hat, zwischen der Souricière und der sechsten Kammer gleichsam einen Beobachtungsposten bildet, an dem jedermann vorbeischreiten muß.
»Fragen Sie doch diese Herren, ob Herr Camusot nicht schon gekommen ist,« sagte sie, als sie die Gendarmen erblickte, die Karten spielten. »Ja, gnädige Frau, er ist eben aus der Souricière heraufgekommen.« »Aus der Souricière!« sagte sie. »Was ist das? ... Oh, bin ich dumm, daß ich nicht gleich zum Grafen von Granville gegangen bin ... Aber ich habe keine Zeit mehr ... Führen Sie [59] mich zu Herrn Camusot, damit ich ihn spreche, ehe er beschäftigt ist.« »Oh, gnädige Frau, Sie haben immer noch Zeit, mit Herrn Camusot zu sprechen,« sagte Massol. »Wenn Sie ihm Ihre Karte hineinreichen lassen, wird er Ihnen die Unannehmlichkeit ersparen, mit den Zeugen antichambrieren zu müssen ... Man nimmt hier im Palast Rücksicht auf Frauen wie Sie ... Sie haben doch Ihre Karte?«
In diesem Augenblick standen Asien und ihr Advokat genau vor dem Fenster des Wachtlokales, durch das die Gendarmen die Bewegung des Tores der Conciergerie sehen können. Die Gendarmen, die großgezogen werden in der Achtung vor den Verteidigern der Witwe und der Waise und außerdem die Vorrechte des Amtskleides kennen, duldeten einige Augenblicke die Anwesenheit einer Baronin im Geleit eines Advokaten. Asien ließ sich von dem jungen Anwalt die grauenhaften Dinge erzählen, die ein junger Anwalt über das Portal zu sagen hat. Sie wollte nicht glauben, daß man hinter den Gittern, die man ihr bezeichnete, den zum Tode Verurteilten das Haar schnitte; aber der Brigadier bestätigte es ihr. »Wie gern ich das einmal sähe!« sagte sie.
Sie blieb da schwätzend mit dem Brigadier und ihrem Advokaten stehen, bis sie Jakob Collin erblickte; zwei Gendarmen stützten ihn, und Herrn Camusots Gerichtsdiener ging vor ihm her, als er aus dem Portal kam.
»Ah, da ist der Anstaltsgeistliche, der sicherlich einen Unglücklichen vorbereiten soll ...« »Nein, nein, Frau Baronin,« erwiderte der Gendarm, »das ist ein Untersuchungsgefangener, der zum Verhör geht.« »Und wessen ist er angeklagt?« »Er ist in diese Vergiftungsaffäre verwickelt ...« »Oh, ich möchte ihn so gern sehen! ...« »Sie können nicht hier bleiben,« sagte der Brigadier, »denn er ist in Einzelgewahrsam, und er wird durch unser Wachtlokal [60] kommen. Hier, gnädige Frau, diese Tür führt auf die Treppe ...« »Danke, Herr Offizier,« sagte die Baronin, indem sie auf die Tür zuging, um sich dann in die Treppe zu stürzen, wo sie laut ausrief: »Aber wo bin ich?«
Diese hallende Stimme drang bis zum Ohr Jakob Collins und sie sollte ihn darauf vorbereiten, daß er Asien sehen würde. Der Brigadier lief der Frau Baronin nach, faßte sie mitten um den Körper und trug sie wie eine Feder in eine Schar von fünf Gendarmen, die wie ein Mann aufgesprungen waren; denn in diesem Wachtlokal ist man mißtrauisch gegen alles. Es war Willkür, aber notwendige Willkür. Der Advokat sogar hatte voll Schreck zwei Rufe ausgestoßen: »Gnädige Frau! Gnädige Frau!« so sehr fürchtete er, sich zu kompromittieren.
Der fast ohnmächtige Abbé Carlos Herrera machte im Wachtlokal auf einem Stuhle halt. »Der Arme!« sagte die Baronin. »Ist das ein Schuldiger?«
Diese Worte, die dem jungen Advokaten fast ins Ohr geflüstert wurden, verstand ein jeder, denn es herrschte in diesem scheußlichen Wachtlokal eine Totenstille. Ein paar bevorrechtigte Personen erhalten bisweilen die Erlaubnis, sich die berühmten Verbrecher anzusehen, während sie durch dieses Wachtlokal oder durch die Gänge gehen, so daß der Gerichtsdiener und die Gendarmen, die beauftragt waren, den Abbé Carlos Herrera zu führen, nicht darauf achteten. Übrigens lag zwischen beiden, dank der Aufopferung des Brigadiers, der die Baronin gepackt hatte, um jeden Verkehr zwischen dem in Einzelgewahrsam befindlichen Untersuchungsgefangenen und Fremden zu hindern, ein Zwischenraum, der in hohem Grade beruhigen konnte.
