Eilfter Auftritt.

[55] Graf. Gräfin. Susanne.


SUSANNE mit einem Knix vortretend und den Grafen kopirend. Er fällt von meiner Hand! Laut auflachend. Nun, so tödten Sie ihn doch, den gefährlichen Pagen!

GRAF ganz erstarrt, für sich. Meisterhaft gespielt! Mit einem halben Blick auf die Gräfin, die ebenfalls wie versteinert in ihrem Sessel liegt. Und sie stellt sich auch noch erstaunt und erschreckt! Von einem Gedanken durchzuckt. Halt! Vielleicht war sie nicht allein drin. Stürzt in das Kabinet.

SUSANNE zur Gräfin eilend, rasch und leise. Erholen Sie sich, gnädige Frau! Er ist gerettet! Ein Sprung aus jenem Fenster, und weg war er!

GRÄFIN nach einem unterdrückten Angstschrei, lallend. Susanne, welch ein schreckliches Spiel war das!

GRAF aus dem Kabinet kommend, sehr verlegen. Niemand drin! Diesmal hab' ich Unrecht! Kurze Pause. Gräfin, – Sie spielen vortrefflich Komödie!

SUSANNE. Und ich erst, Excellenz?

GRÄFIN schweigt, ihr Taschentuch vor das Gesicht haltend.

GRAF nähert sich der Gräfin halb beschämt, halb zweifelnd. So war dies alles nur ein Scherz?

GRÄFIN sich allmählig fassend. Warum nicht?[55]

GRAF. In der That, ein grausamer Scherz! Und zu welchem Zweck?

GRÄFIN sicherer geworden. Verdient Ihre Thorheit Schonung?

GRAF. Thorheit – die Sorge um meine Ehre!?

GRÄFIN. Bin ich verpflichtet, ewig leidend zwischen Ihrer Gleichgültigkeit und Ihrer Eifersucht zu stehen?

GRAF bittend. Gräfin!

SUSANNE. Wie nun, wenn die gnädige Gräfin hätte gewähren lassen, wenn die Schloßdienerschaft hier versammelt worden wäre?

GRAF. Ich bin tief beschämt.

SUSANNE. Das ist Euer Excellenz einmal recht gesund.

GRAF. Warum kamst du nicht, als ich rief? Du Schalk!

SUSANNE. Weil ich mich anzog. Und dann verbot mir ja auch meine gnädige Gräfin zu antworten. Halblaut, zum Grafen. Sie wußte wohl, warum.

GRAF. Statt meine Schuld zu vergrößern, hilf mir Verzeihung erlangen.

GRÄFIN. Das Unrecht war zu schwer. Ich werde mich in ein Kloster zurückziehen; ich sehe ein, daß es höchste Zeit dazu ist.

GRAF. Könnten Sie mich so leicht verlassen?

SUSANNE. Ich weiß gewiß, am Tage des Abschieds käme die Reue.

GRÄFIN. Wenn auch, Susanne. Lieber bereuen, als unwürdig verzeihen. Er hat mich zu tief verletzt.

GRAF. Rosine!

GRÄFIN. Ach, die bin ich nicht mehr, nicht Rosine, die Sie anbeteten, liebten, entführten; ich bin die arme Gräfin Almaviva, die von ihrem Gatten verlassene, gekränkte Frau.

SUSANNE beschwichtigend. Gnädige Gräfin!

GRAF. Habe Mitleid!

GRÄFIN. Hatten Sie es für mich?

GRAF. Bedenke, wie ich gereizt worden durch den anonymen Brief.

GRÄFIN. Er war geschrieben ohne meine Einwilligung.

GRAF. Aber du wußtest darum?[56]

GRÄFIN. Figaro's Unbesonnenheit.

GRAF. Figaro auch im Spiel?

GRÄFIN. Er hatte den Brief an Basilio gegeben.

GRAF. Und Basilio sagte mir, er habe ihn von einem Bauern empfangen. Wart', doppelzüngiger Musikmeister, du sollst mir für Alle bezahlen.

GRÄFIN. So sind die Männer. Von uns verlangen sie Vergebung für sich, und sie selbst wollen an Andern sich rächen. Nicht doch. Wenn ich verzeihe, geschieht es nur unter der Bedingung eines Generalpardons.

GRAF. Zugestanden, und das von Herzen. Aber nun erkläre mir auch, wo ihr Frauen die Kunst der Verstellung erlernt? Du erröthetest, du weintest; dein ganzes Gesicht war voll Aufregung. Wahrhaftig, es ist es noch!

GRÄFIN gezwungen lächelnd. Ich erröthete über deinen Verdacht.

GRAF lachend. Und der Page mit seinem unordentlichen Anzug ...

GRÄFIN auf Susanne deutend. Da ist er. Nicht wahr, ihm begegnen der gnädige Herr lieber als dem anderen?

GRAF lauter lachend. Dann dein Kniefall, deine Thränen.

GRÄFIN. Ich muß mitlachen, wo ich weinen möchte.

GRAF. Wir Männer sind Kinder in der Politik und Diplomatie. Dich, nicht mich, sollte der König als Botschafter nach London schicken. Welch ein tiefes Studium muß euer Geschlecht in der Selbstbeherrschung gemacht haben, um es zu solcher Vollkommenheit zu bringen.

GRÄFIN. Das eurige zwingt uns dazu.

SUSANNE. Man glaube uns nur auf's Wort, und wir sind die ehrlichsten Menschen von der Welt.

GRÄFIN. Genug davon.

GRAF. Nicht eher, bis du noch einmal sagst, du hast vergeben.

GRÄFIN. Susanne, hab' ich das schon gesagt?

SUSANNE. Ich habe nichts gehört.

GRAF. So sprich es jetzt aus, das holde Wort: Vergebung![57]

GRÄFIN. Verdienen Sie es?

GRAF. Durch meine Reue!

SUSANNE. Einen Mann im Kabinet der gnädigen Gräfin vermuthen!

GRAF. Ich bin dafür bestraft.

SUSANNE. Ihrem Wort und dem ihrer ehrlichen Kammerjungfer nicht trauen!

GRAF. Rosine, ich kniee, wie du: Vergebung!

GRÄFIN dem Grafen die Hand reichend, die dieser hastig und mehre Male küßt. Nun, da hast du sie! In des Grafen Armen. Sieh weg, Susanne! Meine Schwäche giebt dir ein schlimmes Beispiel.

SUSANNE. Frauenschicksal, in das ich mich zum Voraus ergebe!


Quelle:
Beaumarchais [Pierre-Augustin Caron de]: Figaro's Hochzeit. Leipzig [o. J.], S. 55-58.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Figaros Hochzeit oder Der tolle Tag
Die Figaro-Trilogie: Der Barbier von Sevilla oder Die nutzlose Vorsicht / Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit / Ein zweiter Tartuffe oder Die Schuld der Mutter

Buchempfehlung

Suttner, Bertha von

Memoiren

Memoiren

»Was mich einigermaßen berechtigt, meine Erlebnisse mitzuteilen, ist der Umstand, daß ich mit vielen interessanten und hervorragenden Zeitgenossen zusammengetroffen und daß meine Anteilnahme an einer Bewegung, die sich allmählich zu historischer Tragweite herausgewachsen hat, mir manchen Einblick in das politische Getriebe unserer Zeit gewährte und daß ich im ganzen also wirklich Mitteilenswertes zu sagen habe.« B.v.S.

530 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon