Vierter Auftritt

[312] Baldinger. Hermine.


HERMINE. Nun, Herr Baldinger?

BALDINGER. Cousine, Sie geben heute einen Ball?

HERMINE. Ja.

BALDINGER. Können Sie ihn nicht verschieben?

HERMINE. Verschieben? Und warum?

BALDINGER. Sie führen das Hauswesen unseres Onkels, des alten Dorner –

HERMINE. Seit dem Ableben meines Gemals.

BALDINGER. Dieser Onkel – ich kenne ihn kaum – befindet sich seiner Gesundheit wegen in Italien, nicht wahr?

HERMINE. So ist es.

BALDINGER. Er ist leidend, sehr leidend – man fürchtet für sein Leben.

HERMINE. Das heißt: er fürchtet – schon seit zwanzig Jahren. Er ist Hypochonder.

BALDINGER. Allein ich weiß aus guter Quelle, daß sich sein Zustand bedeutend verschlimmert hat. Schrieb er Ihnen nicht?

HERMINE etwas verlegen. Seit längerer Zeit erhielt ich keinen Brief. – Sie sagen: verschlimmert?[312]

BALDINGER. Die Aerzte besorgen einen Schlagfluß.

HERMINE nach einigem Bedenken. Ich will den Ball absagen. Ich danke Ihnen, Cousin –

BALDINGER. Hören Sie mich an, Cousine. Ich weiß, Sie sind gegen mich eingenommen –

HERMINE. Eingenommen?

BALDINGER. Ich kann's Ihnen nicht verübeln. Wir sahen uns nicht seit fünf Jahren. Sie waren damals noch Mädchen, munter, muthwillig, und mochten sich an dem plumpen, ungeschlachten jungen Menschen so wenig erbauen, wie andere Damen. Ich habe mich freilich seitdem ein Bischen verändert – doch was hilft's? Ein Mensch bleibt im Grunde immer, der er ist, und über Neigung läßt sich nicht gebieten.

HERMINE. Gewiß nicht. Auch ist die Sympathie meist gegenseitig.

BALDINGER. Wie die Antipathie? Ganz richtig. Wir Menschen sind überhaupt ein wunderliches Geschlecht! Wir hassen oft Jemand, den wir eigentlich gar nicht kennen, und wir lernen ihn nicht kennen, weil wir ihn hassen. Doch gleich viel! Sie mögen wie immer von mir denken: es ist meine Pflicht, Sie zu warnen. Mit Einem Wort: der Onkel ist gegen Sie aufgebracht.

HERMINE rasch. Sie wissen –?

BALDINGER. Ob ich weiß? So schrieb er Ihnen doch?

HERMINE. Vor zwei Monaten zum letzten Male.

BALDINGER. Und Sie antworteten ihm nicht?

HERMINE etwas beschämt. Nein.

BALDINGER. Und warum nicht?

HERMINE. Der Ton seines Briefes –

BALDINGER nach einer kleinen Pause. Meine Nachrichten sind neu, aber wenig erfreulich; der Onkel sandte seinem Rechtsfreund eine Vollmacht, worin er ihm die Verwaltung seines ganzen Vermögens und auch – des Hauswesens übertrug.

HERMINE rasch. Auch des Hauswesens? Seinem Rechtsfreund?

BALDINGER. Der gute Mann gerieth in Verlegenheit und vertraute sich mir an.

HERMINE. Ich bin also förmlich abgesetzt? Ich sah es kommen! – Aber sagen Sie Alles. Der Onkel klagt über mich – ist es nicht so?

BALDINGER. Aufrichtig: ja. Er klagt über Ihre Verschwendung – aber ich weiß, der Onkel knickt gern ein wenig; über Ihre muntere Lebensweise – Sie müssen das einem alten, kranken, hypochondrischen Mann zu Gute halten; über die Wahl Ihres Umganges – er nennt insbesondere einen jungen Cavalier, der nicht im besten Ruf –

HERMINE. Das ist Wildenhain!

BALDINGER. Ich bin überzeugt, daß Sie die Gefahr dieses Umganges nicht kennen – oder nicht zu fürchten brauchen.

HERMINE. Gefahr? Der Baron ist ein liebenswürdiger, geistreicher junger Cavalier.

BALDINGER. Ich zweifle nicht, nur gilt er für ein wenig lebenslustig, galant. Seine Lebensweise ist bekannt, und die Welt beginnt bereits, seinen Namen mit dem Ihrigen zu nennen.

HERMINE betroffen. Das Erste, was ich höre. Aber glauben Sie, Cousin, ich habe mir gegen den Baron nichts vorzuwerfen.

BALDINGER. Ich glaube Ihrem Wort, Cousine, aber ich bin nicht der Onkel, und da Sie von ihm abhängen –

HERMINE. Gut, gut! Man will mich beschränken, man mißgönnt mir meine harmlosen Zerstreuungen – ich werde mich darein zu finden wissen. Der Onkel ist krank? Mein Ball soll nicht Statt finden. Noch einmal, Cousin: ich danke Ihnen. Leben Sie wohl. Mein schönes, mein freundliches Frühlingsfest! – Ist er denn wirklich gar so krank? – Gehen Sie nicht fort, Cousin! Wir sprechen uns noch. – Glauben Sie mir, der Onkel ist eine Art malade imaginaire. – Das italienische Klima schlägt ihm vortrefflich an. Doch was hegt daran! Der Ball wird verschoben. – Ich wette, die Seeluft kurirt ihn ganz. Ab durch die Mitte.


Quelle:
Dichtung aus Österreich. Anthologie in drei Bänden und einem Ergänzungsband, Band 1, Wien und München 1966, S. 312-313.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Stramm, August

Gedichte

Gedichte

Wenige Wochen vor seinem Tode äußerte Stramm in einem Brief an seinen Verleger Herwarth Walden die Absicht, seine Gedichte aus der Kriegszeit zu sammeln und ihnen den Titel »Tropfblut« zu geben. Walden nutzte diesen Titel dann jedoch für eine Nachlaßausgabe, die nach anderen Kriterien zusammengestellt wurde. – Hier sind, dem ursprünglichen Plan folgend, unter dem Titel »Tropfblut« die zwischen November 1914 und April 1915 entstandenen Gedichte in der Reihenfolge, in der sie 1915 in Waldens Zeitschrift »Der Sturm« erschienen sind, versammelt. Der Ausgabe beigegeben sind die Gedichte »Die Menscheit« und »Weltwehe«, so wie die Sammlung »Du. Liebesgedichte«, die bereits vor Stramms Kriegsteilnahme in »Der Sturm« veröffentlicht wurden.

50 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon