670. Die Brüder Czech und Lech

[445] In grauen Zeiten saßen im Lande um die Karpathen zwei Brüder als Fürsten, die hießen Czech und Lech. Da sich[445] in der Verwandtschaft Unfrieden erhob über den Boden und die Ansprüche an ihn, so wanderten die Brüder mit allen den Ihrigen, an sechshundert Personen, aus und zogen mitternachtwärts, und die Fürsten ritten vor dem Volke her, und vor ihnen ward ein gelbes Banner getragen, darinnen die Gestalt eines schwarzen Aaren die Flügel breitete.

So kamen sie endlich in der Bojer oder Bojemer Landschaft unter einen hohen Berg, lagerten sich allda und ruheten, besahen das Land und fanden es fruchtbar und wohlgelegen. Am Morgen stiegen beide Brüder auf des Berges Gipfel, schauten sich um und erblickten ein wäldervolles, fruchtbares Land, fanden darauf auch fischreiche Wasser und sagten solches den Ihrigen an. Dann erforderte Czech am andern Morgen bei Sonnenaufgang sein ganzes Geschlecht und alle, die mit ihm gekommen waren, setzte sich auf einen Stock und sprach zu dem Bruder, den Freunden und Genossen: Ruhet hier und bringet den Göttern, die hierher uns führten, ein Dankopfer. Das ist das Land, welches ich euch verheißen, und weil es so fruchtbar und angenehm, so gebt nun dem Lande einen Namen! Da riefen alle, die mit dem Sprecher gekommen waren, gleichsam aus einem Munde und wie durch göttliche Eingebung: Von wem sollte das Land bessern Namen bekommen als von dir, dem Czech, unserm Führer? Billig ist es und recht, daß es deinen Namen führe, Czechowa, das Land des Czech.

Da erhob sich der Führer und blickte zum Himmel; dann warf er sich nieder auf die Erde, küßte den Boden, stand wieder auf und hob die Hände gen Himmel und grüßte das Land, das göttergegebene, mit segnenden Worten. Und blieb mit seinem Volke allda und breitete sich aus, und das Volk lebte in Sitteneinfachheit, friedsam und fleißig, ehrlich und gastfrei.

Neun Jahre nach der Ankunft, da es wieder an Raum gebrach, schied der Lech sich ab von seinem Bruder und zog mit seinem Volk und Gesinde gen Aufgang der Sonne und sprach zu jenen, von denen er schied, da sie ihn baten, nicht allzu weit hinwegzuziehen: Liebe Brüder und Genossen! Steiget am dritten Morgen vor Aufgang des Morgensterns auf den Berg Rzip, da will ich, wo ich sei, ein mächtiges Feuer entzünden, wo ihr das sehet und den Rauch, dort habe ich mit den Meinen mich niedergelassen.

Solches geschahe, und gründete der Lech die erste Stadt in Böhmen, die nannte er Kaurzim, von dem Worte Rauch.

Der Berg Rzip, an dessen Fuße zuerst der Czech mit den Seinen sich ansiedelte, ist der heutige St. Georgenberg. Czech aber lebte noch siebenzig Jahre, dann starb er, beweint von allem Volke lange Zeit.

Quelle:
Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Meersburg und Leipzig 1930, S. 445-446.
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