XXXVIII. Prophezeihung.

[153] »Und muss es sein, ertönt mir der Todtenglocke Klang,

So will ich mich bereiten zu meinem letzten Gang.

Will schauen in den Spiegel was Künftiges geschieht,

Man sagt ja, dass im Sterben der Geist weit heller sieht!«


So Faustus spricht, und einsam forscht er der Zeiten Lauf,

Und was den Blicken kund wird, er zeichnet's fleissig auf.

Und mehr als ein Jahrhundert steht ihm vor Augen klar,

Das sammt den Riesenthaten noch ungeboren war.


Und Wagner hat gar sorgsam die Schriften aufbewahrt,

In denen sein Gebieter die Zukunft offenbart.

Aus jenen alten Rollen, des Wagner bestem Hort,

Tönt mit bedeutungsvollem Prophetenbild das Wort:


»Ich las im Buch der Zeiten, das ist ein dunkles Buch,

Von Greueln vollgeschrieben und schwer von Völkerfluch.

Sah Blätter, die noch leer sind, mit Thaten schon bemalt,

Und Schulden, die blutschwer sind, die sah ich schon bezahlt.«[153]


»Zeit zeichnet ihre Thaten mit Blut und Thränen auf;

Goldstaub zermalmter Kronen streut sie statt Sandes drauf.

Und ist Blut ihre Tinte, dann ist das Schwert ihr Kiel;

Nicht müd' wird sie des Schreibens, sie hat des Stoffs zu viel.«


»Ich sah im Buch der Zeiten das alte Babylon;

Dort sitzt ein stolzer Herrscher auf einem heilgen Thron.

Und um ihn her die Hirten der Völker seh' ich knie'n,

Die Gott vergessend kommen und beten an – nur ihn


»Er hält in seiner Linken den Schlüssel, strahlend sehr,

Es fällt das helle Blinken auf Himmel, Land und Meer.

Er neigt in seiner Rechten den Kreuzesstab zum Gruss,

Und den demüthgen Knechten reicht er den Fuss zum Kuss.«


»Er schmiedet Völkern Ketten uralter Finsterniss;

Er ist ein Wolf, der wüthend das weisse Lamm zerriss.

Ein Löwe, der umherbrüllt, wen er verschlinge, sucht,

Ist in Jehovas Tempel ein Wechsler, gottverflucht.«


»Da, wie der Hochgewaltge voll Gottesmajestät,

Voll Uebermuth und Herrschsucht sich auf dem Throne bläht,

Da sch' ich aufwärts steigen den silberweissen Schwan,

Der zündet eine Fackel am Wahrheitspiegel an.«


»Und wilder Kampf entbrennt nun des Morgens mit der Nacht,

Des Geistes mit dem Worte, der Schwachheit mit der Macht;

Der Freiheit mit der Knochtschaft, der Wahrheit mit der Lüge;

Wie trägt der Zeiten Bildniss so blutentstellte Züge!«[154]


»Der Halbmond steigt im Osten mit rothem Glanz empor,

Der hohen Pforte Wächter pocht an das Kaiserthor.

Lasst Türkenglocken läuten, den Himmel fleht um Schutz!

Es bieten böse Zeiten sogar dem Himmel Trutz.«


»Nach einem neuen Weltheil hinschifft Hyänenwuth,

Und trinkt zur Ehre Gottes sich satt im Heidenblut;

Und bringt den armen Völkern, anstatt dem sanften Heil,

Nur Laster, Sklavenketten, Tortur und Henkerbeil.«


»Es eilet aus Hispanien ein junger Leu daher,

Zur Hülfe jenem Alten, und mit ihm Wolf und Bär;

Doch kühn zum Kampfe stellen darf ihnen sich der Schwan,

Fruchtlos die Hunde bellen den Mond, den reinen, an.«


»Aus einer Klosterhöhle, darin sie träumte, kriecht

Die listenreiche Schlange, die jede Farbe lügt:

Die sich um Throne ringelt, in Fürstenherzen schleicht,

Und jedes Mittel heiligt, das seinen Zweck erreicht.«


»Dort schlägt ein blutger Tiger die Tatz' ins Niederland;

Dort wirft die Riesenflotte der Sturmwind an den Strand.

Dort wird gar lustge Hochzeit gehalten in Paris;

Setzt roth in die Kalender den Tag, ihm ziemet diess.«


»Und aus dem Schooss der Zeiten aufsteigt ein Meteor,

Das eine Flammenfahne schwingt vor dem Himmelsthor;

Doch in dem Purpurglühen das vom Verderben spricht,

Stehn Himmelssterne freundlich mit ihrem ew'gen Licht.«[155]


»Ich sehe düstre Fackeln durchlodern alle Land',

Und das sind Scheiterhaufen, entflammt von Henkerhand.

Und Feuerzeugen sind es, die lästern Gott in Qualen,

Und sind die Goldbuchstaben in der Zeiten Blutannalen.«


»Den Fanatismus seh' ich in Hütten, auf dem Thron;

Er ist ein blinder Schütze, ein giftger Skorpion.

Seh' Königshäupter rollen, hei, wie der Blutborn springt!

Wie dumpf durch alle Länder die Todtenglocke klingt!«[156]


Quelle:
Bechstein, Ludwig: Faustus. Ein Gedicht, Leipzig 1833, S. 153-157.
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