Prolog.

Es rauscht ein Quell im alten Eichenhaine

Am Riesengrab empor, das frühe Zeiten

Bedeckt mit einem kalten Leichensteine.


Und Geister seht Ihr um den Hügel schreiten,

Die Wache halten, treulich und beständig,

Und übers Grab die dunkeln Flügel breiten.


Denn der da drunten schläft, ist noch lebendig,

Und sendet Seufzer mit dem Quellenrauschen

Herauf, und sein Verlangen ist unbündig.


Das Dunkle will er mit dem Hellen tauschen;

Auf seine Klagen hat man oft geschen,

Dass Sänger dort an heilgen Stellen lauschen.


Die wollen gern den Wunderhort erspähen,

Von dem der Quell singt in gebrochnen Lauten,

Und seiner Tiefen Zauberwort verstehen.[1]


Und wenn sie lockten mit verwognen Lauten,

Hat sie der Sturm der Zeit erfasst, der mächtge,

Und weggewehet mit zerbrochnen Lauten.


Doch Einer sah die Nacht, die mitternächtge,

Erhellt, und ist zur Tiefe ganz gedrungen,

Und sang uns, was er dort geschaut, das Prächtge.


Er hat des Ruhmes hehren Kranz errungen,

Und zu dem einen hundert andre Zweige,

Die lorbeergrün sein Haupt mit Glanz umschlungen.


Und wagt noch Einer, dass er niedersteige

Zum Grab des Riesen und zum Sagenborne,

Und dort ein Menschenantlitz wieder zeige?


Ernst ist, die drunten wohnt, und streng die Norne;

Wird sie dem Kühnen schenken auch Erhörung,

Und Gaben aus dem Zauberwunderhorne?


Droht nicht der Lyra Sturmeshauch Zerstörung? –

Es sei gewagt, der Grabstein sei gehoben!

Die Geister bannt, nach altem Brauch, Beschwörung.


Tritt aus der Gruft, Gewaltger, gluthumwoben,

Der trotzig über alle Schranken strebte,

Wo minder Starken aller Muth zerstoben![2]


Der sich aus Mitternacht Gedanken webte;

Dann, ein Prometheus, felsenangekettet,

Ach, zwischen Höh'n und Tiefen schwankend schwebte!


Der sich zur argen Buhle: Wahn gebettet!

Du Armer, den ein Gott sah ringend sinken

Und hat Dich nicht aus irrer Bahn gerettet?!


Oft sah ich Dich im Traume dringend winken;

In frühen Jugendjahren schon, verblühten,

Wollt' aus dem Sagenborn ich singend trinken.


Denn mich umfing der Zauberten der Mythen,

Und königlich sah ich den Magus thronen,

Und Flammen sah ich, die den Thron umsprühten.


Da sucht' ich in den Schattenregionen

Des Hains Vergangenheit der Sage Quelle,

Und bei der Vorzeit Geistern durft' ich wohnen.


Mir ward die dunkle Quellenklage helle,

Und in die Zauberkreise trat ich wagend;

So ward vollbracht, was ich zu Tage stelle:


Halb stolz, dass ich's gethan, und halb verzagend.

Des Sängers Lieder sind sein eignes Leben,

Sind Pulse seines Herzens, freudig schlagend.[3]


Was mir das Herz durchglüht, ist Euch gegeben;

Nicht Andrer Sang, wie hoch sich dieser schwinge,

Gab Flügel der Begeistrung meinem Streben.


Ob Ihr das hoch nun achtet, ob geringe,

Mit Unvergleichlichem nur die Vergleichung

Des Liedes wollet meiden, das ich singe.


Denn strebt' ich treu nach meines Ziels Erreichung,

Zu schildern: welch Macht ausübt das Böse,

Und wie sich straft vom Lichtpfad die Entweichung:


So zeigt dem Volk nicht schmähend meine Blösse,

Nennt mir als Muster nicht den grössten Meister,

Legt nicht an mich den Maasstab seiner Grösse.


Für Alle rauscht der Zauberhain der Geister,

Und Allen quillt der Wunderborn der Sage,

Draus einer zaghaft schöpft, ein andrer dreister.


Treu fördre jeder seinen Schatz zu Tage!

Allseitig nimmt der Lichtstrahl seine Richtung,

Küsst Blüthen hier, erklärt dort Sarkophage;


Und ewig flammt das Morgenroth der Dichtung.[4]


Quelle:
Bechstein, Ludwig: Faustus. Ein Gedicht, Leipzig 1833, S. 1-5.
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