IX. Der Famulus.

[40] Des Winters Stürme tosen wild durch die todte Flur;

Im Leichentuche ruhet festschlafend die Natur.

Es wirbeln dreh'nde Flocken, Schneeperlen rieseln kraus,

Wie weisse Schleier wallend um Hain und Hütt' und Haus.


Da mag wohl Keiner wandeln auf sturmumbrauster Bahn;

Da klopft oft bleicher Mangel an reichen Pforten an.

O selig, wem mit Mitleid der Herr das Herz begabt,

Dass er gern Armen aufthut, sie kleidet, wärmt und labt.


Denn Mitleid ist ein Palmbaum, der in der Wüste steht,

Ihn hat für arme Wandrer die Huld des Herrn erhöht.

Ein warmer Quell ist Mitleid, der uns im Herzen fliesst,

Und seine heilgen Perlen in manches Aug' ergiesst. –


Im Prachtgemach sitzt Faustus, nicht in der Zelle mehr;

Das ist von alten Büchern und altem Hausrath leer.

Voll ist's von schönem Bildwerk, von seltnen Schilderein,

Rings am Geräthe prangen Gold, Silber, Elfenbein.[40]


Da hört er auf dem Vorsaal ertönen frommen Sang;

»Wie? War nicht längst verstummt hier der heilgen Lieder Klang?

Horch! Ave maris stella! Wer mag der Sänger sein?

Die Stimme klingt melodisch; herein, Gesell, herein!«


Wie Faustus freundlich öffnet, so steht ein Jüngling dort,

Von frostbewegter Lippe bebt ihm ein bittend Wort.

»Ein Schüler, Herr, ein armer, fleht ein Viaticum,

Dess lohn' Euch der Erbarmer, und geb' Euch Glück darum!«


›Tritt ein, setz' Dich zum Feuer, Gesell, tritt immer ein;

Das Feuer wärmt die Hand Dir, das Herz erwärmt der Wein.

Dann sprich, von wo Du herkommst zu solch unholder Zeit?

Ich bin, vermags ich irgend, zur Hülfe Dir bereit!‹


»Euch segnen, Herr die Götter, die hohen, allzumal!

So reicht die Hand ein Retter mir nach so bittrer Qual!

Ich will Euch treu berichten von mir mit wahrem Mund,

Sind trüb' auch die Geschichten, und brennen's Herz mir wund!«


›Gut sprichst Du, Jüngling! Lüge wohnt Dir nicht im Gemüth,

Das künden Deine Züge, die klar mein Auge sieht.

Mich täuschet Keiner; nenne mir nun den Heimathort,

Und Vater, Mutter, Namen, das künde mir sofort.‹


»Vom Vater – lasst mich schweigen!« spricht er mit trübem Ton:

»Mir lebt nur der im Himmel; ich bin – ein Priestersohn.

Die Mutter – starb; mir drohte des Klosters harter Zwang,

Ich – sehnte mich nach Freiheit, ich trug's nicht – ich entsprang.«[41]


»Mein Name? Christoph Wagner; mein Erbe! dies Gewand;

Und Wasserburg die Heimat, am Inn im Bayerland.

Ich weiss Latein und Griechisch; bin fleissig, diente gern,

Noch mehr mich auszubilden, bei solch gelahrtem Herrn.«


›Was reden heisst, mein Wagner, so sprichst Du leidlich gut;

Doch brauch' ich einen Diener, dem schweigen nöthig thut.

Ja, könnt' ich Tiefgeheimes, Gesell, Dir anvertrauen,

Und wärst Du muthgen Herzens, und frei von kindschem Grauen –?! –‹


»Nicht besser schweigt der Todte sechs Fuss tief unterm Stein,

Als ich Euch fest gelobe, verschwiegen, treu zu sein!

Und wären jene Mähren, die von Euch umgehn, wahr, –

Ich bin nicht bang vor Geistern, sie krümmen mir kein Haar.« –


Da rollt ein dumpfer Donner durchs Haus, die Wand erbebt,

Und still in grauer Kutte der Mönch durchs Zimmer schwebt,

Und schwindet durch die Mauer – der Jüngling aber stand

Und blickte ruhig seitwärts, hin, wo der Geist verschwand.


»Du zitterst nicht!!« verwundert und freudig ruft es Faust:

»Hat mir beim Erstenmal doch fast mehr, wie Dir, gegraust!

Wohlan, trägst Du Belieben, mein Famulus zu sein,

Verschwiegen, redlich, furchtlos, mein Wagner, so schlag' ein!«


›Verschwiegen, redlich, furchtlos, ein Tugendkleeblatt traun!

Vierblättrig aber sollt Ihr's an Eurem Diener schaun.

Dann bringt es Glück; ja, glaubet, dass Euer Wagner sei:

Verschwiegen, redlich, furchtlos, und bis zum Tod – getren!‹[42]


Des Winters Stürme tosen wild durch die todte Flur;

Meister und Schüler kosen von Kräften der Natur.

Ein Armer war gekommen hülflos an diesen Ort;

Ein Zauberlehrling lauscht schon auf seines Meisters Wort. –[43]


Quelle:
Bechstein, Ludwig: Faustus. Ein Gedicht, Leipzig 1833, S. 40-44.
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Faustus. Ein Gedicht
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