896. Die Seejungfrauen

[580] Der Herrenwiesersee im badischen Gebirge heißt auch der Hummelsee oder der kleine Mummelsee, zum Unterschiede von dem großen Mummelsee, der drei Stunden südlicher gelegen ist.


Geistermette zu Karlstadt
Geistermette zu Karlstadt

Dieser kleine Mummelsee ist unergründlich wie der große, und auch in ihm wohnten vorzeiten Seejungfrauen, Seeweiblein genannt, die waren gut und hülfreich, kamen zur Nacht herab insSeeland, wuschen frommen Leuten ihre Wäsche, bleichten sie zur Nacht im Mondschein und trockneten sie, buken auch Brot, fegten die Häuser und hatten sich ganz wie die guten hülfreichen Erdmännele und Erdwichtele. Auch den guten Wein schnitten sie zur Herbstzeit ab und trugen ihn in die Bütten, aber den sauern ließen sie hängen für die Vögel, darum gab es in den alten Zeiten bessern Wein und süßern als jetzt, und auch die Menschen waren besser, denn seit sich hie und da so ganz miserable Banden zusammengetan, denen Treue und Glaube nichts mehr gilt, welche Gott leugnen und seine Diener verhöhnen, da kommen auch die Seejungfrauen nicht mehr zum Vorschein und helfen nicht mehr, nur allenfalls kommen noch schlimme, wie jene Nixe im Hutzebacher See, die wechselte einer Köhlersfrau ihr Knäblein gegen einen abscheulichen Balg aus, während die Mutter ins Holz gegangen war. Selbiger Wechselbalg hatte einen Kopf wie ein Sester (Gefäß, das sechzehn Maß Wein faßt) und Kalbsaugen, und war dabei häßlich wie ein Kanker, und hatte auch so dünne Beine. Er schrie beständig wie ein Rabe und wie ein Frosch. Wie der Mann heimkam und den Balg fand und seiner Frau Wehklage vernahm, strich er den Balg mit Ruten – da hörten beide ihr Kind am Seeufer weinen. Eilend holte es die Mutter, und der Vater nahm den Wechselbalg und warf ihn in den See. Da fuhr gleich die Nixe herauf, zerriß den Wechselbalg und fraß ihn mit Stumpf und Stiel, dabei wallte und wogte und rauschte und brauste der See und schlug hohe Wellen. Vom Hutzebacher See gibt es viele Sagen.

Quelle:
Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Meersburg und Leipzig 1930, S. 580-581,583.
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