258.

[70] Große Bauernhochzeit in Teschow, Gemeinde Selmsdorf im Fürstenthum Ratzeburg. Wenn ein Bauerssohn oder Tochter sich[70] verheiratet, so halten sie gewöhnlich eine größe ›Köst‹, meistens in der Woche vor Martini; ein halb Jahr vorher wurde ›Löp‹ (Verlöbniß) gehalten, damit ein jeder sich dazu einrichten kann und die ›Spęllüd‹ melden sich, um die Hochzeit anzuspielen.

Zur Hochzeit werden Alle im ganzen Dorf gebeten, Jung und Alt; ist eines der Brautleute aus einem andern Dorf, so wird auch das Dorf geladen und die Verwandten von nah und fern. Die Auswärtigen läßt der Hochzeitvater zwei oder drei Tage vorher durch den Hirten zur Köst bitten, daß sie sich dazu schicken und einen Brutstuten bestellen können, im Dorf aber muß der Großknecht das den Abend vor der Köst thun. Der ›Köstenbidder‹ trägt einen Kranz an dem Hut und einen Querbeutel auf dem Nacken und spricht:

Ik sal juch gun Dag (gun Abend) seggen van N. un sin Fru un van Brüdigam un van de Brud.


Hier komm ich hergeschritten,

Hätt ich ein Pferd, so käm ich geritten.

Hochzeit zu bitten is mein Begehr

Dem Bräutigam und der Braut zu Ehr.

Hier bin ich gekommen für Mann und Gesellen,

Daß sie sich mögen recht fleißig einstellen.

Schnüret den Beutel und stutzet euren Hut

Und habt einen unverzagten Muth.

Schmieret eure Stiefeln an Füßen und Schuh,

Gehet und reitet nach dem Bräutigam zu.

Ihr Frauen seid wacker und stellt euch auch ein,

Denn ohne euch kann keine Lustigkeit sein.

Die Jungfern die sitzen bei ihrem Kranz

Und sind bedacht auf einen lustigen Tanz.

Kamt all un helpt mit Freuden vertęren

Wat God, de Gęber, ward Godes beschęren.

Etliche Kannen Bier recht tüchtig und gut,

Ein Köst Roggenbrot und Weizenstut,

Zwanzig fette Ochsen und zwanzig fette Schwein

Und zwanzig fette Hammel, die sollen da sein.

Die Gänse und Hahnen die sitzen im Stall.

Ganz hoch uppen Wiemen und hebben kein Tall.[71]

Der Hahn sitzt bei der Hähn.

An Fiedel, an Flöten,

Stühl, Dischen wie Bänken,

An Schaffens, an Schenken,

Sollt ihr nicht gedenken,

An Töller, an Bricken,

Da ward der Wirth sik wol selbst up schicken.

Eine Andracht hevv ik noch an de jungen Dirns:

Heft se brav weke Appeln, Nät odder Birn,

Dat ist des Hochzeitsbitters Begehren,

Sünd se dann so rosenroth,

So bringen sie's her in ihren Jungfern-Schoß.

Sünd se brunplackt, das schadet auch nicht.

Ich begehr ein gut Gelach,

Und geh spazieren die ganze Nacht,

Bis ich mit ein wackeres Mädchen werd zu Bett gebracht.

Is de Bidd' wol schlecht von Wurden,

Mögt Ii 't bęter andenken.

Heft Ii brav Beer un Brannwin,

Mœgt Ii den Bidder in schenken.

Heft Ii brav Appeln un Nät,

Mœgt Ii mi ok bedenken.

Melkt ok de swart Koo good ut,

Dat de Ris ward witt.


Die Jungfern sitzen nun im Hochzeitshaus und putzen den Brautleuchter auf, die Musikanten haben sich schon eingestellt und nach dem Aufputzen wird manch Tänzchen gemacht.

Des Hochzeitsvaters Großdirn geht am andern Tag Abends 9 Uhr mit einem gelben Kessel und eine weiße Schürze vor ins Dorf und sammelt Milch und bittet die jungen Leute, die Brautleute zur Trau zu begleiten. Die alten Leute werden Nachmittags besonders gebeten. Wenn die jungen Leute gegessen, da geht es über das Feld zur Trauung. Wenn der Bräutigam noch ein reiner Jüngling war, da hatte er einen Kranz an dem Hut und einen Degen auf dem Arm, mit roth und schwarzem Band aufgeputzt, und die Braut, wenn sie noch Jungfer war, trug eine Krone auf dem Kopf,[72] hatte ein schwarzes Kleid an und schwarzes und rothes Band um den Leib, das hinten bis an die Erde hing. Die Musikanten blasen über Feld.

Nach der Trauung wurde in dem Krug zu Selmsdorf eingekehrt und getanzt. Um 4 oder 5 Uhr gings nach Hause, aber nicht ins Hochzeitshaus, sondern in ein anderes, wo bis 8 oder 9 Uhr getanzt wurde, dann gings im Hochzeitshaus zu Tische, wo vier bis fünf Gerichte aufgetragen wurden und die Musikanten Musik dazu machten.

Nach dem Essen ward Geld gesammelt für die Musikanten und die Köchinnen, mit diesen ward dann ein Schenk- und Schaffertanz gethan, dann ging das Tanzen und Toben wieder los, es wurde Rückelreih getanzt, die junge Frau kommt in der Mütze zum Tanze und viele lustige Possen wurden getrieben.

Gegen Morgen ward ›ein Hahn ausgetragen‹, das heißt eine Dirne nahm einen zugestülpten Teller mit Aepfeln und Nüssen und rief ›De wat afhebben will, de folg mi na!‹ und ging, von dem Haufen gefolgt, ins Nachbarshaus.

Hier bettete man sich auf ein Strohlager, um nur kurze Zeit zu schlafen, dann gings zum Frühstücke und dann fing das Tanzen und der Wirrwarr wieder an. Abends gab es wieder eine Mahlzeit im Hochzeitshaus und es ward getanzt bis Mitternacht.

Dann kam des Bräutigamsvaters sein Knecht, mit vier oder sechs Pferden vor dem Wagen, um die ›Brutkist‹ zu fahren. Auf dem Hofe macht er die Pferde los und die jungen Leute tragen den Wagen mit den Musikanten darauf ins Hochzeitshaus und laden die Brautkiste darauf. Der Jungmann und die junge Frau und die Musikanten setzen sich auch auf den Brautkistwagen und dann gings bei Nacht und Nebel mit Hurrah nach Jungmann sein Haus.

Sonntags halten die jungen Leute ihren Kirchgang. Der Jungmann hat einen anderen Mann und die junge Frau eine andere Frau als Begleiter bei sich.

Nachmittags und auch wohl Montags war noch Hochzeit in des Jungmanns Haus und Dienstags gings nach dem Dassower Markt.

›Dat wir eine grausame Toverie un de dat uthollen füll, de möst einen Magen im Liw hebben.‹[73]

Im Ganzen sind diese Hochzeitsgebräuche überall gleich, einzelne kleine Abweichungen nach den verschiedenen Gemeinden sind Jahrbücher II, 152 angedeutet.


Archivrath Masch in Demern.

Quelle:
Karl Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg 1–2. Band 2, Wien 1879/80, S. 70-74.
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