491. Luthersbrunnen

[343] Eine Stunde oberhalb Georgenthal in demselben Tale liegt der große und häuserreiche Flecken Tambach, in dessen Nähe gibt es auch der örtlichen Sagen gar viele. Da hat es kleine Schlösser gehabt fast auf allen Felsen umher, den Waldenfels, die Krahenburg, die Hohe Warte, den Falkenstein, von dem ein Ritter seine Gefangenen stürzte, die sich nicht lösen konnten, von deren verspritztem Blut wurden die weißen Blumen am Fels betaut und wurden rot, die heißen jetzt Blutnelken. Reicher Bergsegen war auch allda, es ist aber jetzt alles auflässig geworden, und allenden[343] herrliche Quellen und Brunnen. Als Doktor Luther in Schmalkalden 1537 auf dem Fürstentage war, erkrankte er so heftig, ja tödlich, daß er darauf bestand, fort und zu den Seinen zu reisen, und gab ihm der Kurfürst von Sachsen seinen Wagen und seine Pferde und sein Geleite; fuhr die lange Höhe bis zum Rennstieg hinan, da man es droben auf der Fläche den Rosengarten nennt, und wieder zu Tale, empfand brennenden Durst und ließ halten an einem Quellbrunnen nahe am (alten) Weg, fühlte sich auf den Trunk merklich erleichtert, und im Gasthaus zu Tambach nahm er eine Kohle und schrieb damit an die Wand: Tambach est mea Pniel – den Namen der Stätte, wo Jakob mit Gott gerungen – ibi apparuit mihi dominus. M.L. Das hat lange in jenem Hause gestanden, und jener Brunnen, aus dem Lutherus Genesung trank, heißt heute noch der Luthersbrunnen.

So wasserreich wird der Schoß der Berge in jener Gegend geglaubt, daß im Volke die gemeine Rede geht, für den Sperrhügel werde in Erfurt alljährlich noch gebetet, daß er seinen Schoß nicht auftue, denn es sei eine alte Sage und Prophezeiung, daß dieses dereinst geschehen werde – wenn es aber geschehen werde, so würde die Wassermasse in den Wedelbach fallen, dann in die Apfelstedt, die mit der Ohre vereinigt als die Koller – weil selber Bergfluß bisweilen ohnehin gewaltig braust, kollert und toll tut – in die Gera fällt, und das ganze Gefilde von Erfurt weit und breit überschwemmen. Deshalb sei zu Erfurt eine ewige Messe gestiftet, daß fort und fort für den Sperrhügel gebetet werde, und sei dem Stift St. Petri alldort dafür ein Stück Waldung zu eigen gegeben. Über den ganzen langen Rücken des Sperrhügels zieht der alte Rennweg hin.

Quelle:
Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Meersburg und Leipzig 1930, S. 343-344.
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