Erster Auftritt.

[19] Susanne. Figaro.


FIGARO. Neunzehn Fuß zu sechsundzwanzig.

SUSANNE. Sieh nur, Figaro, meinen schönen Brautkranz; steht er mir so besser?

FIGARO. Unvergleichlich, mein Schätzchen. Welche Gefühle dieser jungfräuliche Myrthenkranz nebst Brautschleier am Hochzeitsmorgen in der glücklichen Brust des Bräutigams erweckt!

SUSANNE. Was hattest du denn auszumessen?

FIGARO. Ich rechnete aus, ob das große Himmelbett, das der gnädige Herr uns schenkt, hier Platz hat.

SUSANNE. In diesem Zimmer?

FIGARO. Seine Excellenz treten es uns ab.

SUSANNE. Ich nehme es aber nicht an.

FIGARO. Und weßhalb?

SUSANNE. Weil ich nicht will.

FIGARO. Warum?

SUSANNE. Weil es mir nicht gefällt.

FIGARO. Ein hübscher Grund!

SUSANNE. Bin ich etwa gar Gründe schuldig? Beweisen, daß ich Recht habe, hieße zugeben, ich könne Unrecht haben. Giebst du mir nach, oder nicht?[19]

FIGARO. Was in aller Welt kannst du gegen dieses Zimmer einwenden, das für uns das bequemste im ganzen Schlosse sein wird? Hier sind wir mitten zwischen unserer Herrschaft. Nachts, wenn die gnädige Gräfin deiner bedarf, braucht sie nur zu läuten: Kling, ling, ling, – und, husch, husch, in zwei Schritten bist du bei ihr. Befiehlt der gnädige Herr mir etwas, Mit tieferem Tone. kling, ling, ling, so läutet er auf seiner Seite, und, eins, zwei, drei, bin ich an seinem Bett.

SUSANNE. Vortrefflich! Und wenn nun der gnädige Herr Morgens in aller Frühe läutet – Kling, ling, ling, – und dir einen recht weiten, langen Weg aufträgt, – husch, husch, sind Seine Excellenz an meiner Thür, und eins, zwei, drei an meinem ....

FIGARO sie hastig unterbrechend. Susanne, was soll das heißen?

SUSANNE. Nichts weiter, mein Freund, als daß Seine Excellenz, der Herr Graf Almaviva, unser gnädigster Herr und Gebieter, der Liebeleien und Abenteuer auf dem Lande endlich satt geworden, in Hochdero Schloß zurückzukehren geruhen wollen. Aber nicht zu der Gräfin, seiner Gemahlin, – sondern – zu der deinigen, mein armer Figaro; für welchen Zweck ihm dieses Zimmer ganz außerordentlich gelegen scheint. So wiederholt mir wenigstens alle Tage der ehrliche Basilio, Musikmeister im Schlosse und geheimer Agent in den Privatangelegenheiten Seiner Excellenz.

FIGARO. Basilio, o du mein würdiger Busenfreund! Aber, Geduld! Wenn jemals ein gesunder Haselstock einen falschen Katzenbuckel gerade geklopft hat, so wird dieser Buckel der deine und dieser Stock der meinige gewesen sein!

SUSANNE. Hast du geglaubt, armer Junge, die Mitgift, welche Excellenz mir giebt, wäre der Lohn deiner Verdienste?

FIGARO. Ich habe genug für ihn gethan, um dies hoffen zu dürfen.

SUSANNE. Wie dumm doch manchmal die gescheitesten Leute sind!

FIGARO kleinlaut. Das sagt man allerdings.

SUSANNE. Aber man glaubt es nicht.[20]

FIGARO noch kleinlauter. Man hat Unrecht.

SUSANNE. Erfahre denn, daß der Graf mit jener Mitgift ein heimliches Stelldichein sich erkaufen will, ein gewisses gutsherrliches altes Recht .... du weißt, wie schrecklich es war.

FIGARO. Ob ich das weiß! Hätte der Herr Graf bei seiner Vermählung dies abscheuliche Recht nicht abgeschafft, ich würde dich als seine Unterthanin niemals gefreit haben.

SUSANNE. Nun bereut er aber, es abgeschafft zu haben, und mit deiner Braut möchte er, ganz im Stillen, es heute wieder einführen.

FIGARO in einen Stuhl sinkend. Ich falle aus den Wolken.

SUSANNE. Bitte, nur nicht auf den Kopf! Du könntest dir eine Beule schlagen, Ihn streichelnd. ein ganz kleines zierliches Hörnlein.

FIGARO. Du lachst, Schelmin, während mir der Angstschweiß vor der Stirn steht. Sich die Stirn reibend. Hm, hm, hm! Giebt es denn da gar kein Mittel, einen vornehmen Wilddieb, der uns in's Gehege geht, abzufangen und abzustrafen?

SUSANNE. List und Geld: nun ist Herr Figaro in seinem Element.

FIGARO immer nachsinnend. Gewissensskrupel halten mich nicht ab.

SUSANNE. Aber die Furcht?

FIGARO. Ich scheue keine Gefahr, wenn ich einen Vortheil sehe. Das ist freilich keine Kunst, einen fremden Eindringling in seinem Eigenthum zu erwischen und mit einer Tracht Prügel heimzuschicken. Tausend Narren haben das gethan. Besser ...


Es läutet hinter der Scene.


SUSANNE. Horch, meine Gräfin ist wach. Sie hat es mir besonders auf die Seele gebunden, daß ich die Erste sein soll, die sie an meinem Hochzeitstage spricht.

FIGARO. Was ist denn nun dabei wieder?

SUSANNE. Nur ein kleiner Aberglaube. Unser alter Schäfer sagt, mit einer Braut am Hochzeitsmorgen reden, bringt verlassenen Frauen Glück. Ich muß zu ihr. Auf Wiedersehen, mein kleiner,[21] feiner Fi..Fi..Figaro. Denk' hübsch nach, wie wir uns aus der Schlinge ziehen.

FIGARO bittend. Ein Küßchen, um meinen Verstand zu erleuchten!

SUSANNE. Warum nicht gar? Was würde der Herr Gemahl morgen sagen, wenn ich heute dem Herrn Bräutigam das erlaubt?

FIGARO küßt sie. O Susanne, wenn du wüßtest, wie lieb ich dich habe!


Es läutet noch einmal.


SUSANNE sich losreißend. Erzähle mir das heute Abend. Im Abgehen ihm eine Kußhand zuwerfend. Da haben Sie Ihren Kuß wieder; ich will nichts behalten, was Ihnen gehört!

FIGARO ihr nacheilend. Susanne! Sie entflieht.


Quelle:
Beaumarchais [Pierre-Augustin Caron de]: Figaro's Hochzeit. Leipzig [o. J.], S. 19-22.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
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Die Figaro-Trilogie: Der Barbier von Sevilla oder Die nutzlose Vorsicht / Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit / Ein zweiter Tartuffe oder Die Schuld der Mutter

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