Erster Auftritt.

[21] Herr Spitz sitzt am Schreibtische rechts, Papiere vor sich. Herr Blase, Amalie und Auguste sind durch die Mittelthüre eingetreten.


BLASE. Küche, Keller, Speisekammer – ich habe Dich Alles in Augenschein nehmen lassen, denn Du sollst in Zukunft das ganze Hauswesen besorgen, Nichte.

AUGUSTE. Recht, Onkel! Geben Sie mir die Schlüssel.

BLASE. Die Schlüssel? Wo hab' ich sie nur –?

SPITZ springt eilig auf, und überreicht Augusten die Schlüssel, die der Alte auf den Tisch gelegt. Hier, mein Fräulein.

AUGUSTE. Danke, Herr Spitz. Ich will nur gleich eine Schürze vorbinden.

BLASE. So wären denn die inneren Angelegenheiten meines Hauses gut besorgt, wie ich hoffe; für das Wichtigere – das Äußere – werden ich und Herr Spitz Sorge tragen. – Das schöne Zimmer dort mit Kabinet. Weist nach dem Hintergrunde rechts. sollt Ihr bewohnen. Ich habe Euer Gepäck hineinbringen lassen. Alles ist in bester Ordnung. – Du siehst, ich habe viel für Dich gethan, Nichte – ich will noch mehr thun. Nach dem Ableben Deines Vaters gab ich Dich in die Pension –

AUGUSTE. Ach, wie froh bin ich, daß ich sie hinter mir habe!

AMALIE halblaut, zupft sie. Gustchen! Nicht doch, Gustchen!

BLASE. Ich habe Dich dort erziehen lassen – es war nothwendig, denn Du warst immer ein tolles, wildes Kind;[21] jetzt aber bist Du ein sittsames, ein gebildetes Frauenzimmer, dem man es gleich im ersten Augenblick ansieht, daß von der wilden Natur nichts übrig geblieben – Gott Lob! es ist lauter Kunst, lauter Dressur.

AUGUSTE. Glauben Sie's nicht, Onkel! Einige wilde Natur steckt noch darunter.

AMALIE wie oben. Gustchen! aber Gustchen!

BLASE. Schäme Dich, so zu sprechen.

AUGUSTE. Je nun, ich denke so.

BLASE. Denken magst Du, was Du willst, Deine Gedanken gehen mich nichts an. Gedanken gehören überhaupt unter die erlaubten Waaren, insofern sie im Mutterlande erzeugt werden – nämlich in unserm Gehirn; wie sie aber gesprochen oder geschrieben die Grenze passiren, und in's Ausland – das ist: in fremde Köpfe – geschmuggelt werden sollen, da tritt der Zollwächter dazwischen und behandelt sie als Contrebande.

AUGUSTE. Mädchengedanken haben das nicht zu besorgen.

BLASE. Mädchen sollen gar keine Gedanken haben.

AUGUSTE. Einen doch, Onkel!

BLASE. Und welchen?

AUGUSTE. Wie sie auf die beste Art aufhören mögen, Mädchen zu sein.

BLASE. Und Frauen zu werden – allerdings. Das ist vernünftig gedacht – aber man muß es nicht sagen. – Was klapperst Du denn so mit den Schlüsseln?

AUGUSTE. Ich will mein Regiment antreten, Onkel.

BLASE. Nun so geh! Später, wenn Hermann nach Hause kommt, werd' ich Dich rufen lassen.

AUGUSTE etwas naserümpfend. Hermann?

AMALIE welcher Blase zuwinkte. Ihr Mündel, Herr Schwager, der junge Baron?

BLASE. Er wird sehr überrascht sein, Euch hier im Hause zu finden.

AUGUSTE. Weiß er denn nicht –?

BLASE. Kein Wort.

AUGUSTE. Es ist doch sein Haus, denk' ich.

BLASE. Sein Haus? Er ist minderjährig, und ich bin Administrator. Wenn Reformen in seinem Hause – nämlich in meinem Hause – nothwendig werden, braucht mich Niemand daran zu mahnen – denn ich lasse mir nichts[22] einreden – aber plötzlich sind sie da – blos durch meinen Willen aus dem Nichts hervorgerufen.

AUGUSTE beobachtend. Unser Erscheinen hier ist also eine Art Staatsstreich?

BLASE. Gewissermaßen. Mein Mündel bedarf, zur Vollendung seiner Bildung, weiblichen Umganges – das war mit ein Grund, daß ich Dich kommen ließ. Deine Mutter weiß es. Winkt Amalien.

AMALIE. Freilich, liebes Kind. Der Baron soll überdieß ein äußerst artiger junger Mann sein. Nicht wahr, Herr Schwager?

BLASE. Er ist wie die gute Stunde. Du kennst ihn ja, Nichte. Du sprachst noch mit ihm, bevor Du in die Pension kamst.

AUGUSTE. Ich habe den jungen Herrn seit Jahr und Tag nicht gesehen – ist er noch immer so trocken und hölzern?

BLASE. Trocken und hölzern! Hermann ist ein hoffnungsvoller junger Mensch.

AUGUSTE. Ein Beamter.

BLASE. Allerdings. Ein ausgezeichneter.

AUGUSTE. Ein Aktenwurm –

BLASE. Aktenwurm! Was versteht Ihr davon? – Geh jetzt. Ich habe mit Herrn Spitz zu arbeiten.

AUGUSTE. Mama, bringen Sie inzwischen die Zimmer, das Gepäck in Ordnung.

AMALIE. Ja, liebes Kind. Aber wie soll ich denn –?

AUGUSTE. Daß die Mama doch gar nicht praktisch ist! – Das große, erträglich hübsche Zimmer gehört Ihnen, ich schlafe in dem dunkeln Kämmerchen, mit den zerbrochenen Fensterscheiben, welches der Onkel ein Kabinet zu nennen beliebt. Unsere Kleider werden in den abscheulichen grünen Wandschrank einquartiert, die Wäsche in den schmalen Kasten mit den drei Füßen, unsere Gelder und Prätiosen können Sie offen liegen lassen.

AMALIE. Das liebe Kind! sie ist immer guten Humors.

BLASE. Und immer naseweis.

AMALIE. Vergeben Sie ihr, Herr Schwager! Sie meint's nicht übel –

BLASE. Na, geht nur, geht!

AUGUSTE. Ja, gehen Sie, Mama, und richten Sie unsern königlichen Palast ein. Ab, durch die Mitte.[23]

AMALIE. Das gute Kind! Aber sie soll nicht in der dunkeln Kammer schlafen. Will fort.

BLASE ihr nachrufend. Frau Schwägerin! ein Wort! Halblaut. Sie kennen meine Absichten – Sie sind damit einverstanden – bereiten Sie Ihre Tochter vor.

AMALIE. Vorbereiten? Das will ich. Aber das sag' ich Ihnen gleich im Vorhinein, Herr Schwager: meine Tochter hat ihren freien Willen – durchaus ihren freien Willen. Ab, im Hintergrunde rechts.


Quelle:
Der deutsche Michel, Revolutionskomödien der Achtundvierziger. Stuttgart 1971, S. 21-24.
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