Die Schlangenamme

[681] »Es war einmal eine arme Frau«, erzählte die Schlange:

»die ging eines Morgens auf die Wiese, Gras zu mähen, und trug mit sich ihr kleines Kind, das noch an ihrer Brust trank. Sie legte das Kindlein, als sie dasselbe gestillt hatte und es[681] eingeschlafen war, sanft auf den Rasenrain, wo sie es weich und sorglich bettete, unter den Schatten einer alten Weide, welche hohl war. Im Stamme dieser Weide aber wohnte eine Schlange.

Die Frau wartete fleißig ihrer Arbeit, bis zur Stunde des Mittags, in der sie ihre Sense niederlegte, und hin zu ihrem lieben Kinde ging, ihm wieder Nahrung zu geben, so wie auch selbst ihr Mittagsbrot zu genießen. Als letzteres geschehen war, legte sie ihr Kindlein an ihre Brust und summte ihm ein Schlummerlied, und da der Tag sehr heiß war, und die Arbeit des Grasmähens die Frau auch ermüdet hatte, so entschlummerte sie selbst, und das Kind ließ ab von der Brust der Mutter und schlief in ihren Armen sanft ein.

Das alles hatte die kleine Schlange gesehen, die im Stamme der alten Weide wohnte, weil sie hervorgekrochen war, sich zu sonnen und zu sömmern in der heißen Mittagsluft, und weil wir Schlangen gerne Milch trinken, so schlich sie sich sachte herbei, und saugte sich an der Brust der jungen Mutter an, und trank mit großem Behagen die süße Muttermilch. Aber groß war der Schrecken jener Frau, als sie aus ihrem Schlummer erwachte, und nun gewahrte, welch einen ungebetenen Gast sie ernährte. Da erwachte die alte Feindschaft zwischen den Weibern und der Schlange auf das höchste, aber der Schlange gefiel es allzuwohl da, wo sie war, und die Frau durfte sie nicht mit Gewalt wegreißen, denn gleich beim ersten Versuche hielt sich die Schlange so fest, daß es schmerzte, und die junge Mutter mußte gewärtigen, daß die Schlange sie beißen würde, wenn sie ihr Gewalt antue.

Da blieb nun der Frau für ihr Kindlein nur die eine Brust, und die andere behauptete die Schlange, die nicht mehr abließ, zumal die Milch ihr wundersam zum Wachstume gedieh, und dem Kindlein schadete es auch nicht im mindesten, daß es an der Schlange eine Milchschwester hatte, es gedieh ebenfalls und wuchs mit der Schlange um die Wette. Die Frau hätte ganz zufrieden sein können, denn wo Schlangen wohnen, kehrt Glück und Segen ein, wenn nicht das blöde Vorurteil und die Furcht gewesen wäre, die Schlange würde sie stechen, als ob wir Schlangen einen Stachel im Maule hätten. Auch nennen die Menschen uns häßlich, während sie sich für schön halten, und so beschränkt in ihrem Verstande sind, nicht einsehen zu können, daß die ganze[682] Schöpfung kein so vollendet schönes Geschöpf aufzeigt, als eine Schlange ist; Rundung und Fülle, frei von der Unzier häßlicher Haare und Borsten, Anmut in jeder Bewegung, Vollkraft im tadellosen Wellenbau unseres Körpers, der unentstellt ist durch eckige, krallige Glieder oder Stelzbeine. Da sich nun aber fort und fort jenes Weib abhärmte, und die Schlange sich fort und fort an ihr ernährte, und bereits die Dicke eines Menschenarmes erreicht hatte, so mußte das Kind entwöhnt werden. Aber die Schlange ließ sich nicht entwöhnen, die wuchs und wuchs, und die Frau mußte einen Tragbeutel anfertigen, in welchem sie den schweren Schlangenleib trug, während der Schlangenrachen fest an ihre Brust geheftet blieb. Zum Unglück hatte die Frau auch noch den Hohn ihrer Nachbarn, die ihr den Namen Schlangen-Amme beilegten.

