Vierter Auftritt

[330] Baldinger. Hermine.


BALDINGER. Ein wunderlicher Kauz, nicht wahr? Etwas rauh und barsch, aber tüchtig. Ich sehe aus Allem, daß Du ihm eigentlich nicht mißfällst.

HERMINE etwas verletzt. Ich fühle mich sehr geschmeichelt, die Zuneigung eines Menschen gewonnen zu haben, welcher Wasserräder macht und mich Madame nennt.

BALDINGER sanft. Mein Kind, die Wasserräder macht er mir zu Liebe; er will mein Diener sein, und ist im Grunde mein Freund.

HERMINE nach einer kleinen Pause. Was sprach er denn da von nicht Wort halten?

BALDINGER. Das war ein Scherz – Abbrechend. Aber er nannte Dich Madame?

HERMINE. Du hast es gehört.

BALDINGER. Madame! Das ist nun freilich schlimm. Sieh doch! Madame. Je nun! Du bist meine Frau, die Frau eines Fabrikanten: die nennt man gewöhnlich Madame. Allein Dein voriger Gemal war ein Cavalier, Du bist den Titel: gnädige Frau gewohnt. Hubert weiß das nicht. Ich will ihn bedeuten –[330]

HERMINE. Bleib' doch, Franz – er mag mich nen nen, wie er will.

BALDINGER. Neue Verhältnisse, neue Namen! Der Name ist Schall und Rauch: unser Verhältniß ist unser Verhängniß. – Nun Hermine, wie gelallt dir dieses Schloß?

HERMINE. Nicht übel.

BALDINGER. Es ist alt und geschmacklos genug, um völlig wieder modern zu sein, was man jetzt Rococo nennt. Die Geister der Wildenhains spuken noch darin umher, aber wir wollen sie nach und nach bannen. Das Er weist auf die Geräthe an der Wand. und das Er öffnet einen Bücherschrank. verscheucht am besten den finsteren Geist des Mittelalters, den gewisse Leute gar zu gern wieder herauf beschwören möchten.

HERMINE. Eine Bibliothek –

BALDINGER. Von Dichtern, Historikern, Technikern und Philosophen. Die neue Zeit ist die Zeit des Gedankens. Alles geschieht durch ihn, nichts ohne ihn. Zum Glück leben wir in einem Lande, welches seine Macht immer mehr und mehr anerkennt. Auch der Mann der Industrie darf sich dem Einfluß der Idee nicht entziehen. Helfen wir doch mit Webstuhl und Rad, mit Dampfkessel und Eisenbahn den neuen Boden der Gesellschaft zimmern! – Hier, liebe Frau, sind Deine Appartements, mit manchem Schönen geschmückt, was ich auf meinen Reisen gesammelt. Dort sind meine Arbeitszimmer, für Jedermann verschlossen als für Hubert – und für Dich. Ich freue mich auf den Augenblick, wo Du kommen wirst, mich ein wenig zu stören. – Und nun sieh zu, ob ich mit meinen Anordnungen Deinen Geschmack getroffen; richte, ändere, stelle ab und zu, thu' was Dir gut dünkt, und fehlt's irgendwo, so wende Dich nur an den mathematischen Murrkopf, der überall Bescheid weiß.

HERMINE. Mir ist hier Alles neu und ungewohnt. Ein Zweifel, ein Bangen überfällt mich, ob ich mich auch in das Rechte, Gehörige zu schicken weiß – aber das wird sich geben, nicht wahr? Du mußt nur Anfangs Geduld mit mir haben.

BALDINGER herzlich. Eines mit dem Andern, liebe Hermine, Eines mit dem Andern. Lebe wohl! Er begleitet sie nach dem Zimmer, rechts vom Schauspieler.


Quelle:
Dichtung aus Österreich. Anthologie in drei Bänden und einem Ergänzungsband, Band 1, Wien und München 1966, S. 330-331.
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