448. Hermann von Treffurt

[310] Bei Treffurt über Wanfried ragt am linken Ufer der Werra ein mächtig hoher Berg weit sichtbar empor mit steiler Absenkung in das Werratal, der heißt der Hellerstein, auch wohl der Normannstein. Zu Treffurt lebte ein frommer Ritter, Hermann von Treffurt geheißen, der war in allem trefflich wohlgetan, nur einen Fehler hatte er, wenn das ein Fehler sein soll, er hatte im Bezug der Frauenminne ein sehr weites Herz und war im hohen Grade das, was die Frauen einen losen und schlimmen Mann nennen, wofür er Gott dankte. Dieser brave Ritter versäumte niemals, wann er so da oder dorthin ritt, wo er[310] eine Buhlschaft hatte – und er ritt viel –, die Gezeiten der heiligen Jungfrau Maria zu beten, denn selbige war die einzige Jungfrau, die Ritter Hermann von Treffurt in Ehren hielt. Einer Nacht kam der Ritter geritten, mocht' etwa in Kreuzburg gewesen sein, allwo es schöne und gütige Frauen hat, aber da derselbe wohl nicht allein, als ein zweiter Ritter Tannhäuser, im nahen Venusberge gewesen war, sondern etwa auch im Bacchusberge vorgesprochen hatte, so entnickte er, und sein Roß schlug hinter Selmannshausen einen Nebenweg linker Hand ein, welches fast schlimm war wie alles Linke und Linkische. Es trug ihn, statt im Tale nach dem ganz nahen Treffurt, allgemach einen ziemlichen Umweg zur Höhe des riesigen Hellerstein empor und immer weiter und weiter vor bis an den jähen Abhang, da freilich stutzte es und prallte zurück, und vom Rückprall erwachte der Ritter aus minneseligem Traume, dachte, du dummer Gaul, was weckst du mich? und ließ dem Roß zur Strafe derb die Sporen fühlen. Da setzte das Roß in den ungeheuern Abgrund, der war etwan dreimal so hoch als der vom Giebichenstein hinunter ins Saaletal, und als der fromme Hermann plötzlich fühlte, daß er nicht mehr ritt, sondern flog, da rief er Ludwig des Springers Ruf: Hilf heilige Maria! Hilf deinem Knechte! Und da war ihm, als umfahe ihn ein warmer weicher Frauenarm und halte ihn und hebe ihn, da das Roß sich zu Tode fiel und vom Fall des Ritters Schwert in der Scheide wie Glas zersplitterte, sänftiglich aus dem Sattel, daß er sich auch kein Aderlein und kein Knöchlein verstauchte. Nach solch wunderbarer Errettung vom jähen Tod in allen Sünden tät sich der fromme Ritter aller Welt- und Minnelust ab, wurde noch frommer, als er vor gewesen war, ging nach Eisenach, zwischen Kreuzburg und dem Venusberg gelegen, wurde allda ein Mönch und diente ausschließlich in Gebet und Treue der heiligen Jungfrau, deren rettender Arm allein ihn gehalten und gehoben, und ward ihm, gleich jener schönen Sünderin im Evangelio, viel vergeben, dieweil er viel geliebet.

Quelle:
Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Meersburg und Leipzig 1930, S. 310-311.
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