Dritter Auftritt.

[26] Herr Blase allein, dann Herr Schmerl.


BLASE allein. Freie Ideen! Geht auf und ab. Da hilft nur Ein Mittel: er muß augenblicklich heiraten.

SCHMERL auftretend. Papa Blase, guten Tag!

BLASE. Ihr Diener, Herr Schmerl.

SCHMERL. Nun, wie geht's? Sehen ein Bischen verdrießlich aus – was? Ein Bischen – Dings da – malkontent?

BLASE. Familiensorgen, bester Schmerl, Administrationsgeschäfte – die machen Ihnen freilich wenig zu schaffen.

SCHMERL. Gott Lob, nein. Ich hab' kein Geschäft – was man so nennt – will auch kein's haben. Ich weiß gar nicht, wo Einer die Zeit hernimmt, Geschäfte zu haben. Dem Himmel sei Dank! Ich bin ein freier Mensch.

BLASE. Das heißt: Sie thun nichts.

SCHMERL. Thun? Wer thut denn etwas? Wenn Ihr im Bureau sitzt, oder auf die Börse rennt, oder Eueren Namen ein paar Dutzend mal unterschreibt, das nennt Ihr[26] Geschäfte, das nennt Ihr arbeiten, das nennt Ihr etwas thun. Ich thu' nichts, aber ich wirke – ich wirke im Großen, im Ganzen. Ich nehme Theil an den großen, allgemeinen Angelegenheiten: ich lese die allgemeine Zeitung, lese alle Zeitungen, ich urtheile, ich räsonnire darüber; ich bin für den Fortschritt, für die Reform; ich nehme Partei; ich mache – Dings da – Opposition. Und nur Opposition, nur Opposition! Das erhält frisch und munter. Der Geschäftsmann ist immer ein Sauertopf; er lebt nicht – und das Leben ist ja schön, wie der Dings da sagt – der – na, wie heißt er nur? Der junge spanische Student –

BLASE. Marquis Posa.

SCHMERL. Marquis Posa, richtig, Marquis Posa. Kommt im Dings da vor – im – im –

BLASE. Im Don Carlos von Schiller.

SCHMERL. Im Don Carlos von Schiller, richtig! – Sonderbar, daß ich keinen eigenen [einzigen] Namen behalten kann. Neulich sprachen wir von Musik. Ich wollte den Compositeur nennen, den – wissen Sie, den berühmten Compositeur – über den so viel gestritten wird –

BLASE. Beethoven?

SCHMERL. Nicht doch! 'S ist ein moderner.

BLASE. Mendelssohn?

SCHMERL. Nein, nein, nein, kein Deutscher – ein Franzose. Der die neue Musik erfunden hat, die so viel Lärm macht.

BLASE. Lärm? Berlioz.

SCHMERL. Berlioz, richtig! Sagen Sie mir, lieber Freund – Hält inne. sagen Sie mir – Hält wieder inne.

BLASE. Nun, was haben Sie denn?

SCHMERL. Nehmen Sie mir's nur nicht übel, aber nun hab' ich Ihren Namen vergessen – wie heißen Sie denn?

BLASE ärgerlich. Blase.

SCHMERL schlägt sich an die Stirn. Blase. Verwünschtes Gedächtniß! – Sagen Sie mir – was wollt' ich denn nur fragen?

BLASE. Geben Sie sich keine Mühe. Ich will Ihnen dafür etwas sagen. Mein Haus hat einen Zuwachs bekommen.

SCHMERL. Einen Zuwachs?[27]

BLASE. Ich habe meine Nichte in's Haus genommen, sammt meiner Schwägerin.

SCHMERL. Nichte? Schwägerin?

BLASE. Die Hinterbliebenen meines Bruders.

SCHMERL. Sie sprachen sonst nicht gerne von ihm.

BLASE. Wir kamen frühzeitig auseinander. Er heiratete vor Jahren ein armes Mädchen, das er auf seinen Reisen kennen lernte – ich glaube, in Berlin.

SCHMERL rasch. In Berlin? Das erinnert mich – na, erzählen Sie nur weiter.

BLASE. Er kaufte sich auf dem Lande an – hier in der Nähe – begrub sich in die Einsamkeit mit dem guten Ding von Frau, das er mit seinen Launen quälte, – denn er war ein eben so großer Haustirann, als schlechter Wirth; kurz er verarmte ganz und gar, und die Verwandten blieben mir auf dem Halse. So nahm ich sie zu mir.

SCHMERL. Bravissimo! Nun wird Leben in's Haus kommen. Hier geht Alles im gewöhnlichen Geleise, aber wo Frauenzimmer sind, da ist Widerspruch, da ist Opposition – und nur Opposition, nur Opposition! – Ist die Nichte hübsch?

BLASE. Nicht eben schön – aber anmuthig.

SCHMERL. So hab' ich's gerne. Munterer Natur?

BLASE. Fast zu munter.

SCHMERL. Vortrefflich! Wie alt?

BLASE. Kaum neunzehn.

SCHMERL. Kaum neunzehn? Ist fast zwanzig. Gerade recht.

BLASE. Gerade recht?

SCHMERL. Allerdings. Denn nun fällt mir ein, was ich Ihnen vorhin mittheilen wollte: ich habe beschlossen zu heiraten.

BLASE. Sie?

SCHMERL. Ja, ja, Papa Blase. Es geht mir schon lange im Kopfe herum. Einmal war ich auch nahe daran – doch das ist vorüber, längst vorüber. Über gewissen Dingen muß man das Gras wachsen lassen – verstanden? – Jetzt aber ist's hohe Zeit. Ein alternder Junggeselle – das taugt nicht. Wenn man zu tanzen aufhört, muß man heiraten. Das will ich thun. Und zwar – wissen Sie wen? Ihre Nichte.[28]

BLASE. Meine Nichte?

SCHMERL. Wenn sie mir gefällt. Aber sie ist arm, hübsch, munter – gerade was ich suche.

BLASE. Meine Nichte? Plagt Sie der Teufel?

SCHMERL. Der Liebesteufel! der Dings da – der Asmodeus.

BLASE. Sie sind nicht klug! In Ihrem Alter!

SCHMERL. Warum? Ich bin ein junger Mann – einige fünfundvierzig – in den besten Jahren.

BLASE. Es gibt bessere.

SCHMERL. Das ist wahr, aber die sind für's Heiraten fast zu gut.

BLASE. Eine Braut von neunzehn würde das schwerlich finden.

SCHMERL. Warum nicht? Neunzehn in fünfundvierzig geht zwei Mal –

BLASE. Bleibt ein Bruch.

SCHMERL. Es scheint, Sie wollen mich nicht zum Neffen haben?

BLASE. Nun und nimmer.

SCHMERL. Jetzt geschieht's – auch wenn mir Ihre Nichte nicht gefällt – aus Opposition.

BLASE. Herr, nehmen Sie Vernunft an –

SCHMERL. Nichts da! Opposition, nur Opposition!


Quelle:
Der deutsche Michel, Revolutionskomödien der Achtundvierziger. Stuttgart 1971, S. 26-29.
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