418. Sankt Bruno und die Eselswiese

[288] Da der heilige Bruno am Donnerstage in der Osterwoche Abschied nahm von seinem Bruder und gen Preußen zog, ritt er auf einem Esel, und sein Bruder und viele Herren begleiteten ihn. Wie sie nun über den Anger hart hinter Querfurt ritten, wurde des heiligen Mannes Esel stätig und wollte nicht weiter, darin sahen die Geleitenden ein Anzeichen, daß Gott den Zug Brunos nicht wolle, und beredeten ihn zur Umkehr auf das Schloß. Gleichwohl fand der heilige Mann keine Ruhe, es drängte ihn seiner Bestimmung entgegen, und diese war keine andere als der Martyrertod, den er auch fand, als er dennoch nach Preußen gezogen war und dort das Evangelium lehrte und predigte. Er wurde mit achtzehn Gefährten gefangen, grausam gepeinigt, verstümmelt und getötet, das geschah in Litauen nahe der Grenze gegen Rußland im Jahre 1008 oder 1009. Auf der Wiese aber, darauf der Esel des heiligen Bruno stätig ward, und die bis heute die Eselswiese heißt, ward eine Kapelle erbaut, zur Eselstatt genannt, da ward an jedem Donnerstag nach Ostern reichlicher Ablaß erteilt, und entstand eine große Wallfahrt und viel Zustrom des Volkes von allen Orten und Enden. Endlich ward ein Jahrmarkt auf den Tag bestimmt, der zuletzt drei Tage dauerte, und so ist es geschehen, daß ein stätiger Esel das ganze Volk umher auf die Beine gebracht und laufend gemacht hat, welches Wunder nicht bloß zu Sankt Brunos Zeiten, sondern auch in späteren sich zum öfteren hie und da hat verspüren lassen.

Quelle:
Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Meersburg und Leipzig 1930, S. 288.
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