Schon zehn Monate trug jene Frau die Schlange, da kam von ohngefähr ein Fremder in das Dorf, der hörte die Märe, von der alle Welt sprach, und ging zu der Frau, und sah den Gast, und ihre sich abzehrende Gestalt, und ihren Jammer, daß die Schlange nicht von ihr abließ – und sagte ihr: ›Frau, ich will Euch wohl von dieser Schlange helfen, wenn Ihr mir im Vertrauen nach dem Walde folgen wollt, und Euch nicht fürchten, wenn Ihr der Schlangen noch mehr seht. Daß Euch keine ein Leid zufügt, dafür stehe ich.‹

Dieser Mann war ein Schlangenbeschwörer, die Frau folgte ihm vertrauungsvoll in den nahen Wald, darin er an einer baumfreien Stelle mit seinem Stabe einen Kreis zog, und auf einem kleinen Pfeifchen gellend pfiff. Da rischelte und raschelte es bald darauf durch Gras und Waldlaub und Büsche und es kamen von allen Seiten Schlangen herbei, große und kleine, daß der Frau angst und bange ward, und sie aus dem Kreise entspringen wollte, aber der Zauberer winkte ihr, und bedeutete ihr ruhig zu stehen, und blies wieder, und da begannen alle Schlangen ihre Köpfe und Oberleiber kerzengerade in die Höhe zu richten und zu tanzen, und mit einemmale wurde auch die Schlange an der Brust der Frau unruhig, machte mit ihrem Leibe sanfte Bewegungen, ihr Kopf ließ die Brust fahren und rasch schlüpfte sie aus dem Tuche, glitt zum Boden nieder und ringelte sich auf die andern Schlangen zu, um mit ihnen zu tanzen, während der Zauberer auf seinem Pfeif lein lustige Stücke spielte.

Da fühlte jenes Weib sich mit einem Male erlöst, und war[683] ganz glücklich; sie konnte nun wieder ungehindert arbeiten, war nicht mehr der Gegenstand eines unvernünftigen Abscheues ihrer Mitmenschen, welche wunders glaubten, womit die arme Frau sich versündigt habe, weil sie den Lintwurm tragen mußte und erzog mit Liebe und Sorgfalt ihr munteres Kindlein.

Als das Kind mehrere Jahre alt geworden war, lief es eines Tages mit Nachbarskindern in den nahen Wald, dort Beeren zu suchen. Es war schon gegen Abend, und die Kinder waren noch nicht wieder nach Hause gekommen. Die Mutter saß mit einer Arbeit an ihrer Türe, und sahe von Zeit zu Zeit nach dem Ausgange des Waldes hin. Auf einmal hörte die Frau von dorther ein gräßliches Geschrei der Kinder durcheinander, und sah das Häuflein in eiligster Flucht aus dem Walde hervorstürzen, und nach dem Dorfe zu, aber ihr eigenes kleines Kindlein, das noch nicht so laufen konnte, wie die größeren, war nicht darunter. Und da schrie ein Knabe: ›Ein Wolf! Ein Wolf!‹ und ein zweiter schrie:

›Ein Bär! ein großer Bär!‹ und ein dritter: ›Eine Schlange, eine greuliche Schlange!‹ daß der Mutter das Herz erschrak, und sie aufsprang und nach dem nahen Walde hin eilte.

Vergebens fragte sie die Kinder, die in Hast an ihr vorüber eilten, nach ihrem eigenen Kinde, keines stand ihr Rede, die Angst jagte alle vorbei. Kaum war das geschehen, so sah die Frau einen großen Wolf, der noch einige wunderliche Sprünge machte, aber dann vor ihren Augen zusammenbrach, und alle viere von sich streckte. Voll Entsetzen eilte die Frau am Wolfe vorüber, und erreichte den Saum des Waldes, da bot sich ihr ein schrecklicher Anblick. Ein lautbrüllender Bär bäumte sich, aber nicht gegen die Frau, sondern im Kampfe mit einer großen Schlange, die ihn eng umringelt hatte, und ihm die Kehle zuschnürte – und kaum hatte jene ihn aufrecht gesehen, so stürzte er nieder, und neben der Stelle, wo er am Boden sich ausatmend und zuckend lag – o Wunder, da lag unversehrt und süß schlummernd, das Kind der Frau, auf welches diese sich mit einem lauten Freudenschrei stürzte. Jetzt aber ringelte sich die Schlange vom Halse und Leibe des Bären los, und kaltes Entsetzen übergoß die Frau aufs neue – sie kannte diese Schlange. Die Schlange aber sprach zu ihr: ›Du brauchst dich vor mir nicht zu fürchten. Die Schlangen sind nicht falsch und nicht undankbar, wie ihr Menschen euch ein[684] bildet und euch einredet, und uns zu Sinnbildern eures Hasses stempelt. Du bist es, die mich so groß und stark gesäugt, daß ich im Stande war, den Wolf und den Bär zu entseelen, die deinem Kinde Gefahr drohten. Ich habe Gutes mit Gutem gelohnt! Fahre wohl!‹ – Und ringelte sich in die Büsche.« –

Quelle:
Ludwig Bechstein: Sämtliche Märchen. München 1971, S. 681-685.
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