329. Isern-Schnibbe

[236] Nahe bei der Stadt Gardelegen an der Milde liegt ein festes Haus, die Isern-Schnibbe genannt, das soll gar ururalten Ursprunges sein. Drusus, der Römerfeldherr, soll dasselbe schon begründet, der Göttin Isis darin ein Heiligtum errichtet haben. Davon hieß es dann Isisburg und Isenburg. Vergebens belagerten es die Wenden, sie bekamen manche harte Schlappe und mußten mit Schnipp und Schnapp abziehen, daher nannten sie das feste Haus die Isern-Schnibbe. Um dieses Haus herum war, wie in einem Garten, die Stadt gelegen, davon sie auch den Namen Gardelegen erhalten; aber da sich durch eine Räuberbande, die in einem nahen Busche hausete, und welche die Gardelegener einfingen, ihnen eine noch bessere Gelegenheit zu einer Stadt bot, so legten sie das neue Gardelegen dahin, wo es jetzt noch steht. Vor dreihundert Jahren stand auf der alten Stadtstätte noch ein altes Steinkreuz mit unlesbarer Inschrift, das war dem heiligen Petrus zu Ehren errichtet, und alljährlich zog am Sonntag Exaudi die ganze Stadt hinaus nach dem Kreuze in der Gegend des Hauses Isern-Schnibbe und freute sich des Tages.[236]

Am Ende der Burgstraße nach der Isern-Schnibbe hin war sonst auch ein Tor, dadurch ritten die Herren von Alvensleben ein, welche die Gerichtsbarkeit über die Burgstraße hatten, in der Nähe reich begütert waren und zumeist auf ihrem Haupthaus zu Calbe saßen. Und weil das Tor der Burgstraße infolge des Öffnungsrechtes für die Herren von Alvensleben Tag und Nacht nach deren Verlangen offengehalten werden sollte, so entstand Zwistigkeit zwischen ihnen und dem Magistrat von Gardelegen, denn der Magistrat war der Ansicht, wenn man in einer Stadt bei Tage und bei Nacht die Tore aufgesperrt halten solle, da brauche man weder Schutzwächter noch Mauern, und hätte daher viel lieber dieses Tor statt ganz offen ganz zu gesehen. Nun traf sich's eines Tages, daß auf dem Rathaus zu Gardelegen ein Zweckessen stattfand, bei welchem auch das älteste Familienoberhaupt derer von Alvensleben zugegen war, und da war man fröhlich und guter Dinge und berührte keinen Streit. Nur im Scherz gedachte der Bürgermeister des Tores und sagte: Was meint Ihr, gnädiger Herr, wenn wir's zumauern ließen? – Ho! sagte der Herr von Alvensleben, wartet noch ein wenig, ich will erst spazierenreiten! – Bis Ihr zurückkommt, kann es zu sein! sagte jener drauf, und der Ritter hob den Humpen, tat einen Schlurf und rief: Habt Ihr so flinke Maurer? Um Euer ganzes Nest reit' ich im Schritt herum und bin doch wieder da, ehe eine Schwelle so hoch liegt, daß ich nicht darüber hinübersprengen könnte! – Versucht's, Herr Ritter! – Topp! Ich reite! rief der Herr von Alvensleben und ließ sein bestes Roß vorführen und ritt zum Burgtore hinaus. Der Bürgermeister hatte aber mit Absicht den Scherz auf die Bahn gebracht, um ihn in Ernst zu verkehren, er hatte die Maurer und die Steine und Kalk und Mörtel alles schon zur Hand, und hinter dem Reiter schloß sich der Torflügel, legte sich Stein auf Stein. Der Reiter ritt wohlgemut über die Mildebrücke und um die Stadt herum, brauchte nicht sonderlich lange Zeit, hatte ein treffliches Roß und die beste Laune, als er aber schon sein Ziel wieder im Auge hatte, da stürzte sein Roß, doch ohne Schaden, und hier der Aufenthalt, dort die Eile ursachten, daß binnen der kürzesten Zeit die Gardelegener ein Tor und die Herren von Alvensleben ein Recht weniger hatten.

Quelle:
Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Meersburg und Leipzig 1930, S. 236-237.
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