Sechste Szene.

[344] Katharine. Baron Ringelstern tritt langsam auf.


BARON. »Ein Schauspiel für Götter, zwei Liebende zu sehen,« sagt Goethe.

KATHARINE. »Aber für Menschen höchst langweilig,« sagt Kotzebue.

BARON. Nachdem die Menschen sind. Mich hat es gerührt. Ich will dem Onkel in den Ohren liegen, die Verbindung unserer Liebenden zu beschleunigen. Ich denke, im Herbst. Das ist so die rechte Jahreszeit zum Heiraten. Zwar ist es schade um den Brautstand, den sollte man billig verlängern, denn er ist die Veilchenzeit des Lebens. Da wandeln die Verlobten gleich Pamina und Tamino[344] durch Feuer und Wasser der prosaischen, bürgerlichen Existenz, und finden sich geläutert in Sarastros schimmerndem Palast der Poesie wieder. Mein Freund Sittig-Tamino sieht völlig verklärt aus, Präsident Sarastro will die Prüfungszeit abkürzen, Pamina denkt insgeheim schon an ein taugliches Quartier, und selbst die alte Königin der Nacht, die gute Rätin, spricht von nichts als von der Ausstattung.

KATHARINE. Pamina denkt ans Quartier? Ich besitze ein Haus in der Stadt, Cäcilie muß eine Wohnung von mir nehmen.

BARON. Ohne Zins?

KATHARINE. Als den ihrer Freundschaft.

BARON. Wenn doch mehrere Hausherren den Freundschaftsfuß zu ihrem Zinsfuß machten! – Aber wir wetteifern ordentlich, die beiden zu beglücken.

KATHARINE. Es ist eine so reine Freude, zum Glück anderer beizutragen.

BARON. Nur muß man sich selbst nicht vergessen.

KATHARINE. Das tun Sie ja nicht!

BARON. Ich?

KATHARINE. Freilich. Ohr Onkel sprach von einer Braut –

BARON. Ja, die Braut! Wir kennen uns kaum.

KATHARINE. Was schadet das? Man kann sich plötzlich verlieben; denken Sie an Romeo und Julie.

BARON. Zum Romeo bin ich zu alt, nicht wahr?

KATHARINE. Warum? Das kommt auf die Julie an.

BARON. Auf die Julie? Entfernt sich von ihr, geht auf und ab. Jawohl, auf die Julie! Sie haben recht, Fräulein; ich bin für keine Julie mehr. Meine Braut zählt kaum neunzehn Jahre. Sie wird ohne Zweifel lieber einen Romeo von vierundzwanzig wählen, als einen Merkutio von vierzig.

KATHARINE. Vielleicht ist sie keine Julie.

BARON. Ich will aber durchaus eine Julie haben.

KATHARINE. Sie könnten immerhin mit einer Porzia, einer Rosalinde zufrieden sein.

BARON. Einverstanden. Das sind nur Julien auf andere Manier.

KATHARINE. Auch ich verlangte eben keinen Romeo –

BARON. Die Sorte ist ohnehin etwas rar.

KATHARINE. Doch auch ein Ifflandscher Liebhaber, bei all seiner Biederkeit, wäre mir zuwider.

BARON. Sie haben recht. Ich möchte um alles in der Welt die Elise Valberg nicht heiraten.

KATHARINE. Noch ich den guten wackern, aber etwas langweiligen Hauptmann Welling.[345]

BARON. Hm! Wie müßte denn zum Beispiel ein Mann beschaffen sein, Fräulein, den Sie mit Ihrer Hand beglückten?

KATHARINE. Er müßte aussehen wie derjenige, den Ihre Braut wählen wird, wenn sie klug ist.

BARON. Wenn sie klug ist – ja, wird sie mich da wählen?

KATHARINE. Vielleicht. Wenigstens würden die Leute sagen, sie haben eine kluge Wahl getroffen.

BARON. Und warum eine kluge Wahl?

KATHARINE. Weil sie einen reifen Mann vorzog, und das ist das klügste, was man von einem unreifen Mädchen verlangen kann.

BARON beiseite. Einen reifen Mann – sie spielt immer auf mein Alter an. Zu Katharinen. Sie wollen mir entschlüpfen, Fräulein – aber im Ernst! Welche Eigenschaften müßte der Mann Ihres Herzens haben?

KATHARINE. Erstlich: Tapferkeit –

BARON. Wozu Tapferkeit?

KATHARINE. Ist das nicht die schönste Zierde des Mannes?

BARON. Doch sie gehört nur für den Krieg, die Ehe ist ein friedlicher Zustand.

KATHARINE. Bei mir wäre sie das nicht. Ich müßte mit meinem Mann immer auf dem Kriegsfuß leben.

BARON. So?

KATHARINE. Schon beim Frühstück wird gezankt. Gibt er mir unrecht, so wird geschmollt bis zum Mittag – gibt er mir recht, bis zum Abend.

BARON. Dann wird er Ihnen wohl immer unrecht geben.