»Weiter,« sagte Jakob Collin, indem er eine Anstrengung machte, um aufzustehen.
[61] In diesem Augenblick fiel ihm die kleine Kugel aus dem Ärmel; und die Baronin, der ihr Schleier erlaubte, den Blick frei zu gebrauchen, merkte sich die Stelle, wo sie halt machte. Die Kugel war feucht und fettig und war also nicht weitergerollt; denn diese Kleinigkeiten, die scheinbar so gleichgültig waren, hatte Jakob Collin mit unfehlbarer Sicherheit vorausberechnet. Als der Angeklagte auf den obern Teil der Treppe geführt wurde, ließ Asien auf sehr natürliche Weise ihre Tasche fallen und hob sie schnell wieder auf; aber als sie sich bückte, hatte sie die Kugel auch sofort ergriffen; ihre Farbe hatte sie unsichtbar gemacht, denn sie glich vollkommen der des Staubes und des Schmutzes.
»Ach,« sagte sie, »das hat mir im Herzen weh getan ... Er liegt im Sterben!« »Oder er scheint es zu tun,« erwiderte der Brigadier. »Herr Anwalt,« sagte Asien zu dem Advokaten, »führen Sie mich schnell zu Herrn Camusot; ich komme in dieser Sache ... Und vielleicht wird er froh sein, wenn er mich sehen kann, ehe er diesen armen Abbé verhört ...«
Der Advokat und die Baronin verließen das Wachtlokal mit den ölichten und schwarzen Wänden; aber als sie oben auf der Treppe ankamen, stieß Asien einen Schrei aus: »Und mein Hund? ... Oh, mein armer Hund!« Und wie eine Wahnsinnige stürzte sie in die Vorhalle, indem sie von jedermann ihren Hund verlangte. Sie erreichte die Händlergalerie und stürzte sich mit dem Ruf: »Da ist er! ...« in eine Treppe. Diese Treppe war die, die in die Cour de Harlay führt; von dort aus warf sie sich, als sie ihre Komödie ausgespielt hatte, in einen der Fiaker, die auf dem Quai des Orfévres halten, und verschwand mit der gegen Europa, deren wahren Namen Justiz und Polizei noch nicht kannten, erlassenen Ladung. »Rue Neuve Saint-Marc,« rief sie dem Kutscher zu.
[62] Asien konnte auf die unverbrüchliche Verschwiegenheit einer Kleiderhändlerin zählen, die Frau Nourrisson hieß und unter dem Namen Frau von Saint-Estève bekannt war; sie lieh ihr nicht nur ihre Individualität, sondern auch ihren Laden, in dem Nucingen um Esthers Auslieferung gehandelt hatte. Asien war dort wie zu Hause, denn sie hatte ein Zimmer in der Wohnung der Frau Nourrisson inne. Sie bezahlte den Fiaker und stieg in ihr Zimmer hinauf, nachdem sie Frau Nourrisson auf eine Weise gegrüßt hatte, die ihr zu verstehen gab, daß sie nicht die Zeit hätte, auch nur zwei Worte zu wechseln.
Sowie sie vor jeder Spionage sicher war, begann Asien die Papiere mit der Sorgfalt auseinanderzufalten, die die Gelehrten aufwenden, wenn sie Palimpseste entrollen. Als sie diese Anweisungen gelesen hatte, hielt sie es für nötig, die für Lucien bestimmten Zeilen auf Briefpapier umzuschreiben; dann stieg sie zu Frau Nourrisson hinunter, die sie zum Plaudern brachte, während ein kleines Ladenmädchen auf den ›Boulevard des Italiens‹ lief, um einen Fiaker zu holen. Auf diese Weise erhielt Asien die Adressen der Herzogin von Maufrigneuse und der Frau von Sérizy, die Frau Nourrisson vermöge ihrer Beziehungen zu den Kammerfrauen kannte.
Diese verschiedenen Gänge, die sorgfältige Erledigung dieser Aufgaben nahmen mehr als zwei Stunden in Anspruch. Die Frau Herzogin von Maufrigneuse, die oben im Faubourg Saint-Honoré wohnte, ließ Frau von Saint-Estève eine Stunde lang warten, obgleich ihr die Kammerfrau, nachdem sie angeklopft hatte, durch die Tür des Boudoirs Frau von Saint-Estèves Karte reichte, auf die Asien geschrieben hatte: ›Kommt wegen eines eiligen Schrittes, der Lucien betrifft.‹
Auf den ersten Blick, den Asien auf das Gesicht der Herzogin warf, begriff sie, wie ungelegen ihr Besuch kam; [63] sie entschuldigte sich daher auch, wenn sie im Hinblick auf die Gefahr, in der Lucien schwebe, die ›Ruhe‹ der Frau Herzogin gestört hätte.
