Fünfter Auftritt.

[32] Vorige. Amalie.


AMALIE. Liebes Kind – Alles ist in Ordnung.

AUGUSTE. Die Mama!

SCHMERL lorgnirt. Die Mama? Scheint auch nicht übel.[32]

BLASE zu Schmerl, vorstellend. Meine Schwägerin, Amalie –

SCHMERL. Amalie?

BLASE. Amalie Blase, geborne Walter.

SCHMERL. Amalie Bla –? Amalie Wa –? Aus Berlin?

BLASE. Allerdings.

SCHMERL. Sie ist es!

BLASE zu Amalien, vorstellend. Herr Schmerl –

AMALIE wie erschrocken. Herr Schmerl! Wendet sich rasch zu Auguste. Liebes Kind –

AUGUSTE. Mama?

AMALIE. Er ist es –

AUGUSTE. Wer denn?

AMALIE. Stelle Dir vor – Spricht leise mit ihr.

SCHMERL lorgnirend, für sich. Ja, sie ist es. Ganz wie damals! Nur etwas mehr Embonpoint.

AMALIE zu Auguste, leise. Was sagst Du dazu?

AUGUSTE eben so. Nur praktisch, Mama! Fassen Sie sich –

BLASE zu Auguste. Kennt er sie denn? Kennt sie ihn denn?

AUGUSTE im Vorübergehen, leise zu ihm. Herr Schmerl hat der Mama vor zwanzig Jahren den Hof gemacht und einen Korb bekommen.

BLASE. So, so! – Zu Schmerl. Ihr kennt Euch also?

SCHMERL. Ich hatte die Ehre – in Dings da – in Berlin –

AMALIE. Es ist schon lange her –

SCHMERL. Sie haben sich inzwischen verheiratet?

AUGUSTE auf sich weisend. Wie Sie sehen, mein Herr. Leise zu Amalie. Nur praktisch, Mama! Sagen Sie ihm was Pikantes.

AMALIE eben so. Ich kann's nicht.

AUGUSTE. Das macht, Sie waren in keinem Institut. Laut. Nun, Herr Schmerl! Sie sind ja ganz verstummt.

BLASE. Sie opponiren nicht mehr?

SCHMERL zieht Blase bei Seite. Man hat vor Zeiten gegen mich opponirt – verstanden? Aber ich räche mich – ich opponire wieder – ich freie um die Tochter.

BLASE. Nicht doch! Neunzehn in fünfundvierzig geht zweimal. Bleiben Sie bei der Mutter.

SCHMERL. Meinen Sie?[33]

BLASE. Folgen Sie meinem Rath. Man wird Sie jetzt mit offenen Armen aufnehmen.

SCHMERL. Nach zwanzig Jahren! Das wäre freilich ein Triumph der Opposition. Lorgnirt. Sehen Sie nur, sie flüstert dem Töchterlein in's Ohr – sie scheint verlegen –

BLASE. Das ist ein gutes Zeichen.

SCHMERL. Ich will sie ansprechen. Nähert sich Amalien, jugendlich galant. Madame – Madame Dings da – Madame Bla – Madame Wa – Madame Walter – Madame Blase-Walter – Zu Blase. Sie ist wirklich noch hübsch! Laut. Sehr erfreut, Madame – sehr erfreut. Erlauben Sie mir, unsere zerrissene Bekanntschaft wieder anzuknüpfen?

AMALIE. Warum nicht, Herr Schmerl? Wenn Sie den Faden zu finden wissen.

AUGUSTE leise zu ihr. So ist's recht, Mama! Nur praktisch!

SCHMERL. Es schmeichelt mir, Madame Blase- Walter, daß Sie mich sogleich wieder erkannten.

AMALIE. Sie sind wenig verändert, Herr Schmerl. Sie haben sich recht jugendlich erhalten.

SCHMERL. Finden Sie das? Aber ich geb' es Ihnen zurück: Sie sehen wie – wie Dings da – aus, wie die Schwester Ihrer Tochter.

AUGUSTE. Nicht neu – aber gut.

SCHMERL. Ihre Hand, Madame! Wollen wir Freunde werden?

AMALIE. Ich denke, das ist das beste. Reicht ihm die Hand. Die Zeit der Thorheiten ist ja bei uns Beiden vorüber.

SCHMERL küßt ihr die Hand. Bei mir nicht, Madame Blase-Walter – bei mir nicht. – Aber sagen Sie mir aufrichtig: seh' ich wirklich noch jung aus?

AUGUSTE. Es geht mit.

AMALIE. Zum Verwundern.

SCHMERL. Das freut mich, das freut mich! Sehen Sie, das kommt von meinem Umgang mit jungen Leuten. Das erfrischt, das erhält. Ein Club von lauter geistreichen Leuten – verstehen Sie? Wir haben einen Dichter unter uns – das ist ein Mann! Neueste Schule – frei und grob! Kein aristokratischer Poet – kein Dings da etwa – kein Goethe. Nur keine Goethe's mehr! Die können wir nicht brauchen. Nur kein sogenanntes Talent! Courage muß man jetzt haben[34] – Courage, und Dings da – Gesinnung. Jetzt macht man Alles mit der Gesinnung.

AUGUSTE. Leider auch Musik.

SCHMERL. Das versteht sich! Die neuen deutschen Opern sind voll Gesinnung.

AUGUSTE. Und ohne Melodie.

SCHMERL. Das ist eben die Gesinnung. Sieht nach der Uhr. Die Damen verzeihen – mein Club erwartet mich. Wir haben heute Sitzung.

AUGUSTE. Sitzung?

SCHMERL. Außerordentliche – nur der Ausschuß. Es ist eigentlich ein Frühstück mit Champagner und Austern –

AUGUSTE. Und Gesinnung?

SCHMERL. Das versteht sich! Im Vertrauen: dem liberalen jungen Poeten wird ein Festmahl gegeben – dabei soll gesprochen werden – gesprochen! Denn nur immerfort gesprochen und gesprochen! Darauf kommt's an – das ist jetzt die Hauptsache. Nur Reden gehalten, Zusammenkünfte, Fest-Essen, Zweck-Essen, Dinger da – meetings – Man glaubt nicht, was das nützt, was das die Zustände verbessert! – Madame Blase-Walter, mich schönstens zu empfehlen.

AMALIE. Adieu, lieber Herr Schmerl.

SCHMERL. Ganz gehorsamster – – Zu Blase. Sie ist charmant – sehr charmant – verstanden? Zu Augusten. Fräulein Gustchen, es bleibt dabei: wir machen Opposition. – Adieu, Papa Blase! Nun geh' ich wirken – als Ausschuß – als Mitglied des Comité's. Der Marquis – Dings da – hat recht: das Leben ist äußerst agreabel. Empfehle mich allerseits. Stößt im Abgehen auf den eben eintretenden Hermann. Pardon, junger Herr Riesenkind! Ab.


Quelle:
Der deutsche Michel, Revolutionskomödien der Achtundvierziger. Stuttgart 1971, S. 32-35.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lewald, Fanny

Jenny

Jenny

1843 gelingt Fanny Lewald mit einem der ersten Frauenromane in deutscher Sprache der literarische Durchbruch. Die autobiografisch inspirierte Titelfigur Jenny Meier entscheidet sich im Spannungsfeld zwischen Liebe und religiöser Orthodoxie zunächst gegen die Liebe, um später tragisch eines besseren belehrt zu werden.

220 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon