XLIV. Schwermuth.

[177] Oft liegt des Sommers Schwüle schwerdrückend auf der Flur;

In dunstge Schleier hüllt sich des Firmaments Azur.

Und dräuend niederhängend ziehn Wolken, schwarz und schwer,

Ein banges Schweigen waltet, kein Leben regt sich mehr.


So liegt ein drückend Bangen auf Faustus Seele hart,

Vom Trauerflor umhangen ist seine Gegenwart.

Und Grausen macht ihn zittern, wenn er zur Zukunft blickt,

Die finster, gleich Gewittern, schwer, furchtbar, näher rückt.


Es wandelt übern Erdkreis ein stilles Weib voll Granen,

Gespensterbleich und schweigsam; weh denen, die sie schauen.

Um ihren Frieden ist es auf immer dann gethan;

Sie stiert mit Wahnsinnblicken die Menschenkinder an.


Sie trägt nicht Wehr, nicht Waffen, sie wandelt ganz allein;

Doch schon ihr Anblick wandelt das Leben fast in Stein.

Sie macht die Stärke zittern, macht schwer Muth, Kraft und Geist,

Daher nicht unbedeutsam Schwermuth die Pilgrin heisst.[177]


Und Schwermuth tritt zu Faustus mit dem Eumenidenblick,

Mit dem Medusenantlitz, furchtbar, wie das Geschick.

Er sitzt in düstrer Kammer, dumpfbrütend, trüb und trüber;

Und langsam setzt sich Schwermuth dem Stillen gegenüber.


Und hebt die welke Hand auf aus Schleiern silbergrau;

Die blassen Lippen zittern der geisterbleichen Frau.

Sie flüstert leise, leise, doch was sie flüsternd sprach,

Das braust wie Windsbrautheulen kalt, schneidend durchs Gemach.


»Du bist verworfen, Faustus! Hast Aussicht nur auf Qualen;

Der Richter im Gerichte reicht Dir des Zornes Schalen.

Der Staubgebornen Keiner hat sich gleich Dir, vermessen,

Und wie Du Deinen Schöpfer, so wird er Dein vergessen!«


»Dein ganzes Sein war Lästrung, war Frevel, nie zu sühnen!

Was Du gethan, dess durften sich Teufel kaum erkühnen!

Den Teufeln bleibt noch Hoffnung dereinst erlöst zu werden;

Für Dich giebt's keine Hoffnung, nicht droben, nicht auf Erden!«


»Du bist gerichtet, Faustus, darfst nie zu hoffen wagen!

Du lästertest den Vater, Du hast den Sohn geschlagen!

Den heilgen Geist der Liebe, den Gott der Welt verliehen,

Hast teuflisch Du verhöhnet, Du hast ihn angespieen!«


»Du kannst nicht beten, Faustus, nicht glauben mehr, nicht hoffen!

Verschlossen ist der Himmel, die Hölle steht Dir offen.

Erlöst war Deine Seele – Du hast sie losgerissen

Vom Lichtschooss der Erlösung zu Grabesfinsternissen.«[178]


»Du bist ein Bild, das blutig Verzweiflung übermalet;

Du bist ein Stern der auslöscht, und nimmer wieder strahlet!

Der tief zum Abgrund sinket, wo Tagglanz muss erblinden,

Und ob ihn Engel suchten, sie können ihn nicht finden.«


»Und ob Dich Tröstung suchte mit ihrer sanften Leuchte,

Dein Anblick, der verfluchte, selbst Tröstung von Dir scheuchte.

Fahr hin, fahr hin in Schrecken, Gott will kein Theil an Dir haben!

O möchten Dich Berge decken, und Welten Dich begraben!« –


So spricht die düstre Schwermuth, und was die Schwermuth sprach,

Das seufzt in Faustus Herzen ein wimmernd Echo nach.

Er weiss nicht, wo die Stimmen? Ob in, ob ausser ihm?

Sein Haupt scheint zu umrauschen zornvoll ein Cherubim.


Stumm sitzt er, wie ein Steinbild auf einem Sarkophag;

Und mehr als Marmor drückt ihn was lastend auf ihm lag.

Mehr als Gedanken fassen ist seine Brust voll Qual;

Verödet, ganz verlassen, zerrissen tausendmal.


Sein Auge hat nicht Thränen, nicht Seufzer mehr sein Mund;

Sein Herz hat keinen Balsam, und ist so todeswund,

Und klopft so laut und heftig, und ist doch todesmatt;

Er zittert vor dem Sterben, und ist doch lebenssatt.


Es klopfet dumpf die Schwermuth an einen alten Sarg,

Darin der Sünder lange still sein Gewissen barg.

Jetzt birst er, und die Leiche steigt lebend aus dem Schrein,

Da meint vor Angst der Sünder, er muss des Todes sein![179]


Und schreit laut auf beim Anblick der ernsten Richterin,

Und sinkt vor seinem Lager starr in Betäubung hin.

Ihm ist als flirren Flügel von Larven um ihn her,

Und rings ist tiefes Schweigen, kein Leben regt sich mehr.[180]


Quelle:
Bechstein, Ludwig: Faustus. Ein Gedicht, Leipzig 1833, S. 177-181.
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