»Wer sind Sie?« fragte die Herzogin ohne jede Höflichkeitsformel, indem sie Asien mit den Blicken maß; denn Asien konnte wohl im Vorsaal des Gerichts von Massol für eine Baronin gehalten werden, aber auf den Teppichen des kleinen Salons im Hotel Cadignan wirkte sie wie ein Fleck von Wagenschmiere auf einem weißen Satinkleid.
»Ich bin eine Kleiderhändlerin, Frau Herzogin; denn in solchen Lagen wendet man sich an die Frauen, deren Beruf auf unverbrüchlicher Verschwiegenheit beruht. Ich habe niemals jemanden verraten, und Gott weiß, wieviel große Damen mir auf einen Monat ihre Diamanten anvertraut haben, indem sie einen Schmuck aus falschen verlangten, der dem ihren völlig gleich war.« »Sie haben noch einen andern Namen?« fragte die Herzogin, indem sie über eine Erinnerung lächelte, die ihr bei dieser Antwort aufstieg. »Ja, Frau Herzogin, ich bin bei den großen Gelegenheiten Frau von Saint-Estève; aber in meinem Gewerbe nenne ich mich Frau Nourrisson.« »Schön, schön,« erwiderte die Herzogin lebhaft in verändertem Ton. »Ich kann«, sagte Asien fortfahrend, »große Dienste leisten, denn wir kennen ebenso genau die Geheimnisse der Ehemänner wie die der Frauen. Ich habe viele Geschäfte mit Herrn von Marsay gemacht, den die Frau Herzogin ...« »Genug! genug!« rief die Herzogin; »reden wir von Lucien.« »Wenn die Frau Herzogin ihn retten will, müßte sie den Mut haben, keine Zeit mit dem Ankleiden zu verlieren; übrigens könnte die Frau Herzogin nicht schöner sein, als sie es in diesem Augenblick ist. Sie sind zum Anbeißen hübsch, auf das Ehrenwort einer alten Frau! Und schließlich, lassen Sie nicht anspannen, gnädige Frau, steigen Sie mit mir in den Fiaker. Kommen Sie zu Frau von Sérizy, [64] wenn Sie schlimmeres Unheil vermeiden wollen, als es der Tod dieses Engels wäre ...« »Gehen Sie, ich folge Ihnen,« sagte die Herzogin nach einem Augenblick des Zögerns. »Wir beide werden Leontine Mut machen ...«
Trotz der wahrhaft höllischen Regsamkeit dieser Dorine des Bagnos schlug es zwei Uhr, als sie mit der Herzogin von Maufrigneuse bei Frau von Sérizy eintrat, die in der Rue de la Chaussée d'Antin wohnte. Aber dank der Herzogin wurde kein Augenblick mehr verloren. Sie wurden beide alsbald zu der Gräfin geführt, die sie mitten in einem von den seltensten Blumen durchdufteten Garten in einer winzigen Sennhütte auf einem Diwan liegend vorfanden.
»Das ist gut,« sagte Asien, indem sie sich umblickte, »hier kann uns niemand hören.«
»Ach, meine Liebe, ich sterbe! Sag, Diana, was hast du angefangen? ...« rief die Gräfin, indem sie wie ein Reh aufsprang, die Herzogin an den Schultern faßte und in Tränen ausbrach. »Komm, Leontine, es gibt Augenblicke, in denen die Frauen nicht weinen dürfen, sondern handeln müssen,« sagte die Herzogin, indem sie die Gräfin zwang, sich mit ihr wieder auf den Diwan zu setzen.
Asien studierte diese Gräfin mit jenem Blick, der sittenlosen Alten eigen ist und den sie mit der Geschwindigkeit, mit der das Ritzmesser der Chirurgen eine Wunde untersucht, über die Seele einer Frau schweifen lassen. Jakob Collins Genossin erkannte die Spuren des bei den Frauen der großen Welt seltensten Gefühls: eines wahren Schmerzes – jenes Schmerzes, der unauslöschliche Furchen ins Herz und Antlitz zeichnet. In der Kleidung nicht die geringste Koketterie. Die Gräfin zählte jetzt fünfundvierzig Lenze, und ihr ganz zerknittertes Hauskleid aus bedrucktem Musselin zeigte die Büste ohne jede Aufmachung, ja ohne Korsett! ... Die von einem schwarzen Ring umgebenen Augen und die marmorierten Wangen [65] zeugten von bitteren Tränen. Um das Kleid kein Gürtel. Die Stickereien des Unterrocks und des Hemdes waren gleichfalls zerknittert. Die Haare, die unter ihrer Spitzenhaube aufgenommen waren, hatten die Pflege des Kammes seit vierundzwanzig Stunden vergessen und zeigten eine kurze, magere Flechte und all die gelockten Strähnen in ihrer Armut. Leontine hatte vergessen, ihre falschen Zöpfe anzulegen.