KATHARINE. Da müßte er auch den Witz dazu haben, denn ein Mann ohne Witz ist ein Schwert ohne Schneide.

BARON. Sie scheinen einen witzigen Mann sehr hoch zu stellen, mein Fräulein.

KATHARINE. Im Gegenteil, der Witz stellt seinen Mann hoch.

BARON. Aber der Witz schickt sich nicht für eine Dame. Ihr Geschlecht soll kein Schwert tragen.

KATHARINE. Aber eine Nadel – die Zunge.

BARON. Das Herz sollte Ihre einzige Waffe sein.

KATHARINE. Recht! Darum trag' ich mein Herz auf der Zunge.

BARON. Das Gefühl ist Ihre schönste Zierde –

KATHARINE. Das Gefühl? Ach ja, ich fühle!

BARON. Das wußt' ich ja!

KATHARINE. Fühle tief und warm –

BARON. Nicht wahr?

KATHARINE. Fühle – Sehnsucht nach einer guten Mahlzeit, wenn ich zwei Stunden gefastet habe; Mitleid – mit meinem[346] armen, hungrigen Magen, und Liebe – für den Koch, wenn er mir meine Lieblingsspeisen aufsetzt.

BARON. Das ist zu arg! Sie verhöhnen das Gefühl! Wirklich, ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt.

KATHARINE. Anders? Und wie anders? Vielleicht schwärmerisch, sentimental? O, das kann ich auch sein! Wenn nur gleich Mondschein da wäre! Ein paar zerrissene Silberwölkchen – blaue Gebirge im Hintergrunde – vorne ein See. Ich stehe, das Mägdlein, an Ufers Grün, und harre des Geliebten – Daphnis! Mein Daphnis! Kommst du noch nicht? Sieh, deine Chloe streckt ein Paar sehnsüchtige, runde Arme nach dir aus! Denk an Leander, spring in die Flut, und laß dich von des Meeres und der Liebe Wellen zu mir herübertragen! Scheue die kleine Erkältung und das bißchen Rheumatismus nicht!

BARON der mit Ungeduld zuhörte. Gehorsamer Diener, mein Fräulein!

KATHARINE. Halt, Herr Baron! Wohin so eilig? Zu Ihrer Braut? – Hat meine wehmütige Szene die Sehnsucht nach ihr erregt?

BARON. Im Gegenteil! Sie ist ganz abgekühlt.

KATHARINE. Desto besser! So bleiben Sie. Ich will die Arbeit hier vollenden. Geht zum Rahmen.

BARON folgt ihr. Ach, dieser fatale Amor!

KATHARINE. Fatal? Er machte uns miteinander bekannt. Wissen Sie was? Sie sollen den Amor zum Geschenk bekommen, wenn er fertig ist.

BARON. Danke gehorsamst.

KATHARINE. Es wird ein Kopfkissen. Was sagen Sie dazu? Amor, verurteilt, auf sich ruhen zu lassen, er, der uns so oft die Ruhe raubt!

BARON für sich. Ich werde nicht klug aus ihr. Ist das ihre natürliche Gestalt? Verspottet sie mich nur? Ich fürchte, Cäcilie hat sich getäuscht. Aber sie ist für jeden Fall bezaubernd.

KATHARINE beim Rahmen beschäftigt. Über das Unglück! Ich habe keine aufgerollte Seide mehr. – Lieber Baron –

BARON. Mein Fräulein?

KATHARINE. Wollen Sie gefälligst Ihre Arme ein bißchen ausstrecken?

BARON. Meine Arme?

KATHARINE. Ja; sehen Sie, so.

BARON streckt die Arme aus. So?

KATHARINE. Ganz vortrefflich! Setzen Sie sich zu mir. Legt ihm die Seide über.[347]

BARON. Ei, mein Fräulein, soll ich –

KATHARINE. Nur hübsch ruhig gehalten!

BARON. In's Himmels Namen! Aber sehen Sie mich doch ein bißchen an.

KATHARINE. Ich kann nicht, die Seide verrüttet sich.

BARON. Nur ein bißchen!

KATHARINE. Nun?

BARON. Sie sind eine Heuchlerin.

KATHARINE. Wieso?

BARON. Sie wollen gefühllos scheinen – Ihr warmes, feuchtes Auge sagt das Gegenteil.

KATHARINE. Vielleicht lügt es. Ich habe keine Ohren für meine Augen.

BARON. Aber Ihre Augen haben eine Sprache für mein Herz.

KATHARINE. Ohne Aktion, wenn ich bitten darf. Meine schöne Seide!

BARON. Wissen Sie, wer die Braut ist, die der Onkel meinte?

KATHARINE. Wie kann ich wissen –?

BARON. Er meinte Sie.

KATHARINE erschrocken, läßt die Hand sinken. Mich?

BARON streckt die Arme aus. Ohne Aktion, wenn ich bitten darf. Wickelt rasch die Seide auf.


Quelle:
Eduard von Bauernfeld: Ausgewählte Werke in vier Bänden. Band 1, Leipzig [o.J.], S. 344-348.
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