907. Riese Einheer

[589] Im Schwabenlande lebte zu Karl des Großen Zeiten ein gewaltiger Heune, der diente dem Kaiser zu Roß und war bürtig aus dem Thurgau am Bodensee, der jetzt zum Schweizerland gerechnet wird. Selbiger Riese war von so gewaltiger Leibesgestalt, daß er nicht braucht' über eine Brücke zu gehen, sondern watete durch das Wasser und zog sein Pferd am Schwanze nach sich, und wenn es nicht folgen wollte, so sprach er: Sperre dich nicht, Gesell, du mußt auch hernach! – Da nun Karolus zu fechten kam gegen die Winden und Hunnen, so nahm er seinen Riesen Einheer mit, der auch Einotheer genannt ward und also mannlich war, daß er allein ein ganzes Heer ersetzte, daher auch sein Name, und der Einheer mähete die Feinde nieder wie Gras und hing sie nacheinander am[589] Spieß auf wie Hasen und Füchse, oder wie der Wode die Wichteln. Da er nun damit heim oder wieder ins Lager kam, war groß Wunderns darüber, er aber sagte: Was sollen mir diese Frösche, weiß nicht, was sie quaken, lohnt nicht der Mühe, gegen solch Gewürm Krieg zu führen; ich hange ihrer wohl je ein Dutzend auf einmal an meinen Spieß. – Die Hünen und Winden flohen, wenn sie nur den Riesen Einheer von weitem sahen; vermeinten, es sei der leibhafte helle Teufel.

Quelle:
Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Meersburg und Leipzig 1930, S. 589-590.
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