»Sie lieben zum erstenmal in Ihrem Leben ...« sagte Asien sentenziös zu ihr.
Da bemerkte Leontine Asien und machte eine Bewegung des Schreckens. »Wer ist das, meine liebe Diana?« fragte sie die Herzogin von Maufrigneuse. »Wen sollte ich dir wohl zuführen außer einer Frau, die Lucien ergeben ist und die uns dienen will?«
Asien hatte die Wahrheit erraten. Frau von Sérizy, die als eine der leichtfertigsten Frauen der Gesellschaft galt, hatte zehn Jahre lang am Marquis von Aiglemont gehangen. Seit der Marquis in die Kolonien gegangen war, hatte sie sich wahnsinnig in Lucien verliebt, und sie hatte ihn der Herzogin von Maufrigneuse entrissen, ohne Luciens Liebe zu Esther zu kennen, von der übrigens ganz Paris nichts wußte. In der großen Welt verdirbt ein eingestandener Liebhaber den Ruf einer Frau mehr als zehn heimliche Abenteuer; und erst zwei Liebhaber nacheinander! Da jedoch niemand mit Frau von Sérizy abrechnete, so kann auch der Historiker sich nicht dafür verbürgen, daß ihre Tugend nur zwei zerstoßene Stellen hatte. Sie war eine mittelgroße Blonde, die sich konserviert hatte, wie sich eben Blonde konservieren; das heißt, sie schien kaum dreißig Jahre alt zu sein; sie war schmächtig, ohne mager zu sein, weiß und aschblond; die Füße, die Hände, der Körper waren von aristokratischer Feinheit; sie war geistreich, wie eben eine Ronquerolles es ist, und [66] also ebenso boshaft gegen die Frauen wie gut zu den Männern. Sie war durch ihr großes Vermögen, durch die hohe Stellung ihres Gatten und durch die ihres Bruders, des Marquis von Ronquerolles, vor dem Katzenjammer bewahrt geblieben, der sicherlich jede andere Frau verbittert hätte. Sie hatte ein großes Verdienst: sie war in ihrer Verderbtheit offen: sie gab zu, daß sie die Sitten der Regentschaft anbetete. Nun war diese Frau, mit zweiundvierzig Jahren, der die Männer bisher nur angenehme Spielzeuge gewesen waren, denen sie, seltsam! viel gewährt hatte, ohne in der Liebe etwas anderes zu sehen als ein Opfer, das man bringen mußte, um sie zu beherrschen, bei Luciens Anblick von einer Liebe ergriffen worden, die der des Barons von Nucingen zu Esther glich. Sie hatte jetzt, wie Asien es ihr gesagt hatte, zum erstenmal in ihrem Leben geliebt! Diese Verschiebungen der Jugend sind bei den Pariserinnen und großen Damen häufiger, als man glaubt, und sie sind schuld an dem unerklärlichen Fall mancher tugendhaften Frau, die gerade den Hafen der Vierzig er reicht. Die Herzogin von Maufrigneuse war die einzige Vertraute dieser furchtbaren und unbedingten Leidenschaft, deren Glück von den kindlichen Empfindungen der ersten Liebe an bis zu den riesenhaften Narrheiten der Wollust Leontine rasend und unersättlich machten.
Die wahre Liebe ist, wie man weiß, unerbittlich. Der Entdeckung einer Esther war einer jener cholerischen Brüche gefolgt, bei denen die Frauen in der Raserei bis zum Mord gehen können; dann war die Periode der Feigheiten gefolgt, denen sich die aufrichtige Liebe mit soviel Wonnen hingibt. Seit einem Monat hätte die Gräfin zehn Jahre ihres Lebens darum gegeben, wenn sie Lucien auf acht Tage hätte wiedersehen können. Schließlich war sie gerade soweit gekommen, daß sie die Nebenbuhlerschaft [67] Esthers dulden wollte, als in ebendiese überströmende Zärtlichkeit gleich einer Posaune des jüngsten Gerichts die Nachricht von der Verhaftung