Siebenter Auftritt.

[36] Blase. Hermann der sich mit den Akten zu schaffen macht.


BLASE für sich. Herr Spitz hat recht: das Mädchen ist schlau. Sie wittert meine Absichten – sie weicht mir aus. Und der alberne Schmerl dazu – da gilt es rasch handeln. – Hermann!

HERMANN. Herr Vormund!

BLASE. Kommen Sie zu mir – ich hab' ein Wort mit Ihnen zu sprechen. Setzt sich. Sie wissen, lieber Hermann, daß ich Sie immer sanft und freundlich behandelt habe, nicht wahr?

HERMANN. Ja, Herr Vormund.

BLASE. Ihr Vater war ein strenger Mann – eisern strenge. Sie durften in seiner Gegenwart nicht mucksen, durften keinen eigenen Willen haben.

HERMANN. Leider ist es so! Ich hatte eine recht traurige Jugend.

BLASE. Das machte Sie wortkarg, verschlossen.

HERMANN. Vielleicht für's ganze Leben.

BLASE. Wer weiß, wozu das gut war! Was mich betrifft, so hab' ich zwar ein anderes Erziehungssystem mit Ihnen befolgt; ich bin milde und lasse Sie gewähren; ich gebe Ihnen sogar eine gewisse Freiheit – stehen Sie hübsch gerade, Hermann, – so! – Sie sind ein hoffnungsvoller junger Mensch, können es weit bringen. Se. Exzellenz der Herr Präsident haben mir versprochen, Sie bei erster Gelegenheit zu befördern. Sie sind also kein Kind mehr, Hermann – wie halten Sie die Hände? – kein Kind mehr, so wenig wie meine Nichte, die Auguste. Steht auf. Sie sind dem Mädchen gut, nicht wahr?

HERMANN. Gut?

BLASE. Sprechen Sie offen.

HERMANN. Wissen Sie denn nicht, Herr Vormund –?

BLASE. Was denn?

HERMANN. Daß sie mich hinter Ihrem Rücken immer auslacht?

BLASE. Je nun, sie ist lustig, sie lacht gerne –

HERMANN. Aber sie zieht mir Gesichter!

BLASE. Das bilden Sie sich ein. Auguste ist ein kluges verständiges Mädchen – Sie müssen sie nur näher kennen lernen. Es ist mein Wunsch, daß Sie sich mit ihr vertragen –[37] verstehen Sie? Sprechen Sie daher mit meiner Nichte; seien Sie freundlich mit ihr.

HERMANN. Aber wenn sie mir Gesichter –

BLASE. Was Gesichter! Sie hat nur Ein Gesicht, und das ist hübsch. Suchen Sie sie allein zu sprechen; lenken Sie das Wort auf ihre Eigenschaften, auf ihre Vorzüge. Was werden Sie zum Beispiel für Vorzüge erwähnen?

HERMANN. Vorzüge? Ich weiß keine.

BLASE. Keine Vorzüge? Haben Sie Augen?

HERMANN. Augen? Ich – glaube –

BLASE. Er glaubt, daß er Augen hat! Sie haben Augen – sollen Augen haben.

HERMANN. Sehr wohl.

BLASE. Und zwar für meine Nichte. Sie sollen sie damit ansehen.

HERMANN. Wenn's nicht anders ist –

BLASE. Sie sollen ihr damit sagen, daß sie hübsch ist –

HERMANN. Mit den Augen?

BLASE. Mit dem Munde auch.

HERMANN. Wie Sie befehlen – aber das wird mir sauer ankommen.

BLASE. Sauer? Einem hübschen Mädchen ein artiges Wort zu sagen? Sie sind doch bereits in dem Alter – ist Ihnen denn das Frauengeschlecht gleichgiltig?

HERMANN. Gänzlich.

BLASE für sich. Er ist gar zu unschuldig. Zu Hermann. Das muß anders werden, lieber Hermann; Sie müssen sich nach und nach an weiblichen Umgang gewöhnen. – Überhaupt – Ihre Lehrjahre sind beiläufig vorüber: Sie müssen jetzt in's Leben treten, in die Welt. Sie waren ein fleißiger Student, sind ein geschickter Beamter; allein Sie lebten bisher nur in Ihren Büchern und Akten –

HERMANN wie für sich. Die verwünschten Akten! Wenn ich sie nur los wäre!

BLASE. Wie? Was sagen Sie da?

HERMANN erschrickt. Verzeihen Sie, Herr Vormund.

BLASE für sich. Aha! das sind die freien Ideen! Laut, feierlich. Junger Mann, ich höre, Sie machen Verse.

HERMANN. Bisweilen – zur Erholung.

BLASE. Sie ließen das besser bleiben. Verse sind keine Erholung. Die Poesie strengt den Geist an, und macht untauglich[38] zu Geschäften. Alle vernünftigen Menschen erholen sich in Prosa. Wenn Sie sich in Zukunft erheitern wollen, so suchen Sie die Gesellschaft meiner Nichte auf. Haben Sie mich verstanden?

HERMANN. Ja, Herr Vormund. Wie mit sich kämpfend. Ich – Hält inne.

BLASE. Nun? Haben Sie etwas zu erwidern?

HERMANN. Nein, Herr Vormund. Für sich. Ich möchte sprechen – nur Geduld! Ich werde sprechen.


Quelle:
Der deutsche Michel, Revolutionskomödien der Achtundvierziger. Stuttgart 1971, S. 36-39.
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