XIX. Der Regenbogen.

[78] Wer kann den Himmel fassen, wer über Wolken gehn?

Wer auf der Asgard-Brücke, wie Heimdal, selig stehn?

Greift nach dem Friedensbogen, wem doch der Friede fehlt,

Dem er sein Selbst entzogen, von Zweifeln bang gequält? –


Und Faustus, wie so friedlos, freudlos und ruhelos

Ist er, klein an Vergnügen und doch an Ruhm so gross!

So arm an Wunscherfüllung und doch an Wünschen reich,

So niedrig hier wie Bettler, dort Pharaonen gleich!


Er will nicht mehr die Menge, nicht mehr des Ruhms Geleit,

Ihm ist die Welt zu enge, doch Einsamkeit zu weit.

Ist müde der Bewundrung, geht friedlich seine Bahn,

Und schliesset still sich Menschen zufriednen Sinnes an.


Mit Handelsleuten zieht er, die nicht für Wunder Sinn,

Ihr Zauberstab heisst rechnen, ihr Streben heisst Gewinn.

Das Hundert thun zum Hundert ist ihre Wissenschaft,

Und wird sie nicht bewundert, übt sie doch Zauberkraft. –[78]


Hoch auf dem Odenwalde hebt sich ein stolzes Schloss,

Den Herrn drin zu begrüssen zieht hin der Krämertross.

Sie laden auch den Magus, den unbekannten, ein,

Und seinen Gästen bietet der Schlossherr edlen Wein.


Sie trinken froh und klingen oft an auf gute Fahrt,

Auf günstges Glück der Messe, so ganz nach Krämer Art.

Sie plaudern von den Freuden, die Frankfurt immer beut,

Und schelten schlimm die Zeiten; schlimm schilt man jede Zeit.


Als sie das Schloss verlassen, zeigt sich in hoher Pracht

Ein heller Regenbogen auf grauer Wolkennacht.

»Ha seht! Ein gutes Zeichen, das heitre Fahrt verspricht!

Die Stürme werden schweigen! Gegrüsst, du himmlisch Licht!«


So rufen die Genossen, drauf Faust die Stimm' erhebt:

»Soll ich den Bogen fassen, der dort auf Bergen schwebt?«

Ungläubig lächeln Alle, Wahnsinn dünkt sie das Wort,

Der Zaubrer winkt, und her zieht das Meteor sofort.


Ausstreckt er seine Rechte, greift in den bunten Glanz;

Und über Allen prachtvoll wölbt sich der Farbenkranz.

Da stehn sie stumm und staunend, gefesselt Wort und Blick.

Und langsam schwebt der Bogen, wo vor er stand, zurück.


Halb lächelnd drauf blickt Faustus, halb ernst die Männer an,

Die ehrfurchtvoll wie graunvoll auf den Begleiter sahn.

Sein Ansehn scheint verwandelt; der so bescheiden schien,

Steht jetzt gleich einem König, und blickt so stolz und kühn.[79]


Und spricht: »Sagt, gute Männer, ob, was ich Euch gezeigt,

Nicht Eurem nichtgen Streben, ob's Eurem Selbst nicht gleicht?

Ihr fasst mich nicht? Der Schimmer, wie flog er schnell dahin?

Ich nenn' ihn eitles Glänzen; ihr nennet ihn: Gewinn


»Wie ich nach jenen Farben, so hascht Ihr nach dem Glück.

Es eilt Euch schnell zu Handen, und gleich schnell eilt's zurück.

Gar holden Glanzes naht es, und leuchtet schön, doch wisst

Dass der Fortuna Schleier ein Irisbogen ist.« –


Er sprichts und geht von dannen, fort in die Dämmerung;

Ein Geist, der nicht zu bannen durch Zauberstabes Schwung,

Ein Geist, der düster mahnend, von verlornen Himmeln sprach,

Geht mit ihm, wie sein Schatten, geht mit ihm Nacht und Tag.


Der flüstert jetzt: »Was predigst Du Jenen vom Gewinn,

Die still und ruhig wandeln bescheidne Pfade hin?

Indess Du selbst vermessen nach einem Glanz gefasst,

Darob Du Gott vergessen, Dein Glück gemordet hast!«


»Der Mensch greift in die Zukunft nach buntem Schimmerglück

Mit Wünschen heisser Sehnsucht, mit manchem Hoffnungsblick.

Er fasst den Irisbogen, den Zauberfarbenschein;

Bald ist der Glanz entflogen, nur Thränen – bleiben sein.«


»Wen falscher Schimmer blendet, dem wird des Truglichts Strahl

Zur Qual die nimmer endet, bis mit der letzten Qual.

Die Gluth, um die die Mücke mit lautem Flügel spielt,

Sie wird zum Dolch, der brennend sich in ihr Leben wühlt!«[80]


»Wer kann den Himmel fassen? Wer über Wolken gehn?

Dort, wo nur reine Geister des Vaters Klarheit sehn? –

Der Du mit Trug und Täuschung der Menge Sinn verkehrst,

Dir wäre besser, wenn Du nie, nie geboren wärst!« –[81]


Quelle:
Bechstein, Ludwig: Faustus. Ein Gedicht, Leipzig 1833, S. 78-82.
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