Totentanz.

[105] An Ernest Christophe.


Von ihrer Schönheit stolz wie Lebende durchdrungen,

Prunkt sie mit Taschentuch, mit Handschuh und mit Strauss;

In kühner Lässigkeit zeigt sie sich ungezwungen –

Wie eine magere Kokette sieht sie aus.


Hat je auf einem Ball man schlankren Wuchs gesehen?

Du schaust ihr grelles Kleid, an weiten Falten reich,

Auf einen Knochenfuß in Wellen niedergehen,

Von buntem Schuh geschmückt, der zieren Blumen gleich.


Ihr magres Schlüsselbein umschmiegen leichte Spitzen,

Gleich einem üppgen Bach, der sich am Felsen reibt,

Und sittsam bergen sie vor possenhaften Witzen

Den unheilvollen Reiz, der tief verborgen bleibt.


Die hohlen Augen sind erloschen und verwittert,

Es nickt der Blumenschmuck vom Schädel grauenvoll,

Der schwank sich wiegend auf den dünnen Wirbeln zittert –

O Zauber eines Nichts, das aufgeputzt und toll!


Gar manche möchten dich ein nächtig Zerrbild nennen,

Die von der Trunkenheit des Fleisches nur gewußt,

Die nicht der menschlichen Gebeine Feinheit kennen:

Du mächtiges Skelett stillst meine höchste Lust!


[106] Kommst du zu stören mit erschreckender Grimasse

Das Fest des Lebens, als ob lüsterne Begehr,

Leichtgläubge, dein Gebein im Grab nicht ruhen lasse,

Zum wilden Taumeltanz des Freudensabbats her?


Beim Sang der Geigen, bei der Kerzen lichtem Prangen

Hoffst zu verscheuchen du der finstren Träume Not?

Willst du vom wilden Strom der Orgien erlangen,

Daß er die Hölle kühlt, die dir im Herzen loht?


Unausgeschöpfter Quell von Wahn und Seltsamkeiten,

Nach dem der Menschheit Schmerz seit alter Zeit geforscht,

Ich sehe durchs Gewand, geschürzt an deinen Seiten,

Die gierge Schlange, die dir das Gebein zermorscht.


Zwar fürchte wahrlich ich, daß deine Reize scheitern,

Und daß kein Preis dich krönt, der würdig deiner Mühn;

Wen dieser Sterblichen wird solcher Spott erheitern?

Das Graun kann Starke nur mit seiner Lust durchglühn.


Der Augen Höhlung, drin des Grabes Schauer nachtet,

Enthaucht den Schwindel, und es wird kein Tänzer sein,

Der ohne Ekel und Beklemmung je betrachtet

Das Lächeln, das uns grinst aus deiner Zähne Reihn.


[107] Doch welches Menschen Arm umfing nicht schon Skelette?

Wer hat sich nicht genährt vom Graun der Grabeswelt?

Was kümmert uns Geruch, Gewandung und Toilette!

Der, der sich ekelt, zeigt, daß er für schön sich hält.


Du Tänzrin, nasenlos! Sieghafte Dirne! Winke

Und sprich zur Tänzerschar, die sich erschrocken ziert!

Ihr Hübschen! Trotz der Kunst des Puders und der Schminke

Riecht ihr nach Grabesdunst! Skelette parfümiert!


Ihr Gecken welker Schmach! Ihr Dandys falschen Glanzes

Grauhaarger Stutzerschwarm! Gefirnißtes Gebein!

Die Welterschütterung des grimmen Totentanzes

Reißt euch in dunkles Land, das niemand sah, hinein.


Am kalten Seinestrand, am Glutgestad des Ganges

Spreizt tanzend sich die Schar der Menschen und sieht nicht,

Daß klaffend durchs Gewölb gleichwie ein dunkles, banges

Sturmwetter, dräuend des Gerichts Posaune bricht.


In deiner Welt bestaunt der Tod dich allenthalben,

Wie, sterbliches Geschlecht, er deinen Krampf verlacht,

Und oft, indem gleich dir er prunkt mit duftgen Salben,

Eint seinen grimmen Hohn er deines Wahnsinns Nacht!

Quelle:
Baudelaire, Charles: Blumen des Bösen. Leipzig 1907, S. 105-108.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
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Die Blumen des Bösen
Les Fleurs du Mal /Die Blumen des Bösen: Franz. /Dt
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